Ein Lebenswerk verpackt als Rhythmusspiel

Durch zwei Nummer-eins-Hits in den deutschen Single Charts, etlichen Top-Ten-Platzierungen sowie Auftritten auf den größten Festival-Bühnen weltweit, unter anderem Tomorrowland, ist der DJ und Musikproduzent Avicii aus der Musiklandschaft des letzten Jahrzehnts kaum wegzudenken. Der Schwede mit dem bürgerlichen Namen Tim Bergling hat mit seiner elektrischen Tanzmusik nicht nur Festivals und Discos erobert, sondern ist auch im Radio sowie in etlichen Playlists präsent, die man gerne beiläufig laufen lässt. Auch jene, die mit dem Genre nichts anfangen können, werden die bekannten Titel „Wake Me Up!“ oder „Waiting for Love“ daher sicherlich wiedererkennen.


Die Liebe zu Videospielen und zur Musik – Eine gelungene Kombination?


Als leidenschaftlicher Musikproduzent und zugleich begeisterter Computerspieler entwickelte Avicii gemeinsam mit dem Independent-Publisher Hello There Games etwas, das beide Welten vereint: ein Rhythmusspiel, das ausschließlich seine Musik beinhaltet. Nach zwei Jahren Arbeit erschien die erste Fassung dieses Spiels im Jahr 2017 mit 25 spielbaren Songs unter dem Titel Invector zunächst für die PlayStation 4. 2019 wurde das Spiel unter dem Titel AVICII Invecor auch auf die Xbox One und den PC portiert. Nun soll schließlich am 08.09.2020, zum zweijährigen Todestag des DJs, eine Fassung mit 10 weiteren Songs auch auf der Nintendo Switch erscheinen. Für sämtliche Plattformen sind das Hauptspiel und die beiden DLCs jedoch auch einzeln erwerbbar.


Im Dreieck rast ihr auf die vorgegebenen Tasten zu.

© Hello There Games / Tim Bergling

Das Spiel wird mit einem Nachruf des Künstlers eingeläutet und schleudert einen unmittelbar in das Geschehen: Nach einer kurzen Kalibrierung gelangt man erstmals in das in Schwarz und Neonfarben getauchte Universum und lernt die Steuerung zum Song „Waiting for Love“ kennen. Erst jetzt ploppt ein Menü auf und man hat die Wahl zwischen einen Einzelspielermodus, der einen nacheinander durch die einzelnen Welten des Spiels führt, oder dem Split Screen-Modus für bis zu vier Spieler.


Im Einzelspielermodus gibt es acht verschiedene Welten, die es nacheinander zu entdecken gilt. Man darf zwischen allen Songs einer Welt wählen, gelangt aber erst in die nächste, wenn man jeden Song gemeistert hat. Dabei darf man jederzeit zwischen den Schwierigkeitsgraden Leicht, Mittel und Schwer wechseln, sodass man bei Bedarf die Songs zu weniger fordernden Strecken genießen oder auch knackige Herausforderungen auf sich nehmen kann. Mit steigender Schwierigkeit nimmt die Anzahl an verschiedenen Tasten zu, die im richtigen Moment betätigt werden möchten. Hierfür werden alle Eingabemöglichkeiten eines Joy Cons benötigt außer der rechten Schultertaste. Schön ist, dass man nicht das Gefühl erhält, das Spiel würde einen unterschätzen, so ist sogar der niedrigste Schwierigkeitsgrad zunächst etwas fordernd. Andererseits unterscheiden sich die Schwierigkeitsgrade bei manchen Songs nur minimal, sodass der erste Versuch auf „Schwer“ bei manchen Songs irritierenderweise zu einer besseren Erstwertung führte als bei der leichteren Schwierigkeit. Dies gilt jedoch primär für Songs der ersten Welt, danach zieht der Schwierigkeitsgrad merkbar an. Da die Strecken nicht strickt gerade verlaufen, sondern den dynamischen Flugbahnen eines Raumschiffs entsprechen, neigen sich die Strecken auch in die Vertikale und Horizontale. Hierdurch kann die Schwierigkeit noch etwas anziehen, da manche Tasten durch die Kurven recht spät im Blickfeld erscheinen. Das Gameplay ist insgesamt nicht kompliziert, erreicht aber einen angenehmen Grad an Komplexität.


Während der kleinen Story-Schnipsel kämpft eure Pilotin Stella unter anderem mit der Technik des Raumschiffs.

© Hello There Games / Tim Bergling

Hat man sich für einen Song entschieden, düst das eigene Raumschiff durch die dunkle, mit neonfarbenen Akzenten gespickte Welt. Hierbei befindet man sich in einem Dreieck oder auf einer ebenen Fläche und rast auf die jeweiligen Tasten zu, die es im richtigen Moment zu betätigen gilt. Wenn vom Spiel gefordert, wechselt man die Bahn, in dem Dreieck dreht man sich etwa innerhalb der drei Ecken. In bestimmten Phasen kann man sich mit dem Steuerstick frei im Raum bewegen. Hier muss man Hindernissen ausweichen oder Ringe durchfliegen, bis man wieder auf die vorgegebene Bahn gelangt. Hat man bereits etwas Strecke zurückgelegt, lädt sich ein Boost auf, den man bei Bedarf aktivieren kann. Man rast nun deutlich schneller über die Strecke, doch die zu betätigen Tasten werden hierdurch auch mit einem höheren Abstand voneinander platziert, wodurch es nur bedingt schwerer wird.


Die Steuerung geht von Beginn an sehr intuitiv von der Hand, sodass einem der Einstieg sehr einfach gelingt. Hat man einige Tasten nacheinander korrekt betätigt, sorgt ein Multiplikator für mehr Punkte. Auch wird jedes Betätigen einer Taste je nach Rhythmusgefühl eurerseits mit einem von vier Wertungen von „Ok“ bis „Perfekt“ quittiert; ob sich ein präziseres Betätigen der Taste jedoch positiv auf die Punkte ausübt, wurde mir nicht deutlich. Wurde ein Song abgeschlossen, erhält man einen Rang. Mit 95 % erhält man beispielsweise das A-Ranking, 75 % benötigt man, um eine Strecke erfolgreich abzuschließen. Hat man eine Strecke abgeschlossen, kann man seine eigene Platzierung mit Spielern aus der ganzen Welt vergleichen.


Möchte man nicht alleine spielen, kann man den lokalen Split-Screen-Modus nutzen. Hier kann man von Beginn an uneingeschränkt unter allen Songs wählen und mit bis zu vier Spielern gleichzeitig in die Lüfte abheben. Zumindest mit zwei Spielern lief dieser Modus auf der Nintendo Switch stabil. Aufgrund der farbenfrohen und detaillierten Umgebungen in Kombination mit dem kleineren Split-Screen-Ausschnitt muss man allerdings die Augen etwas zusammenkneifen, um alle Tasten zu erkennen. Zwar ist das Spiel auf einem großen Bildschirm noch immer gut spielbar, aber es wird einem etwas mehr Konzentration abverlangt.


Starkes Gameplay, schwache Story


Hat man einen Song im Einzelspielermodus zum ersten Mal beendet, bekommt man eine kurze Story-Sequenz zu sehen. Hierin lernen wir das Mädchen Stella kennen, unsere Pilotin. Die Szenen bestehen aus kurzen Monologen und sind im Cell-Shading-Look gestaltet. Sie suggerieren, dass es entlang der Songs und Welten einen Fortschritt in der Geschichte gibt. So lernt Stella etwa nach der ersten Welt, dass das Raumschiff schießen kann. Allerdings hat dies tatsächlich keinen Einfluss auf das Gameplay, sodass die Story nicht an Tiefe und Bedeutung gewinnt. Insgesamt ist sie sehr kurzgehalten; so flimmert nach etwa jedem zweiten Song ein kurzer Storyschnipsel auf, der jeweils höchstens eine Minute dauert. Die DLC-Songs kommen komplett ohne Story daher. Ob die kurzen Szenen eine willkommene Abwechslung bieten oder als unnötig wahrgenommen werden, bleibt vermutlich reine Geschmackssache. Grafisch allerdings stellen sie kein Qualitätsmerkmal dar. Stella wird fast ausschließlich in statischen Zeichnungen dargestellt, die sich zwar farblich in das Spiel einfügen, jedoch mangels Details und Animation nicht mit der gelungenen Spielewelt mithalten können.


Im freien Flug dürft ihr euer Raumschiff sogar kurz abseits der vorgegebenen Strecken bewegen.

© Hello There Games / Tim Bergling

Die durchzufliegenden Umgebungen sind wiederum wunderschön anzusehen. Wenn man sich im freien Flug innerhalb der Songs befindet, hat man endlich kurz Zeit, sich die Spielewelt etwas genauer anzuschauen. Hier fällt auf, wie liebevoll die Landschaften gestaltet wurden. Sie sind mit Planeten und anderen, teils abstrakten Objekten durchzogen und gewinnen durch zahlreiche Lichteffekte an Detailreichtum und Atmosphäre. Die Strecken der einzelnen Welten unterscheiden sich in ihrer Gestaltung, bleiben dem grundlegenden Stil aber immer treu. Die zu drückenden Tasten heben sich farblich deutlich ab und stören durch ihr Design nicht. Dies spiegelt sich auch in der Menüführung wider – die Hintergrund-Artworks sowie die Schrift sind passend gestaltet und das gesamte Spiel ergibt ein stimmiges Gesamtbild.


Die Qualität der Songs und die Immersion des Spiels kommen besonders mit Kopfhörern zum Tragen. Denn das Spiel kann natürlich nicht nur mit Joy-Cons oder dem Nintendo Switch Pro Controller am heimischen Fernseher, sondern auch unterwegs im Handheld-Modus genossen werden. Die Auswahl der 35 Songs weist ein überraschend vielfältiges Klangbild auf. Zwar ist Avicii der Künstler hinter jedem einzelnen Song, doch die Lyrics werden von unterschiedlichen Interpreten gesungen. So erhalten die Songs ihre individuelle Note und unterscheiden sich deutlich voneinander. Auch sind die Songs durch ihren deutlich hörbaren Beat wie gemacht für ein Rhythmusspiel. In Bezug auf den Sound sind nur zwei kleinere Probleme aufgefallen, die den Feedback-Sound beim Drücken der Tasten betreffen: Auf Dauer stören diese Sound-Effekte durch ihren leicht blechernen Klang, außerdem ertönen sie auch dann, wenn man die jeweilige Taste gar nicht im richtigen Moment oder auch gar nicht trifft. Man kann hier etwas entgegenwirken, indem man die Lautstärke der Effekte heruntersetzt, aber es bleibt problematisch, da dieses Feedback stark dazu beiträgt, dass man sein eigenes Rhythmusgefühl trainiert. Passt der Feedback-Sound automatisch ideal zum Takt, erzeugt das den Eindruck, als würde man ganz hervorragend spielen, obwohl man tatsächlich womöglich unregelmäßig oder asynchron ist.


Kennt man sich ein wenig mit Rhythmusspielen aus und ist bereits auf Vertreter wie Osu! oder Beat Saber gestoßen, wird man vielleicht dem Kauf von AVICII Invector Encore Edition von Beginn an abgeneigt sein. So warten die genannten Spiele mit einer unerschöpflichen Sammlung aus spielbaren Songs auf, da jeder User seine Eigenkreation erstellen und hochladen kann. Ich bin jedoch positiv überrascht, wie viel Zeit ich mit den vergleichsweise wenigen Songs von AVICII Invector Encore Edition verbracht habe. Ist man nicht lediglich an einem schnellen Durchspielen interessiert, sondern möchte auch gute Wertungen erzielen oder die Songs häufiger genießen, kommen überraschend viele Stunden Spielzeit zusammen. Außerdem bleibt kritisch anzumerken, dass bei den anderen erwähnten Spielen die Passung zwischen erstellter User-Map und dem dazugehörigen Song oft mangelhaft ist, da bei den Usern nun mal keine Expertise in Sachen Musik vorliegt. Bei einem Spiel wie diesem kann man sich darauf verlassen, dass Profis beim Design der Strecken am Werk waren. Und das merkt man deutlich. Wer Wert auf Qualität statt Quantität legt, wird mit den 35 Songs zufrieden sein. Dennoch wäre ein Editor, mit dem man eigene Strecken zu den vorhandenen Songs bauen kann, natürlich eine Möglichkeit gewesen, die Kreativität und Langzeitmotivation bei den Spielern zu erhöhen.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Laura Strack

Mit AVICII Invector Encore Edition erhält man ein grundsolides Rhythmusspiel. Zwar erfindet es das Genre keinesfalls neu und wartet mit einer eher mäßigen Story auf, doch in Sachen Gameplay macht es vieles richtig, was man sich von solch einem Spiel erhofft. Die Steuerung geht intuitiv von der Hand, die Musik ist wie gemacht für ein Rhythmusspiel und die Strecken sind stimmig sowie gekonnt inszeniert. Gibt man sich dem Sog der neonfarbenen Welten hin, kann man viel Zeit in das Spiel investieren, indem man sein Können in den Schwierigkeitsstufen auf die Probe stellt und immer neue Highscores anstrebt. An einem geselligen Abend kann man dies auch mit anderen tun, auch wenn sich hier eher kleine Spielesessions anbieten, da die detaillierten Strecken aufgrund der kleineren Größe im Split Screen einiges an Konzentration abverlangen. Das stimmige Spiel ist natürlich für jeden Fan, der die Musik des DJs Avicii noch einmal auf eine andere Art und Weise erleben möchte, ausdrücklich zu empfehlen. Aber auch jeder, der Rhythmusspielen nicht abgeneigt ist, kann einen Blick wagen. Wer noch nicht restlos überzeugt ist, kann gerne auf die kostenfreie Demo im Nintendo eShop zurückgreifen und sich probeweise in die Tiefen der im Rhythmus pulsierenden Galaxien stürzen.
Mein persönliches Highlight: Die durchweg atmosphärische Farbgebung.

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 4

  • Alexander F.

    stiller Beobachter

    Zur Story: soweit ich es richtig verstanden habe, soll die Story parallel Berglings Gesundheits- und Gemütszustand innerhalb seiner Karriere widerspiegeln. Je weiter man im Spiel kommt, desto mehr Macken hat das Raumschiff der Pilotin; ergo: Berglings Zustand verschlechtert sich von Song zu Song während seiner Karriere. Des Weiteren spielt die Suche der Pilotin nach einem Schokoriegel auf Berglings Suche nach Glück in seinem Leben an. Auch sein Perfektionismus wird widergespiegelt: falls man nicht gut genug spielt, wird die Umgebung immer trister.


    Entscheidet selbst, ob dies noch zum Test gehört. Macht für mich zumindest Sinn, wenn man den Menschen Tim Bergling verstanden hat.

  • AlexWoppi

    Turmheld

    Ist auf meiner Wunschliste, wollte es heute holen, habe aber dann doch lieber bei Mario erstmal zugeschlagen. Und je nachdem, wie sich das neue WWE Spiel schlägt, schlag ich dann zu. Kommen ja jetzt permanent gute Spiele. Vielleicht hol ich mir Avicii dann mit Fuser zusammen, dann haben auch die Nachbarn was davon. ;)

  • Pascal Hartmann

    Ta da da daaaaaaa

    Obwohl ich normalerweise nichts mit Electro/House/Dance - oder wie auch immer man diese Musik bezeichnen möchte - anfangen kann, finde ich das True-Album von Avicii richtig stark. Die späteren Sachen kenne ich nicht mehr so. Das Spiel finde ich daher sogar halbwegs interessant.

  • Pacman86

    Might & Magic

    Ich habe mir das Spiel gestern im Media Markt gekauft und bin ziemlich begeistert.

    Ich muss aber auch dazu sagen, dass ich seine Musik mega finde und beim zocken des öfteren Gänsehaut hatte.

    Für alle Fans von Avicii und/oder elektronischer Musik kann ich das Spiel wärmstens empfehlen :thumbup: