Das Ding aus einer anderen Welt

Ihr habt es satt, in Horrorspielen immer der Gejagte zu sein? Euch immer in der letzte Ecke zu verkriechen, da ihr vor Angst keinen anderen Ausweg mehr seht? Dann dürfte das von Phobia Studio entwickelte Carrion genau richtig für euch sein, denn in diesem Reverse-Horror-Game seid ihr das Monster und begebt euch auf die Jagd nach Menschen. Ein Spiel der etwas anderen Art.


Carrion beginnt in einem Forschungslabor. Ein absolut ekelhaftes Tentakelwesen ist in einem Glasbehälter gefangen, doch nicht lange, denn kurz darauf befreit es sich aus seiner Gefangenschaft und bahnt sich sofort einen Weg durch die Einrichtung. Das Scheusal, das wirklich widerwärtig aussieht und mit Mäulern mitsamt scharfen Zähnen bestückt ist, steuert dabei allerdings ihr selbst, mit dem Ziel, aus dem Komplex in die Freiheit zu entkommen. Zu Beginn ist das glibberige Etwas noch sehr klein, sobald es aber die fliehenden Menschen frisst, wächst es zu einer größeren Masse heran. Die Flüchtenden rennen und schreien vor Panik weg, in der Hoffnung, irgendwie zu entkommen. Per Analogstick steuert ihr die Tentakel und per Schultertaste packt ihr zu. Sobald ein leckeres Menschlein geangelt wurde, zieht ihr es heran und das Monster beginnt, während das Opfer immer noch angstverzerrt schreit, den Oberkörper abzureißen und den leblosen unteren Teil wegzuschleudern. Die intensiven Schreie haben mehr als nur einmal bewirkt, dass ich Mitgefühl für meine Fressobjekte entwickelt hatte.


Bitte nicht brutzeln! Das Ungetüm mag Feuer überhaupt nicht.

© Phobia Game Studio 2020

Die Geschichte wird hierbei nicht per Textboxen oder Ähnliches erzählt, sondern bleibt größtenteils eurer Fantasie überlassen. Ab und an erlebt ihr einen Flashback in der Rolle eines Menschen, der per Helikopter in die Einrichtung gelangt. Doch auch in diesen Szenen wird nichts Näheres erläutert, die gesehenen Bilder sowie eure Vorstellungskraft sollen hierbei den Rest erledigen. Nach kurzer Eingewöhnung der Steuerung glibbert ihr geschmeidig wie ein Tintenfisch im Meer durch die Anlage. Die Bewegungen laufen so unglaublich sanft ab, dass es zum einen wunderschön anzusehen ist, zum anderen aber auch etwas Gänsehaut verursacht in Anbetracht dessen, was für ein ekliges Ungetüm ihr da gerade steuert. Auf dem Weg zur Freiheit brecht ihr durch Türen durch, legt Schalter um und nascht den ein oder anderen Menschen. Letztere rennen natürlich nicht durchs gesamte Spiel panisch vor euch weg, sondern versuchen mit Schusswaffen, Flammenwerfern, elektrische Schutzschilden oder Kampfrobotern euren Ausbruch zu stoppen. Erleidet das Monster Schaden, verliert es an Masse und wird wieder kleiner, bis hin zum Tod.


In jedem Gebiet gilt es, bestimmte Bereiche zu erreichen, an denen das Monster seine Masse ausbreiten kann, diese Stellen dienen zudem als Speicherpunkte. Sobald alle Orte gefunden wurden, öffnet sich eine neue Tür in den nächsten Abschnitt. Zusätzlich entwickelt sich das Wesen im Laufe der Geschichte weiter und erlernt neue Fähigkeiten, sodass ihr unter anderem eine Art Tentakelnetz werfen könnt, das nicht nur Menschen einspinnen, sondern auch weiter entfernte Schalter betätigen kann, einen Unsichtbarkeitsmodus, der jedoch Energie benötigt oder einen Dashangriff, der nicht nur jeden im Weg aufspießt, sondern auch stärkere Wände durchbrechen kann. Zusätzlich gibt es noch weitere versteckte Verbesserungen, die rein optional sind und euer Wesen beispielsweise eine höhere Hitzebeständigkeit geben oder einen besseren Energiebalken. Um diese optionalen Boni zu finden, müsst ihr allerdings etwas backtracken, um mit den immer neueren Fähigkeiten versteckte Pfade zu erschließen.


Das Monster sieht herrlich grässlich aus.

© Phobia Game Studio 2020

Je weiter ihr voranschreitet und Fertigkeiten erlangt, desto größer wird die Abscheulichkeit. Manche der Fähigkeiten könnt ihr allerdings nur mit einer bestimmten Größe einsetzen: Die Fangnetze bzw. der Tarnmodus stehen euch nur zur Verfügung, wenn das Monster die kleinste Form hat, währenddessen ihr nur in der mittleren Größe den Dashangriff starten könnt. Viele Rätselpassagen drehen sich deshalb darum, die Monstrosität auf die richtige Größe zu schmälern bzw. zu vergrößern, um die jeweiligen Hindernisse umgehen zu können. Hierfür stehen euch kleine Becken zur Verfügung, bei denen ihr bei Bedarf eure Masse problemlos abwerfen und später wieder aufsaugen könnt. Die wohl interessanteste Technik ist die Manipulation der Menschen, damit dringt ihr in das Bewusstsein eures Opfers ein und betätigt damit entweder unerreichbare Knöpfe oder benutzt deren Waffe, um die ahnungslosen Kumpane Niederrücks abzuknallen. Die Rätsel insgesamt fallen zwar nicht sonderlich schwierig aus, jedoch haben sie mir durchgehend Spaß gemacht und brachten willkommene Abwechslung in das Abschlachten der Menschen.


Etwas hakelig wird die Steuerung, wenn euer Koloss am voluminösesten ist, denn dann wisst ihr teils nicht, welchen genauen Bereich dieses riesigen Klumpens ihr gerade steuert. Dann wabert euer Monster etwas tollpatschig umher und es wird schwieriger, enge Passagen mit einem Mal zu treffen. Allgemein ist das Spiel linearer aufgebaut, als es anfangs den Eindruck macht, zwar können die einzelnen Bereiche relativ groß ausfallen, aber dennoch ist die Route meist vorgegeben. Solltet ihr euch jedoch einmal verlaufen, könnte die fehlende Karte problematisch werden. Im normalen Spieldurchlauf kam ich zwar recht gut ohne aus, doch für das Backtracking, um die optionalen Verbesserungen zu finden, wäre eine Übersicht definitiv hilfreich gewesen.


Der Feind in den eigenen Reihen: Die Manipulationsfähigkeit ist ungeheuerlich nützlich.

© Phobia Game Studio 2020

Carrion ist in einer sehr schönen Pixeloptik dargestellt, die trotz dieses Grafikstils das Monster sehr gut und bedrohlich einfängt. Dazu kommt ein grandioser Soundtrack, der sehr düster, gruselig und bedrohlich aufgebaut ist und die Panik der Flüchtenden perfekt unterstreicht. Die hervorragende Soundkulisse macht das Gesamtbild der Atmosphäre noch perfekt, die angsterfüllten Schreie der Forscher, die Kaugeräusche, wenn eben diese gerade verspeist werden, das Splittern von zerberstenden Holztüren bzw. metallische Geräusch von Gittertüren, wenn diese ein-bzw. aufgerissen werden, tragen super zum Flair bei. Da ist es teils schon beruhigend, dass wir selbst das Monster spielen und die gesamten Hintergrundgeräusche uns keine Heidenangst einjagen in Anbetracht dessen, was für eine grässliche Kreatur sich durch die Anlage fortbewegt.


Zugegeben, die erste halbe Stunde vom Spiel hatte mich noch nicht so abgeholt, doch je weiter ich mich vorgekämpft hatte, je mehr Fähigkeiten sich das widerwärtige Exemplar aneignete, desto mehr geriet ich in einen ungeheur motivierenden Spielfluss. Es macht ungemein Spaß mit anzusehen, wie sich das Ungetüm mit supergeschmeidigen Bewegungen durch die Gänge und Räume hangelt. Ab der Hälfte des Spiels war ich dann komplett darin versunken, fast schon selbst ein Teil des Monstrums, doch leider war das Spiel an dieser Stelle auch schon vorbei. Der größte Kritikpunkt von Carrion ist deshalb die sehr kurze Spieldauer von ca. vier bis fünf Stunden. Ich hätte noch gerne viel länger die Menschen in Angst und Panik versetzt, noch weitere Rätsel gelöst und mich als Teil des Monsters gefühlt, doch leider war unsere gemeinsame Zeit am Ende doch relativ kurz.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Johannes Bausch

Carrion ist ein wunderbares Reverse-Horrorspiel, das die Thematik des Gejagten zum Jäger umdreht. Nicht ihr seid es, die versuchen einem widerwärtigen Tentakelmonster zu entkommen, sondern ihr seid die menschenfressende Masse selbst, die brutal durch die Forschungseinrichtung wütet. Dabei verschlingt ihr nicht nur Menschen, um gigantischen Ausmaße anzunehmen, sondern erlangt auch weitere Fähigkeiten und löst damit kleinere Rätsel. Diese sind zwar nicht bahnbrechend schwer, jedoch lockern sie die Menschenjagd positiv auf. Das Monstrum bewegt sich superflüssig durch die Laboranlagen und versetzt seine Opfer in Angst und Schrecken, wobei die Geräuschkulisse von Carrion hierbei einen hervorragenden Job macht. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die fehlende Karte, so kann es vielleicht einmal passieren, dass ihr euch doch verlaufen könntet. Die Geschichte müsst ihr euch mehr oder weniger selbst zusammenreimen, da diese rein nur über das Visuelle erzählt wird. Leider seid ihr nach nur vier bis fünf Stunden bereits beim Abspann, in diesen wenigen Stunden hatte ich persönlich aber einen Mordsspaß.
Mein persönliches Highlight: Das abscheuliche Monster

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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