Doppelter Survival-Horror im Chibi-Look

Viele von euch denken bei Survival-Horror-Titeln vermutlich an einen First-Person-Shooter, der inmitten einer Zombie-Apokalypse spielt, von euch erwartet, dass ihr euren Gegnern zielsicher das, was von ihrem Hirn übriggeblieben ist, wegballert und dabei auch noch euer viel zu kleines Inventar managt, während ihr eure tiefen Fleischwunden mit einem schicken Pflaster oder leckeren Kräutern auf magische Weise heilt. Woran ihr vermutlich nicht denkt, ist eine liebevolle, handgezeichnete Umgebung mit Charakteren in einem niedlichen Chibi-Zeichenstil und einem kleinen Mädchen in der Hauptrolle. Doch genau das bietet euch Yomawari: The Long Night Collection, welches bereits im Oktober 2018 für die Nintendo Switch erschienen ist. Im Rahmen unseres Schocktobers habe ich einen Blick auf die beiden in der Kollektion enthaltenen Titel geworfen und selbst ausprobiert, ob ein derart putzig anmutendes Spiel für eine ordentliche Horror-Stimmung zu Halloween sorgen kann.


Yomawari: Night Alone


Der erste Titel, Yomawari: Night Alone, ist ursprünglich bereits 2015 für die PlayStation Vita erschienen. Er erzählt die Geschichte eines namenlosen kleinen Mädchens, das sich nachts durch ihr von Geistern und Dämonen verseuchtes Stadtviertel schlägt, um ihre verschwundene große Schwester aufzuspüren. Diese machte sich auf, um nach dem Familienhund Poro zu suchen. Der Vierbeiner war zuvor mit der kleinen Schwester unterwegs, als es leider zu einem folgenschweren Unfall mit einem Lastwagen kam. In Schock und Trauer kehrte das Mädchen nach Hause zurück und brachte es einfach nicht übers Herz, ihrer Schwester die Wahrheit zu sagen. Doch nun fasst sie all ihren Mut zusammen und macht sich auf die Suche nach ebendieser, als diese nicht von ihrer Suche zurückkehrt.


Taschenlampe an und ... WAH!!! Was ist das denn für ein fürchterliches Ungetüm?!

© NIS America

Dabei erkundet das kleine Mädchen das Viertel der japanischen Stadt, in der sie wohnt und gerät dabei selbst in allerhand gefährliche Situationen. In der düsteren Nacht ist sie nämlich ganz auf sich allein gestellt – die anderen Bewohner schlafen entweder oder wissen ganz genau, warum sie ihr Haus zu solch später Stunde nicht mehr verlässt. Gleich zu Beginn kommt dabei eine wirklich unheimliche Atmosphäre auf, denn obwohl das Spiel über keinen Soundtrack verfügt, sorgen die Geräusche von Natur und elektrischen Geräten für eine richtig schaurige Kulisse. Sei es das Zirpen der Grillen, das Rauschen des Windes, das Summen eines Getränkeautomats oder die eigenen Schritte auf dem düsteren Asphalt – das Sounddesign in diesem Spiel zeigt, welch unbehagliche Atmosphäre sich durch minimalistischen Geräuscheeinsatz erschaffen lässt. Lange ist die namenlose Protagonistin jedoch nicht alleine, denn schon nach kurzer Zeit hört sie ein bedrohliches Flüstern und erkennt eine düstere Silhouette unter einer Straßenlaterne. Mit einem kleinen Jumpscare wird der erste von diversen Geistertypen vorgestellt und direkt von Anfang an ist klar: Von diesen Wesen sollte man sich nicht berühren lassen. Zum Glück ist dies der einzige echte "Jumpscare" des Spiels – weitere hat es glücklicherweise nicht nötig.


Nach einer Weile findet das Mädchen auch schon ihre Schwester, muss jedoch miterleben, wie diese von einer unbekannten Macht entführt wird. Lediglich ihre Taschenlampe bleibt zurück und wird zur einzigen "Waffe" des kleinen Mädchens. Ihre Aktionen sind nicht besonders vielfältig. Neben dem normalen Laufen kann sie für eine Weile sprinten, langsam schleichen und dabei den Blick auf eine Richtung fixieren und ihre Taschenlampe ein- und ausschalten. Diverse Objekte, wie Steine oder Münzen, können aufgehoben und nach Gegnern geworfen werden. Diese richten jedoch keinen Schaden an und dienen lediglich als Ablenkung. Das war es im Prinzip. Somit wird klar: Gegner besiegen ist in diesem Titel nicht drin. Stattdessen muss sich die junge Dame entweder an ihren Widersachern vorbei schleichen oder sich vor diesen verstecken. Wird eine Situation zu brenzlig, so kann sie sich nämlich in einem Busch oder hinter einem großen Schild verstecken und abwarten, bis die Geister sich von ihr entfernt haben. Die Geister kommen dabei in den verschiedensten Formen daher: von schwarzen, menschenähnlichen Schattenfiguren über gigantische, hausgroße, zottelige Spinnenwesen, bis hin zu Mr. Yomawari, einem äußerst merkwürdigen Wesen, das die Hauptfigur des Öftern beobachtet und später dann aus heiterem Himmel entführt und seine wahre Gestalt in Form eines riesigen, alles verzehrenden Fleischbergs zeigt. Das Gemeine: Während manche Gegner jederzeit zu sehen sind, lassen sich einige nur dann erkennen, wenn sie vom Licht angestrahlt werden. Zum Glück gibt es aber eine weitere Möglichkeit, mit der sich die Geister und Dämonen aufspüren lassen. Je näher ein Gegner dem Mädchen kommt, desto schneller und lauter wird dessen Herzschlag, was deutlich zu hören ist und für ordentlich Spannung sorgt. Hier gilt es, den Gegner schnellstmöglich ausfindig zu machen und entweder die Flucht zu ergreifen oder sich schnell noch an ihm vorbeizumogeln.


Wenn ich dich nicht sehen kann, kannst du mich auch nicht sehen! Ab in den Busch, wenn die Gegner zu aufdringlich werden ...

© NIS America

Stößt man doch einmal mit einem Gegner zusammen, so bedeutet dies tatsächlich den sofortigen Tod. Das Mädchen muss dann wieder vom letzten Checkpoint aus starten – jedoch mit einer Besonderheit. Sämtliche Gegenstände, die man bis zum Ableben der Protagonistin eingesammelt hat, bleiben gespeichert. Ein interessanter Kompromiss, der bedeutet, dass man nicht alles noch einmal machen muss. Während dies sicherlich den ein oder anderen Frustmoment erspart, sorgt es jedoch gleichzeitig auch für einen manchmal etwas zu niedrigen Schwierigkeitsgrad. Besonders die Tatsache, dass ein Tod auch sonst keine weiteren Konsequenzen mit sich bringt, macht somit sogar den Tod in bestimmten Situationen erstrebenswert, weil einem so beispielsweise ein längerer Rückweg erspart bleibt. Neben dem Haus des Mädchens dienen sogenannte Jizō-Statuen als weitere Checkpoints. Um den Checkpoint dorthin zu verlegen, muss man jedoch immer eine 10 Yen-Münze als Opfergabe bereithalten. Völlig ohne Geldopfer kann man die Statuen jedoch auch als Schnellreisepunkte nutzen, um schneller durch das Stadtviertel zu gelangen.


Insgesamt bietet das Spiel eine traurige, aber dennoch auch rührende Geschichte, die ich gerne erkundet habe. Gelegentlich geizt das Spiel etwas mit Hinweisen, wo die Story als nächstes weitergeht. Doch auch diese Situationen waren sehr willkommen, weil sie mich zum Erkunden der Stadt und zum Aufspüren zuvor unentdeckter Sammelgegenstände verleitet haben. Während ihrer Suche nach der großen Schwester kann das Mädchen eine ganze Menge an Gegenständen aufsammeln und ihrer Kollektionen hinzufügen. Obwohl ich das meiste davon wohl eher in den Müll schmeißen würde, gibt es die ein oder anderen Objekte, die die Protagonisten sogar zu Hause in ihrem Zimmer aufstellt. Dadurch wirkt das Einsammeln dieser Gegenstände nicht so belanglos, sondern man kann eine gewisse Bedeutung darin erkennen. Falls man während des Spieldurchlaufs einen Gegenstand übersieht, so kann man diesen glücklicherweise jederzeit nach Abschluss der Story nachholen. Dann kann man nämlich in einen freien Erkundungsmodus gehen, in dem man zwar nicht vor Gegnern sicher ist, aber dennoch ohne große Ablenkungen auf Schatzsuche gehen kann.


Yomawari: Night Alone zeigt, dass ein Horror-Titel nicht immer die großen Geschütze auffahren muss, um eine wirklich spannende Geschichte in gruseliger Atmosphäre zu erzählen. Je nachdem wie erkundungsfreudig man durch das Stadtviertel streift und wie sehr man die Sammlung des kleinen Mädchens vervollständigen möchte, bietet der erste Teil der Yomawari-Saga etwa vier bis sechs Stunden schaurige Unterhaltung.


Yomawari: Midnight Shadows


Der zweite Teil, Yomawari: Midnight Shadows, hat sich vorgenommen, das Spielprinzip des ursprünglichen Titels in allen Bereichen zu verbessern. Weitestgehend ist dieses Vorhaben auch gut gelungen. Midnight Shadows spielt sich genauso wie der Vorgänger. Jedoch wurden zwei neue Bewegungsoptionen hinzugefügt. Gelegentlich muss eine Kiste geschoben werden oder ein Objekt aufgehoben und an anderer Stelle wieder abgestellt werden. Ansonsten sind die Aktionen gleich geblieben, was den Einstieg in die Fortsetzung besonders leicht macht, wenn man den ersten Teil zuvor gespielt hat. Außerdem gibt es noch ein neues Talisman-System, das es euch erlaubt, einen Talisman auszurüsten, der einen von verschiedenen Effekten bietet. Hierzu gehören beispielsweise ein kleiner Geschwindigkeitsboost beim Rennen oder die Fähigkeit, mehr Steine zu tragen.


Wieso kann Haru ihre Freundin Yui nicht sehen? Hat es etwas mit den Dämonen zu tun, die die Stadt unsicher machen?

© NIS America

Die Handlung bietet jedoch einen gewaltigen Unterschied zum Vorgänger. Im zweiten Teil spielt ihr nämlich abwechselnd zwei Mädchen, die dieses Mal sogar Namen spendiert bekommen haben: Haru und Yui. Erstere macht sich im Laufe der Geschichte auf, um ihre verschwundene beste Freundin zu finden. Unterstützung erhält sie dabei unter anderem vom Hund des vermissten Mädchens. Die Geschichte spielt sich in einem völlig anderen Gebiet ab als der Vorgänger, kehrt jedoch für einen kleinen Teil der Geschichte in das alte Stadtviertel zurück. Auch im Postgame kann dieses noch weiter erkundet werden. Auf ihrer gefährlichen Suche begegnen die Mädchen neuen Geister- und Dämonentypen, die für eine willkommene Abwechslung sorgen. Erstmals mit an Bord sind auch Bossgegner. Doch wie kann man sich einen Bosskampf ohne verfügbare Angriffe vorstellen? In der Regel läuft eine solche Bossbegegnung entweder auf eine Flucht hinaus oder man muss den Angriffen für einen bestimmten Zeitraum ausweichen und dabei gegebenenfalls noch irgendwelche Schalter aktivieren. Spannend ist dies zwar meistens nicht, jedoch sind die Bossgegner durchaus sehenswerte Kreaturen.


Doch die veränderte Erzählweise ist auch die größte Schwäche des zweiten Teils. Durch die abwechselnde Erzählperspektive und die vielen Bosskämpfe wirkt die Handlung deutlich linearer als im Vorgängertitel. Zwar ist die Handlung dort auch schon linear, aufgrund der Tatsache, dass man zwischendrin aber auch das Stadtviertel näher erkunden kann, macht es zumindest den Eindruck, dass man als Spieler auch etwas Freiheit genießt. Die Bosskämpfe sind außerdem oftmals viel zu stark dem Zufall unterworfen. Mehrmals kam es bei meinem Spieldurchlauf beispielsweise vor, dass sich Bosse direkt in mich hineinteleportiert haben, was zum sofortigen Tod des jeweiligen Mädchens führt, weil diese ja keinen Treffer aushält. So kam bei Midnight Shadows deutliche mehr Frust auf als bei Night Alone. Weiterhin setzt Teil 2 meiner Meinung nach viel zu oft auf billige Jumpscares, während der erste Teil dies überhaupt nicht nötig hatte, um Spannung aufzubauen.


Mr. Kotowari liebt es, Körperteile mit seiner gigantischen Schere abzutrennen. Jeder braucht einfach ein Hobby.

© NIS America

Positiv zu erwähnen sind jedoch die neuen Gegner, die wieder durch ihr groteskes Aussehen und ihre gruseligen Geräusche herausstechen. Lediglich eine suizidale Geisterfrau, die plötzlich unvermittelt vom Himmel gefallen kommt und einen dabei umbringen kann, wenn sie einen zufällig trifft, konnte mich nicht wirklich begeistern. Der neue Antagonist, Mr. Kotowari, eine groteske Figur mit einer gigantischen, blutverschmierten Schere, sorgte hingegen für die ein oder andere spannende Verfolgungsjagd oder einen Überlebenskampf, bei dem man irgendetwas aufspüren musste, was man ihm zum Zerschneiden anbieten konnte. Während die Protagonistin des ersten Teils noch regelmäßig nach jedem Kapitel zu ihrem Haus zurückkehrte und man von dort aus neu in die Stadt hinaus ziehen musste, bricht Midnight Shadows in der zweiten Hälfte der Handlung mit dieser Tradition und liefert mehrere, direkt aneinander angrenzende Kapitel, was den Höhepunkt gegen Ende des Spiels ordentlich zuspitzt und für deutlich mehr Spannung sorgt als in der ersten Hälfte. Ein weiteres Highlight sind die vielen unterschiedlich gestalteten Gebiete, die sich in Midnight Shadows erkunden lassen. Während im Vorgängertitel nur das Stadtviertel zu erkunden war, gibt es im zweiten Teil mehrere dungeonähnliche Gebäude, darunter zu Beispiel eine alte Bibliothek oder eine verlassene Brandruine, die für besonderen Nervenkitzel sorgen.


Alles in allem lässt sich bei Midnight Shadows zwar feststellen, dass die Entwickler mehrere Möglichkeiten gefunden haben, um das Gameplay des ersten Titels zu verbessern, gleichzeitig aber auch für Verschlechterungen gesorgt haben. Vor allem das zu linear wirkende Gameplay sowie die manchmal frustrierenden Bosskämpfe verhindern leider, dass der zweite Teil seinen Vorgänger übertreffen kann. Immerhin bietet das Spiel mit ungefähr sechs bis acht Stunden etwas mehr Inhalte als Night Alone.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Philipp Pöhlmann

Die Yomawari: The Long Night Collection zeigt, dass es nicht die schweren Geschütze braucht, um ein gutes Survival-Horror-Spiel zu erschaffen. Dabei sollte man sich nicht von dem putzigen Art-Style täuschen lassen, denn diese Titel schaffen aufgrund ihres minimalistischen Sounddesigns, das prinzipiell nur aus Geräuschen besteht, eine wirklich unbehagliche Atmosphäre, die für den ein oder anderen Schreckmoment sorgen kann. Sowohl Yomawari: Night Alone als auch Yomawari: Midnight Shadows erzählen spannende Geschichten, die mit einem einfachen, aber dennoch ausgereiften Gameplay begeistern können. Gerade beim zweiten Teil sollte man sich aber vielleicht doch auf den ein oder anderen Frustmoment bei den Bosskämpfen gefasst machen.
Mein persönliches Highlight: Die gruselige Atmosphäre einer verlassenen Straße bei Nacht wird in diesem Titel wirklich gut eingefangen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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