Wo die Odyssee ihren Anfang nahm

Der tollpatschige Abe ist bereits seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Figuren des Videospielkosmos. Beginnend mit dem Titel Oddworld: Abe’s Odyssey aus dem Jahr 1997 für die ursprüngliche PlayStation, hat das der fiktiven Spezies der Mudokon angehörige Wesen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach einer wilden Achterbahnfahrt des Erfolgs und Misserfolgs, die ich bereits in meinem Test zu Oddworld: Stranger’s Wrath HD näher beleuchtet habe, hat sich das zuständige Entwicklerteam Oddworld Inhabitants zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts mit dem britischen Studio Just Add Water zusammengesetzt, um einen Neuanfang zu wagen. Seit 2014 ist dann schließlich Oddworld: New 'n' Tasty für jede noch so erdenkliche aktuelle Konsole und jedes System erschienen – einschließlich Linux, der PlayStation Vita, Android, iOS sowie auch auf der Wii U. Nun hat es das Remake des ersten Teils letztlich zudem auf die Nintendo Switch geschafft. Ob sich die Reise zurück zu diesem wichtigen Stück der Videospielgeschichte allerdings heute noch lohnt, sollen euch die folgenden Zeilen verraten.


Bei seiner Flucht ist Abe viel daran gelegen, auch seine Artgenossen zu befreien. Davon gibt es in der Firma aber nicht wenige.

© Oddworld Inhabitants, Inc.

Bei seinem schlaksigen Aussehen meint man es vielleicht nicht, aber Abe war sich seinem Schicksal durchaus zu jeder Zeit bewusst: Als Angestellter und zwischenzeitlicher Mitarbeiter des Monats bei RuptureFarms, einem Industrieriesen, der sich mit der Produktion von Lebensmitteln befasst, war Abe mehr oder weniger zufrieden – obwohl er wusste, dass er und seine Artgenossen per Definition nicht weit entfernt vom klassischen Sklavenarbeiter waren. Doch nicht nur die eigenen Mitarbeiter behandelte das gierige Unternehmen mies, zur Produktion der eigenen Waren sowie zur Maximierung des Gewinns schreckte man vielmehr auch nicht vor der Auslöschung und Ausrottung von Lebensräumen sowie Lebewesen zurück. Eines düsteren Tages wird Abe schließlich durch Zufall Zeuge eines Meetings der bösartigen Geschäftsführung. Da die Umsätze sowie das zur Verfügung stehende Produktionsmaterial rapide abnahmen, musste eine neue Quelle her. Der geniale Plan zur Rettung des Unternehmens: Mudokon-Fleisch scheint sich laut der Führungsebene ganz vorzüglich zur Herstellung eines neuen und schmackigen Produkts zu eignen. Das lässt für den sichtlich geschockten Abe nur eine Handlungsmöglichkeit zu: Nichts wie weg!


Die anschließende Flucht, bei der ihr erstmals in das Geschehen eingreifen dürft, wird euch in bester 2,5D-Optik präsentiert – ihr seid also grundsätzlich von 3D-Modellen umgeben, könnt euch aber nur von links nach rechts und zurück fortbewegen. Schnell wird dabei deutlich, dass es sich bei Oddworld: New 'n' Tasty nicht nur um ein aufpoliertes Remaster, sondern um ein quasi von Grund auf neuentwickeltes Remake des ersten Teils handelt. So sind die starren Bildeinstellungen, die einen Level in aneinandergereihte Räume aufgeteilt haben, passé und wurden durch eine sich mit dem Protagonisten durch das Level bewegende Kamera ersetzt. So könnt ihr Abe jederzeit genau dabei beobachten, wie er von euch gesteuert durch die Fabrik und später auch die weitläufigere Welt läuft, springt und rennt.


Viele andere Betätigungsmöglichkeiten bieten sich euch dabei nicht, denn der schlaksige Kerl kann grundsätzlich nicht physisch angreifen oder sich etwaiger Waffen bemächtigen. Deshalb müsst ihr stets auf andere Weise versuchen, an den gemeinen und schießwütigen Sligs sowie anderen fiesen Gesellen vorbeizukommen, um euch einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Das kann in Form einer Schleichpassage geschehen, in der euch Schatten und Rauchschwaden dienlich sind, um sich vor den üblen Feinden zu verstecken. In den meisten Fällen habt ihr aber kleinere Rätselpassagen zu lösen, bei denen es gilt, sich den Gegnern durch durchdachte Laufwege und mithilfe diverser tödlicher, aktivierbarer Fallen zu entledigen.


Die meiste Zeit machen euch die fiesen Sligs das Leben schwer. In so manchen Situationen könnt ihr mit ihnen allerdings kurzen Prozess machen.

© Oddworld Inhabitants, Inc.

Dabei gilt es aber auch immer Vorsicht walten zu lassen, denn Abe will nicht nur entkommen, sondern dabei auch noch möglichst viele seiner Artgenossen retten. Insgesamt sind es 299 Mudokon, die mit ihm in der Firma angestellt sind – und damit stolze 200 mehr als im Original von 1997. Diese sind entsprechend über die ganze Welt verteilt und durch eigens hinzugefügte Extra-Räume und -Level teils ziemlich schwer zu finden. Trefft ihr auf ein schwer schuftendes Kerlchen, müsst ihr ihn zunächst rufen, damit euch seine Aufmerksamkeit zuteilwird. Sagt ihr dann, dass er euch folgen soll, tut er dies auch bedingungslos und ahmt dabei eure Bewegungen nach – schleicht ihr, wird er auch schleichen; rennt ihr, wird er ebenso rasant folgen. Nur höhere Ebenen durch springen erreichen ist nicht möglich. Retten könnt ihr eure Arbeitskollegen, wenn ihr einen Vogelkreis entdeckt, der häufig nicht unweit vom jeweiligen Arbeitsplatz des folgenden Mudokon entfernt ist. Hier kommt Abes besondere Fähigkeit zum Einsatz: das Chanten.


Durch das Drücken beider Schultertasten begibt sich Abe nämlich in einen spirituellen Zustand, der Magisches geschehen lassen kann. In der Nähe eines Vogelkreises sorgt das Chanten für das Erscheinen eines Portals, durch das seine Gefährten entfliehen können. Darüber hinaus könnt ihr damit auch Glocken erklingen lassen, die euch versperrte Wege eröffnen, oder gleich euren Geist entfesseln, um die Kontrolle über einen der Gegner zu übernehmen. Was nun auf den ersten Blick aber ziemlich übermächtig erscheint – zumal euch der Einsatz der Fähigkeit nichts kostet – wird durch das ausgeklügelte Leveldesign in die Schranken gewiesen. So wird das Chanten durch herumfliegende Drohnen teils einfach von vornherein unterbunden und andere Gegner durchschauen euch sofort, solltet ihr einen ihrer Kumpanen übernehmen, und greifen direkt an. Die Kombination aller genannten Elemente ergibt ein durchdachtes Gameplay, das auch heute noch herauszufordern und zu überzeugen weiß.


Der Titel kann mit seiner stark inszenierten Geschichte viele Pluspunkte sammeln.

© Oddworld Inhabitants, Inc.

Apropos herausfordernd: Der Ursprungstitel für die erste PlayStation war unter anderem auch für seine hohe Schwierigkeit berühmt-berüchtigt. Das vorliegende Remake hat es nun insofern für eine größere Zielgruppe zugänglich gemacht, als dass ihr nun zu Beginn eures Abenteuers aus drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen wählen könnt – wobei die höchste Stufe tatsächlich das originale Erlebnis von damals widerspiegeln soll. Darüber hinaus findet ihr alle naselang Checkpoints, die euren Fortschritt speichern, sodass ihr bei einem Ableben – was euch durchaus häufiger passieren kann – schnell wieder einen Einstieg findet. Aber nicht nur bei der Schwierigkeit wurde beim Remake an eine größere, jüngere Zielgruppe gedacht, auch bei der optischen Gestaltung finden sich entsprechende Hinweise. Wo im westlichen Original in der Eingangssequenz noch abgetrennte und aufgespießte Mudokon-Köpfe als das umsatzrettende neue Produkt von RuptureFarms vorgestellt wird, setzt das Remake auf die japanische Version, in der die gleiche Szene durch ein einfaches Eis am Stiel in der Farbe der Mudokon entschärft wird. Nicht aus dem fernöstlichen Land übernommen wurde wiederum die kuriose Geschichte um die Anzahl der Finger an Abes Hand. Waren es ursprünglich noch vier Finger, wurden diese in danach folgenden Titeln auf drei reduziert, da die Zahl vier im asiatischen Raum bekanntlich als Unglückszahl angesehen wird. In Oddworld: New 'n' Tasty sind es originalgetreu aber wieder die vollen vier Finger, die unter anderem auch auf dem im Spiel befindlichen Mond zu sehen sind. Was es damit auf sich hat, sei an dieser Stelle aber nicht verraten.


Neben dem auch heute noch gut funktionierenden Gameplay können sich auch die Zwischensequenzen weiterhin sehen lassen. Sowohl aus optischer als auch aus inhaltlicher Sicht wissen die kurzen Einspieler zu überzeugen und regelrecht zu fesseln. Man merkt hier ganz deutlich, dass viele der ursprünglichen Spielentwickler einen Hintergrund in der Filmindustrie haben. Darüber hinaus sind es die vielen kleinen Dinge, die einen optischen Genuss schaffen. Auch wenn das Remake selbst nun schon seine Jährchen auf dem Buckel hat, befinden sich das grafische Leveldesign, die Charaktere und so manche Übergänge auf einem überraschend aktuellen Niveau.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Chris Holletschek

Allein durch die zahlreichen Veröffentlichungen ist vermutlich schon vielen von euch der Titel Oddworld: New 'n' Tasty begegnet. Und auch wenn der frühere Entwickler und nun Publisher Oddworld Inhabitants offen kommuniziert, dass die vielen Umsetzungen primär auf einen kommerziellen Erfolg abzielen, damit neue Projekte finanziert werden können, kann man diesem Vorhaben einfach nicht böse sein, da das Remake des ersten Teils nun auch auf der Nintendo Switch sehr gut funktioniert. Der Protagonist ist im Grunde schwach, die Gegner sowie die Welt sind gemein und euer Ziel ist kühn. In Kombination mit einem tollen Gameplay und einer sehr ansehnlichen optischen Darstellung und Inszenierung ergibt sich ein runder Titel, der für einige Stunden zu unterhalten und zu fordern weiß. Und da geteiltes Leid bekanntlich nur halbes Leid ist, lädt euch der Koop-Modus des Spiels dazu ein, einen Freund dazu zu holen und euch nach jedem Ableben Abes abzuwechseln. Das Durchhaltevermögen wird mit einer schön erzählten Geschichte belohnt. Achtet allerdings darauf, dass ihr auf eurem Weg ausreichend Artgenossen rettet. Je nachdem könnte dies zu unterschiedlichen Enden führen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 8

  • Mattos313

    Turmritter

    Bin bei New'n'Tasty ein bisschen vorsichtig, weil ich gehört habe, dass es unter Fans der Reihe etwas verpönt ist, da es als Remake nur bedingt dem Original treu geblieben ist und einige von dessen Stärken untergräbt, vor allem in Sachen Optik, Atmosphäre und Schwierigkeitsgrad

  • zig

    Turmheld

    ich liebe dieses spiel. gibt es einen weiteren, ähnlichen 2d teil auf der switch? hab leider keinen überblick bei der serie.

  • Mattos313

    Turmritter

    zig Auf der Switch aktuell nicht. Ursprünglich gabs Abe's Odyssey und Abe's Exoddus auf der PS1. Dieses Spiel hier ist ein Remake von Odyssey, und bald kommt noch ein neuer Teil, Soulstorm, für PS5 raus. Das ist mehr oder weniger ein Remake von Exoddus, soweit ich weiß.

    Weiß aber nicht, ob das auch für Switch kommt.

  • Zach

    Turmheld

    Ich spiele New 'n Tasty seit heute Vormittag und bin bisher schwer begeistert vom Spiel, vor allem da ich das Remake vorher nie gespielt hatte.

    Positiv möchte ich bei der Retail-Version noch hervorheben, dass diesmal die deutschen Bildschirmtexte gleich mit auf der Cartridge sind und nicht wie bei Stranger's Wrath/Munch's Odyssee, erst per Download nachgereicht werden. 👍

  • Phantomilars

    Weltraummönch

    Ich habe mir ausnahmsweise die limitierte Version besorgt, freue mich auf das Remake dieses Klassikers.

  • Heldissimo

    Turmheld

    Ich hab die Spiele auf der Playstation damals gehasst wie die Pest und mag sie bis heute nicht. :D Das ist aber natürlich mein persönliches Empfinden. ;)

  • Wowan14

    Gamer aus Leidenschaft

    Ich habe jetzt nur kurz überflogen aber wurde im Test etwa kein einziges mal die akustische Stärke des Spiels erwähnt? Das ist etwas was viele garnicht so richtig wahrnehmen aber ist eine Besonderheit dieses Spiels und damals schon weit seiner Zeit voraus.


    Mattos313 also mir hat es als Fan gefallen aber ich finde auch, dass das Original etwas besser ist. Das liegt insbesondere an der schlechteren Technik damals. Gerade weil die Bewegungen weniger dynamisch waren hatte man viel mehr unterhaltsamere Tode als im Remake, auch war es dadurch auch gleichzeitig schwerer. Der Schwere Schwierigkeitsgrad im Remake ist zwar bisschen tödlicher als im Original aber eben wegen der Steuerung was Bewegung angeht einfacher.

  • Chester

    Turmritter

    Hab das Spiel heute anzocken können und festgestellt, dass es nichts für mich ist :D

    Das Spiel ist super cool aufgemacht, das Setting ist gut gewählt und es macht auch sicherlich Spaß, also rundherum würde ich sagen es ist ein gutes Spiel, was sich auch zu kaufen lohnt! Leider trifft es nicht meinen Geschmack..