Bereist den Verstand eines Koma-Patienten

Wer kennt das nicht: Man kommt nach einem anstrengenden Tag nach Hause, wirft sich auf die Couch, macht den Fernseher an und möchte seinem Hobby frönen. Doch für einen kompetitiven Online-Shooter oder einen bockschweren Vertreter des Souls-like-Spielegenres, der einem vor Wut in den Controller beißen lässt, hat man keine Energie oder Nerven mehr. Etwas Entspanntes, ohne hohe Lernkurve, ein Spiel zum explorieren und wohlfühlen, das wäre in dem Moment genau das Richtige. Ob Aery – Broken Memories, der zweite Teil der Aery-Trilogie, euch diese erhoffte Entspannung bringen kann oder euch eher schläfrig und enttäuscht zurücklässt, das erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.


Frei wie ein Vogel


Als kleiner Vogel bewegt man sich durch die Traumwelt einer im Koma liegenden, unbekannten Person und durchstreift dabei ihre Gedanken, Ängste und Erinnerungen. Ziel ist es, in jedem der insgesamt 15 Level alle darin verteile Erinnerungssplitter zu finden und immer weitere Details über dessen Leben und den darin befindlichen Personen in Erfahrung zu bringen.


Die Handlung wird nach Einsammeln eines Erinnerungssplitters in kurzen Sätzen fortgeführt.

© EpiXR Games 2020

Ihr startet immer am Rande des jeweiligen Levels mit einer Seitenansicht auf euren gefiederten Freund. Nach ein paar Sekunden dreht sich die Kamera, positioniert sich in Verfolgerperspektive hinter den Vogel und gibt die Sicht auf die Welt, die einen erwartet, frei. Nach ein paar ausgiebigen Flügelschlägen hebt man langsam ab, schafft sich eine Übersicht über die Umgebung und lässt seinen Blick auf der Suche nach dem ersten Erinnerungssplitter schweifen. Man fliegt über eine lange Brücke hinweg und steigt hoch hinauf zu einem Brückenkopf, wo einen der erste Splitter begrüßt und man ihn einsammeln kann. Die sehr jung klingende Stimme der im Koma liegenden Personen – vermutlich ein Kind – ertönt und die Geschichte nimmt ihren Anfang.


Die neun bis fünfzehn verteilten Erinnerungssplitter je Level haben eine funkelnde Aura und können zumeist recht schnell erspäht werden. Manches Mal sind alle Splitter von Anfang an in der Welt verteilt, in kleineren Umgebungen werden nach jedem Einsammeln an einer anderen Stelle ein weiterer Splitter platziert. Nach jedem eingesammelten Erinnerungssplitter ertönt die kindliche Stimme der Person und nach und nach ergibt sich aus den kurzen Handlungsschnipseln eine kleine Geschichte. So wird etwa der Wunsch geäußert, ein Astronaut zu werden und der erste Mensch zu sein, der seine Füße auf den Boden des Mars setzt oder auch als Samurai gegen fiese Schergen zu kämpfen sowie als Pirat die Meere zu bereisen – in Träumen ist alles möglich. Sind alle Splitter eingesammelt, blendet das Spiel die Umgebung langsam aus und es geht in das nächste Level über und das erfreulicherweise fast ohne Ladezeiten.


Eine technische Bruchlandung


Grafisch ist das Spiel in einer minimalistischen Polygongrafik gehalten und es wurde ein Filter über das gesamte Spiel gelegt, welcher die Farben knallig und überzeichnet wirken lässt. In einigen Leveln ist der Kontrast durch den eingesetzten Farbfilter allerdings so hoch eingestellt, dass man so gut wie gar nichts erkennen kann, was das Auffinden der Erinnerungssplitter zeitweise zu einem anstrengenden Glücksspiel macht. Generell ist die Umgebung, bedingt durch den Einsatz der abstrakten Grafik, sehr texturarm. Es gibt wenig bis keine Animationen und eine Kantenglättung ist ebenfalls nicht vorhanden. Die verschiedenen gebotenen Umgebungen sind recht abwechslungsreich gestaltet und von einem japanisch anmutenden Dorf mit Zen-Garten über eine Piraten- und Cowboy-Welt bis hin zu einem apokalyptischen Szenario in einem Canyon werden einem diverse Settings geboten. Sogar im Weltall kann man mit dem Vogel seine Kreise ziehen.


Die Umgebungen sind abwechslungsreich und farbenfroh gestaltet.

© EpiXR Games 2020

Doch leider kann man zu kaum einem Zeitpunkt die vielseitigen Umgebungen genießen, denn die gebotene Bildrate ist, egal ob stationär oder im portablen Modus, gelinde gesagt, unterirdisch. Die Piratenwelt ist beispielsweise so weitläufig, dass die Nintendo Switch ordentlich arbeiten muss, um überhaupt ansatzweise 15 Bilder pro Sekunde auf den Bildschirm zu bringen. Das Einsammeln der Erinnerungssplitter, gerade in dieser Welt, macht den Ausflug mit dem Federvieh zu einer absoluten Farce. Auch sonst erreicht die Bildrate so gut wie nie die 30 Bilder pro Sekunde, sondern liegt eher bei ruckeligen 20. Zwar steuert sich unser fliegender Geselle recht präzise und die Kollisionsabfrage ist auch in Ordnung, aber die Kombination aus teilweise schlecht erreichbaren Splittern und einem ständig ruckelnden Bild lässt die entspannende Atmosphäre, welche das Spiel eigentlich ausstrahlen soll, im absoluten Nichts verpuffen.


Zumindest kann man nicht verlieren – bei einer Kollision mit der Spielumgebung wird der Vogel wieder an den Startpunkt zurückgesetzt und sobald das Spiel sich in Graustufen verfärbt, weiß man, dass man am Levelende angekommen ist. Zudem kann man seine abgeflogene Strecke für eine gewisse Zeit lang nachvollziehen, da der Vogel Kondensstreifen hinterlässt, die eure Flugroute anzeigt. Bei der im Hintergrund spielenden Synthwave-Musik sind keine Ohrwurm-Kandidaten dabei, aber alle Tracks unterscheiden sich voneinander, sind nett anzuhören und bieten eine gute Begleitung während der Rundflüge. Leider wiederholen sich diese etwas zu häufig, zudem werden sie nicht situationsabhängig abgespielt, sondern einfach zufällig hintereinander abgespult. Sonstige Soundkulisse – Fehlanzeige. Weitere Umgebungsgeräusche, bis auf ein kurzes Klingeln, sobald man einen Erinnerungssplitter eingesammelt hat, sind nicht vorhanden und die Abmischung zwischen der Musik und den, übrigens nur in englisch verfügbaren, gesprochenen Gedankenfetzen muss vor dem Start des Spiels unbedingt nachjustiert werden, da vieles davon ansonsten untergeht. Die, ebenfalls nur in englisch verfügbaren, nicht ausblendbaren Untertitel helfen da zum Glück ein wenig aus.


Eine kurze Reise mit abruptem Ende


Wer jetzt erwartet, dass sich hinter dem recht mäßigen technischen Grundgerüst des Spiels wenigstens eine interessante Narration verbirgt, der wird auch diesbezüglich enttäuscht. Das Spiel wirft einen ohne Einführung direkt in den Startlevel und erklärt zu keiner Zeit, dass man sich im Verstand einer im Koma liegenden Person befindet. Nach und nach wird einem durchaus bewusst, dass man sich in den Träumen und Erinnerungen einer Person wiederfindet, aber eine kurze Einleitung zur allgemeinen Ausgangssituation wäre wünschenswert gewesen.


Zudem kann der Spieler in keinster Weise eine Bindung zu den Charakteren aufbauen, da das Spiel diese nicht ausführlich genug umschreibt und sie sehr blass bleiben. Da wird des Öfteren die Mutter erwähnt, über die sich die Person das ein oder andere Mal beschwert, aber eine gedankliche Visualisierung ist aufgrund der schlecht ausgebauten und recht inhaltslosen Erzählstruktur praktisch nicht möglich. Letztendlich ist es aber auch völlig egal, denn jedes der Level ist in sich eine geschlossene, uninteressante und recht langweilig präsentierte Erzählung der im Koma liegenden Person. Zusammenhänge, die sich zum Ende der Reise hin in zu einer ausgearbeiteten Geschichte entfalten, sind ebenfalls so gut wie nicht vorhanden.


Wer das Spiel übrigens in einem Durchgang durchspielt – wofür man ca. 2 Stunden benötigt – der wird bemerken, dass er nur 14 Level gespielt hat. Das Letzte muss man manuell in der Levelauswahl anwählen, in die man lieblos nach Beendigung der vorherigen geworfen wird.

Unser Fazit

4

Erträglich

Meinung von David Kuhlgert

Wäre Aery – Broken Memories nicht so lieblos umgesetzt und würde es auf der Nintendo Switch nicht so katastrophal laufen, dann hätte mich die Reise mit dem gefiederten Gefährten durch die verschiedenen Welten und der angenehmen Synthwave-Musik im Hintergrund, einige herrlich entspannende Momente erfahren lassen. Was bleibt, ist die Geschichte, doch auch die reißt das Ruder der Enttäuschung nicht mehr rum und hätte mich recht ratlos zurückgelassen, wenn ich mich vorab nicht bereits über die grobe Rahmenhandlung informiert hätte. Beim Spielen habe ich mich über all diese Details nicht wirklich aufgeregt, aber insgesamt hat es mich leider in einem emotionslosen und komatösen Zustand zurück gelassen, welchen ich niemandem empfehlen kann.
Mein persönliches Highlight: Die abwechslungsreichen, in satten Farben präsentierten Umgebungen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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