Mit dem Schwert durch die Apokalypse

In den letzten Wochen durfte ich bei meinen Testspielen einen recht verstärkten Zufluss an Spielen des Rogue-like-Genres feststellen. Das Konzept, dass man nach zahlreichen Anläufen stetig immer ein bisschen mehr Progression erreicht, scheint zumindest gut genug anzukommen, dass sich diverse Entwickler dazu entschlossen haben, einen entsprechenden Titel zu kreieren. Die Formel ging zuletzt im Falle von Hades zum Beispiel bestens auf und das Spiel konnte nicht nur bei uns die absolute Höchstwertung einheimsen, es ließ viele andere Titel im Schatten stehen. Nun will ScourgeBringer ebenfalls Fuß in dem Genre fassen und euch davon überzeugen, dass es gegen die Konkurrenz bestehen und diese im Idealfall sogar überflügeln kann. Ob dem der Fall ist, möchte ich euch im Folgenden näher erläutern.


In den Kämpfen kommt es stets auf ein gutes Timing an.

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Bei ScourgeBringer handelt es sich, wie bereits erwähnt, um ein klassisches 2D-Rogue-like, in dem ihr euch durch mehrere Level prügelt, die wiederum in diverse Einzelräume unterteilt sind. Um den jeweiligen Level erfolgreich hinter euch zu lassen, müsst ihr erst einen Zwischen- und dann einen Endboss bezwingen. Dabei startet ihr an einem zentralen Startplatz, von dem aus ihr euch, ganz in klassischer Platformer-Manier, in alle vier Richtungen fortbewegen könnt und so Stück für Stück den Level erkundet. Jeder der zu erkundenden Räume ist dabei entweder mit Gegnern, Händlern oder einer Besonderheit gefüllt, auf die noch eingegangen werden soll. Am ehesten lässt sich ScourgeBringer noch als eine Art Mischung aus Dead Cells und Celeste bezeichnen, denn während der einzelnen Kämpfe kommt es enorm auf euer spielerisches Können an. Eure Spielfigur verfügt anfangs nämlich nur über ein recht eingeschränktes Repertoire an Attacken und Bewegungen. So könnt ihr einen Doppelsprung ausführen, mit eurem Schwert zuschlagen, eure Sekundärwaffe einsetzen oder eure Gegner kurzzeitig mit einem mächtigen Hieb außer Gefecht setzen – und Letzteres funktioniert auch nur dann, wenn ein Feind gerade im Begriff ist, euch anzugreifen. Dabei zeigt sich das Spiel von Anfang an ziemlich unbarmherzig und euch wird einiges an Timing und Reaktionsvermögen abverlangt. Wenn ihr nämlich nur eine Sekunde zu lange zögert, kann es schnell passieren, dass ihr einen Treffer einstecken müsst und dadurch wertvolle Lebensenergie verliert. Diese fällt zu Beginn mit ihren zehn Zählern ziemlich mickrig aus. Zwar könnt ihr eure Gesundheit durch Items wieder auffrischen aber diese sind rar oder kosten euch einiges an Blut oder Lebenskraft.


Besagtes Blut erlangt ihr immer dann, wenn ihr Feinde bezwingt und es stellt auch gleichzeitig die Währung des Spiels dar. Euren gesammelten roten Lebenssaft könnt ihr mitunter bei Händlern für passive Upgrades, Heilitems oder bessere Sekundärwaffen eintauschen. Und die zusätzliche Feuerkraft der Wummen habt ihr teils bitter nötig. Jede Zweitwaffe ist dabei eine Fernwaffe, die unterschiedliche Passiv-Boni mit sich bringt. So richtet ein Granatwerfer in einem kleinen Radius massenweise Schaden an, während man mit einem Puls-Laser enorm schnell auf mehrere Gegner hintereinander feuern und so große Horden effizient dezimieren kann. Endlos geht das Ganze dann aber auch nicht von Statten, denn ihr müsst eure Waffe nach einer gewissen Zeit wieder aufladen und das gelingt durch – ihr habt es euch sicher gedacht – das Erledigen weiterer Widersacher. Alternativ gibt es auch noch Händler, die sich kein bisschen für euer Blut interessieren und stattdessen eure Lebenskraft wollen und euch dafür mitunter mächtige Items anbieten. Dabei gilt stets abzuwägen, ob euch etwas mehr Feuerkraft und Schaden lieber ist oder ob ihr die verlorene Gesundheit schnell wieder vermissen werdet.


Die Bossgegner fordern euch nochmal eine Stange mehr ab.

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Neben dem etwas fragwürdigen Ansammeln von Blut erhaltet ihr außerdem im Laufe des Spiels eine zweite zusätzliche Währung, mit der ihr zwischen den einzelnen Durchgängen neue Fertigkeiten und passive Boni erwerben könnt. Diese könnt ihr in einem von drei Talentbäumen freischalten, von denen euch anfangs allerdings nur einer zur Verfügung steht – die übrigen beiden Bäume werden erst im Laufe eures Fortschritts verfügbar. Und gerade diese neuen Fertigkeiten und Boni sind es, die euer Vorankommen deutlich erleichtern werden. So ist zum Beispiel eure schwere Attacke zusätzlich in der Lage, feindliche Geschosse abzuwehren und zum Gegner zurückzuschicken – vorausgesetzt natürlich ihr schlagt im richtigen Moment zu. Daneben könnt ihr eure Anfangsgesundheit hochsetzen, eure Waffen schneller aufladen lassen oder einen Zorn-Modus freischalten, in dem ihr allen Gegner auf dem jeweiligen Bildschirm Schaden zufügt. Diese Boni sind nicht zu unterschätzen, denn ohne sie werdet ihr langfristig kein Land sehen und eure Chancen auf Erfolg sinken beinahe gen null.


Insgesamt habe ich lange nicht mehr ein so bockschweres Rogue-like wie ScourgeBringer genießen dürfen – bis ich den Endgegner der zweiten Welt endlich besiegen konnte, hatte ich nämlich bereits 51 Versuche hinter mir. Da können Hades, Dead Cells oder The Binding of Isaac einpacken, denn das Spiel verlangt euch viel ab und doch motiviert es ungemein. So sehr es auch frustriert, dass man noch häufiger den Bildschirmtod erlebt, als es eh schon in Rogue-likes üblich ist, umso mehr hat mich letztendlich das Verlangen gepackt, die einzelnen Mechaniken des Spiels so gut zu beherrschen, dass ich mich problemlos durch die gegnerischen Horden schnetzeln kann. Und das klappt auch mit der Zeit ziemlich gut, ihr müsst nur genug Ehrgeiz mitbringen. Schon die einfachen Gegner können euch mit ihren unterschiedlichen Angriffsmustern schnell ins Schwitzen bringen, vor allem, wenn ihr von mehreren Seiten gleichzeitig angegriffen werdet. In solchen Momenten ist Tempo und Bewegung das Gebot der Stunde, denn wer in ScourgeBringer zu lange an einer Stelle verweilt, der wird mit Sicherheit von irgendeinem Geschoss oder Nahkampfangriff getroffen, wodurch dann mitunter eine noch größere Hektik entsteht. Richtig herausfordernd wird es dann, wenn ihr euch mit den verschiedenen Endgegnern messen müsst, die allesamt mit unterschiedlichen Taktiken und mehrphasigen Kämpfen daherkommen. Und gleichzeitig dazu müsst ihr natürlich noch euer eigenes Repertoire an Aktionen in- und auswendig beherrschen.


Grafisch reißt das Spiel zwar keine Bäume aus, weiß aber mit seinem eigenen Charme zu überzeugen.

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Der eine oder andere wird sich bis zu diesem Punkt die Frage gestellt haben, wieso noch kein Wort zur Handlung von ScourgeBringer verloren wurde. Nun, das liegt daran, dass es zwar eine Handlung gibt, diese jedoch eher im Hintergrund erzählt wird. Ihr verkörpert Kyhra, stärkstes Mitglied ihres Clans, der in einer postapokalyptischen Welt lebt, in der von einer mysteriösen Macht Verderben über die Menschheit gebracht wird. Kyhra bekommt den Auftrag, in die Ruinen der zerstörten Welt zu reisen und herauszufinden, was genau passiert ist. Und dies tut sie im Laufe des Spiels auch in Form diverser Computerlog-Einträge, von denen einige mehr, andere wiederum weniger hilfreich sind. Die einzelnen kurzen Schnipsel sind jedoch allesamt recht gut geschrieben und helfen mit der Zeit, das Puzzle Stück für Stück zu beenden. Davon ab solltet ihr jedoch nicht allzu viel an Exposition und Storytelling erwarten – ScourgeBringer konzentriert sich dahingehend ganz auf seine Kernmechaniken.


Bei einem Titel, der soviel Wert auf schnelle Reaktionen und gutes Timing legt, ist eine gut umgesetzte Steuerung umso wichtiger. Und hier weiß ScourgeBringer durch die Bank weg zu überzeugen. Eure Eingaben kommen schnell und ohne Verzögerungen an, die Steuerung an sich geht gut von der Hand und ist im Nu eingeprägt. Das Spiel läuft durchgehend flüssig, was angesichts des 2D-Pixellooks, dessen Optik letztendlich Geschmackssache ist, kaum überrascht. Doch ganz gleich ob einem der Stil zusagt oder nicht: ScourgeBringer kann sich in Bezug auf seinen gewählten Artstyle durchaus sehen lassen. Alle Bildschirmtexte wurden zudem ins Deutsche übersetzt.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Florian McHugh

Ich habe ja bereits einige Rogue-likes gespielt und auch für die Nintendo Switch testen dürfen, doch ScourgeBringer hat mich überraschenderweise ziemlich ins Schwitzen gebracht. Der Titel verlangt euch einiges an Reaktionsvermögen und Geschick ab und dürfte daher für all diejenigen, die Geduld und Ehrgeiz eher weniger zu ihren Stärken zählen, die reinste Hölle sein. Alle anderen erwartet hier eine ziemlich fordernde aber ungemein motivierende und gut umgesetzte Mischung aus Dead Cells und Celeste, in der jeder Erfolgsmoment einen kleinen Glücksschub auslöst. Handlungstechnisch sollten hier allerdings kein großes Meisterwerk erwartet werden, ScourgeBringer erzählt zwar nebenher eine Geschichte, diese setzt sich jedoch nur spärlich zu einem Gesamtwerk zusammen und kann nicht mit einer Geschichtserzählung wie sie beispielsweise Hades bietet konkurrieren. Wer sich dann mit der doch recht simplen aber schön anzuschauenden Optik zufrieden gibt, der wird durchaus seine Freude an ScourgeBringer haben – auch wenn mitunter viel, viel geflucht werden dürfte.
Mein persönliches Highlight: Das enorm fordernde Gameplay, das euch kaum Fehler verzeiht.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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