Magische Reise mit Hindernissen

Zu Beginn dieses Tests eine eher schwierige Frage: „Was geschieht, wenn wir sterben?“ Während wohl jeder seine eigene Antwort auf diese Frage haben wird – ob aus religiöser oder ganz persönlicher Überzeugung heraus –, so ist das Konzept vom Leben nach dem Tod nichts Ungewöhnliches. Ob wir in den Himmel oder in die Hölle geschickt werden oder nach der Wiedergeburt nun doch ein neues Leben bekleiden, so glauben viele daran, dass unsere Seele weiterwandert.


Willkommen in China, wo die Drachen Feuer spucken!

© Stone Lantern Games

Eine ebensolche verlorene Seele spielt die Hauptrolle im 2D-Puzzle-Platformer Evergate von Stone Lantern Games. Als Ki streift ihr durch die malerischen, aber auch unheimlichen Landschaften des Jenseits und versucht, die Erinnerungen an ein vergangenes Leben wiederherzustellen. Diese werden euch vom titelgebenden Evergate gezeigt und schicken euch an die verschiedensten Orte unserer Erde. Seltsamerweise scheint es sich dabei aber nicht um Kis eigene Erinnerungen zu handeln. Was genau dahinter steckt, möchte ich jedoch nicht vorwegnehmen.


Ziel des Spiels ist es, mit Ki die kniffligen Puzzle-Platformer-Level zu absolvieren und dadurch die Story voranzutreiben. Herzstück des Gameplays ist dabei die sogenannte Seelenflamme. Diese Mechanik erlaubt es euch, mit der Levelumgebung zu interagieren, indem ihr Kristalle zerschmettert, Flächen in Brand setzt, Plattformen erschafft und vieles mehr. Jede Welt nimmt sich ein eigenes Seelenflammen-Gimmick zur Brust, wodurch ihr immer wieder mit neuen Elementen und Situationen konfrontiert werdet. Mit zunehmendem Spielverlauf greifen die verschiedenen Mechaniken graduell ineinander über, sodass sich eine natürliche Entwicklung der Levelkomplexität ergibt.


Um von der Seelenflamme Gebrauch zu machen, muss der ZR-Knopf betätigt und gehalten, ein Ziel mit dem linken Stick anvisiert und anschließend der Y-Knopf zum Auslösen gedrückt werden. Je nach Einstellung kann dafür auch der rechte Stick zum Einsatz kommen und die Seelenflamme sofort aktivieren, was vor allem geübten Spielern und Spielerinnen gefallen wird, die flinke Manöver ausführen wollen. Fühlt man sich noch nicht so sicher im Umgang mit dieser zugegeben schwer zu meisternden Mechanik, so kann eine Zeitlupe beim Zielen aktiviert werden. Alternativ kann mit dem ZL-Knopf in den noch langsameren Präzisionsmodus gewechselt werden, welchen ich allen Anfängern empfehlen würde, um ein Gefühl für die Seelenflamme zu erhalten.


Durch das Jenseits wandern ist nicht leicht


So sehr mich die Gameplay-Ideen begeistern konnten, so sehr frustrierte mich auch der ziemlich schwierige Start ins Abenteuer. Die Lernkurve steigt schon früh stark an und selbst mit Nutzung der gegebenen Spielhilfen müssen stählerne Nerven bewiesen werden, um durch die Level zu kommen. Eine noch größere Herausforderung stellt es dar, in jedem Level Essenzen zu sammeln. Diese erhaltet ihr als Belohnung dafür, den Level schnell abgeschlossen, alle Sammelgegenstände eingesammelt und alle Level-Objekte aktiviert zu haben. Mit Essenzen können Artefakte freigeschaltet werden, welche Kis Fähigkeiten erweitern oder verbessern.


In einer späteren Welt muss sich Ki vor einem Schneesturm in Acht nehmen, welcher alle paar Sekunden den Bildschirm bedeckt.

© Stone Lantern Games

Leider sehe ich einen großen Haken an diesem Artefakte-System. Seht es einmal so: Die Artefakte dienen dazu, das Spiel zu erleichtern. An wen richten sich diese Artefakte also? An Anfänger! Aber wer ist geschickt genug, um die für Artefakte benötigten Essenzen zu sammeln? In jedem Fall nicht die Anfänger. Für mich verfehlt das ganze System also etwas den Sinn. Noch dazu werden die gesammelten Essenzen nicht global gezählt, sondern in die verschiedenen Welten des Abenteuers aufgeteilt. Selbst auf lange Sicht profitieren Anfänger also kein Stück von den Artefakten. Wer nicht gerade bereit ist, immer und immer wieder die gleichen Level zu spielen, um diese irgendwann zu vervollständigen, der wird schnell vom „Grinding“-Aspekt abgeturned sein.


Tatsächlich habe ich Evergate in mehrerlei Hinsicht als wenig anfängerfreundlich wahrgenommen. Der bereits genannte Präzisionsmodus ist die größte Hilfe, die euch bereitgestellt wird. Wer darüber hinaus Schwierigkeiten hat – etwa ein Puzzle nicht versteht oder mit einer Mechanik einfach nicht zurecht kommt –, der beißt in den sauren Apfel. Es werden keine Tipps oder zusätzlichen Hilfen angeboten. Auch können nach meinem Wissensstand keine Level übersprungen werden. Optionale Checkpoints wären bereits eine echte Bereicherung gewesen. Angesichts der zu Beginn steilen Lernkurve kann dies schnell ziemlich frustrierend werden. Es ist lobenswert, dass Evergate der Zielgruppe „Speedrunner“ imponieren möchte und dafür eigene Speedrunner-Einstellungen bietet, doch wer den Profis entgegenkommt, sollte nicht die Neulinge vernachlässigen.


Immerhin die audiovisuelle Gestaltung von Evergate kann mit einer malerisch schönen Optik und einem atmosphärischen Soundtrack punkten. Die Erzählweise der Geschichte in Form von kleinen animierten Zeichnungen fällt äußerst charmant aus und gibt dem Spiel zusätzlich Persönlichkeit – etwas, das dem Spiel aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit zu Ori and the Blind Forest oder Hollow Knight zunächst abgesprochen werden könnte.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Daniel Kania

Betrachtet man das Gesamtpaket von Evergate, so haben wir hier einen gelungenen 2D-Puzzle-Platformer vor uns, dem einfach noch der gewisse Feinschliff fehlt. Auf künstlerischer Seite gibt es kaum zu meckern. Trotz seiner Ähnlichkeit zu Ori and the Blind Forest oder Hollow Knight besticht Evergate durch wunderschöne Umgebungen und einen eindrucksvollen Soundtrack. Die düster anmutende Geschichte und die charmante Erzählweise geben dem Abenteuer die nötige Persönlichkeit. Auf Gameplay-Ebene werden viele clevere Ideen geboten, allen voran die vielseitige Seelenflammen-Mechanik, welche mein persönliches Highlight darstellt. Leider zeigt sich Evergate wenig anfängerfreundlich und richtet sich mehr an geübte Genre-Spieler/-innen, insbesondere an die Speedrunner-Community. Würde Stone Lantern Games noch an der ein oder anderen Schraube drehen und das Abenteuer für alle zugänglicher gestalten, könnte ich Evergate ohne große Bedenken empfehlen. In seiner jetzigen Form ist es aber nicht mehr als ein ungeschliffener Diamant.
Mein persönliches Highlight: Die Seelenflammen-Mechanik!

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