Überlebe die kalte und mysteriöse Insel

Zwar gilt der 01. August 2017 als das Datum der Erstveröffentlichung des Survival-Adventures The Long Dark, doch die Geschichte hinter dem Spiel reicht viel weiter zurück. Ursprünglich im Jahr 2013 als Kickstarter-Kampagne gestartet, wurde der First Person-Titel von Hinterland Studio nach und nach mit neuen Inhalten versorgt. Die Sandbox-Spielwelt wurde verfeinert sowie um neue Gebiete erweitert und ein eigenständiger Story-Modus wurde sogar erst nach der offiziellen Veröffentlichung schrittweise eingebettet. Es vergingen also viele Jahre der Entwicklung, bis das Spiel seine heutige Form angenommen hat und der Prozess ist noch immer nicht abgeschlossen. Nun erschien das bereits breit aufgestellte Erlebnis auf der Nintendo Switch. Ob die Portierung gelungen ist und es sich lohnt, die inzwischen drei Spielmodi und somit die trostlose und kalte Welt aus The Long Dark zu erkunden, erfahrt ihr in dieser Rezension.


Im Story-Modus verlangt die Graue Mutter einiges von euch ab, bis sie euch weiterhilft.

© Hinterland Studio

Spielort des Geschehens ist Great Bear, eine Insel bestehend aus einigen offenen Gebieten, die über bestimmte Wege miteinander verbunden sind. Sie wurde von einer geomagnetischen Katastrophe heimgesucht. Das einst fruchtbare Land ist hierdurch zu einer verschneiten und trostlosen Gegend verkommen, aus der jegliche Menschen geflohen sind – sofern sie nicht durch die lauernden Gefahren verstarben. Denn Gefahren lauern überall. Kälte, Hunger, Durst und Wildtiere können einen den Tod bescheren. Der drohende Tod ist euer stiller und stetiger Begleiter. Ihr müsst euch als Einzelkämpfer durch die Wildnis schlagen und euch mit genügend Vorräten eindecken, welche ihr in den verlassenen Häusern und sehr vereinzelt in der Natur findet. Regelmäßig benötigt ihr einen Unterschlupf und ein Lagerfeuer, um euch aufzuwärmen, Schnee zu trinkbarem Wasser zu schmelzen und schlafen zu können. Hierfür kann man Höhlen oder die leerstehenden Häuser nutzen, die in manchen Gebieten in hoher Zahl und in anderen kaum zu finden sind. Notfalls genügt auch eine windstille Ecke unter freiem Himmel. Es ist eure Entscheidung, ob ihr euch ein festes Camp aufbaut, von wo aus ihr Expeditionen startet oder ob ihr den Mut aufbringt und frei in der Welt herumwandert; nicht wissend, ob ihr genügend Essen oder eine geeignete Unterkunft für die Nacht findet. Ganz zu schweigen von den Schneestürmen, die eure Sicht stark einschränken und euch eisig in jeden Winkel des Körpers kriechen. Die Survival-Mechaniken sind hart, wirken aber – abgesehen von den schieren Mengen, die zum Sättigen nötig sind – authentisch und verlangen euch einiges an Fingerspitzengefühl ab. Ob man sich der unbarmherzigen Natur, einem Abenteuer mit wenigen Gefahren oder einer Stufe dazwischen stellen möchte, darf man zum Glück durch die zur Verfügung stehenden Schwierigkeitsgrade selbst entscheiden. Im Spielmodus „Herausforderungen“ könnt ihr euch zudem auch gezielt kleinen Challenges stellen, die zumeist ein bis drei Stunden in Anspruch nehmen.


Die Harmonie der weißen Landschaft ist trügerisch


Zweifellos ist der Überlebens-Modus in der aktuellen Version von The Long Dark auf der Nintendo Switch noch immer das Herzstück des Spiels. Dort wird man mit wenig Kleidung am Leib und kaum Ressourcen in dem vom Spieler gewählten Gebiet platziert. Hier heißt es nun: Survival! Ganz ohne Rahmenhandlung liegt es am Spieler zu looten, zu craften, umherzuwandern und sich so nach und nach die Spielemechaniken zu eigen zu machen. Ziel ist es, so lange wie möglich zu überleben. An die Hand genommen wird man dabei kaum. Setzt man sich mit den Menüs auseinander, merkt man jedoch schnell, welche wichtigen Funktionen es zu meistern gilt: Das Reparieren von Kleidung, das Craften von Medizin und wichtigen Gegenständen sowie das stetige Verwalten des eigenen Rucksack-Inhaltes sind unabdingbar, um länger in der Wildnis zu überleben. Lässt man sich und dem Spiel viel Zeit, so entdeckt man nach und nach neue Möglichkeiten. So fiel mir erst spät auf, dass man mithilfe verbrannter Kohle eine Karte der Umgebung zeichnen kann, womit mehr Orientierung möglich ist. Zwar ist dies ein unglaublich mühsamer Prozess, aber wie groß war die Freude, sich endlich besser in der Welt orientieren zu können!


In Häusern finden sich viele lebenswichtige Dinge, welche die Leute einst zurückgelassen haben.

© Hinterland Studio

Der Story-Modus namens Wintermute wurde über die letzten Jahre hinweg in Form von bisher drei zusammenhängenden Episoden erst nach und nach integriert, zwei weitere sollen noch folgen und die Geschichte abschließen. Wir spielen den Piloten William Mackenzie, der nach zahlreichen Jahren der Stille von seiner ehemaligen Frau Astrid Greenwood aufgesucht wird. Bei starkem Unwetter verlangt sie einen Flug nach Great Bear, da die Ärztin eine wichtige Versorgungslieferung zu einem Patienten bringen muss. Nachdem die beiden losgeflogen sind, kommt es zu der mysteriösen geomagnetischen Katastrophe; das Flugzeug stürzt ab. Als Mackenzie aufwacht, findet er nur noch Spuren von seiner Ex-Frau und nun ist es an uns, sie in der trostlosen und kalten Wildnis zu finden.


Auch in diesem Modus trifft man selten auf Tutorial-Hinweise und ist besonders zu Beginn frierend und verletzt komplett auf sich allein gestellt. Findet ihr mit etwas Tüftelei in das Spiel hinein, dient der Story-Modus jedoch wunderbar als Einstieg in die große eisige Welt und lässt sie uns deutlich linearer als im Überlebens-Modus beinahe komplett erkunden. Dennoch ist die Geschichte mehr als nur eine Einführung in das Spiel. Sie bietet bereits unzählige Stunden Spielzeit und die Gelegenheit, sich inhaltlich intensiver mit der Spielwelt auseinanderzusetzen, hier trefft ihr sogar auf andere Menschen. Diese bieten eine willkommene Abwechslung inmitten der menschenleeren und trostlosen Gegend. Zumeist sprechen die Charaktere in bedeutungsschwangeren Worten von den Geschehnissen rund um Great Bear, sodass es einem fast so vorkommt, als gäbe es einen lang währenden Mythos rund um diese Gegend und die geomagnetische Katastrophe wäre nur die Spitze des Eisbergs gewesen. Tatsächlich geht es in unserer Geschichte nebenbei darum, herauszufinden, was es mit den Wetterereignissen und dem Zerfall der Zivilisation in Great Bear auf sich hat.


Leider wurde mein Story-Erlebnis durch einen schwerwiegenden Bug getrübt; Am Ende von Episode 1 verlässt man ein Gebiet und eine Zwischensequenz müsste ablaufen, sodass man daraufhin nahtlos mit Episode 2 beginnt. Bei mir fehlte diese Zwischensequenz und ich landete einfach so in dem weitläufigen Gebiet, irrte darin umher, erkundete alles und fragte mich, wo die Story denn nun weitergehen solle. Stunden vergingen, bis ich Google um Rat fragte und erfuhr, dass eben dies ein bekannter Bug war und alle Story-Elemente dadurch nicht getriggert wurden. Glücklicherweise lässt sich Episode 2 einzeln anwählen, sodass ich die Story weiterspielen konnte. Jedoch ging mein gesamter Fortschritt in Form der gefundenen Ressourcen komplett verloren und meine Motivation, dasselbe Gebiet nochmals zu durchstreifen, war ziemlich gedämpft. Sieht man von diesem äußerst ärgerlichen Bug ab, erhielt ich mit den bisher 3 veröffentlichten Episoden jedoch eine interessante Geschichte, die Lust auf mehr macht. Bedingt durch die Corona-Pandemie verschiebt sich die geplante Veröffentlichung der nächsten Episode leider auf das nächste Jahr.


Die seltenen nächtlichen Lichter sehen nicht nur toll aus, sie haben auch eine wichtige Bedeutung für die Geschichte.

© Hinterland Studio

Die Grafik ist nicht so knackig scharf, wie sie in der PC-Version daherkommt. Bewegt man sich durch die Weiten der weißen Landschaften, ploppen fast unentwegt Texturen auf, die beim Näherkommen geladen werden. Außerdem wirkt das Bild etwas körnig und unruhig. Diese Punkte stechen nur mäßig ins Auge, doch möchte man in der Ferne die Bewegung von Tieren ausmachen, kann das Gameplay dadurch beeinträchtigt sein. Schließlich gehört das rechtzeitige Erkennen von Wildtieren, um seinen geplanten Weg zu antizipieren, zu den Kernelementen des Survival-Adventures. Tatsächlich erkennt man die Wölfe in der Ferne auch auf der Nintendo Switch recht gut, doch es ist auf Dauer einfach anstrengend, die flackernde Ferne zu beobachten. Zweifelsohne ist The Long Dark dennoch auch auf der Nintendo Switch ein atmosphärisches Erlebnis. Der leicht eckige Polygonstil schafft durch die stimmigen Texturen den markanten und originellen Stil des Spiels. Der Wiedererkennungswert ist garantiert. Zumal die Entwickler mit den weitläufig begehbaren Gebieten überraschend viele abwechslungsreiche Orte schaffen konnten, obwohl das Farb- und Grafik-Repertoire durch die Wahl des Settings, nämlich der kargen verschneiten Landschaften, wenig Spielraum bietet. Nur selten gerät man in Gebiete, in denen man kurzzeitig die Orientierung verliert, da sich vieles ähnelt; oft gibt es markante Punkte und Orte, die einem helfen oder gar etwas Interessantes bereithalten.


Das Spielerlebnis geht überraschend flüssig von der Hand, jedoch nur, bis die automatische Speicherfunktion zuschlägt. Das regelmäßige Speichern ist einerseits erfreulich, da der Tod in Form eines Wildtiers plötzlich eintreten kann. Nur friert das Spiel bei jedem Speichervorgang für wenige Sekunden ein und dies geschieht auch zu ungelegenen Momenten. Wer das Risiko eingehen mag, kann die automatische Speicherfunktion in den Einstellungen deaktivieren. Außerdem sind die Ladezeiten, die insbesondere bei dem Hinein- und Hinaustreten von Häusern auftreten, nicht gerade von kurzer Dauer. Möchte man mehrere Häuser nacheinander looten, wie es im Story-Modus in der Stadt Milton der Fall ist, schlagen die langen Zwangspausen schon mal aufs Gemüt. Einmalig trat bei mir zudem ein Bug auf; als ich ein Gebäude betrat, setzte der Sound komplett aus. Zum Glück genügte ein Hinausgehen, um diesen Bug zu beseitigen und nochmals trat er nicht auf. Dies alles sind Punkte, die im Einzelnen verschmerzbar sind, doch in ihrer Gesamtheit stören sie durchaus den Spielfluss. Ein sehr erfreulich ausfallender Punkt ist hingegen die Steuerung des Spiels, die sehr intuitiv von der Hand geht, sobald man sich in die Menüführung eingefunden hat.


In der Spielwelt sind diverse Waffen zu finden, mit denen man sich zur Wehr setzen sowie jagen kann.

© Hinterland Studio

Das Alleinstellungsmerkmal der Nintendo Switch gegenüber der PC-Version des Spiels ist natürlich die Möglichkeit, den Handheld-Modus zu nutzen. Durch das Spielen mit Kopfhörern wird ein intensiveres Level an Immersion erreicht, da die Geräusche und somit die Atmosphäre des Spiels stärker wahrgenommen werden. Die Details in weiter Ferne können auf dem kleineren Bildschirm gut erkannt werden. Allerdings ist das Spiel oft sehr dunkel und der Bildschirm der Nintendo Switch spiegelt etwas; bei Sonneneinstrahlung ist das Spielen also anstrengend bis unmöglich, in dunkleren Umgebungen lässt es sich jedoch wunderbar unterwegs genießen.


In der Regel lauscht man während der Erkundungen den Geräuschen der Natur. Man hört etwa das Jaulen eines Wolfes, sodass man nach der entsprechenden Gefahr Ausschau hält oder man nimmt das Krähen von Vögeln wahr, die einem dabei helfen, Kadaver mit gefrorenem Fleisch zu finden. Vereinzelt setzen zudem leichte musikalische Klänge ein. Diese fallen kaum auf, sodass sie sich unaufdringlich in das Gesamtbild einfügen. Hört man einmal genauer hin, fällt auf, wie schön der mit klassischen Instrumenten inszenierte Soundtrack sein kann. Allgemein gehört die Soundkulisse zum Kernstück des Spiels und man hat einen gelungenen Weg gefunden, die unauffällige Musik sachte mit den wichtigen Naturklängen zu vereinen. Das Spiel wartet zwar nicht mit einer deutschen Sprachausgabe auf, doch gesprochen wird in dem Spiel allgemein sehr wenig. Zumeist befindet man sich allein auf der Entdeckungsreise, und da alles Schriftliche stets gelungen ins Deutsche übersetzt wurde, dürften die wenigen englischsprachigen Gesprächsfetzen auch den abgeneigten dieser Fremdsprache kaum stören. Zumal auf für diesen Fall deutsche Untertitel bereitstehen.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Laura Strack

Tatsächlich bin ich voll des Lobes, wenn ich mir die große, charakteristische Welt aus The Long Dark anschaue, in der ich Stunde über Stunde ums Überleben kämpfte und unentwegt Neues entdeckte. Eigentlich verdient dieses stimmige Gesamterlebnis durchaus eine Wertung von 9. Doch die vielen kleineren technischen Mängel, die auf der Nintendo Switch zum Tragen kommen, schränken das atmosphärische Abenteuer leider ein. So vermag man sich nicht dermaßen stark in die verschneite, gefährliche Welt vertiefen zu können, wie es auf der technisch tadellosen PC-Version der Fall ist. Die aufpoppenden Texturen und das Einfrieren während des automatischen Speicherns reißen einen einfach regelmäßig heraus. Besonders ärgerlich war der Bug, der mich temporär am Weiterspielen der Hauptstory hinderte. Würde man diese Defizite beseitigen und an der Optimierung arbeiten, hätten wir dennoch eines der aktuell besten Survival-Adventures vorliegen. Man spürt in nahezu jedem Winkel der wunderschönen Welt, das Hinterland Studio seit 2013 mithilfe der Meinungen aus der Community unermüdlich daran arbeitet, die Inhalte des Spiels zu optimieren. So kommt das First Person-Spiel mit einem grundsoliden Story-Modus daher, der einen durch eine stimmige Geschichte in die große Welt von Great Bear und dessen Mythos einführt. Das Highlight ist jedoch der Überlebens-Modus, in welchem man im eigenen Tempo jede Ecke der großen eisigen Welt erforschen, die zahlreichen Gameplay-Möglichkeiten kennenlernen und vereinzelt Infos zur Geschichte des Gebietes finden kann. Bei Bedarf kann man dutzende Stunden und mehr in die Überlebens-Simulation stecken. Ich habe das Spiel vor Jahren bereits am PC unheimlich genossen und trotz einiger Mängel konnte ich nahezu dieselbe Begeisterung auch auf der Nintendo Switch erneut aufbringen. Wer keine Scheu vor einem potenziell frustrierenden Survival-Abenteuer hat, bei dem die eigene Überlebensstrategie nach und nach erschlossen werden muss, darf beherzt bei The Long Dark zuschlagen.
Mein persönliches Highlight: Die Immersion, die durch das Spielen mit Kopfhörern ensteht

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 5

  • Hoschi83

    Turmknappe

    Schade, der Port klingt jetzt nicht sonderlich geglückt.

    Schon die PC Version ist nicht sonderlich hübsch aber das "aufploppen" zerstört bei mir wirklich jede Immersion.

    Hatte mich eigentlich auf die Switch Version gefreut, da ich sie ein Titel nicht am PC zocken möchte aber ich glaub ich lass es wohl bleiben.

  • RemZ

    Turmheld

    Dat PS2 Graphik... :ugly-classic:

  • hobbit2k

    Turmknappe

    Damals auf der X1 im EA gekauft und tatsächlich einige nette Stunden mit verbracht. Sehr entschleunigt durch das Tempo und Atmosphäre :thumbup:.

  • Zentriefugal

    Turmknappe

    Das ist natürlich echt schaden. Solche Spiele leben durch die Immersion und wenn man da ständig rausgerissen wird, dann hat es natürlich wenig Sinn.

  • Caramarc

    Turmbaron

    The Long Dark ist ein super Spiel. Patches und Sale abwarten - dann wird es nochmal für die Switch geholt.