Ein düsteres 2D-Abenteuer mit technischen Mängeln

Vigil: The Longest Night ist das erste Spiel und somit Debüt des taiwanesischen Studios Glass Heart Games, welches Ende des letzten Jahres angekündigt wurde und nun Mitte Oktober für die Nintendo Switch erschien. Schon der Ankündigungstrailer machte unmissverständlich klar, in welche Richtung man sich mit dem Titel bewegen möchte. Das 2D-Abenteuer stellt einen Mix aus Metroidvania und Souls-like dar, wie es schon einige davor gab, darunter Salt & Sanctuary und allen voran das allseits beliebte Hollow Knight. Ob Glass Heart Games' Debüt gelungen ist, möchten wir euch im folgenden Test verraten.


Woher rührt die ominöse Plage?


In Vigil: The Longest Night schlüpft ihr in die Rolle der Nachtwächterin Leila, die zu ihrem Heimatdorf zurückkehrt, welches von einem unbekannten Übel, einer Seuche, geplagt wird. Der Doktor des kleinen Örtchens ist verschwunden. Wo sich dieser befindet, gilt es herauszufinden, denn wenn jemand die Ursprünge der teuflischen Seuche ermitteln kann, dann der fachkundige Doktor.


Die toll gestalteten Umgebungen laden zum Erkunden ein.

© Glass Heart Games

Die Geschichte von Vigil: The Longest Night wird zumeist ziemlich nebulös erzählt, was einerseits der insgesamt düsteren und mysteriösen Spielwelt zuträglich ist, andererseits auch mal dazu führt, dass ihr euch etwas verloren fühlt und verzweifelt nach einem roten Faden sucht. Auch hier zeichnen sich die Inspirationsquellen, die Souls-Spiele, deutlich ab. Denn auch dort ist Eigeninitiative gefragt, die einzelnen Bruchstücke aus Item-Beschreibungen und Dialogen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Auch in Vigil: The Longest Night findet ihr dutzende Gegenstände, deren Beschreibung der Welt zusätzliches Leben einhauchen, und Dialoge führt ihr in dem Spiel ebenfalls zuhauf, wenn nicht sogar etwas zu viel. Anders als im zentralen Hub der Souls-Spiele gibt es in Vigil: The Longest Night nicht nur eine Handvoll NPCs, mit denen ihr Plausch führen könnt, sondern eben ein ganzes Dorf davon. Ihr betretet also Läden, schaut einmal in der Taverne vorbei und führt Konversation mit den Wachen auf den Stadtmauern. Nach dem actionreichen Einstieg heißt es also erst einmal: Geduld beweisen und zuhören, denn die Handlung ist, wie eingangs erwähnt, alles andere als offensichtlich. Manch einer mag behaupten, dass das schon ein bisschen zum Genre dazugehört, es wird jedoch nicht allen gefallen.


Die vielen Charaktere haben aber auch zum Vorteil, dass sie euch reichlich mit Aufgaben versorgen. Auch wenn diese stellenweise generisch daherkommen, seid ihr immer beschäftigt und lernt zudem so einige skurrile Personen kennen. Später im Spiel könnt ihr euch auch ein Haus kaufen. Dieses dient zwar primär der Zierde und bietet kaum interaktive Möglichkeiten, allerdings könnt ihr es mit Schätzen eurer Reise schmücken lassen, sodass ihr jedes Mal, wenn ihr euch dorthin teleportiert, noch einmal daran erinnert werdet, was ihr schon alles erlebt habt – sehr nett.


Das Boss-Design korreliert super mit der Spielwelt und stellt eines der Highlights von Vigil: The Longest Night dar.

© Glass Heart Games

Wie in anderen Genrevertretern wird auch in Vigil: The Longest Night viel erkundet, gekämpft und gesammelt. Hierbei handelt es sich um eine der vielen Stärken des Spiels. Das Erforschen der überschaubaren, aber ausreichend großen Gebiete motiviert ungemein. Neben der obligatorischen Route gibt es auch viele sekundäre Gebiete zu entdecken, die mit optionalen Bosskämpfen daherkommen. Jedes einzelne davon im eigenen Gewand, was die Spielwelt angenehm abwechslungsreich wirken lässt. So watet ihr durch schlammige Sümpfe, steigt in Minenschächte hinab oder erklimmt eindrucksvolle Bäume. All das präsentiert sich homogen finster, wie aus einem Guss. Die Plattformer-Passagen kommen angenehm häufig vor und erfordern den ein oder anderen geschickten Sprung, ohne jemals an den Nerven zu zehren. Während eures Abenteuers erlangt ihr zudem bestimmte Fähigkeiten, die euch neue Wege eröffnen und euch somit neue Spielgebiete erschließen lassen. Per Knopfdruck könnt ihr auf eine detaillierte Karte zugreifen, die bereits entdeckte Gegenden anzeigt. Leider gilt das nicht für erforschte Geheimpassagen, diese bleiben unverständlicherweise schwarz und somit verborgen, was der Übersicht gelegentlich schadet.


Sollte euch das Spiel jemals zu hart werden oder euch der Sinn nach mehr Herausforderung stehen, könnt ihr über das Hauptmenü während des Spiels zwischen den drei Schwierigkeitsgraden hin- und herwechseln. Solltet ihr das Spiel einmal durchgespielt haben, dürft ihr euch im New Game Plus erneut austoben. In diesem Modus dürft ihr euch mit euren bisher erspielten Fähigkeiten und Ausrüstung noch einmal an den Anfang wagen, wobei die Stärke eurer Gegner etwas nach oben reguliert wird, sodass ihr nicht wie ein heißes Messer durch Butter gleitet.


In eurem für viel Geld erworbenen Zuhause dürft ihr Schätze eurer Reise ausstellen. Das bietet zwar kaum spielerischen Mehrwert, nett ist es dennoch.

© Glass Heart Games

Beim Kampf habt ihr die Wahl zwischen vier Waffengattungen. Der beidhändige Nahkampf mit schweren Zweihandwaffen und Dolchen, der einhändige Nahkampf mit vorwiegend Schwertern und der Fernkampf mit dem Bogen. Die Waffengattungen unterscheiden sich hierbei primär in Nah- und Fernkampf sowie in der Geschwindigkeit, mit der gekämpft wird, und wie viel Schaden ein Hieb eurem Gegenüber zufügt. Die Auseinandersetzungen erfordern, wie im Genre üblich, eine gute Reaktionsgeschwindigkeit. Ihr müsst im richtigen Moment ausweichen oder blocken, sonst tragt ihr stellenweise enormen Schaden davon. Eure Lebensenergie füllt ihr dann mit den entsprechenden Heilmitteln wieder auf. Von diesen könnt ihr nur eine bestimmte Anzahl tragen. Anders als in den Souls-Spielen werden die Heiltränke auch nicht an den dafür vorgesehenen Stellen wieder aufgefüllt, sondern müssen vom Spieler gefunden oder erworben werden. Da jede Waffengattung über einen eigenen Skillbaum verfügt, empfiehlt es sich, dass ihr euch innerhalb der ersten paar Stunden auf eine Waffe festlegt, wobei die Wahl der Waffe selbst kein allzu großes Thema darstellt. Ihr findet in der Welt genügend Aufwertungsmaterialien, um eure Ausrüstung zu verbessern und notfalls auch zu wechseln, ohne großartigen Verlust zu erfahren. Solltet ihr mal im Kampf fallen, werdet ihr in Vigil: The Longest Night nicht so sehr bestraft wie in seinen Vorbildern. Hier wird einfach euer letzter Speicherstand geladen, den ihr an in der Spielwelt verteilten Eulenstatuen aktualisieren könnt. Diese könnt ihr auch als Schnellreiseziel auswählen. Außerdem gibt es ein Item, welches euch erlaubt, einen Checkpoint zu erstellen, der aber nur für die Dauer der aktuellen Spielsitzung gültig ist. Darüber hinaus erhaltet ihr keine allumfassende Währung, wie es die Seelen in den Souls-Spielen darstellen, sondern ganz klassische Erfahrungspunkte, mit denen ihr euren Levelbalken füllt und mit dessen Anstieg ihr eure Skillpunkte verdient, die ihr wiederum in einen der fünf Bäume investieren könnt.


Wie bereits erwähnt, verfügt jede Waffengattung über einen eigenen Skillbaum. Dort könnt ihr Leila im Umgang mit dieser Waffe schulen. So kann die Dauer für das Aufladen verheerender Schläge gesenkt oder die Reaktionszeit beschleunigt werden. Nebst der vier Bäume gibt es noch einen allgemeinen Baum, der beispielsweise beinhaltet, wie viele Konsumgegenstände ihr auf einmal tragen könnt und wie hoch die Chancen stehen, dass ein besiegter Feind Items fallen lässt. Manche vermissen es vielleicht, entscheiden zu können, in welches Attribut ein Level-up investiert wird, die Skillbäume lassen euch aber trotz alldem genügend Freiheiten, eure Spielfigur euren Bedürfnissen anzupassen. Zudem dürft ihr Leila mit allerlei Rüstungsteilen und Waffen ausstatten, die sich optisch voneinander unterscheiden, detailliert in Szene gesetzt und jeweils aufwertbar sind. Jedoch spielt hierbei das Gewicht keine Rolle, Leila bleibt flink wie eine Gazelle.


Ärgerliche Technikmacken stören das stimmungsvolle Gesamtbild


Die Präsentation ist insgesamt stimmig und die Musik kann sich auch hören lassen, wenn sie sich auch häufig wiederholt. Die schön gestalteten Gebiete spiegeln sehr gut den Verfall der Spielwelt wieder und lassen euch gut darin eintauchen. Das düstere Fantasy-Setting spiegelt sich im stellenweise einzigartigen Gegner- sowie Boss-Design wieder, wobei Letztere auch gerne mal eindrucksvoll den gesamten Bildschirm füllen. Einzig die Vegetation fällt stellenweise etwas negativ auf. Dass diese arg verschwommen dargestellt wird, scheint beabsichtigt zu sein, auch dass sie sich zudem wellenartig bewegt, jedoch ist das durchaus Geschmackssache. Zum Glück kann man die Animation der Bäume bei Bedarf ausschalten.


Technisch lässt Vigil: The Longest Night leider zu wünschen übrig. Zu häufig stürzt das Spiel ab, gerne mal nach anstrengenden Bosskämpfen. Da die selbst gesetzten Rücksetzpunkte nur für die Dauer der aktuellen Spielsitzung gültig sind, könnt ihr diese in diesem Fall auch vergessen – ärgerlich. Zudem geht die Bildrate allen voran beim Kampf gegen mehrere Gegner merklich in die Knie, was gerade bei einem solchen Echtzeitkampfsystem sehr kontraproduktiv ist. Dies lässt sich stellenweise beheben, indem man den TV-Modus der Nintendo Switch nutzt. Dieser läuft aber auch nicht perfekt. Des Weiteren bedürfen die deutschen Texte einer kleinen Überarbeitung. Die sind stellenweise noch etwas grob und fehlerbehaftet, weswegen ich mich frühzeitig für die englische Sprache entschieden habe, die insgesamt besser abschneidet. Abschließend muss man auch die Ladezeiten ansprechen. Diese sind leider deutlich zu lange und treten bei Gebietswechseln, beim Laden des Spielstands und besonders zeitraubend beim Neustart des Spiels nach einem Absturz auf.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Kraus

Vigil: The Longest Night hat ein wenig gebraucht, um zu überzeugen. Nach den ersten paar Stunden Spielzeit stellt sich jedoch ein positiver Gesamteindruck ein, wenn man die technischen Mängel mal außer Acht lässt. Das konsistente Weltendesign mit all seinen nicht minder schön gestalteten Kreaturen und die motivierende Suche nach optionalen Gebieten, Routen und Geheimnissen machen einfach Laune. Die Technikmacken sorgen jedoch für Ernüchterung und sollten schnellstmöglich behandelt werden. Wem der Sinn nach einer kleinen Herausforderung steht und wem kleinere Schnitzer nicht abschrecken, der kann bei Vigil: The Longest Night bedenkenlos zugreifen.
Mein persönliches Highlight: Die Suche nach alternativen Routen und versteckten Gebieten, die ungemein motiviert.

Die durchschnittliche Leserwertung

1 User hat bereits bewertet

Kommentare 7

  • Zarathustra

    Ritter von Ni(er)

    Das hört sich schon gut an und eigentlich wollte ich es auch runterladen, allerdings habe ich auch schon Kommentare gelesen,die die technischen Schwierigkeiten sehr viel gravierender darstellen


    Ich denk,ich warte da noch auf nen Patch.

  • Felix Kraus

    Redakteur

    Zarathustra Es ist nicht unspielbar. Ich hatte während meines Durchlaufs etwa fünf Abstürze, man sollte halt häufig speichern, und die Framedrops sind jetzt auch nicht so gravierend, aber eben gelegentlich vorhanden. Die Ladezeiten sind etwas nervig, aber dem kann man entgegenwirken, indem man das Spiel auf den internen Speicher verschiebt. Perfekt ist es damit noch nicht, aber sehr viel angenehmer. :)

  • Zarathustra

    Ritter von Ni(er)

    vielen Dank für den Tipp mit dem internen Speicher,das merk ich mir.


    In den Kommentaren,die ich bei metacritic gelesen habe,wurde halt erwähnt,das bei Abstürzen auch Speicherdaten der letzten Speicherung verloren gehen,das ist dir aber nicht passiert,oder?

  • Shulk meets 9S

    Meister des Turms

    Ich konnte mich bislang auch noch nicht durchringen es zu kaufen.


    Warte glaub auf nen guten Sale


    The Last Faith sieht einfach besser aus irgendwie

  • Darksamus666

    Wall-Jump-Akrobat

    Das Spiel hat enormes Potenzial, wenn der Entwickler Arbeit in die Behebung der Mängel steckt. So ist es ein gutes, atmosphärisches Metroidvania/Soulslike mit eben ein paar störenden Fehlern.

    Steuerung:

    eigentlich nicht schlecht, aber warum man hier nicht das Steuerkreuz zumindest optional anbietet, ist mir ein Rätsel, so steuert es sich leider etwas schwammig. Ebenso rätselhaft ist die Entscheidung, den Aktionsknopf und item/Trank verwenden auf einen Knopf zu legen.

    Technik:

    Bei mir ist das Spiel in den ersten 3 Stunden sage und schreibe 4x abgestürzt, vorwiegend bei Zwischensequenzen. Das darf nicht sein! Beim letzten mal hab ich mich dazu entschlossen, auf den ersten Patch zu warten.

    Auch die Ladezeiten sind Teils inakzeptabel.


    Ansonsten ist es wirklich unterhaltsam, wenn sie die Kritikpunkte ausmärzen, ist Vigil ein Top-Titel!

  • Felix Kraus

    Redakteur

    Zarathustra Nein, das nicht. Also diese selbst gesetzten Checkpoints sind weg, wie ich es im Test beschrieben habe, aber die Speicherstände an den Eulenstatuen sowie Autosaves bleiben erhalten. :)

  • Bautzcrescendo

    Herr Bautz

    Felix Kraus Mir ist das tatsächlich mehrmals passiert, dass nicht nur das Spiel abgestürzt ist, sondern auch der zuletzt an einer Eulenstatue angelegte Spielstand futsch war. War meist nicht sonderlich gravierend bisher, aber mir ist das Spiel nach der Brutmutter direkt im nächsten Ladescreen abgestürzt, als ich neu geladen habe, war die Eisentür für den Shortcut davor wieder verschlossen, obwohl ich diese vorher bereits geöffnet und danach nochmal bei der Eulenstatue gespeichert habe; Und natürlich musste ich den Boss erneut legen.


    Aber die Entwickler sind sich des Absturzproblems bewusst und arbeiten schon an einem Patch, jedenfalls haben sie das so auf Twitter verkündet.


    Insgesamt macht es mir eine Menge Spaß, bin so ca. 9 Stunden drin, hatte aber auch fünf Abstürze und das trübt den Spielspaß schon ein wenig; Speichere auf jeden Fall sehr viel häufiger, als ich es normalerweise tun würde.