Unterwegs im mörderischen Paris

Ihr habt den Angriff eines Serienmörders, der „Der Richter“ genannt wird, nur knapp mit einer Schusswunde überlebt und lagt zwei Wochen im Koma. Als ihr wieder in der Lage seid, als Taxifahrer zu arbeiten, und die erste Nachtschicht fahrt, steigt eine Polizistin zu euch in den Wagen und möchte, dass ihr fortan als Informant für sie arbeitet und ihr helft, das Rätsel um den „Richter“ zu lösen. Eine Wahl habt ihr nicht, denn solltet ihr euch weigern, droht sie, Informationen, die sie über eure anscheinend ziemlich dunkle Vergangenheit hat, an den Staatsanwalt weiterzuleiten. Dieser vermutet hinter euch den Serienmörder – denn ihr seid die einzigen, die jemals einen Angriff von ihm überlebt haben – und glaubt, dass ihr euch die Schusswunde selbst als Tarnung zugefügt habt. Und so nutzt ihr fortan eure Kontakte und Möglichkeiten als Taxifahrer, um euren eigenen Kragen zu retten. Es steht viel auf dem Spiel.


Wohin möchten Sie?


Zu Beginn jeder Nachtschicht seht ihr die Karte der Pariser Innenstadt mit einer Reihe möglicher Kunden. Klickt ihr sie an, könnt ihr sehen, wo sie hinwollen und wie viel Geld die Fahrt einbringen würde. Euren Kontostand solltet ihr immer im Blick haben, denn ihr müsst natürlich regelmäßig tanken und auch bei der Informationsbeschaffung kann der ein oder andere Schein recht hilfreich sein. Nehmt ihr einen Fahrgast auf, könnt ihr euch mit ihm unterhalten. Teilweise antwortet ihr automatisch nach einem Skript, manchmal habt ihr aber auch mehrere Auswahlmöglichkeiten, die bestimmen, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt – was sich im Übrigen auch auf das Trinkgeld auswirkt. Diese Dialoge sind das Kernstück und die Hauptbeschäftigung des Spiels. Sie sind wie die Fahrgäste sehr unterschiedlich – mal traurig oder tragisch, mal lustig und skurril – aber auf ihre Art immer unterhaltsam. Die Themenbandbreite ist enorm und reicht von Terrorismus, Missbrauch, Eheproblemen, künstlicher Intelligenz, Politik, Krankheit, Moral bis hin zu Übernatürlichem und Mystischem. Im Zuge dieser Gespräche erhaltet ihr manchmal einen Hinweis für eure Ermittlungen. Ihr solltet also in einer Nachtschicht möglichst viele Kunden an ihr Ziel bringen.


Eure Fahrgäste sind manchmal etwas ... speziell.

© Raw Fury

Darüber hinaus habt ihr die Möglichkeit, euch frühere Tatorte des Richters anzusehen oder mit Bekannten zu reden, die mitunter ebenfalls neue Informationen für euch parat haben – wie gesagt nicht immer, ohne dass ein paar Scheine den Besitzer wechseln. Zudem könnt ihr pro Schicht eine Zeitung an der Tankstelle kaufen – manchmal lassen Fahrgäste auch eine im Taxi liegen – und Radio hören, um auf dem Laufenden zu bleiben und weitere Schnipsel zur Lösung des Rätsels zu ergattern.


Um 4 Uhr morgens ist die Schicht vorbei und nach dem Kassensturz kommt ihr erschöpft wieder zuhause an. Hier habt ihr nun die Möglichkeit, zu ermitteln, das heißt, die neuen Hinweise durchzugehen und in Verbindung zu den Verdächtigen, die euch die „nette“ Polizistin zu Beginn genannt hat, zu setzen. Dafür habt ihr eine Korkwand, auf der ihr die relevanten Informationen verschieben und den möglichen Mördern zuordnen könnt. Diese wird leider sehr schnell unübersichtlich, zumal es auch Aussagen gibt, die sich widersprechen. So gibt es etwa den Hinweis, dass der Mörder über 1,80 m groß ist, jedoch auch einen, dass er kleiner als 1,80 m ist. Da alle Verdächtigen kleiner sind, nützt mir der erste Hinweis erst mal nichts – ich muss aber trotzdem Platz auf der Korkwand für ihn finden, und der ist sehr begrenzt. Immerhin kann man Hinweise „ausschalten“, dann werden keine Verbindungslinien mehr angezeigt.


An dieser Wand sammelt und ordnet ihr eure Hinweise.

© Raw Fury

Das war es dann aber auch schon, was das eigene Ermitteln und Überlegen angeht. Mehr als die Hinweise aufzunehmen und auf der Wand zu verschieben, könnt ihr nicht tun, also haut ihr euch aufs Ohr und der Kreislauf aus Taxifahren, Ermitteln und Schlafen beginnt von Neuem. Um euch den Spaß an den eigenen Ermittlungen nicht zu nehmen, möchte ich an dieser Stelle auch gar nicht weiter auf den Spielverlauf eingehen. Nur so viel: Während eure Fahrgäste aus ihrem Leben erzählen, kommt auch eure eigene Geschichte immer mehr zum Vorschein – und die ist so düster wie die Atmosphäre des Spiels.


Der Stil des Spiels ist neben den Dialogen wohl das Highlight, denn er fängt die Stimmung einer Metropole bei Nacht und die Arbeit als Taxifahrer perfekt ein. Das Spiel ist komplett in schwarz-weiß gehalten und setzt statt auf anspruchsvolle Animationen auf wenige Zeichnungen, die den Eindruck erwecken, man würde sich in einer Graphic Novel befinden. Alles ist sehr minimalistisch gehalten, ebenso die musikalische Untermalung, die nur dezent ergänzt, statt sich in den Vordergrund zu spielen. Eine wohltuende Abwechslung zu den bunten Feel-good-Games, die sich sonst eher im eShop der Nintendo Switch tummeln.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Julia Kischkel-Fietz

Night Call überzeugt mit seiner Geschichte und dem Stil, in dem diese erzählt wird. Leider schwächelt es dafür an anderen Stellen. So ist das Gameplay sehr repetitiv, denn so unterhaltsam die Dialoge auch sein mögen, man macht leider nicht viel Anderes, als Leute durch Paris zu kutschieren. Mit das Aufregendste bei den Möglichkeiten im Spiel ist es, ein Rubbellos an der Tanke zu kaufen, in der Hoffnung, seinen Kontostand wieder etwas nach oben treiben zu können. (Immerhin 18 € habe ich mal gewonnen.) Die eigenen Ermittlungen beschränken sich leider auf das passive Erhalten von Hinweisen und diese dann auf einer Korkwand verschieben zu können. Hier wurde einiges an Potenzial verschenkt. Ich hätte mir zum Beispiel gewünscht, auch mal Rätsel lösen oder selbstständig einen Hinweis auf einer Zeitungsseite entdecken zu müssen. Leider ist das Spiel im Test auch des Öfteren beim Aufrufen eines bestimmten Menüpunktes abgestürzt und hat weitere kleinere Fehler, weshalb ich es nicht uneingeschränkt empfehlen kann. Wenn ihr minimalistische und vor allem textlastige Spiele mögt, die vordergründig eine Geschichte erzählen wollen, schaut es euch aber gerne mal an.
Mein persönliches Highlight: Die düstere Stimmung des Spiels und die Dame aus dem ersten Bild.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • Antiheld

    Turmfürst

    Das atmosphärische Thumbnail-Bild und der passende Titel haben mich zum Text gelockt. Die Präsentation des Spiels wirkt wirklich sehr gut. Schade, dass das Spiel selbst nicht sehr gut ist. Dafür hat mich meine Neugierde immerhin zu einem sehr schön geschriebenen Test gelotst. Dickes Lob dafür. :thumbup: