Mehr als nur ein Klumpen Lehm

In der heutigen Spielelandschaft ist es nicht unüblich, sinnlose Geschichten in allerlei Genres einzuzwängen. Ob man damit vom langweiligen Gameplay hinwegtäuschen möchte oder das Gesamterlebnis wirklich bereichert, steht jedes Mal zur Debatte – allerdings scheinen nur wenige Spiele tatsächlich zu verstehen, inwiefern ein Narrativ dem Gameplay dienen kann. Als neuerweckter Totenkopf schlüpft ihr in die Rolle von Skully und steht zwischen den Fronten verschiedener Gottheiten. Was auf den ersten Blick übertrieben für einen Puzzle-Platformer dieser Art klingt, entpuppt sich als clevere Grundprämisse, um bestimmte Ideen umso effektiver zu machen. Zwar konnten die Entwickler nicht darauf verzichten, unnötige Dialoge und zweckdienliche Cutscenes einzubauen, insgesamt halten sich diese aber in Grenzen und tauchen nicht allzu oft auf.


Wasser ist der natürliche Feind von Skully.

© Modus Games

Das Gameplay dreht sich fast ausschließlich um den aus Lehm erschaffenen Schädel. Durch relativ offene Level manövriert ihr Skully inmitten verzwickter Parcours, löst kleinere Rätsel und umgeht feindlich gesinnte Kreaturen. Die Steuerung fällt dabei so simpel wie die Erscheinung des Protagonisten aus. Lediglich ein Sprung fungiert als Repositionierung für enge Passagen oder Hilfsmittel für tiefe Schluchten – ansonsten rollt ihr größtenteils durch die Kurse und klemmt euch gelegentlich an Ranken fest, um steile Wände zu erklimmen. Zum einen zeigt das Leveldesign dadurch eine dynamischere Ader, zum anderen erlaubt dieses Element einfallsreiche Verstecke für Secrets und sonstige geheime Abzweigungen. Das primäre Sammelobjekt des Spiels sind gelbe Pflanzen, die hauptsächlich dafür eingesetzt werden, euch durch die Welten zu navigieren. Sammelt ihr auf dem Weg genug ein, schalten sie des Weiteren interessante Konzeptzeichnungen zu jedem Level frei und geben einen kleinen Einblick in den kreativen Werdegang des Settings. Dieses bleibt relativ einseitig und hebt sich bis auf wenige Ausnahmen nur selten von Wäldern und Höhlen ab. Wirklich ansprechend wird es erst, wenn die Umgebung dazu genutzt wird, mit dem Totenkopf zu spielen.


Aufgrund seiner wasserlöslichen Zusammensatzung zerfließt Skully bei jedem Kontakt mit feuchten Oberflächen, Flüssen oder sonstigen nassen Hindernissen. Ein kurzes Zeitintervall erlaubt es euch zwar, schnell aus dem Wasser zu springen, insgesamt ist es aber niemals eine gute Idee, Risiken einzugehen. Hier kommt auch die eingangs erwähnte große Stärke des Spiels zum Vorschein: das Zusammenspiel zwischen Prämisse und Gameplay. Anstatt zwanghaft eine unnötige Geschichte in ein relativ unkompliziertes Spielprinzip zu quetschen, machen sich die Entwickler die Umstände zwischen dem Schädel und seinem Umfeld zunutze und sorgen für raffinierte Momente. Während es offensichtlich ist, nicht ins Wasser fallen zu dürfen, stellt sich der Regen im Verlauf des Abenteuers als gewieftes Mittel heraus, Spieler an scheinbar trockenen Orten hinterlistig von oben zu überraschen. Genauso kann die Gefahr auch aus anderen Richtungen drohen, wenn Wasserfälle von der Seite zuschlagen und Klippen völlig neuartige Situationen erschaffen. Ist es aber mal nicht die einfache Natur, die sich mit euch anlegt, dann kreuzen mehr als häufig Wasserkreaturen euren Pfad und erschweren Skully das Leben. Diese Wesen bewegen sich vergleichsweise träge und stellen nur bei direktem Kontakt eine ernsthafte Bedrohung dar, was sie zu stationären Kontrahenten macht. Oft genug kommt es aber vor, dass die schiere Menge zu unüberwindbar ist und sich eine Berührung nicht vermeiden lässt. Glücklicherweise hat Skully aber wesentlich mehr auf dem Kasten, als plump durch die Gegend zu kugeln.


Die Wandlungskräfte des Totenkopfs!


Mithilfe seiner göttlichen Unterstützung ist es dem kleinen Schädel erlaubt, sich in festgelegten Schlammlöchern in drei unterschiedliche Lehmgestalten zu verwandeln. Jedes Geschöpf spielt sich unterschiedlich und erlaubt einzigartige Gameplay-Szenarien, die stark voneinander abweichen können. Der Sprinter überwindet mit seinem rasend schnellen Gang sowie der hohen Sprungkraft weite Abgründe und kann Steinblöcke aus überschaubaren Entfernungen manipulieren. Der Grobian hingegen geht die Dinge etwas langsamer an und schaltet Gegner mit mächtigen Schlägen augenblicklich aus. Selbst sichtlich markierte Felsen mit Rissen sind keine Behinderung für den Titan und können zerstört werden, um Abkürzungen im Level freizumachen. Auch wenn die Inklusion dieser Verwandlungen sicherlich auf dem Papier nach einer guten, für Abwechslung sorgenden Idee aussieht, lässt die Umsetzung einiges zu Wünschen übrig.


Jede Verwandlung besitzt eigene Vorzüge.

© Modus Games

Alle Transformation teilen den gemeinsamen Nenner, dass sie das eigentlich flotte Gameplay ausbremsen und nur teilweise ins Leveldesign passen. Da es zu jedem Zeitpunkt möglich ist, wieder in die einfache Schädelform zu wechseln, sind nur wenige Passagen auf die Verwandlungen ausgelegt, was zu einem schwammigen Mittelgrad aller Spielfiguren führt. Gerade der Sprinter bremst mit seinen telekinetischen Rätseleinlagen das Tempo so stark, dass ich jedes Mal seufzen musste, sobald die viel zu simplen Knobelaufgaben auftauchten. Der gute Wille hinter dem Einfall lässt sich erkennen, allerdings macht es jederzeit weit mehr Spaß, mit Skully zügig durch die Welten zu kullern und fast schon Speedrun-artige Fähigkeiten für sich zu entdecken. Sehr viel sinnvoller wäre es gewesen, ganze Level auf die verschiedenen Verwandlungen auszurichten, anstatt jedes Mal mühselig zwischen ihnen zu wechseln. Besonders auffällig wird dieser Aspekt in actiongeladenen „Bossleveln“, wo ihr vor Fluten flüchtet und Hürden ausweicht. Was zunächst wie ein nerviger Scrolling-Level klingt, beweist kluge Weitsicht in seinem Design. Das Tempo dieser Kurse tanzt ganz nach eurer Nase und bestraft nur langsame Spieler mit einem Tod. Bewegt ihr euch also zügig voran, so passt sich die Flut an diese Geschwindigkeit an und hält euch niemals auf. Weshalb die Entwickler daran dachten ausgewählte Level ausschließlich für Skully zu entwickeln, während es den Verwandlungen an Feinschliff mangelt, bleibt ein Rätsel und betont umso mehr, dass hier eine klare Ausrichtung sinnvoller gewesen wäre.


Der vermutlich markanteste Kritikpunkt des Spiels bleibt allerdings die technische Umsetzung der Nintendo Switch-Version. Was eigentlich ein schönes, atmosphärisches Erlebnis hätte werden können, verkommt hier zu einer kleinen Katastrophe, wo Texturen permanent nachladen müssen und die Bildrate absolut unstabil bleibt. Es geht so weit, dass ich oftmals nicht mehr unterscheiden konnte, ob einige Objekte wirklich so unansehnlich aussehen oder das Spiel einfach zu lange braucht, um die Grafik akkurat darzustellen. Gerade wenn man schnell durch die Level rollen möchte, um möglicherweise eine eigene Bestzeit aufzustellen, ist es traurig zu beobachten, dass man stattdessen ein Rennen gegen die Technik fährt, welche leider niemals wirklich hinterherkommt. Anders sieht es beim Soundtrack aus, dem es zwar etwas an Abwechslung mangelt, insgesamt aber stets zum Ambiente passt und einen ausreichenden Job leistet.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Kevin Becker

Auf dem Papier besitzt Skully alles, was ein rundes Gesamtpaket ausmacht. Die Level wirken aufgrund des relativ offenen Aufbaus und der angenehmen Länge überzeugend, magische Verwandlungen bringen durch ihre unterschiedlichen Spielstile Abwechslung ins Geschehen und die Steuerung ist aufgrund der simplen Natur des Gameplays schnell verinnerlicht. So schön die Ideen aber auch in der Theorie klingen mögen, kommt es letztendlich immer auf die Umsetzung an. Jede Transformation drosselt das Tempo des Spieleflusses stark und da kein Level auf die Stärken der verschiedenen Gestalten aufbaut, fühlen sie sich niemals wirklich natürlich an. Gerade die speziellen „Bosskurse“ beweisen, wie einflussreich sich eine Ausrichtung auf eine Fähigkeit auswirken kann und wie sehr die drei Monster unter der fehlenden Ausarbeitung leiden. Kommt man über diesen Punkt hinweg, dann macht einem vermutlich die bedauernswerte Technik, mit ihren permanent nachladenden Texturen sowie der inkonsistenten Bildrate, einen Strich durch die Rechnung. Es ist schade, welche Abzüge das Spiel aufgrund einer unsauberen Portierung erleiden muss, obwohl unter der dicken Lehmschicht aus unausgereiften Ideen und der schwachen technischen Umsetzung ein eigentlich amüsanter Puzzle-Platformer voller gelungener Momente steckt. Fans werden sicherlich dennoch ihr Vergnügen finden, jedoch ist es vielleicht keine schlechte Idee, Skully auf einer anderen Plattform eine Chance zu geben.
Mein persönliches Highlight: Die offene Struktur der Level.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 2

  • Dr.Stachelrochen420

    Indica < Sativa

    Sehr schade, das Spiel hatte ich eigentlich auf meinem Radar. Kann ich dann wohl abhacken

  • rongar

    Turmbaron

    Also ich bin gerade am spielen und finde die unterschiedlichen Verwandlungen tun dem Spielfluss keinen so argen Abbruch. Klar wird die Dynamik der "Kugel" von keinem anderen Charakter erreicht, aber ich bin immer froh wenn ich die Möglichkeit habe die "Kugel" mal zu verlassen. Dann geht es halt etwas gemächlicher durch die Levels. Ich fand bisher nur den Level mit der Flutwelle im Rücken fast schon grenzwertig. Dadurch das man mit dem linken Stick die Kamera nicht justieren kann, verkommt dieser Abschnitt zu einem "Kampf" (für mich war es das!) . Hat mich irgend wie an "The Last Ninja 1" auf dem Atari ST erinnert: Der 1. Level im Park wo man über einen Fluß von Stein zu Stein springen musste - Hass Abschnitt! Aber ich bin ja zäh und hab mich durchgekämpft! Fazit: Bisher gefällt mir das Spiel recht gut. Ist vom Spielprinzip halt mal was anderes . Momentan tendiere ich zu etwa 7 von 10 Punkten.