The struggle is real

Alles begann mit einem epischen Prolog, ein Herrscher verbannt alle Helden in ein Exil. Einer Legende nach gibt es ein Heldenduo, Achilles und Hector, die sie aus dieser misslichen Lage befreien können und deshalb beten die Verbannten für das Erscheinen der sagenumwobenen Helden. Untermalt werden die gezeigten Bilder von einem dramatischen Soundtrack, der die Spannung perfekt in Szene setzt. Doch dann wird die epische Erzählung plötzlich abrupt beendet, das erhoffte Heldenduo erschien einfach nie, bzw. erst einige Jahrhunderte zu spät, nachdem sowieso keine Rettung mehr nötig war.


In diesem Gebiet fühlt man sich, als hätte man Pilze eingeschmissen.

© Chasing Rats Games Inc.

Damit endet auch die epische Erzählung und das Spiel zeigt sein wahres Gesicht: Das sagenumwobene Heldenduo erwacht in einem Labor, eingesperrt in einem Behälter. Doch so heldenhaft sehen die beiden gar nicht aus, oder besser gesagt, „Es“ sieht absolut widerwärtig aus. Dieses Etwas trägt den Namen Troy und besteht aus zwei Armen sowie einen Kopf mit zwei Gesichtern. Troy ist genau genommen eine Verschmelzung des Heldenduos, Achilles und Hector, die jeweils einen Arm repräsentieren. Dieses Gebilde sieht einfach nur grässlich aus und schreit zudem noch sehr ekelerregend. Hier sollte spätestens klar sein, dass Struggling sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt und die anfangs epische Handlung nur Fassade war.


Die Steuerung des Knödels mit Armen klingt auf dem Papier überaus simpel, das meistern eben dieser stellt sich jedoch als sehr kompliziert bis sogar unmöglich heraus. Mit dem rechten Joystick bewegt ihr den rechten Arm/Tentakel, mit dem linken Stick den linken, zudem können jeweils beide Gliedmaßen unabhängig voneinander greifen. Mithilfe dieser Technik bewegt sich Troy fort, ein Arm greift den Boden, während ihr euch mit dem anderen über den Kopf überschlagt, sogar an Wänden und an Decken kann sich die Abnormalität so entlanghangeln. Wenn sich die Extremitäten einmal verhaken und unkontrollierbar sind, könnt ihr diese auf Knopfdruck neu wachsen lassen. Solltet ihr einmal komplett mit dem gesamten Körper feststecken, kann sich Troy auch selbst eliminieren, um an einem der Checkpoints erneut zu starten. Bei diesem Vorgang fängt Troy an, schmerzvoll zu schreien, um auch wirklich einen authentischen und leidvollen Abgang darzustellen.


Die Bossgegner sehen zwar grässlich aus, bringen aber tolle Abwechslung.

© Chasing Rats Games Inc.

In den linearen Arealen versucht ihr nun das Scheusal mehr schlecht als grazil durch die 2D-Welt zu befördern. Natürlich stellen sich neben Fallen und Hindernisse, wie etwa Lava oder Pfeilgeschosse, auch Feinde in den Weg, die euren Helden ans Fleisch wollen. Anfangs sind das noch Ratten, die eure Gliedmaßen abnagen, später dann auch einmal riesige Monster, die euch mit einem Happs verschlingen. Die Schwierigkeit steigt stetig an und an vielen Stellen werden mehr als nur ein paar Dutzend Versuche nötig, um heil den nächsten Checkpoint zu erreichen. Diese sind zum Glück fair verteilt, damit ihr keine riesigen Abschnitte wiederholen müsst, dennoch benötigt ihr ein sehr dickes Fell, um nicht stellenweise auszurasten. Struggling macht seinem Titel alle Ehre, denn es herrscht wirklich ein gnadenloser Kampf, dieses Spiel zu bezwingen. Wer das Spiel „Getting over it“ kennt, weiß, wie sehr auch Struggling mit eurer Geduld spielen wird. Deshalb direkt eine Kaufwarnung für alle, die einen sehr kurzen Geduldsfaden haben: Ihr werdet absolut keinen Spaß mit diesem Titel haben und durchgehend wutentbrannt fluchen und dabei den ein oder anderen Controller zerschmettern. Selbst ich hatte solche Momente, in denen ich den Controller am liebsten gegen den Fernseher pfeffern wollte, weil Troy einfach nicht das gemacht hat, was ich wollte, da die Steuerung der Arme manchmal wirklich katastrophal ausfallen kann. Dies fällt vor allem bei den verschiedenen Schalterrätseln gravierend auf: An einer Stelle müsst ihr einen Kran mit einem angebrachten Magneten bewegen, um mit dessen Hilfe ein paar Metallteile zu verschieben, um damit eine Art Brücke zu bauen. Doch das Bewegen der Kranhebel kann in einer derartigen Tortur enden, dass mir beim Zusehen bereits meine eigenen Arme verkrampfen. An anderer Stelle müsst ihr einen Stöpsel greifen und mit diesem einen Lavafluss aus einem Rohr versiegeln. Da die Öffnung jedoch weit oben hängt, war es ein einziger Kampf, irgendwie den Pfropfen dort reinzubekommen.


Im Laufe des Spiels lernt Troy weitere Tricks, so kann er seine Gliedmaßen abtrennen, die von nun an ein Eigenleben besitzen und sich getrennt von seinem Körper fortbewegen. Somit können diese zum Beispiel durch enge Höhlen geschickt werden, um dort Schalter zu aktivieren. Außerdem kann Troy die Zeit anhalten, um kommenden Gefahren besser ausweichen zu können. Ein besonderes Highlight stellen die Bossgegner dar, die absolut ekelhaft designt sind, aber dennoch unglaublich originell ausfallen. Hier haben wir zum Beispiel eine Art Opernsänger, der ununterbrochen in höchster Tonlage vor sich hin trällert. Der Kampf ist dabei wie ein Pinball aufgebaut, Troys Kopf ist hierbei losgelöst von seinen Armen und dient als Kugel. Die Tentakel sind im Level an den Wänden befestigt und es muss versucht werden, den Kopf zu greifen und mit Schwung durch das Areal zu schleudern. Dabei sollen bestimmte Punkte getroffen werden, was dem Boss Schaden zufügt – inklusive hohem Schmerzensgesang. An anderer Stelle begegnet ihr einem großen Klumpen Fleisch mit drei Köpfen, die jeweils unterschiedliche Persönlichkeiten besitzen. Hier wird das Ganze als eine Art Datingshow inszeniert, Troy bekommt zuerst Fragen von den einzelnen Köpfen gestellt und muss dementsprechend antworten. Je nachdem, wie ihr antwortet, verzückt es die jeweilige „Person“ und sie verfällt euch, oder sie ist eher nicht angetan. Am Ende dürft ihr euch für einen Kopf entscheiden.


Die furiose Motorradfahrt zählt zu meinem Highlight.

© Chasing Rats Games Inc.

Auch abseits der originellen Bosse bietet das Spiel viele abwechslungsreiche Areale. Einmal müsst ihr einem Tsunami bestehend aus Ratten entkommen, an anderer Stelle stürzt ein Flugzeug ab und ihr flieht auf einem Motorrad rasend vor diesem, müsst dabei aber das Gleichgewicht halten, damit ihr nicht nach hinten oder vorne umkippt. Von einer Westernlandschaft über einen Pilzwald bis hin zu alten Ruinen durchstreift ihr die verschiedensten Gebiete und plötzlich findet sich Troy auch mal in einem Basketballspiel wieder und muss per Slam Dunk einen Korb erzielen. Diese vielfältigen Stellen machen viel Spaß und zeigen, wie originell Struggling sein kann. In den Arealen sind zudem kosmetische Accessoires versteckt, die sich Troy als Hüte aufsetzen kann. Diese sind meist an schwer erreichbare Orte platziert und sobald ihr euch einem nähert, ertönen im Hintergrund Stimmen, die in verschiedenen Tonlagen „Secret!“ flüstern. Der Soundtrack variiert von komplett durchgedreht (Opernszene sowie das Hauptmenü), zu episch (das Intro) und zur Thematik passend (Western-Musik). Die Grafik ist in einem sehr hübschen Comicstil gehalten, jedoch können die grotesken und ekelhaften Kreaturen nicht jedermanns Geschmack treffen.


Das wohl größte Highlight ist aber der Koop-Modus für zwei Spieler. Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle eines Arms, ähnlich wie es bereits das Spiel Octodad: Dadliest Catch vorgemacht hat – das Chaos ist hierbei natürlich vorprogrammiert. Es ist bereits alleine schwierig genug, überhaupt Kontrolle über die beiden Gliedmaßen zu haben, wenn ihr jetzt aber nur noch eines steuert und euch mit eurem Partner koordinieren müsst, wird das Spiel fast schon unmöglich zu meistern. Das Tohuwabohu aus dem Versuch, sich gegenseitig zu verständigen sowie dem Herumbrüllen, wenn der Partner nicht so agiert wie man will, macht unfassbar viel Spaß. Der Wechsel zwischen Gelächter und Fluchen geht oftmals fließend ineinander über, ich hatte im Koop-Modus mordsmäßig Spaß, jedoch kann es auch in die andere Richtung gehen und ein größerer Streit daraus entstehen. Mein Bruder zum Beispiel hatte zwar Spaß an dem Koop-Kuddelmuddel, nach einer halben Stunde musste er jedoch das Handtuch werfen, da das Spiel ihn gleichzeitig auch wahnsinnig gemacht hat. Anders sah es mit einem Kumpel aus: Ihn hatte sofort der Ehrgeiz gepackt, sodass wir in einer fast dreistündigen Session das noch restliche Abenteuer abgeschlossen haben, insgesamt hat die Reise ungefähr acht Stunden gedauert.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Johannes Bausch

Es hat schon lange kein Spiel mehr geschafft, dass ich während des Zockens so viel Wut, Spaß als auch Verzweiflung und Frust im stetigen Wechsel erlebt habe wie bei Struggling. Wie bereits der Titel verrät, ist das Spiel ein einziger Kampf mit der Steuerung. In ein paar Abschnitten hatte ich immensen Spaß, den unansehnlichen Helden Troy durch die Areale zu hieven, in anderen wiederum hätte ich vor Zorn gerne den Controller gegen die Wand katapultiert, weil die Arme von Troy einfach nicht das gemacht haben, was ich wollte. Diese Stellen können durchaus in Frust und Verzweiflung enden, deswegen spreche ich eine deutliche Kaufwarnung für jeden mit einem kurzen Geduldsfaden aus, Struggling will euch Leiden sehen und das schafft es auch hervorragend. Wenn ihr nicht gerade eine sehr hohe Frustgrenze besitzt, kann ich Struggling als Einzelspieler deshalb nicht empfehlen. Andererseits strotzt der Titel vor kreativen Ideen, überrascht mit einem abwechslungsreichem Leveldesign und vor allem mit witzigen Boss-Begegnungen, die ihresgleichen suchen. Eine Kaufempfehlung spreche ich allerdings für den Koop-Modus aus, in dem zwei Spieler jeweils einen Arm von Troy übernehmen. Denn dann wird das Leid sofort geteilt und oftmals in Gelächter umgemünzt. Auch wenn das Spiel zu zweit deutlich schwerer wird, da die Koordination zwischen zwei Personen im absoluten Chaos enden kann, so werdet ihr jedoch viel Spaß haben. Als Koop-Spieler könnt ihr deshalb (fast) bedenkenlos zugreifen, vorausgesetzt, ihr könnt euch mit eurem Partner nach eventuell aufkommenden Streitereien wieder vertragen und euch auch mit dem Look des teils sehr widerwärtigen und grotesken Artstyles anfreunden, der definitiv nicht jedermanns Sache ist.
Mein persönliches Highlight: Die spektakuläre Motorradfahrt, die ich trotz katastrophaler Fahrskills meinerseits irgendwie überstanden habe.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 2

  • Holzkerbe

    sammelt <3 in moon

    Danke für den informativen Test :thumbup: Vieles klingt sehr gut wie z.B. die ausgefallenen Bosse. Tatsächlich schreckt mich der widerwärtige Style und die krampfige Steuerung aber zu sehr ab, als das ich hier zugreifen wollen würde...

  • Johannes Bausch

    Redakteur

    Holzkerbe Sehr gerne:thumbup:

    Dann glaube ich fast, dass es in deinem Fall besser ist nicht zuzuschlagen. Wenn dir schon der Style nicht gefällt und dann noch die krampfhafte Steuerung on Top, wirst du denke ich wenig Spaß an dem Titel haben. :(