Die holprige Reise einer Heldin im Wandel der Jahreszeiten

Die Jahreszeiten zu beherrschen und sich mit ein paar Handgriffen seinen präferierten saisonalen Jahresabschnitt zu schaffen, dass dürfte für viele Ski-Fahrer, oder Strandurlauber eine verlockende Vorstellung sein. Zumindest virtuell kann man in Ary and the Secret of Seasons darauf Einfluss nehmen, doch leider lässt das Action-Abenteuer trotz allem keine wohlig warmen Frühlingsgefühle aufkommen, sondern es lässt einem beim Spielen vor Frust eher kalt den Rücken runterlaufen – doch eins nach dem anderen.


Während eurer Reise stehen euch die Wächter der Jahreszeiten mit Rat und Tat zur Seite.

© Modus Games

Sorglos spielt das kleine Mädchen Aryelle, kurz Ary, mit ihrem selbstgebauten Spielzeug, die Geschichte der Bedrohung von Valdi durch den bösen Magier nach, noch in Unkenntnis darüber, was sie für ein Abenteuer erwarten wird. Während sie für ihre Mutter Besorgungen in der schneebedeckten Stadt macht, wird diese plötzlich von wilden Hyänen angegriffen, doch mit vereinten Kräften, können die Angreifer erfolgreich zurück geschlagen werden. Nach einem wilden Ritt auf einer der Hyänen findet Ary seltsamerweise das Holzschwert ihres verschollenen Bruders Flynn bei einer der Biester wieder und als ob das nicht genug der seltsamen Umstände wäre, schießt ein riesiger, roter Kristall vom Boden hinab und wandelt die zuvor in eine kalte Winterlandschaft getauchte Umgebung, in sommerliche Gefilde um.


Doch ein kleiner Teil bleibt unberührt. Ihr Vater, einst ein mächtiger Wächter der Jahreszeiten, hat seinen Wächterkristall des Winters scheinbar noch in den Kellergewölben des Hauses verstaut. Ihr begebt euch also in den Keller eures Heimathauses und findet, wie vermutet, besagten Wächterkristall des Winters vor. Mit dem funkelnden Festkörper im Gepäck brecht ihr also auf, um dem seltsamen Wetterphänomenen auf den Grund zu gehen und die restlichen drei Wächter der Jahreszeiten in der Kuppel der Jahreszeiten aufzusuchen. Doch was Ary dort vorfindet, lässt sie an der Legende und der Macht der Wächter zweifeln…


... und es ist an euch, die Welt zu retten!


Los geht es also, hinaus in die weite Welt von Valdi. Wie man es aus den meisten modernen Action-Abenteuern à la The Legend of Zelda: Breath of the Wild oder Astral Chain gewohnt ist, werdet ihr zunächst mit den grundlegenden Mechaniken des Spiels vertraut gemacht. Springen, ducken, ausweichen, mit dem Schwert zuschlagen – soweit so klassisch. Das geht auch gut von der Hand und Ary lässt sich recht anständig durch die Spielwelt manövrieren. Mit dem Wächterkristall, den ihr mit euch tragt, könnt ihr zudem die Umgebung klimatisch beeinflussen. Zunächst seid ihr nur im Besitz des ersten Kristalls, welcher auf Knopfdruck jedes noch so warme Fleckchen Erde im Umkreis von ein paar Metern von Ary in eine frostige Eislandschaft samt Schneeflocken verwandelt. Befindet sich eine Jahreszeitensphäre in eurer Umgebung, dann kann diese durch die Nutzung des Kristalls aktiviert werden, um so ganze Landstriche in Eis zu hüllen und sogar neue Passagen aus Eisschollen für euch zu erschaffen. Auf denen könnt ihr dann auch zu hoch gelegenen Ebenen der Spielwelt gelangen. Im weiteren Verlauf des Spiels erhaltet ihr zudem die drei weiteren Wächterkristalle, um damit die Jahreszeiten und eure Umgebung zu beeinflussen. Die Rätsel in der Spielwelt sind alle auf die Verwendung eben dieser Kristalle ausgelegt.


Nutzt geschickt eure Jahreszeiten-Kräfte, um die Rätsel im Spiel zu lösen.

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Insbesondere in den Jahreszeiten-Tempeln, welche ihr nacheinander besucht, um die Wächtergolems davon zu überzeugen, euch die Lichtkernsteine zu überlassen und damit den ausgebüchsten Magier wieder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Mal müssen Ranken zum Wachsen gebracht werden, um damit eine Sphärenkugel über mehrere Räume hinweg in eine Schale zu befördern, die so wiederum eine Tür öffnet, welche uns bis dahin den Weg versperrt hatte. Woanders muss mit der Sommer-Jahreszeit eine Wasserblase in der Luft geschaffen werden, damit wir erhöhte Ebenen erreichen können, um dort einen Schalter umzulegen. Prinzipiell enden alle Rätsel mit der Aktivierung eines Schalters. Sonderlich schwer zu knacken war keines der Jahreszeiten-Knobeleien – da wäre meiner Meinung nach definitiv mehr drin gewesen. Um eure Gegner zu bezwingen, könnt ihr bei Händlern Ary mit weiteren Fähigkeiten und Ausrüstungen ausstatten, einen spürbaren Unterschied konnte ich jedoch nicht feststellen. Die Gegner, mit denen ihr euch im Spiel konfrontiert seht, verdienen diese Bezeichnung allerdings sowieso nicht, denn diese sind strunzdumm und stellen zu keiner Zeit eine Gefahr da. Anders sieht das es da schon bei den Wächtergolems aus, denn die Kämpfe mit ihnen beinhalten in sich ein Rätsel, welches es zu knacken gilt, um den riesigen Gegner zu besiegen. Davon gibt es letztendlich aber viel zu wenige – schade.


Prinzipiell ist die Welt als eine Art Open-World angelegt, allerdings ist sie in verschiedene Bereiche unterteilt, welche immer mal wieder durch Ladezeiten unterbrochen werden. Diese sind zwar nicht sehr lang, fallen aber doch negativ auf, da die Gebiete an sich nicht sehr groß sind. Die Kuppel der Jahreszeiten befindet sich dabei in der Mitte der Spielwelt und verbindet alle Areale miteinander. Neben dem eigentlichen Hauptstrang der Geschichte trefft ihr immer mal wieder auf Bewohner der Spielwelt, die eure Hilfe benötigen. Mal sollen für einen Koch ein paar Fische gesammelt werden, oder auch ein Feuer gemacht werden, da sich die badehosentragenden Bewohner nicht auf den plötzlichen Kälteeinbruch vorbereiten konnten und eher karibische Klimabedingungen gewohnt sind. Überraschungen, oder ein außergewöhnliches Quest-Design sollte man dabei allerdings nicht erwarten, dafür sind die Dialoge allerdings nett geschrieben. Auch die Hauptgeschichte birgt wenig Überraschendes, die Rollenverteilung von Gut und Böse ist schnell klar und Wendungen sucht man eher vergebens. Neben dem Fiesling, mit einer plötzlich einsetzenden moralischen Epiphanie, gibt es lediglich geschichtliche Standard-Kost. Diese wird dabei zumeist durch Textboxen erzählt, aber manchmal bekommt man auch eine der schön animierten Zwischensequenzen zu sehen, welche definitiv eine der Stärken des Spiels sind. Humorvoll inszeniert und cineastisch geschnitten, könnten diese direkt aus der Feder von Pixar stammen. Auch die musikalische Untermalung durch den Komponisten Marcus Hedges und sein Orchester ist durchaus geglückt. Diese passt sich dynamisch dem Geschehen an, ist thematisch immer auf dem Punkt und wirkt mit ihren seichten Klängen nie aufdringlich. Die sonstige Tonkulisse abseits der Musik geht in Ordnung, wirkt aber etwas flach.


Bei diesem Anblick würden sich die Horen im Grab umdrehen


Was so gar nicht in Ordnung geht, ist der allgemeine Zustand des Spiels, welcher leider Katastrophal ausfällt – zumindest auf der Nintendo Switch. Solltet ihr im stationären Modus spielen, dann läuft das Spiel nicht immer flüssig und fängt so manches Mal an zu ruckeln – im portablen Modus ist davon zum Glück weniger zu spüren. Aus einem mir unerklärlichen Grund war das Spiel zu Beginn sogar so dermaßen am Ruckeln, dass es teils unspielbar war. Dieses Phänomen verschwand glücklicherweise nach ein paar Neustarts komplett und ist auch nicht wieder aufgetreten. Hinzu kommt, dass sich das Spiel gerne auch mal komplett mit einem Fehler verabschiedet und ihr euch auf dem Home-Bildschirm eurer Konsole wiederfindet – zum Glück speichert das Spiel automatisch. Des Weiteren wurden auf Nintendos Konsole leider die kompletten Schatten aus der Welt entfernt, was diese dadurch flach und weniger plastisch erscheinen lässt sowie den Tiefeneindruck, den ein modernes 3D-Spiel normalerweise hat, ebenfalls vermissen lässt. Ein Problem was sich dazu gesellt ist die Tatsache, dass man bei Sprungpassagen kein Gefühl dafür bekommt, wo man mit Ary letztendlich landen wird, da nicht mal sie einen Punktschatten unter den Füßen hat. Die allgemein bunte, grafische Präsenz die an Animationsfilme erinnert, hat seine hübschen Seiten, zeigt aber an vielen Ecken auch seine hässlichen. Großflächige Umgebungen ohne ein Objekt, einfarbige Texturen, fehlende Details wie Wasseroberflächen und ein uninspiriertes Leveldesign sind überall zu finden. Die schlichten, halbtransparenten Textboxen, das allgemein langweilig anmutende Menü im Spiel, die viel zu große Einblendung der aktuell verfolgten Aufgaben, sowie die pixelige Übersichtskarte sind da noch zu verschmerzen und sicherlich Geschmacksache.


Das Spiel zählt nicht zu den hübschesten Vertretern seines Genres.

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Zudem haben die Entwickler gefühlt keine Zeit in die Qualitätskontrolle gesteckt. Fehlende Kollisionsabfragen, in der Luft hängende Objekte, defekte Nebenquests, Events die nicht ausgelöst werden, Sprachboxen in falscher Sprache und manchmal fehlten ganze Objekte in der Spielwelt – die Liste ist lang. Vieles wirkt einfach nicht wie aus einem Guss und ich hatte häufiger das Gefühl: „War das jetzt richtig, was ich hier gemacht habe, oder laufe ich Gefahr, in eine Gameplay-Sackgasse zu rennen?“ Passiert ist mir das glücklicherweise nie, aber so richtig sicher sein, konnte ich mir da nie. Etwas mehr Entwicklungszeit hätte dem Spiel sicher gut getan, denn so ist es mehr eine Rasputiza, als eine wundervoll Darstellung der vier Jahreszeiten.


Was bleibt, ist ein unterdurchschnittlicher Zelda-Klon und diesen Vergleich muss sich das Spiel definitiv gefallen lassen – auch wenn laut Sebastien Le Touze, der Gründer des Entwicklerstudios von Ary and the Secret of Seasons, das 1997 erschienene Soul Reaver als Hauptinspiration nennt – denn die allgemeine grafische Anmutung, der Zeitlupeneffekt wenn man mit der Schleuder zielt, das optische Trefferfeedback wenn man einen Gegner umhaut , oder auch die Ornamente auf den Sphären schreien nur so danach. Auch das Lösen eines Rätsels oder aktivieren eines Schalters wird mit einem markanten Ton bestätigt und in den Tempeln erhält man zu Beginn, natürlich aus einer Truhe, den passenden Gegenstand für Ary, um diesen auch erfolgreich durchwandern zu können. Mehr als die vier Herzen, welche ihr zu Anfang besitzt, könnt ihr außerdem auch im Verlauf des Spiels erhalten. Das kommt einem alles seltsam bekannt vor aus den Abenteuer mit einem gewissen Herrn Link. Das möchte ich dem Spiel aber beileibe nicht als negativen Punkt ankreiden. Einige der Kritikpunkte könnten sicherlich zukünftig nach ein paar Aktualisierungen passé sein, aber im aktuellen Zustand ist das Spiel leider nicht zu empfehlen.

Unser Fazit

4

Erträglich

Meinung von David Kuhlgert

Ary and the Secret of Seasons hat es mir nicht leicht gemacht. Ich wollte das Spiel wirklich lieben für das, was es darstellen möchte, für die Idee mit der Beeinflussung der Jahreszeiten und das einzig und allein ein kleines Mädchen den Mut aufbringt, einem ganzen Land zu zeigen, aus welchem Holz Heldinnen geschnitzt sind. Die amüsant inszenierten Zwischensequenzen, die unterschiedlichen liebevollen Charaktere und der allgemein gute Spielfluss hätten es zu einem fantastischen Spiel werden lassen können, wenn die Entwickler sich etwas mehr Zeit genommen hätten. Auch wenn die restlichen 20 % nach Pareto in einem Projekt die Aufwändigsten sind – die hätte das Spiel bitter nötig gehabt. Der qualitativ katastrophale Zustand hat mich immer wieder aus dem Spielgeschehen gerissen und mich fassungslos, kopfschüttelnd und verzweifelt dreinblickend vor meinem Fernseher sitzen lassen. Auf den anderen Plattformen für das Ary and the Secret of Seasons erschienen ist, mögen ein paar der Kritikpunkte nicht so stark ins Gewicht fallen, aber auf Nintendos portabler Konsole sind sie nun einmal leider umso stärker vorhanden. Aber vielleicht spendieren die Entwickler dem Spiel ja noch ein paar Aktualisierungen und es erfährt dadurch seinen zweiten Frühling auf der Nintendo Switch.
Mein persönliches Highlight: Die wenigen humorvollen Zwischensequenzen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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