Eine alteingesessene Ballsportart neu gedacht

Nachdem die beiden Mario Football-Titel für den Nintendo GameCube und die Wii die Spielerschaft begeisterten und die Messlatte für arcadige Fußballspiele ins schier Unermessliche hoben, wurde es ruhig um dieses spezielle Genre. Gerade in der vergangenen Zeit tauchten dann allerdings wieder vermehrt Titel mit Fußball-Thematik für die Nintendo Switch auf, die jedoch nur selten wirklich überzeugen konnten. Nun erschien mit Captain Tsubasa: Rise of New Champions aber ein neues Spiel, das mit einer starken Lizenz im Rücken wieder neue Hoffnungen auf einen tollen Arcade-Titel schürt. Inwieweit diese Hoffnungen erfüllt wurden, sollen die folgenden Zeilen zeigen.


Im Spiel könnt ihr die Mittelschulzeit des titelgebenden Fußballtalents nachempfinden.

© Yoichi Takahashi / Shueisha / Captain Tsubasa Committee / Bandai Namco Entertainment Inc.

Zunächst wollen wir allerdings etwas in Erinnerungen schwelgen: Unter dem Titel „Captain Tsubasa“ werden eine Reihe an Manga- und Anime-Veröffentlichungen zusammengefasst, dessen japanisches Ursprungswerk, eine gleichnamige Manga-Serie von Yoichi Takahashi, bereits im Jahr 1981 startete. Die ebenfalls in den 80er-Jahren entstandene erste Umsetzung als Anime-Serie fand unter dem Namen „Die tollen Fußballstars“ erst im Jahr 1995 auch zu uns nach Deutschland und ergänzte zu jener Zeit das berühmt-berüchtigte Anime-Nachmittagsprogramm des Fernsehsenders RTL II. Im Anschluss sollte es fast zehn Jahre dauern, bis im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 mit „Super Kickers 2006 – Captain Tsubasa“ hierzulande die bis dato letzte Fortsetzung in animierter Form erschien. Interessanterweise wurde diese Serie in Japan ursprünglich zwar ebenfalls passend zu einer WM veröffentlicht – allerdings vier Jahre früher.


Doch genug der Anekdoten. In Captain Tsubasa: Rise of New Champions habt ihr seit Kurzem unter anderem die Gelegenheit, einen bestimmten Abschnitt der ursprünglichen Serie nachzuspielen. Die sogenannte „Episode Tsubasa“ dient dabei als längeres Tutorial und verfolgt das Ziel, euch mit den Eigenheiten des Spiels vertraut zu machen. So erwarten euch zunächst die bekannten Regeln: Ihr steht mit zehn Feldspielern sowie einem Torwart pro Team auf dem Platz und versucht, den Ball nur mit dem Fuß im gegnerischen Tor unterzubringen – verrückt, aber so steht es geschrieben. Der erste große Unterschied zum regulären Fußballspiel wird allerdings schnell deutlich, denn von einem normalerweise vorhandenen Schiedsrichter fehlt jede Spur. So stellen das Tacklen und Grätschen zu jeder Zeit und von jeder Seite das Mittel der Wahl dar und werden während des Tutorials auch entsprechend mit als Erstes vermittelt. Solltet ihr dann einmal den Ball – wenn auch auf brutale Weise – erobert haben, gilt es diesen vor den ebenso heftigen Attacken der Gegenspieler zu verteidigen. Per Knopfdruck könnt ihr deshalb versuchen, den angreifenden Spielern auszuweichen oder in trickreicher Manier an ihnen vorbeizugehen.


Der Powerschuss stellt das mächtigste Tool zum Überwinden des gegnerischen Torhüters dar.

© Yoichi Takahashi / Shueisha / Captain Tsubasa Committee / Bandai Namco Entertainment Inc.

Konntet ihr euch erfolgreich behaupten und bis in den Strafraum des Gegners vordringen, ist ein Schuss auf das Tor das folgerichtige Mittel. Ihr habt dabei die Wahl, ob ihr durch kurzes Antippen der entsprechenden Taste ein fast schon lasch wirkendes Schüsschen abgeben oder den Keeper mit einem aufgeladenen Powerschuss, bei dem Anime-typisch nicht selten Löwen oder Adler quasi aus dem Ball emporsteigen, auf die Probe stellen wollt. So oder so werdet ihr mit den ersten Bällen aufs Tor noch keinen Erfolg feiern können. Denn in Captain Tsubasa: Rise of New Champions ist nicht etwa die richtige Position zum Torwart entscheidend, sondern es dreht sich alles um den Willen. Jeder Spieler auf dem Feld verfügt über einen entsprechenden Willensbalken, der zusammengefasst für Attribute wie Ausdauer und Kraft steht. Während jeder Sprint und jedes Ausweichmanöver an den Balken der Feldspieler nagt, verliert der Torhüter mit jedem gehaltenen Schuss einen gewissen Teil seines Willens – der Balken des Schlussmanns kann also quasi als Lebensleiste eines Bossgegners verstanden werden. Erst wenn dieser nahe dem Ende ist, wird euch ein Treffer gelingen. So besteht ein Spiel zusammengefasst aus grätschen, ausweichen, den gegnerischen Kasten so lange mit Schüssen bombardieren, bis der Torhüter auch seinen letzten Willen verliert, und speziell im Storymodus auch aus der ein oder anderen Zwischensequenz, die gerne mitten im Spielgeschehen einsetzt.


Generell umfasst das eigentliche Fußballvideospiel viele Einflüsse einer Visual Novel. Abseits des Platzes werdet ihr so mit vielen Gesprächen zwischen zahlreichen Haupt- und Nebencharakteren der Serie konfrontiert, die mal mehr und mal weniger spannende Dinge zu erzählen haben. Genretypisch werden dabei häufig Rivalitäten wie auch Freundschaften in den Fokus gerückt. Lässt man sich als Spieler darauf ein, kann man sich durchaus dabei erwischen, wie man auf das bevorstehende Spiel selbst ganz heiß wird. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass die Aufmachung bei Weitem nicht auf jeden ansprechend wirkt und es somit in ein Wegklicken von einer Textbox nach der anderen ausartet. Spieler mit Hang zur Anime- und Manga-Thematik sind hier klar im Vorteil.


Habt ihr die Episode rund um den titelgebenden Charakter Tsubasa Ozora abgeschlossen, steht euch noch ein zweiter, weitaus umfassenderer Handlungsabschnitt zur Verfügung. Hier übernehmt ihr nicht etwa die Kontrolle über einen der bestehenden Charaktere der Serie, sondern ihr bastelt euch euren eigenen Fußballer zusammen, der als talentierter Neuling mit dem großen Ziel vor Augen in das Geschehen eintaucht, für die japanische Nationalmannschaft auf den Platz gehen zu dürfen. Auf eurer Reise trefft ihr erneut auf allerlei Persönlichkeiten, mit denen ihr nun aber auch Freundschaften schließen könnt. In Dialogen können zudem Entscheidungsmöglichkeiten auftauchen, die die Beziehungen zu den Charakteren beeinflussen. Darüber hinaus trefft ihr hier auf eine Art Levelsystem, bei welchem ihr Punkte erhaltet, die ihr auf diverse Attribute eures Spielers wie Geschwindigkeit, Schusstechnik und Tackling verteilen könnt und euch so auf eurem Weg zum besten Fußballer Japans unterstützen.


Aus technischer Sicht scheint der Titel auf der Nintendo Switch am Limit zu laufen.

© Yoichi Takahashi / Shueisha / Captain Tsubasa Committee / Bandai Namco Entertainment Inc.

Auch abseits der Handlungen bietet Captain Tsubasa: Rise of New Champions einige typische Elemente eines Anime-Titels aus dem Hause Bandai Namco Entertainment. So steht euch neben dem obligatorischen lokalen Multiplayer auch ein Online-Modus zur Verfügung, der mit einem ausgeklügelten Ranking- und Ligen-System aufwartet und euch mit vorgefertigten oder auch eigens zusammengestellten Teams antreten lässt. Letztlich sollen auch die Tonnen an freischaltbaren Inhalten wie Zwischensequenzen, Musikstücke und Kosmetika für euren Charakter im Storymodus für eine gewisse Langlebigkeit des Titels sorgen. Ob die Rechnung allerdings aufgeht, wird erst die Zeit zeigen können.


Schon jetzt lässt sich aber festhalten, dass das Spiel gerade auf der Nintendo Switch unter den vielen Inhalten ein wenig kränkelt. Allein durch das Hauptmenü könnt ihr nur mit deutlich spürbaren Einbußen der Framerate navigieren. Das Spielgeschehen selbst läuft dann zwar weitgehend stabil ab, was aber auch nur möglich scheint, weil an der grafischen Darstellung geschraubt wurde. Denn obwohl die Anime-Optik des Titels nicht exorbitant anspruchsvoll erscheint, wirkt die Nintendo Switch-Variante im Vergleich zur Konsolenkonkurrenz kantiger und allgemein unsauberer. Darüber hinaus fallen auch die Ladezeiten negativ ins Gewicht, die nicht nur durch ihre Länge, sondern auch die hohe Taktung auffallen.


Die Steuerung stellt einen weiteren Makel dar. So scheinen grätschen, ausweichen und schießen grundsätzlich zwar recht simple Tätigkeiten zu sein, die Umsetzung der entsprechenden Eingabemöglichkeiten ist aber vergleichsweise so kompliziert und tatsächlich auch vielfältig ausgefallen, dass es nicht überraschend erscheint, dass ihr während des ersten Handlungsabschnitts bis zum Ende mit immer neuen Tutorials konfrontiert werdet. Das eröffnet in der Theorie zwar eine gewisse taktische Varianz im Spiel, stellt für Neueinsteiger aber eine hohe Hürde dar – und verhindert so, dass sich der Titel für den gemütlichen Abend mit Freunden auf der Couch eignet, was gerade bei Sportspielen mehr oder weniger Grundvoraussetzung sein sollte.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Chris Holletschek

Mit Captain Tsubasa: Rise of New Champions hat sich Bandai Namco Entertainment an einem Hybriden aus ernsthaftem und eher arcadigem Fußballgeschehen versucht. So trefft ihr – abgesehen vom fehlenden Schiedsrichtergespann – zunächst auf eine klassisch erscheinende Umsetzung der beliebten Ballsportart, bei der dann aber durch Powerschuss und Willensbalken die titelgebende Anime-Lizenz durchscheint. Die sich daraus ergebende, ungewöhnliche Herangehensweise ans Gameplay kann gerade in den ersten Partien punkten, da sie belohnend und motivierend wirkt, läuft allerdings Gefahr, sich nach dem ersten Wow-Effekt schnell abzunutzen und zu einem repetitiven Geschehen zu verkommen. Unter anderem gleich zwei Story-Kampagnen, die viele Elemente einer Visual Novel beinhalten, ein Charakter-Editor, ein umfassender Online-Modus und massig freischaltbarer Inhalt wollen die Voraussetzung dafür schaffen, dass ihr euch lange mit dem Titel befassen könnt. Während ihr mit der Zeit aber zum Dribbelkünstler heranreift, bleiben Neulinge aufgrund der etwas umständlichen Steuerung aber auf der Strecke, sodass sich das Sportspiel nur bedingt für den lokalen Spieleabend mit Freunden eignet. Aus technischer Sicht kränkelt der Titel unter relativ langen Ladezeiten und unter einer im Vergleich zur Konsolenkonkurrenz unsauber wirkenden optischen Umsetzung. Zusammengefasst erwartet euch nichtsdestotrotz ein grundsätzlich solides Fußballspiel, das mit dem Element des Willens auf eine frische Herangehensweise setzt und gerade Fans der Anime- und Manga-Serie zu überzeugen weiß.

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 12

  • nec3008

    Turmritter

    Ich bin mir bei dem Spiel nicht ganz einig:

    Es macht Laune, die animierten Sequenzen zu schauen (Superschuss, Ausdribbeln, Torschüsse usw.), die perfekt die Atmosphäre der Serie einfangen.

    Den arcadigen Ansatz auf dem Platz finde ich auch nicht schlecht, aber spielt sich dafür etwas störrisch. Auf Schiedsrichter kann ich noch verzichten, aber das man nicht auch mal so ein Tor schießen kann nervt dann doch irgendwann.

    Die Zwischensequenzen im Storymodus muss Bandai auch langsam mal überarbeiten, egal bei welchem ihrer Anime-Spiele, wirken die meist nicht zeitgemäß, da sie meist träge inszeniert sind. Sie laufen gefühlt langsam und es dürfte ruhig mehr animiert werden, ohne alles durch Schwarzblenden zu kaschieren.

  • Zach

    Turmritter

    Nachdem ich mich damit abgefunden hatte, dass ich hier kein klassisches Fußballspiel vor mir habe, konnte ich den Titel eine Menge abgewinnen.

    Gerade der Visual Novel Stil in den beiden Storys hat mir sehr gut gefallen.

    Größter Kritikpunkt ist für mich die mäßige technische Umsetzung und das sperrige Gameplay.

  • Darklink666

    Turmheld

    nec3008

    Wer nur so ein Tor schießen will, hat die Serie nicht verstanden :dk::rover:

  • Tomaru

    M&M - Minish Mage

    Ich kann mit "arcadig" bei Fußball nicht wirklich was anfangen, wie muss man sich das vorstellen? o,o

  • Chris Holletschek

    Lektor

    Tomaru Bei Sportspielen (wie auch Rennspielen) wird in der Regel zwischen den Spielen, die einen realistischen Ansatz verfolgen (Simulationen), und den Titeln, die es mit dem Realismus nicht ganz so ernst nehmen und eher den Spielspaß in den Vordergrund stellen (Arcade-Titel), unterschieden.

  • Darklink666

    Turmheld

    Ich kann mit "arcadig" bei Fußball nicht wirklich was anfangen, wie muss man sich das vorstellen? o,o



    ISS, Virtua Striker, Super Sidekicks = Arcade-Fußball

    PES & FIFA = Simulation

  • Tomaru

    M&M - Minish Mage

    Chris Holletschek, Darklink666 ahso, also kann das aber trotzdem heißen, dass es sich vom Gameplay her anfühlt wie Fifa, nur halt erweitert um ein paar übernatürlichere Sachen wie die Powerschüsse?

  • Chris Holletschek

    Lektor

    Tomaru Genau so sieht es aus.

  • Wowan14

    Gamer aus Leidenschaft

    Das ist ja mal ein witziger Zufall, da ein gewisser anderer Chris von Game Two heute sein "Unspielbar" Debüt hatte bei diesem Spiel :troll:


    Inazuma Eleven ist und bleibt einfach die beste Anime Fußballspielreihe noch dazu als RPG. in Inazuma Eleven Strikers hingegen spielt man ausschließlich nur, aber da sind die Torhüter auch teilweise die mächtigsten des Spiels xD


    Tomaru Pässe und KI Verhalten weichen da auch zum Beispiel von Fifa ab, genauso auch dass jeder Charakter darunter auch Torhüter ausdauer haben sodass gut plazierte Tore nix bringen, entweder der Torwart ist zu müde es zu halten oder nicht. Das einzige was es Fifa nahe kommt ist das rennen mit den Charakteren und Passen höchstens xD

  • Darklink666

    Turmheld

    Chris Holletschek, Darklink666 ahso, also kann das aber trotzdem heißen, dass es sich vom Gameplay her anfühlt wie Fifa, nur halt erweitert um ein paar übernatürlichere Sachen wie die Powerschüsse?

    Jein. Man passt, man schießt etc., das Spiel hat aber keinen Simulationsanspruch, dH, dass auch dir Ballphysik anders ist. Es ist Fußball, aber halt nicht unbedingt mit Fifa/PES zu vergleichen.

  • Tsuki Uzumaki

    Turmknappe

    Das Spiel sieht nicht super aus, aber unsauber? Das kann dann ja nur für die Switch Version gelten, auf dem PC ging es eigentlich. Und so lang waren die Ladezeiten auch nicht. Also kann man das im Test, wirklich NUR auf die Switch Version beziehen und nicht auf das Spiel an sich.

  • Chris Holletschek

    Lektor

    Tsuki Uzumaki Da hast du recht. Alle unsere Tests beziehen sich – wenn nicht gesondert anders erwähnt – auf die jeweilige Version für die Nintendo Switch.