Das hilflose Mädchen im Glas

void tRrLM(); //Void Terrarium ist das neueste Rollenspiel von Nippon Ichi Software, das am 10. Juli 2020 von Publisher NIS America auch in Europa auf der Nintendo Switch veröffentlicht wurde. Das Spiel findet in einer Welt statt, die von giftigen Pilzen befallen wurde und auf der es kaum menschliches Leben zu geben scheint. Ein Mädchen dürfte jedoch überlebt haben, allerdings hängt sein Leben am seidenen Faden. Ihr schlüpft nun in die Rolle des Roboters Robbie und kämpft euch durch zufallsgenerierte Level voller Gegner, um dem Mädchen namens Toriko Futter und Medizin zu besorgen. Könnt ihr Toriko retten, ohne selbst euer Leben zu verlieren?


Mädchen Toriko – Der womöglich letzte Mensch auf Erden


void tRrLM(); //Void Terrarium wird als Rouge-like RPG beschrieben, das einerseits von der Geschichte rund um Toriko lebt und andererseits vom flotten, rundenbasierten Gameplay im Mystery Dungeon-Stil, das euch in verschiedene Gebiete führt, die besucht werden müssen, um die notwendigen Materialien für das Mädchen zu finden. Da Toriko in der Außenwelt nicht überleben würde, haben die künstliche Intelligenz namens factoryAI und Roboter Robbie, welchen ihr spielt, ein Terrarium in Form einer Glasflasche gebaut, in welcher das Mädchen gehalten wird. Ihr bekommt hierbei stets von factoryAI Anweisungen, was zu tun ist und auch die postapokalyptische Geschichte wird durch die künstliche Intelligenz erzählt.


Robbie und das zerbrechliche Mädchen Toriko.

© Nippon Ichi Software, Inc. / NIS America, Inc.

Die Dungeons werden zufallsgeneriert erstellt und mit jedem Schritt, den ihr tätigt, bewegen sich auch die Gegner simultan auf euch zu. Steht ihr still, so stehen auch sie still und ihr könnt eine kurze Auszeit nehmen, um euch die nächsten Schritte zu überlegen. Anders als beispielsweise in Fire Emblem dauern die einzelnen Züge nicht lange und ihr gelangt beim Bekämpfen der Gegner nicht in einen Kampfbildschirm, sondern alles spielt sich in Sekundenschnelle ab. Wenn ihr schnell seid, könnt ihr euch in weniger als einer Minute durch einen gesamten Abschnitt eines Dungeons kämpfen. Pro Level gibt es mehrer Dungeon-Abschnitte, die der Reihe nach erkundet werden müssen. Ihr habt sowohl eine eigene Lebens- als auch eine Batterieanzeige, die jeweils auf keinen Fall auslaufen dürfen. Ist die Batterie leer, so bewegt sich daraufhin auch rasch die Lebensanzeige auf 0 und ihr werdet zurück zur factoryAI und zum Terrarium geschickt. Zufällig verteilte Tool-Kits für eure Gesundheit und Batterie-Packs für euren Sprit könnt ihr jedoch in den Welten finden oder zum Teil auch von Gegnern bekommen, wenn ihr Glück habt.


Sind die Aufgaben zunächst noch recht simpel gestaltet, wie beispielsweise Äpfel oder anderes Futter zu besorgen, so werden die Aufträge im Laufe des Spiels komplexer. Bald müsst ihr ganz bestimmte Ressourcen sammeln und zudem verschiedene Objekte miteinander kombinieren, um gewünschte Hilfsmittel für Toriko zu kreieren. In void tRrLM(); //Void Terrarium gibt es jederlei spannende Sammelobjekte und ein Crafting-System, das für Abwechslung sorgt. Sobald ihr es schafft, Toriko aufzuwecken, habt ihr eine noch größere Verantwortung, da ihr daraufhin zudem stets einen genauen Blick auf das Terrarium werfen müsst, welches in Form eines Zusatzbildschirms fortan am linken unteren Bildschirmrand eingeblendet wird. Das kleine Mädchen ist sehr empfindlich und sobald es euch auch nur die kleinsten Probleme signalisiert, solltet ihr schleunigst die Mission abbrechen, um nach dem Rechten zu sehen, ansonsten kann es zu einem schnellen Game Over kommen. Ist Toriko am Hungern, müsst ihr schnell Essen auftreiben und sie füttern. Ist ihr Gesundheitszustand kritisch, so könnte sie eine bestimmte Medizin brauchen. Und ist das Terrarium wiederum zu schmutzig, so müsst ihr es säubern, bevor es zu spät ist. Das Terrarium könnt ihr glücklicherweise auch unterwegs säubern, ohne eine Mission abbrechen zu müssen, jedoch wird euch dafür viel Batterie abgezogen und ihr müsst euch gut überlegen, ob dafür der Sprit reicht. In gewisser Weise erinnert dieses Konzept der vollumfänglichen Fürsorge eines zierlichen, hilflosen Lebewesens an Tamagotchi, dem portablen Hype in den Jahren rund um die Jahrtausendwende.


Abwechslungsreiche Fähigkeiten, repetitive Umgebungen


Besiegt ihr Gegner, so könnt ihr höhere Level erreichen, wodurch ihr nach und nach jeweils aus zufälligen Attributen auswählen könnt, die beispielsweise euren Angriff, eure Lebensanzeige oder andere Attribute erhöhen. Wenn ihr Glück habt, könnt ihr bei einem Levelaufstieg auch richtig starke Fähigkeiten erlangen, wie beispielsweise Distanzwaffen, Auto-Regenerierung oder Angriffsboosts. Im Laufe des Spiels stehen euch eine Vielzahl an Fähigkeiten zur Verfügung, sodass definitiv für genügend Abwechslung gesorgt ist.


Ihr wechselt euch mit den Gegnern stets brav bei den Angriffszügen ab.

© Nippon Ichi Software, Inc. / NIS America, Inc.


In void tRrLM(); //Void Terrarium werden nach einem Game Over oder bei einem neuen Dungeon die zuvor aufgelevelte Fähigkeiten oder Items wieder zurückgesetzt. Ihr startet somit stets aufs Neue bei Level 1 mit niedriger Lebensleiste und nehmt eure Level-Fortschritte nicht in spätere Gebiete des Spiels mit. Da das Gameplay derart schnell ist, dauert es jedoch nie lang, schnell aufleveln zu können, sodass dies keineswegs einen Kritikpunkt darstellt. Zudem könnt ihr nach einem Game Over trotzdem die in den Dungeons erhaltenen Items in Ressourcen konvertieren, die ihr wiederum zum Craften verwenden könnt. Auch eine begrenzte Menge an Essen für Toriko könnt ihr mitnehmen, sodass nicht der gesamte Spielfortschritt verloren geht.


Erlangte, temporäre Fähigkeiten könnt ihr Knöpfen eurer Wahl (Y, X, B oder A) zuordnen und könnt diese einsetzen, indem ihr den jeweiligen Knopf zeitgleich mit der L-Taste drückt: Ihr müsst jedoch beachten, dass Fähigkeiten abhängig von der Stärke Energiepunkte von eurer Batterieleiste abziehen. Standardangriffe mit dem A-Knopf könnt ihr hingegen einsetzen, ohne Energie zu verbrauchen. Ihr müsst somit bei jedem Gegner aufs Neue entscheiden, ob ihr nur normale Angriffe nutzen wollt oder spezielle Attacken: Für kleinere Gegner eignen sich Standardangriffe besser, während das Besiegen größerer Gegner meist zahlreiche Züge benötigt und die Angriffe dieser Gegner somit eine größere Gefahr für eure Lebensanzeige darstellen, sodass sich spezielle Fähigkeiten mit mehr Angriffskraft für euch lohnen. Ihr müsst ständig sowohl die Lebensanzeige als auch die Batterieleiste in Balance halten und dadurch kommt eine gute strategische Komponente in das Spiel. Drückt ihr die A- und B-Taste gleichzeitig, könnt ihr sogar auf Kosten eurer Batterieleiste die Lebensleiste auffüllen. Habt ihr mehr Batterie-Items als Heil-Items so lohnt es sich durchaus, auf diese Weise die Leben aufzufüllen, jedoch ist der einzige Nachteil, dass Gegner in der Zwischenzeit Züge vollführen dürfen und euch so näher kommen können.


Räume voller Gegner bieten besonders viele Belohnungen, sind jedoch nicht immer schaffbar.

© Nippon Ichi Software, Inc. / NIS America, Inc.

Klingt das Konzept in der Theorie recht spannend, so stößt es doch auf einige Probleme, die beim Spielen nicht so angenehm sind: In void tRrLM(); //Void Terrarium ist vieles vom Zufall abhängig und so kann es leicht passieren, dass euch in einem der Dungeons plötzlich die Batterie ausgeht und ihr einfach keine Lösung findet, egal wie gut ihr spielt. Umgekehrt hatte ich einmal den Fall, dass 7 der 9 Items, die ich zu dem Zeitpunkt halten durfte und gefunden hatte, Batterie-Items waren, mit denen ich in diesem Überfluss einfach nichts anfangen konnte (im Laufe des Spiels könnt ihr mehr Item-Slots bekommen). Heil-Items suchte ich vergebens, auch Fähigkeits-Items zur Verstärkung meiner Attribute oder Angriffs-Waffen wie z. B. Bomben, habe ich stark vermisst, da es der Zufall nicht gut mit mir gemeint hatte. Auch kann es passieren, dass ihr im Laufe eures Aufenthalts in einem Dungeon plötzlich auf eine zufällig generierte Horde an Gegnern stoßt, denen ihr hilflos ausgeliefert seid, wodurch ein Game Over und somit ein Neustart des Dungeons unausweichlich wird. Zudem sind Fallen auf der Welt verteilt, in welche ihr ganz zufällig laufen könnt, sofern ihr kein Item zum Aufspüren solcher Fallen ausgerüstet habt. Während der Beginn des Spiels ziemlich lange dauert, bis der Spielfluss richtig in Fahrt kommt, steigt nach ein paar Stunden der Schwierigkeitsgrad heftig an, was Anfänger möglicherweise abschrecken könnte. Dass sich viele der Tode nicht fair anfühlen, trägt zu einer Frustration bei, die in void tRrLM(); //Void Terrarium leicht auftreten kann.


Während der Umfang des Spiels sehr groß ist, ihr theoretisch zig Stunden darin verbringen könnt und ihr dabei immer mehr Crafting-Materialien und Objekte freischaltet, so sind die zahlreichen Dungeons leider sehr ähnlich aufgebaut, sodass ein repetitives Spielgefühl auftreten kann. Auch die Tatsache, dass sowohl Toriko als auch Robbie kein Wort von sich geben und lediglich die factoryAI viel zu erzählen hat, macht es nicht ganz leicht, eine starke emotionale Verbindung mit Toriko aufzubauen. Dies mag vielleicht von Person zu Person unterschiedlich sein, bei mir persönlich wollte der Funken nicht so ganz überspringen, was die Story des Spiels betrifft. Eine deutsche Textsprache ist übrigens bedauerlicherweise nicht verfügbar, Schul-Englischkenntnisse sollten jedoch ausreichen, um die Handlung und das Tutorial des Spiels zu verstehen. Positiv hervorzuheben sind hingegen der niedliche Grafikstil sowie die Musik des Spiels, die sich zwar zum Teil recht oft wiederholt, aber perfekt passend zum Spiel komponiert wurde.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Eder

Im Rouge-like Abenteuer mit dem kuriosen und unaussprechlichen Namen habt ihr primär die Aufgabe, für das Wohlbefinden des Mädchens Toriko im Terrarium zu sorgen, wodurch ein besonderes Spielerlebnis entsteht. Das Gameplay im Mystery Dungeon-Stil ist flott, flüssig und bietet jede Menge Möglichkeiten für Individualisierungen und Fähigkeiten, die für Abwechslung sorgen. Die Dungeons selbst sind jedoch ein wenig eintönig und derart viele Elemente sind dem Zufall überlassen, dass der Glücksfaktor stellenweise eine zu große Rolle spielt. Im Kern ist void tRrLM(); //Void Terrarium ein grundsolider Titel, der jedoch sicher nicht etwas für jedermann ist. Mich persönlich konnte das Abenteuer leider nicht ganz so sehr fesseln, wie ich mir das bei der zunächst vielversprechend klingenden Handlung erhofft hatte. Genrefans will ich hingegen nicht von void tRrLM(); //Void Terrarium abraten, denn sollte bei euch der Funke überspringen, so kann das Spiel trotz einiger Macken dank umfangreicher Spielmechaniken und Dungeons süchtig machen und euch durchaus zig Stunden an Spielspaß bescheren.
Mein persönliches Highlight: Der schöne Grafikstil und die Charakterdesigns von Robbie und Toriko.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 2

  • Rainer Hohn

    Die Test hier sind auch geil. Da bekommt Lonley Mountains eine 8 und ist als Port an der Grenze des Zumutbaren und ein richtig guter mystery Dungeon Ableger mit herzerwärmender Geschichte eine 6.

    Lost ihr die Zahl am Ende aus oder Lest ihr Zahlen aus dem Kaffeesatz?

  • Florian McHugh

    Die Frühschicht

    @Rainer Hohn Also, da ich Lonely Mountains getestet habe und das Spiel von der Performance eigentlich durchgehend gut lief, kann ich die Kritik dahingehend nicht nachvollziehen. Ich spiele das Spiel selbst heute immer wieder einmal und weder ich noch andere, die ein paar Runden gedreht haben, haben bisher von einem unzumutbaren Port geredet - und viele davon haben auch die PC-Version als Vergleich gespielt. Metacritic ist da übrigens recht einer Meinung mit mir also scheine ich nicht der einzige Tester gewesen zu sein, der von dem Port angetan war.


    Was die Tests an sich angeht, so ist jeder Test unterschiedlich und gewichtet auch etwa individueller und wir Tester versuchen unsere Wertung auch immer im Test zu begründen, wie auch hier bei Felix geschehen. Von einem Auslosen oder Kaffesatz-Leserei sind wir da meiner Meinung nach weit entfernt.


    Und wenn du anderer Meinung bist, ist das ja auch völlig in Ordnung - ausdrücken kann man das letztendlich auf viele Arten und Weisen, sei es in Form eines Lesertests, der Leserbewertung im eigenen Profil oder wie hier als Kommentar - nur dann bitte auch konstruktiv, weil dann hat man vielleicht auch mehr Lust, darauf einzugehen ;)