Suizidale Tendenzen im Kugel-Wirrwarr

Sobald ihr Terror Squid das erste Mal startet, erwarten euch bereits ein paar warme und freundliche Wort im Kleingedruckten des Ladebildschirms. Ihr stimmt zu, euren Verstand und eure menschliche Hülle zur Anbetung des Schwarzen zu opfern und den 8 Grundsätzen zu folgen, die in den cephalorischen Schriften niedergeschrieben sind. Weiterhin heißt es, dass der Entwickler keine Verantwortung dafür übernimmt, welchen körperlichen oder geistigen Schaden ihr während des Spielens davon tragen könntet. Dies schließt auch verfaulendes Fleisch, garstigen Geruch und/oder schwarzen Speichel, wiederkehrende Albträume, einen schwächeren Realitätssinn und spontane Verflüssigungen mit ein.


Man könnte also noch vor dem eigentlichen Start das leise Gefühl bekommen, das Spiel hasst einen und will sich und den Spieler in noch nicht erforschte, dunkle Abgründe reißen. Doch bevor der geneigte Leser sich jetzt schon vom Testbericht abwenden möchte, dem sei gesagt: Lies erst einmal weiter, denn ich verrate dir nachfolgend, warum Terror Squid dir sicherlich einige freudige Stunden bescheren könnte, in denen du gefesselt am Bildschirm deiner Nintendo Switch sitzen wirst.


Selbsterstelltes Kugelelend


Die Geschichte rund um den Bullet-Hell-Shooter ist schnell erzählt: Es gibt keine! Wie in klassischen Arcade-Automaten-Spielen, bei denen euch nach dem Einwerfen einer Münze in den Münzschlitz des Vergnügungsapparates auch keine große Narration rund um das gewählte Spiel geboten wird, gibt es auch hier keine Erklärung, auf welcher Lore das Spiel aufbaut. Hier soll euch simple, schnell erklärte Action geboten werden. Wobei das Wort „simpel“ hier in Schriftgröße 3 stehen sollte, denn Terror Squid ist alles, aber nicht simpel. Das Spiel an sich ist hingegen schnell erklärt, denn es gibt nur einen einzigen Spielmodus.


Nach der Selbstterminierung werden zufallsbasiert Projektile entfernt – Das Ergebnis wird entsprechend kommentiert.

© Apt Games

Ihr steuert ein kleines, aus nur vier Polygonen bestehendes Raumschiff, bestehend nur aus Linien und ähnlich wie das Gefährt aus dem bekannten Klassiker Asteroids. Auf einer erdähnlichen Gitternetzwelt, welche ihr vollständig umrunden könnt, bewegt ihr euch in gleichmäßiger Geschwindigkeit vorwärts und hinterlasst dabei unterschiedlich geformte Ansammlungen von Polygon-Gebilden aus eurem Antrieb. Nach und nach verteilen sich diese auf der kugeligen Gitterwelt und verschwinden auch nicht mehr so einfach. Somit schafft ihr euch eigene Hindernisse und schaufelt fleißig euer eigenes Raumschiffgrab. Links und rechts auf dem Bildschirm habt ihr jeweils eine sich mit der Zeit langsam, gleichzeitig füllende Anzeige, welche euch verrät, wann ihr ein so genanntes Ritual abgeschlossen habt. Hat diese ihren absoluten Füllstand erreicht, dann dürft ihr euch selbst per Knopfdruck terminieren. Der Zeitpunkt, wann ihr die kurze Verschnaufpause einlegen wollt, bleibt dabei ganz euch überlassen. Der Bildschirm fängt an zu zittern, es erfolgt der Übergang in die nächste Ritualstufe und das Spiel entscheidet per Zufallsprinzip, wie viele der von euch platzierten Hindernisse entfernt werden. Ist es gnädig, dann entfernt es eventuell die Hälfte, will es euch leiden sehen, dann nur ein paar um euer Raumschiff herum. Kommentiert wird das Geschehen mit einer entsprechenden Texteinblendung. In jeder Ritualstufe bekommt ihr es mit unterschiedlichen Kugelformationen zu tun, die in verschiedene Richtungen aus eurem Raumschiff-Hinterteil verschossen werden und letztendlich in diversen Größen und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufwarten. Es entsteht also von Ritual zu Ritual ein bunter Cocktail aus unterschiedlichen Projektilen und kein Spieldurchgang gleicht dem Vorherigen. Die einzige Möglichkeit der Kugelhölle zu entkommen, ist, den Geschossen geschickt auszuweichen, oder im letzten Moment einen kleinen Boost zu zünden, der euch für eine minimale Zeit lang sogar unsterblich macht. Berührt ihr einen der Projektile, dann ist das Spiel vorbei und ihr könnt von vorne beginnen. Ein Anreiz ist es, immer höher auf der globale Highscore-Tabelle zu landen, welche in eine tägliche, wöchentliche und gesamtheitliche Übersicht unterteilt ist. Zudem könnt ihr noch ein paar Siegel – prinzipiell soetwas wie Achievements – freischalten, indem ihr beispielsweise 88 mal sterbt, eine Gesamtspielzeiut von 8888 Sekunden erreicht, oder euch bis zur Ritualstufe 32 durchschlagt. Letzteres ist dabei keine so leichte Aufgabe. Eine spielerische Relevanz haben die Siegel allerdings nicht. Mehr Abwechslung bietet das Spiel letztendlich dann auch nicht und ein wenig mehr Vielfalt bezüglich der Spielmodi wäre wünschenswert gewesen, denn da schöpft das Spiel leider nicht sein volles Potenzial aus.


Je höher das Ritual-Level, desto mehr verschiedene Projektile tummeln sich auf der Gitternetzkugel.

© Apt Games

Von visueller Seite her, bietet Terror Squid nur wenig Aufregendes. Der unschlagbare Vorteil diesbezüglich ist allerdings auch der Umstand, dass das Spiel durchweg flüssig läuft und das ist aufgrund der nötigen Präzision auch bitter nötig. Was einem, vielleicht auch erst bei einer weitergehenden Überlegung, klar wird, ist, dass Terror Squid, ähnlich wie Asteroids oder auch das Spiel Vib Ribbon aus der Ära der ersten Sony Playstation, vollständig auf Texturen verzichtet. Alle Modelle bestehen nur aus Drahtgittermodellen, welche allerdings in bunt leuchtenden Neonfarben daher kommen und das Gesamtbild sehr futurisch wirken lassen. Die auftretende chromatische Abberation sowie ein wackelndes Bild bei der Selbstterminierung bieten dem Auge des Spielers zudem etwas mehr Dynamik von visueller Seite her. Ein technisch interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass es nur beim Start des Spiels einen etwas längeren Ladebildschirm gibt. Dieser Umstand und die fehlenden Texturen legen nahe, dass die kompletten Spieldaten einmal in den Arbeitsspeicher geladen werden und von da aus dann vom Spiel schnell abgerufen werden können.


Die Soundeffekte im Spiel sind knackig, nicht aufdringlich und passen zum allgemeinen Look and Feel. Beispielsweise beginnt die Selbstzerstörung mit einem ersten Knall und exponiert sich dann in viele Weitere – ein tonaler Orgasmus, der fantastisch zum Spielgeschehen passt und euch als Spieler ein direktes Feedback gibt, wie viele Projektile um euch herum zerstört worden sind. Leider bietet das Spiel nur einen einzigen Song während der Ritualdurchläufe. Der Track ist stilistisch dem elektronischen Musik-Genre zugeordnet und durchaus passend, aber ein paar mehr hätten dem Spiel und dem Spielerohr sicherlich gut getan.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von David Kuhlgert

Was für ein Gewusel! Terror Squid ist definitiv kein Spiel für stundenlange Unterhaltung am Stück, sondern um immer mal wieder einige Runden zu spielen und Stück für Stück die verschiedenen Projektilmuster auswendig zu lernen und dessen Effekt in Kombination untereinander einschätzen zu können. Ab dem Zeitpunkt wo ich diese Aspekte verinnerlicht hatte, entfaltete sich ein unfassbar befriedigendes Gefühl. Bei jeder neuen Runde, konnte ich mir zwar nicht sicher sein, in welches Ritual-Level ich es diesmal schaffen würde, doch wenn ich dann mal einen Lauf hatte, lechzte ich nach dem Ableben nach mehr und wollte meinen eigenen Rekord knacken. Durch die Kombination von non-existenten Ladezeiten zwischen den Neuversuchen, dem schnellen, bunten, wuseligem aber minimalistisch gehaltenen Geschehen auf dem Bildschirm, sowie der hohen notwendigen Konzentration die man aufbringen muss, entwickelt das Spiel zudem eine so enorme Sogwirkung, welche ich selten erlebt habe – zuletzt bei dem Spiel Super Hexagon, welches (bisher) leider nicht für die Nintendo Switch erschienen ist. Wem die Jagd nach dem Siegertreppchen auf der globalen Highscore-Tabelle, oder die Verbesserung der eigenen Leistung nicht Karotte genug ist, der wird, auch aufgrund der wenig vorhandenen Vielfalt im Spiel, längerfristig wohl nicht so viel Freude an dem Titel haben. Für mich persönlich ist das allerdings kein negativer Aspekt und somit Terror Squid ein absolutes Bullet-Hell-Highlight!
Mein persönliches Highlight: Das perfekte Zusammenspiel aus visuellem Minimalismus, schnellem Gameplay und einem recht knackigen Schwierigkeitsgrad!

Die durchschnittliche Leserwertung

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