Zug um Zug zum Kaisertum

Die römische Antike war eine Zeit voller Kriege. Viele Könige und auch ein paar Königinnen sowie diverse Feldherren waren damit beschäftigt, über mehrere Jahrhunderte das römische Territorium über dem, heute als Europa bekannten, Gebiet auszubreiten und das Imperium Romanum weiter wachsen und gedeihen zu lassen. Die vielen Auseinandersetzungen, Machtverhältnisse und involvierten Parteien bieten also viel Stoff für einen Strategietitel wie Great Conqueror: Rome. Und anders als Spiele wie Civilization nutzt der Titel, schon erkenntlich an dem Namen, im Speziellen nur diese eine Epoche als geschichtlichen Schauplatz. Doch wie taktisch anspruchsvoll und ausgefeilt ist der ehemalige Mobile-Ableger eigentlich und kann dieser dem Spieler vielleicht sogar ein paar Nachhilfestunden in punkto römischer Geschichte liefern?


Veni, vidi, vici!


Beginnt man die Kampagne, startet man direkt im zweiten punischen Krieg 218 vor Christus, wo man als römischer General Scipio den an Hannibal verlorenen Einflussbereich wieder zurückgewinnen soll. In einer knappen Texteinleitung wird man in das erste der insgesamt 14 Kapitel eingeführt und die Verhältnisse der Machthaber zueinander werden aufgezeigt, damit man weiß, mit wem man sich eigentlich in den nächsten Runden anlegt. Hannibal wütet also in Italien, hat bereits einige römische Armeen niedergestreckt und ihr sollt ihn nun aufhalten. Auf einer Weltkarte wählt ihr zunächst eine Schlacht aus. Auf einer strategischen Kriegskarte präsentiert euch anschließend euer General die aktuelle Lage, die Parteien, die an der Schlacht teilnehmenden Kriegsherren, sowie die Belohnungen, die bei Missionserfolg winken. Dann geht es auf das Schlachtfeld. Ähnlich wie beim bereits angesprochenen Genrekollegen Civilization schaut man als Spieler aus isometrischer Perspektive auf das in einzelne Hexagon-Felder aufgeteilte Spielfeld.


Jede Schlacht bietet primäre und sekundäre Ziele, die ihr erfüllen müsst bzw. könnt.

© CIRCLE Ent.

Doch bevor ihr den ersten Zug machen könnt, werden euch die primären und sekundären Ziele der Mission präsentiert. Erstere sind kampfentscheidend, bei Erledigung Letzterer winken zusätzliche Belohnungen in Form von Geld und SQPR-Marken, die ihr für den Ausbau eigener Truppen, Anheuerung von Generälen, Erwerben von Fähigkeiten, sowie diverser hilfreicher Gegenstände im Shop ausgeben könnt. Hier merkt man das erste Mal, dass das Spiel seine Wurzeln im Mobile-Genre hat, denn hier werden sich sicherlich die verschiedenen Ingame-Shops verborgen haben. Doch keine Sorge, die Nintendo Switch-Version kommt ganz ohne Ingame-Käufe aus. Die Vielfalt an Primär- und Sekundärmissionen hätte allerdings etwas vielfältiger ausfallen können. Zumeist muss man gewisse Städte auf der Karte erobern, eine bestimmte Menge an Einheiten niederstrecken oder einen General ausschalten. Für das Erreichen der Ziele habt ihr stets immer nur eine gewisse Anzahl Züge zur Verfügung, welche ihr also immer im Blick haben solltet.


Nacheinander zieht ihr euren aus Infanterie, Kavallerie und Fernkämpfer bestehenden Einheitenpool ein paar Felder Richtung Feind und könnt diesen bei Bedarf natürlich auch angreifen. Kommt es zu einem Kampf, dann wechselt die Perspektive nahtlos in eine Detailansicht, wo sich die beiden verfeindeten Parteien auf jeweils einem Hexagon-Feld gegenüberstehen und nacheinander angreifen. Wieviel Schaden ihr oder euer Gegner anrichtet, hängt dabei von mehreren Faktoren ab. Einmal, ob der Einheit ein General zur Seite steht, wie hoch seine Angriffskraft oder Verteidigung ist und um welchen Einheitentyp es sich generell handelt. Hier gilt, wie in vielen Strategiespielen, das übliche Stein-, Schere-, Papier-Prinzip. Leider wirkt der angerichtete Schaden beider Seiten recht willkürlich, da einem das Spiel zu keiner Zeit eines der verschiedenen Faktoren näher erklärt und die Angriffs- und Verteidigungswerte der jeweiligen Einheiten sich nur hinter einem Menü verstecken. Ein kleiner Anhaltspunkt sind die kleinen runden Symbole unterhalb einer Einheit, die quasi den Lebensbalken der Einheit anzeigen. Gerade zu Beginn erschlagen einen die vielen kleinen Symbole, verschiedenen Anzeigen bei den Städten, Menüoptionen und die Vielzahl an Einheiten auch ein wenig. Das Spiel gewährt dahingehend zumindest eine kurze Einleitung und führt einen nach und nach in die Grundmechanik der Spielzüge ein – allerdings an vielen Stellen völlig unzureichend. Einige weitere sehr wichtige Optionen erklärt es dem Spieler schlichtweg nicht und ein Kompendium zum Nachschlagen oder gar Tooltips sind ebenso nicht in das Spiel integriert. Das müsst ihr euch als angehende Hobby-Generäle selbst erarbeiten und verinnerlichen. Bevor ihr die Runde beendet, könnt ihr auch noch eure Städte weiter ausbauen und weitere Einheiten rekrutieren – vorausgesetzt ihr habt genug Ressourcen. Je nachdem, wie viele Städte ihr euer Eigen nennt und wie diese ausgebaut sind, nehmt ihr jede Runde unterschiedlich viele davon ein. Zusätzlich könnt ihr noch euren Truppen Generäle zuweisen, um sie zu verstärken, in einem kleinen Technologiebaum diverse Upgrades erforschen oder eine Strategie wählen, damit eure Truppen zum Beispiel einen Moralschub erhalten. Habt ihr alle gewünschten Aktionen ausgeführt, dann könnt ihr die Runde beenden und der Gegner ist an der Reihe bzw. eure etwaigen Verbündeten. Diese reagierten im Test zuweilen etwas merkwürdig und nicht immer ganz nachvollziehbar. Städte wurden plötzlich nicht mehr verteidigt, Einheitengruppierungen zerstreut oder es wurde ein Frontalangriff ohne Rücksicht auf Verluste gestartet.


Bei kämpferischen Auseinandersetzungen wechselt die Perspektive in eine Detailansicht.

© CIRCLE Ent.

Die Schlachtfeldkarte auf der ihr und euer Gegner die Einheiten bewegt, ist insgesamt hübsch gestaltet. Neben verschieden gearteten Land- und Wasserfeldern, kleinen Städten mit je nach Viertel verschiedenen Häuserarten und kleinen Standarten mit dem Fraktionslogo drauf, ziehen sich auch Ländergrenzen durch das besetzte Gebiet und alles ist umschlungen von einer tiefhängenden, dichten Wolkendecke. Bis auf die Bewegungsanimationen der Einheiten und einem leichten wabern der Wolken wirkt das Bild aber insgesamt recht statisch und Animationen gibt es nur wenige zu sehen. Beim kriegerischen aufeinandertreffen der Einheiten wird eine kurze Kampfanimation gezeigt, welche nett anzuschauen ist und auch auf Dauer nicht zu repetitiv oder störend wirkt. Die Soundeffekte, wenn zum Beispiel Schwerter aufeinanderschlagen oder Pfeilhagel auf den Gegner einprasselt, klingen knackig, aber unaufdringlich. Das Schlachtfeldgetümmel wird zudem durchgängig von einer sehr passenden, epischen Orchestermusik begleitet.


Am negativsten fällt leider die Art der Steuerung aus und hier fällt zum zweiten Male auf, dass das Spiel sein ursprüngliches zuhause auf mobilen Endgeräten hatte. Nutzt ihr nicht die Touch-Steuerung auf dem Bildschirm der Nintendo Switch, dann könnt ihr auf einen kleinen Schwert-Cursor zurückgreifen, der mittels des linken Joy-Con-Sticks bedient werden kann. Dieser steuert sich allerdings so schwammig und schlecht, dass ein anvisieren und präzises anklicken der Einheiten und Menüs teilweise zum absoluten Glücksspiel verkommt. Alternativ kann zwar für ein langsameres Anvisieren das Digitalkreuz zur Hilfe genommen werden, allerdings sei hier definitiv angeraten, auf die Touch-Funktion eurer Nintendo Switch zurückzugreifen. Das wiederum bedeutet allerdings, dass ein stationäres Spielen eher weniger in Frage kommt. Eine externe Maus akzeptiert das Spiel übrigens leider nicht.


So zieht ihr von Schlacht zu Schlacht, von Kapitel zu Kapitel. Leider verpasst das Spiel die Gelegenheit, dem Spieler die römische Geschichte ansprechend zu präsentieren. Trotz der geschichtlichen Akkuratesse bezüglich der Schlachten, wird einem weder etwas über die insgesamt 59 rekrutierbaren Generäle noch den Zusammenhängen der Schlachten und dessen geschichtlichen Kontext erzählt. Wer mehr wissen möchte, muss das Internet befragen. Für jemanden, der an der römischen Geschichte interessiert ist oder sich vielleicht sogar sehr gut damit auskennt, ist dies ein Punkt, an dem der- oder diejenige sich anstoßen könnte.

Möchte man nach dem Abschluss der Kampagne, welche mit einer Schlacht zwischen der Han-Dynastie und dem Römischen Reich endet, noch weiteren Kämpfe austragen, dann bietet Great Conqueror: Rome noch zwei weitere Spielmodi. Wollt ihr etwa mit einer bestimmten Fraktion die damals bekannte Welt erobern, dann bietet sich der Conquest-Modus an. Auf der bereits bekannten Weltkarte seht ihr die Aufteilung der herrschenden Länder und dessen Ländergrenzen zu verschiedenen Zeitpunkten in der römischen Geschichte und könnt dann mit einem der Machthaber nach und nach die eigenen Ländergrenzen erweitern. Dann gibt es noch den Modus Expeditions, bei dem ihr auf einem kleinen Spielbrett von Schlacht zu Schlacht zieht und dabei jeweils die Einheiten von der Vorhergehenden mitnehmen müsst. Hier ist also jede Einheit wertvoll und das Ableben eben jener sollte so gut es geht abgewendet oder zumindest so lange wie möglich hinausgezögert werden. Wie ihr seht, ist Great Conqueror: Rome vollgestopft mit Inhalten, die einen viele, viele Stunden vor den Bildschirm fesseln können, falls man mit den doch recht wenigen Schlachtkernmechaniken, Einheiten und der generellen Abwechslungsarmut leben kann.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von David Kuhlgert

Great Conqueror: Rome ist ein kleines, aber feines Fest für alle Strategie-Fans. Lässt man eine Triple-AAA-Konkurrenz á la Civilization mal außen vor, welche deutlich umfangreichere, epochenübergreifende Schlachten inszeniert, dann bekommt man auf der Nintendo Switch aktuell nur wenig Vergleichbares in diesem Strategiesegment. Auch gemessen an dem günstigen Preis und dem üppig gebotenem Inhalt. Der Ansatz, sich grundlegend nur der römischen Epoche zu widmen und den Spieler die Schlachten dieser Zeit schlagen und nacherleben zu lassen, ist fantastisch und die Einbindung sowie der strategische Fokus auf die Machthaber*innen der Zeit ist ein durchdachtes und gelungenes Element – wenn man die Mechanik erst einmal durchblickt hat. Auch wenn sich die inhaltliche und strategische Vielfalt etwas in Grenzen hält, konnte ich durchaus ein paar Schlachten, die anfänglich durch die schiere Übermacht der Gegner aussichtslos erschienen, nur durch taktische Raffinesse für mich entscheiden. Der Umstand des teils gefühlt schlechten Balancing, der nicht immer nachvollziehbar handelnden KI und auch der fehlenden Varianz der Ziele in den einzelnen Missionen, hat insgesamt einen leicht faden Beigeschmack an dem ansonsten sehr guten Gesamtpaket hinterlassen. Summa summarum ist Great Conqueror: Rome ein gelungenes Strategiespiel geworden, welches gerade für Genreinteressierte einen Blick wert ist.
Mein persönliches Highlight: Der riesige Umfang!

Die durchschnittliche Leserwertung

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