Rätseln und Springen gegen die Apokalypse

Die Nintendo Switch hat sich seit ihrem Erscheinen im Jahr 2017 einen Namen als führende Konsole für Indie-Entwickler gemacht. Indie-Studios wiederum zeichnen sich – zumindest in der Wahrnehmung vieler Beobachter – nicht nur dadurch aus, dass sie kleine, unabhängige Teams sind, sondern auch mit Kreativität und alternativen Formen des Spieldesigns punkten wollen, wenn es schon am großen Budget für die grafische Präsentation mangelt. Doch in der Praxis ist die Zahl der Indie-Entwickler immer größer geworden, wodurch es für Spiele dieser Art schwierig ist, aus der Masse der Konkurrenz im Nintendo eShop hervorzustechen. An dieser Stelle kommt Lair of the Clockwork God ins Spiel. Der Titel des Entwicklerduos Dan Marshall und Ben Ward versucht mit einer recht einzigartigen Kombination aus klassischem Point-and-Click-Adventure, Platformer-Elementen und schwarzem Humor zu punkten. Im Ergebnis präsentiert das Duo damit ein Spiel, das in vielerlei Hinsicht anders ist als vergleichbare Erlebnisse auf der Nintendo Switch.


Vom unterirdischen Stützpunkt aus geht es für Ben und Dan in die unterschiedlichsten Gebiete.

© Size Five Games Ltd.

Doch fangen wir vorne an. Am Anfang des Abenteuers von Ben und Dan steht nämlich ein sagenhafter medizinischer Fund. Irgendwo im Dschungel von Peru finden die beiden ungleichen Abenteurer eine Pflanze, die Krebs heilen kann. Was unter normalen Umständen eine Sensation wäre, die die Weltöffentlichkeit für lange Zeit fesseln würde, wird in Lair of the Clockwork God schnell von anderen Ereignissen verdrängt. Denn das Timing unserer Helden erweist sich als maximal ungünstig. Bei ihrer Rückkehr nach London müssen Ben und Dan feststellen, dass leider allerlei Apokalypsen über die Welt hergefallen sind. Moment, sagte ich Apokalypsen, wie mehrere Weltuntergänge? Ja, so sieht es aus. Aliens, Dämonen und der Teufel höchstselbst machen sich daran, die Menschheit zu plagen. An dieser Stelle soll natürlich nicht verraten werden, wer der Urheber dieses Chaos’ ist. Nur so viel: Ben und Dan schaffen es, sich in eine unterirdische Anlage zu retten, in der sie vor dem Weltuntergang erst einmal sicher sind. Von da aus verschlägt es die beiden über einen antiken Teleportationsmechanismus quer durch verschiedene Level, in denen unterschiedliche Ausprägungen der menschlichen Emotionen eine Rolle spielen. So bereist ihr unter anderem ein verfluchtes Raumschiff, einen heruntergekommen Club sowie eine begrüntes Areal, das vom Stil her einigen klassischen Sonic the Hedgehog-Spielen ähnelt. Damit bietet euch Lair of the Clockwork God eine breite Palette an Schauplätzen, die zwar nicht sonderlich groß, aber abwechslungsreich gestaltet sind.


In den jeweiligen Leveln übernehmt ihr die Kontrolle über Ben und Dan, die sowohl von ihren Persönlichkeiten als auch ihren Fähigkeiten her kaum unterschiedlicher sein könnten. Ben übernimmt dabei die Rolle des Abenteurers in einem klassischen Point-and-Click-Adventure, was bedeutet, er ist (sehr) langsam zu Fuß, weigert sich beharrlich, auch nur die kleinsten Stufen zu erklimmen und trägt aggressiv eine Abneigung gegen jede körperliche Aktivität zur Schau. Dafür kann er mit den Bewohnern der Welt reden und mit Gegenständen wie Schaltern interagieren, was zwingend notwendig ist, um im Spielverlauf weiterzukommen. Darüber hinaus kann er – ebenfalls ganz klassisch gehalten – im Inventar Gegenstände miteinander kombinieren und sie so umfunktionieren, um Rätsel zu lösen und dadurch die Handlung voranzutreiben. Dan bildet als Platformer den exakten Gegenpol zu Ben: Er ist schnell unterwegs, springt gerne und viel durch die Gegend und weigert sich umgekehrt beharrlich, mit seiner Umwelt zu interagieren.


Teamwork makes the dream work. Wenn Ben Gegenstände clever kombiniert, werden Dans Platformer-Fähigkeiten verbessert.

© Size Five Games Ltd.

Die Kombination von Dans und Bens Fähigkeiten bildet das Herzstück des Spiels. Um die unterschiedlichen Herausforderungen zu meistern, seid ihr darauf angewiesen, die beiden Charaktere, zwischen denen ihr jederzeit per Knopfdruck wechseln könnt, klug durch die Level zu manövrieren. Beispielsweise müsst ihr mit dem agilen Dan eine Platformer-Passage überwinden, um zu einem Gegenstand zu gelangen, den Ben für die Lösung eines Rätsels braucht. Umgekehrt kann Ben Gegenstände herstellen, die es Dan erlauben, weiter zu springen oder schneller zu laufen. So entsteht in jedem neuen Spielabschnitt eine eigene Dynamik zwischen den Figuren, die sehr zur Motivation beiträgt. Der schnelle und häufige Wechsel zwischen Rätseln und Springen führt auch dazu, dass sich einzelne Passagen nicht in die Länge ziehen. Trotzdem ist zu erwähnen, dass die Platformer- und Rätsel-Abschnitte für sich genommen zwar grundsolide, aber nicht perfekt sind. Insbesondere die Sprungpassagen mit Dan bedienen sich vor allem an bereits etablierten Genre-Vorlagen und weichen hier nur selten ab. Da ist die Manipulation der Schwerkraft schon mit die kreativste Idee.


Absolut überragend ist hingegen der Humor des Spiels. Selten hat mich ein Spiel so oft zum Lachen gebracht wie Lair of the Clockwork God. Das liegt zum einen an den fantastisch geschriebenen und ungemein sympathischen Protagonisten, die mit ihrer schrulligen Art immer wieder für lustige Situationen sorgen. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass Lair of the Clockwork God eine stilsichere Hommage an die Videospielkultur ist und insbesondere die beiden Genres aufs Korn nimmt, die es abdeckt. Bens vehemente Weigerung, auch nur über den kleinsten Spalt zu springen, parodiert in wunderbarer Weise die Einschränkungen, mit denen klassisches Spieldesign früher konfrontiert war (und heute teilweise noch ist). Gleichzeitig ist es witzig, Dan dabei zuzusehen, wie er vor einem Schalter, den er als Platformer natürlich nicht bedienen darf, mit seinem Gewissen ringt, ob eine Ausnahme nicht doch mal angebracht sei.


Die Jugend von heute. Was müssen Ben und Dan wohl machen, um in den Nachtclub zu kommen?

© Size Five Games Ltd.

Abgerundet wird der Humor durch eine toll gestaltete Welt, die nur so vor lustigen Ideen überquillt. Ein Beispiel: Zu einem Zeitpunkt im Spiel verschlägt es Ben ins Jenseits, doch statt Wolken und Engeln erwartet ihn eine klinisch abgeriegelte Umgebung, in der Dinosaurier in Anzügen den Ton angeben. An diesem Ort werden die Platformer wiedergeboren, was nichts anderes heißt, als dass ihnen die Stacheln aus dem Hintern gezogen werden, wenn sie mal wieder in eine Grube gefallen sind. Die entscheidende Frage ist jetzt: Warum haben da Dinosaurier das Sagen? Die völlig nachvollziehbare Antwort: Während alle anderen nur tot sind, sind sie ausgestorben und damit quasi „super-tot“. Lair of the Clockwork God ist voll von solchen kreativen Einfällen.


In technischer Hinsicht hinterlässt der Titel einen durchwachsenen Eindruck. Das liegt nicht am gelungenen Design der detaillierten Pixel-Grafik oder dem soliden Soundtrack, sondern vor allem an immer wiederkehrenden Rucklern, die dann auftreten, wenn automatisch gespeichert wird. Während die Ruckler in den ruhigen Spielabschnitten mit Ben noch gut ignoriert werden können, ist die Unterbrechung des Spielflusses gerade bei den Sprungpassagen mit Dan ärgerlich. Gerade angesichts der genügsamen Pixel-Optik sollten solche technischen Probleme nicht auftauchen. Erwähnenswert ist auch, dass das Spiel auf eine deutsche Sprachausgabe verzichtet. Wenn ihr die knapp acht- bis zehnstündige Geschichte also in vollen Zügen genießen und jeden Witz mitnehmen wollt, solltet ihr des Englischen mächtig sein.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Adis Selimi

Mit Lair of the Clockwork God liefern Dan Marshall und Ben Ward eine fantastische Hommage an die Videospielkultur ab, die euch mit ihrem einfallsreichen Genre-Mix sehr gut unterhalten wird. Ich habe beim Spielen des Titels mehrmals lachen müssen und die beiden schrulligen Protagonisten mit ihren Macken sind mir unglaublich schnell ans Herz gewachsen. Umso ärgerlicher sind die kleineren technischen Probleme, die angesichts der genügsamen Präsentation hätten vermieden werden können. Ich hoffe sehr, dass die Entwickler hier noch nachbessern. Lair of the Clockwork God hätte es verdient, denn das Spiel macht ansonsten fast alles richtig.
Mein persönliches Highlight: Bens Kampf gegen das Platformertum.

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