Eine rasante Reise auf vorgegebenen Pfaden

In der vergangenen Indie World-Präsentation hat vor allem eine Ankündigung auf Anhieb mein Interesse geweckt: Das indische Entwicklerstudio Nodding Heads Games hat es sich zum Ziel gesetzt, die Welt mithilfe von Spielen über die Geschichten, Mythen und Sagen des indischen Subkontinents zu informieren. Seit der Präsentation ist nun das Erstlingswerk Raji: An Ancient Epic unter anderem für die Nintendo Switch erhältlich und verspricht in bester Action-Adventure-Manier eine spannende Reise durch das alte Indien. Ob dieses Versprechen auch tatsächlich eingehalten werden konnte, haben wir für euch auf den Prüfstand gestellt.


In Raji: An Ancient Epic findet ihr euch in einer Welt wieder, in der ein erneuter Krieg zwischen Göttern und den Dämonen tobt. Nachdem die niederträchtigen Wesen in der letzten Auseinandersetzung von den Gottheiten noch in ihre Schranken verwiesen werden konnten, haben sich die fiesen Gestalten nun die Ausrottung der Menschheit vorgenommen. Ein nicht unkluges Ziel, denn die Menschen haben sich seit dem letzten Sieg der Götter in Sicherheit gewogen und unter anderem die Alchemie verlernt. Den einfallenden Dämonen kann deshalb nur wenig entgegengesetzt werden, weshalb die Menschheit kurz vor einer vernichtenden Niederlage steht. Zu dieser Zeit schlüpft ihr in die Rolle der titelgebenden jungen Frau namens Raji, die von dem tobenden Krieg der übernatürlichen Wesen bislang scheinbar nicht wirklich etwas mitbekommen hat.


Das Spiel weiß mit gekonnt in Szene gesetzten Passagen zu überzeugen.

© Nodding Heads Games

Stattdessen hat das Waisenkind ausschließlich Augen für ihren kleinen Bruder Golu, der jedoch eines Tages gemeinsam mit vielen anderen Kindern von den Dämonen entführt wird. Deshalb ist es nun an euch, den Jungen aus den Klauen des Bösen zu befreien. Dabei seid ihr zwar alleine unterwegs, aber nicht auf euch allein gestellt. Denn was Raji zu Beginn ebenfalls noch nicht weiß: Sie wurde von den Gottheiten auserkoren, den Kampf mit den einfallenden Fieslingen aufzunehmen. Dabei kann sie auf ihrer Reise auf die Unterstützung von Durga und Vishnu setzen, die zu den bekanntesten Gottheiten im Hinduismus gehören. Die beiden Überwesen fungieren während des Abenteuers nicht nur als Erzählerin und Erzähler und sind häufig aus dem Off zu hören, sondern statten Raji auch mit allerlei göttlichen Waffen aus, mithilfe derer sie den Dämonen mächtig zusetzen kann.


Ihr werdet aber nicht blindlings in das Geschehen geschmissen. Wann immer ihr eine neue Technik erlernt oder das Spiel von euch den Einsatz eines bestimmten Angriffs erwartet, kommt ihr zunächst in ein Areal, in der euch ein Geist des Hauptcharakters den jeweiligen Move mit eingeblendeter, zu verwendender Taste vormacht. Erst wenn ihr den Angriff oder die Bewegung wie vom Spiel gewünscht nachgemacht habt, dürft ihr mit eurem Abenteuer fortfahren. Diese gänzlich stimmenlose und sehr kleinteilige Art der Tutorials funktioniert sehr gut und macht euch behutsam mit immer mehr Techniken vertraut. Dabei werden euch nicht nur die vielen Angriffe nähergebracht, sondern gerade zu Beginn auch die verschiedenartigen Kletterpassagen. So springt ihr im Verlauf des Spiels über viele Abgründe hinweg, lauft Wände hinauf, hinab und an ihnen entlang und krallt euch an allerlei Kanten fest. Zusammen mit den immer mal wieder vorkommenden Rätselpassagen, bei denen es meist darum geht, Teile eines kreisrunden Gebildes so zurechtzurücken, dass es ein Mandala ergibt, erwartet euch das Action-Adventure sozusagen mit einem Dreigespann an Aktivitäten, die sich regelmäßig die Klinke in die Hand geben.


Mit solch elektrisierenden Angriffen könnt ihr euren übernatürlichen Gegnern mächtig zusetzen.

© Nodding Heads Games

Den größten Spaß hatte ich aber tatsächlich mit den fantastisch inszenierten Kämpfen. Aufgrund ihres artistischen Werdegangs ist Raji unheimlich flink unterwegs, weshalb auch die Auseinandersetzungen mit den Dämonen mit einer relativ hohen Grundgeschwindigkeit daherkommen. So stellt das Rollen, Springen und Hechten aus den Angriffsbahnen der Feinde ein wichtiges Kernelement der stets in einem von Zauberhand abgesteckten Rahmen und in Echtzeit stattfindenden Kämpfe dar. Darüber hinaus stehen euch diverse Möglichkeiten zur Verfügung, eurem Gegenüber zuzusetzen. So könnt ihr grundsätzlich zwischen leichtem und schwerem Angriff wählen, der durch das mehrfache Drücken der jeweiligen Angriffstaste zu einer schön anzusehenden Angriffskombination ausgebaut werden kann. Diese Attacken lassen sich wiederum mit den Ausweichmanövern kombinieren, sodass ihr die meiste Zeit über die Kampffelder tänzelt und auf den richtigen Moment zum Zuschlagen wartet. Säulen und Wände, die häufig in der näheren Umgebung zu finden sind, können von euch zudem als eine Art Sprungbrett genutzt werden, um mächtigere Angriffe auf die Gegner niederprasseln zu lassen. Im Verlauf der Geschichte erhaltet ihr weitere Waffen von göttlicher Herkunft, die während eines Kampfes immer neue taktische Kniffe ermöglichen. Nicht zuletzt versetzen euch bestimmte Sphären in die Lage, einen verheerenden Angriff loszulassen, der allen Gegnern in einem bestimmten Umkreis mächtig zusetzt.


Diese magischen Kugeln sind rar gesät. Entweder ihr erhaltet diese von einer bei bestimmten Kämpfen auftauchenden Statue oder von Schrein-artigen Gebilden, die über die ganze Spielwelt verteilt und teils ziemlich gut versteckt sind. Die kleinen Häuschen können aber verschiedenartige Sphären für euch bereithalten. Während die einen euren verheerendsten Angriff aufladen, schenken euch andere Gesundheit und wieder andere verleihen euch eine Art Skillpunkt. In einem speziellen Menü habt ihr dann die Möglichkeit, diesen erhaltenen Punkt einzusetzen, um so beispielsweise eine passive Fähigkeit zu erhalten oder zu verstärken, die während eines Angriffs zusätzlich ausgelöst werden kann. Ein nützliches, nicht zu kompliziertes System, das noch mehr Würze in das ohnehin schon tolle Kampfsystem bringt. Die wenigen Schreine sind allerdings auch das einzige Element, für das es sich lohnt, die Augen besonders offen zu halten bzw. jeden Winkel der Spielwelt zu untersuchen. Andere sammelbare Gegenstände gibt es nicht, was aus meiner Sicht eine gute Designentscheidung ist, denn solche „Collectibles“ stellen in vielen Spielen heute mehr ein erzwungenes Mittel dar, um die Spielzeit künstlich in die Länge zu ziehen. So wird in Raji: An Ancient Epic aber das eigens gesetzte Ziel, die indische Geschichte in den Fokus zu rücken, weiterhin klar verfolgt.


Immer mal wieder werdet ihr mit kleineren Rätselpassagen konfrontiert.

© Nodding Heads Games

Dem ist auch dienlich, dass euch die Welt einen doch ziemlich linearen Weg vorgibt, den es unweigerlich zu verfolgen gilt. Ein Abweichen nach links oder rechts ist nicht vorgesehen. Zudem müsst ihr euch von einer bei 3D-Abenteuern eigentlich üblichen, frei beweglichen Kamera verabschieden. Stattdessen wandert die Perspektive je nach Standort fest um die junge Raji umher. Das funktioniert auch ganz gut, denn die Kamera ist die meiste Zeit über auffällig weit entfernt, sodass es nicht zu ungewollten Überschneidungen oder störenden Einblendungen kommt. Gleichzeitig wird damit die schön anzuschauende Spielwelt stets passend in Szene gesetzt und bestimmt, wohin sich euer Fokus während des Spielens richten soll. Mal wird damit ein Ort in den Mittelpunkt gerückt, den ihr als Nächstes ansteuern sollt, mal werden euch die vielen imposanten Gemälde und Kunstwerke im sogenannten Pahari-Kunststil präsentiert und mal wird auch einfach nur die Weitläufigkeit der Welt dargestellt, – wobei Letzteres klar als mehr Schein als Sein verstanden werden muss, denn wir erinnern uns: Ein Abweichen vom vorgegebenen Weg ist nicht möglich. Zu den erwähnten Kunstwerken könnt ihr euch bei Bedarf auch immer einige erklärende Worte einholen, die euch beispielsweise weitere Informationen zu den abgebildeten Gottheiten und ihren Taten liefern – anhören müsst ihr euch das aber nicht zwangsläufig. Generell wandern die Entwickler von Nodding Heads Games mit ihrem Credo so wie die Hauptfigur während so mancher Passage auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite werden die Spieler in ihren Möglichkeiten eingeschränkt, andererseits verbleiben ihnen jedoch gewisse Freiheiten, damit der Fokus auf die Geschichte nicht zu erzwungen wirkt.


Die Optik des Titels weiß durch den Einsatz der Unreal Engine zu überzeugen. Euch erwartet zwar gewiss kein Grafik-Bombast, doch so mancher weitläufiger Blick lädt durchaus zum Verweilen und Staunen ein. Zudem ist mir die Charakteranimation positiv in Erinnerung geblieben, die sehr detailliert und flüssig gestaltet wurde, obwohl dies aufgrund der weiten Kameraperspektive bis zu diesem Grad wohl nicht nötig gewesen wäre. Aus sonstiger technischer Sicht wird aber phasenweise deutlich, dass ihr es mit einem Erstlingswerk eines neuen Entwicklerstudios zu tun habt. Zwar läuft das Spiel durchweg mit einer annehmbaren Bildrate, gerade zu Beginn eines jeden Spielstarts habt ihr es aber erst einmal mit einer merklich langen Ladezeit zu tun. Darüber hinaus ist der Titel vor Bugs nicht gefeit. So sind mir so manche Widersacher begegnet, die sich lieber in eine Ecke stellten, statt mich anzugreifen. Zudem habe ich während des Testzeitraums einmal ungewollt die bei Speedrunnern beliebte „out of bounds“-Strategie angewandt. Hierbei wird an bestimmten Stellen eines Levels ein Glitch genutzt, um sich außerhalb der vom Spiel festgelegten Grenzen bewegen zu können, womit man unter Umständen schneller an sein Ziel, das Ende des Spiels, gelangen kann. Mir ist ein solcher Glitch zufällig beim Hochklettern einer Wand begegnet, wo sich Raji nach dem Hochziehen plötzlich im Nichts befand. Ich konnte mich mit ihr zwar noch bewegen, doch die Rückkehr in die eigentliche Welt oder ein Aufrufen des Menüs war nicht mehr möglich, sodass mir einzig der Neustart des Spiels übrig blieb. Ein solches abruptes Endes ist zwar unschön, wiegt aber nicht allzu schwer, da die automatischen Speicherpunkte sehr großzügig verteilt wurden und euch dadurch nur ein minimaler Fortschritt verloren geht.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Chris Holletschek

Nodding Heads Games ist mit Raji: An Ancient Epic ein erlebenswerter Titel gelungen. Das Action-Adventure wartet mit imposanter Optik, toller Soundkulisse und einem schönen Gameplay-Mix aus Kämpfen sowie Platformer- und Rätselpassagen auf, wobei mir besonders die rasanten Gefechte mit ihren vielen verschiedenen und mächtigen Angriffsmöglichkeiten zugesagt haben. Gleichzeitig erwartet euch ein durchaus anspruchsvoller, aber bei Weitem nicht unfairer Schwierigkeitsgrad, der bei eventuellen Rückschlägen im Zusammenspiel mit den großzügig gesetzten Speicherpunkten zum Weitermachen motiviert. Man merkt dem Spiel darüber hinaus deutlich an, dass sich das indische Entwicklerstudio das Ziel gesetzt hat, die Geschichte und Kultur des eigenen Landes zu vermitteln. Einerseits ist das durch Kernelemente wie die Handlung und die verwendeten, künstlerisch anmutenden Stile zu erkennen, andererseits bringt es aber auch Einschränkungen in der spielerischen Freiheit mit sich. So ist der von euch zu beschreitende Weg recht linear vorgegeben und ihr müsst euch von einer frei beweglichen Kamera verabschieden. Das alles ist aber der Erfahrung dienlich, die euch das Spiel bietet. Mir persönlich hat es zwar sehr zugesagt, ihr müsst euch aber bewusst sein, dass hier der Geschichte die oberste Priorität eingeräumt wird. Letztlich ächzt das Spiel noch an kleineren Kinderkrankheiten wie teilweise festhängenden Gegnern und selten auftretenden Glitches. Diese sind aber mehr belustigend, als dass sie wirklich negativ ins Gewicht fallen – außerdem wurde seitens der Entwickler die Arbeit an einem Bug-beseitigenden Update bereits angekündigt. Sofern ihr also auf der Suche nach einem Spiel mit interessantem und unverbrauchtem Setting seid und gleichzeitig Spaß an rasanten, leichtfüßigen Gefechten habt, ist Raji: An Ancient Epic schwerstens zu empfehlen.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 2

  • Mamagotchi

    Zieht 2020 mit der Karawane

    Ich hätte ja aufgrund der vorher zu lesenden technischen Defizite auf eine 7 getippt. Ich freue mich jedenfalls auf den Titel und werd ihn mir zulegen, wenn er im Angebot ist. Es scheint durch das unverbrauchte Setting eine klein Spieleperle zu sein. :nsaf:

  • Timeless

    Turmheld

    Sehr guter Test und die Wertung hätte ich auch gegeben! Alleine Setting und Stimmung sind schon awesome.