Leistet Widerstand in den dunkelsten Stunden unserer Geschichte

„Als Adolf Hitler 1933 zum Kanzler ernannt wurde, jubelten die Massen. Aber wir nicht. Wir wussten, dass nun schlimme Zeiten anbrechen würden. Wir wussten, dass die Drohungen der Nazis keine leeren waren. Das sie meinten was sie sagten. Wir mussten etwas tun! Wir durften nicht schweigen! Aber wir wussten auch, es kann uns den Kopf kosten.“


Leistet Widerstand – Egal wie oder womit, doch lasst euch nicht erwischen


Mit dem oben genannten Intro, unterlegt mit Jubelrufen und dem lodernden Feuer des brennenden Reichstages, beginnt das Spiel Through the Darkest of Times. Es ist eines der Spiele, die man zögerlich kauft und noch zögerlicher spielt, da es immer diese Frage mit sich bringt: Darf man so etwas überhaupt als Spiel veröffentlichen? Jeder hat sich mit der Geschichte Deutschlands befasst und doch ist das hier ein Versuch, genau diese einschneidenden Jahre unserer Geschichte noch einmal von einer ganz anderen Seite zu beleuchten. Und das hat das kleine deutsche Entwicklerteam mit ihrem Sitz in Berlin perfekt geschafft. Ziel des Spieles ist es, eine Widerstandsgruppe in Zeiten der NS-Herrschaft zu gründen und dadurch so viel Widerstand wie nur möglich zu leisten. Das reicht von kleinen Taten, wie das Verweigern des Hitlergrußes in einer Menge von Menschen während der Bücherverbrennung, bis hin zu großen Aktionen, wie das aktive Retten eines jüdischen Mitmenschen in einer Straßen-Rangelei.


Eure Widerstandsgruppe wird mit der Zeit immer größer.

© HandyGames / Paintbucket Games

Zu Beginn des Spieles gründet ihr eine Widerstandsgruppe, direkt nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde. Ihr befindet euch demnach im Februar 1933. Das Ziel des Spieles ist einfach und doch beinahe unmöglich: Mitglieder für eure Gruppe anheuern und bis Kriegsende Widerstand leisten, ohne dass ihr erwischt werdet. Doch direkt zu Beginn müsst ihr die erste und gar nicht so leichte Entscheidung treffen: Widerstand oder Erzählung. Wählt ihr die zweite Option, könnt ihr die Geschichten der vielen Menschen erleben und Entscheidungen, die ihr im Spiel trefft, kosten euch nicht direkt den Kopf. Auch die Speicherstände sind nicht limitiert, sodass auch andere Nutzer der Nintendo Switch das Spiel für sich erleben können. Wählt ihr jedoch den Widerstand, sollte jeder Schritt bedacht werden, da euch jede noch so kleine Entscheidung den Tod bringen könnte. Hier gibt es außerdem nur einen einzigen Spielstand. Verliert ihr also, müsst ihr ganz von vorne beginnen. Habt ihr euch entschieden, kommt ihr zur Charaktererstellung. Diese unterscheidet sich nicht groß von anderen Spielen und doch gibt es ein paar Information oben links im Bildschirm, die für den Spielverlauf entscheidend sein könnten: Hier steht nämlich neben eurem Namen, der zufällig generiert und nicht änderbar ist, euer Beruf, eure politische sowie religiöse Gesinnung. Auch die könnt ihr zufällig neu generieren lassen, allerdings könnt ihr sie nicht manuell einzeln ändern. Was diese Informationen für den späteren Spielverlauf für eine Bedeutung haben – dazu kommen ich später. Anschließend geht es auch schon los.


Das Spiel springt von Woche zu Woche und jedes Mal werdet ihr von drei Zeitungen begrüßt, die auf einem Schreibtisch liegen und die aktuellen Schlagzeilen zeigen. „Hitler ist Reichskanzler“, „Zentrum spricht mit Hitler“, „SA marschiert durch Berlin“. Nun beginnt die eigentliche Spielrunde. Im Prinzip läuft diese immer gleich ab: Ihr sitzt mit euren anderen Hauptmitgliedern in einem Raum und auf dem Tisch liegt eine Karte von Berlin. In einem Dialogfeld wird die aktuelle Situation beschrieben oder die anderen Mitglieder sprechen mit euch über ihre persönliche Lage. All dies wird euch in einem Schreibmaschinen-ähnlichen Stil präsentiert. Hier sei gesagt: Ihr müsst sehr viel im Spiel selbst lesen, da das Spiel fast ohne Sprachausgabe daherkommt. Hier müsst ihr bereits Entscheidungen treffen, die sich auch auf eure Mitglieder auswirken können. Was tut ihr zum Beispiel, wenn ein Mitglied ein Kind erwartet? Lasst ihr sie zum Schutz des Kindes ziehen oder wollt ihr sie dennoch als Mitglied behalten und das Leben beider aufs Spiel setzen? Anschließend geht es über zum zweiten Teil der Runde: Die Karte von Berlin wird dargelegt und es gibt verschiedene Aufgaben in verschiedenen Stadtteilen zu erledigen. Es beginnt harmlos damit, Geld zu sammeln, um damit eure geheime Gruppe zu finanzieren. Vielleicht ist es ja möglich, gleichzeitig neue Mitglieder für eure Sache zu gewinnen. Auch das Reden mit alten Bekannten oder Menschen in höheren wirtschaftlichen Positionen könnte sich positiv auf euer Vorhaben auswirken.


Die Karte von Berlin werdet ihr jede Woche aufrufen müssen, um neue Aufgaben zu erledigen.

© HandyGames / Paintbucket Games

Für die verschiedenen Aufgaben könnt ihr die passenden festen Mitglieder auswählen und hier kommen ihre politischen und religiösen Gesinnungen zum Einsatz. Davon hängt unter anderem der Erfolg der Aufgabe ab. Schickt ihr nämlich ein streng katholisches Mitglied zu einem Priester, um diesen auf eure Seite zu ziehen, klappt das besser, als wenn ihr einen Atheisten zu ihm schickt. Zusätzlich kommen Werte wie Empathie, Propaganda-Fähigkeit und auch ihre Berufe hinzu, die die Erfolgschance solcher Aufgaben ausmachen. Auch Gegenstände wie ein Fahrrad, mit dem ihr schneller fliehen könnt, spielen eine Rolle. Denn am Ende eines Zuges wird "abgerechnet". Eine wichtige Sache im Spiel ist die Moral, die stetig hochgehalten werden muss. Geht diese auf Null runter, so steht eure Gruppe kurz vor der Auflösung und eure Mission, Widerstand im Dritten Reich zu leisten, ist gescheitert. Geld zu sammeln ist auch eine wichtige Tätigkeit, da ihr nur so Papier und Farbe für Flyer oder andere Gegenstände kaufen könnt, die euch weiterhelfen können. Mit der Zeit müsst ihr auch auf die SS-Männer aufpassen, die ab Woche 2 zufällig auf eurer Berlin-Karte auftauchen und die Erfolgschancen euer Aufgaben mindern. Denn nach und nach werden eure Mitglieder gesehen oder gar erkannt und oft müsst ihr selbst kurzfristig entscheiden, ob ihr eine Aktion dennoch weiterführen wollt oder ob ihr lieber doch untertaucht und es ein anderes Mal versucht.


Neben den relativ repetitiven Runden, die sich von Woche zu Woche ziehen, gibt es auch noch andere Ereignisse, die von mehr Dialog dominiert werden. Einmal trefft ihr euch zum Beispiel mit einem alten Freund in einem Café und stellt während des Gespräches fest, dass er nun mit den Nationalsozialisten sympathisiert und euch auf deren Seite ziehen möchtet. Nun müsst ihr entscheiden, ob ihr das tut oder eure Freundschaft wegen politischer Differenzen aufgebt. In anderen Ereignissen wollt ihr in einem jüdischen Geschäft wie üblich einkaufen, doch plötzlich blockieren SS-Männer euch den Weg. Geht ihr dennoch hinein oder kauft ihr von nun an woanders? Und was sagt ihr der Verkäuferin, bei der ihr jahrelang eingekauft habt, zum Abschied? Das Spiel stellt eure Moral auf die Probe und nicht immer sind die Entscheidungen eindeutig oder gar leicht. Schützt ihr zuerst immer euch selbst oder gebt ihr alles, um andere Menschen zu retten? Ohne darüber nachzudenken ist die Antwort natürlich klar, oder? Nein, die Antwort ist nicht so klar, denn wenn ihr zu beginn Widerstand ausgewählt habt, kann eine eigentlich moralisch korrekte Entscheidung, euch den Kopf kosten und ihr müsst von vorne beginnen.


Beeindruckende Recherche bis ins Detail


Die Macher von Paintbucket Games haben den einzigartigen Stil und auch die Musik, die euch durch das Spiel begleitet, nicht zufällig gewählt. Es handelt sich um einen Kunststil, der im NS-Regime verboten wurde. Auch die Swing-Musik der 20er Jahre wurde nach Hitlers Machtergreifung verboten. Durch solche Kleinigkeiten setzen die Macher bereits während der Entwicklung ein klares Zeichen gegen die damals vorherrschende politische Gesinnung. Auch historisch ist das Spiel wunderbar recherchiert und beeindruckt vor allem mit lokalen Ereignissen, die in Geschichtsbüchern oft nicht erwähnt werden. Das macht das Spiel zu etwas Besonderem, auch wenn es nichts für schwache Nerven ist. Doch es bringt vor allem den emotionalen Zwiespalt von damals auf den Punkt. Auch wenn das eigene Handeln das NS-Regime im Spiel nicht stürzen kann, zeigt es dennoch deutlich, welche Möglichkeiten des Handels es damals gab. Und die Frage, ob man mehr hätte tun können, ist und bleibt aktuell, weswegen Through the Darkest of Times nicht nur ein historisches Werk ist.

Unser Fazit

9

Geniales Spiel

Meinung von Kerstin Steiner

Through the Darkest of Times schafft es in einem wundervollen Stil, den Widerstand der damaligen NS-Zeit in ein neues Licht zu rücken. Es ist ein Spiel, das zum nachdenken anregt und das nicht nur über die Gräueltaten der damaligen Zeit, sondern auch über die eigene Moral und das eigene Handeln. Auch wenn die wöchentlichen Runden sich schnell wiederholten, bringen vor allem die Zwischenereignisse das Spiel wieder ordentlich ins Rollen, sodass es am Ende doch nicht langweilig wird. Als ehemalige Geschichtsstudentin war ich fasziniert, wie beeindruckend die NS-Geschichte recherchiert wurde und mir noch Neues beibringen konnte. Ich kann dieses Spiel jedem wärmstens ans Herz legen, egal ob man sich für die deutsche Geschichte interessiert oder nicht, da die Thematik leider noch immer aktuell ist.
Mein persönliches Highlight: Die drückende Atmosphäre des Spiels sowie die historische Genauigkeit.

Awards

Spiele-Hit

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