Tief hinab in die Höhle der Löwen

Wenn ihr durch den lokalen Supermarkt schlendert oder in Online-Shops browst und dabei auf exotische Snacks oder ungewöhnliche Haushaltsgadgets stoßt, dann liegt die Vermutung nahe, dass es sich um ein Produkt eines Start-up-Unternehmens handelt. Denn seien wir mal ehrlich: Ein selbstgießender Blumentopf, ein Schnullerautomat fürs Kinderbett oder ein Duftspender-Stöpsel für Dusche oder Waschbecken – gewagte Nischenprodukte wie diese finden womöglich ein paar Abnehmer, sind langfristig aber nicht wirklich erfolgversprechend. Und was passiert mit den unzähligen Start-ups nach ihrem Fehltritt? Na klar: Die Gründer werden mitsamt ihres Scherbenhaufens in die Unterwelt verbannt, wo sie ab dann ein trauriges Monsterleben fristen.


In diesem Boss wird wohl jeder irgendeine schlechte Eigenschaft erkennen können.

© Aggro Crab Games / Team17

So geht es zumindest im dystopischen Neo Cascadia von statten, wo ich mich in den letzten Wochen aufgehalten habe, um für euch Going Under zu testen. Der außergewöhnliche Dungeon-Crawler stellt das erste Projekt vom Entwicklerstudio Aggro Crab dar und darf als durchaus gelungener Einstand bezeichnet werden. Wieder einmal beweist der Publisher Team17 ein Händchen für ausgefallene und doch vielversprechende Spielkonzepte. Worin die Stärken von Going Under liegen und was noch hätte besser sein können, erfahrt ihr in diesem Testbericht.


Die Hauptfigur der satirischen Geschichte von Going Under ist Jacqueline – meistens Jackie genannt –, eine junge Frau, die sich für Marketing interessiert und eine entsprechende Praktikumsstelle sucht. Beworben hat sie sich bei Fizzle Beverages, einem der scheinbar vielversprechendsten neuen Start-ups in der Gegend. Das kleine Unternehmen spezialisiert sich auf Getränke mit verrückten Geschmacksrichtungen, welche ganze Mahlzeiten ersetzen sollen. Neuerdings wurde es von Cubicle, dem Vorreiter im Drohnen-Geschäft, übernommen und ist dementsprechend im riesigen Cubicle-Hauptquartier positioniert.


Voller Vorfreude stattet Jackie den Fizzle-Büros einen Besuch ab, nur um festzustellen, dass Monster eingedrungen sind. Aus Notwehr kümmert sich Jackie höchstpersönlich um die Fieslinge, wird anschließend jedoch vom zuständigen Teamleiter dazu verdonnert, tiefer ins Cubicle-Hauptquartier einzudringen und weitere Ungeheuer zu beseitigen. Nach einem praktisch unmöglichen ersten Versuch findet ihr euch in einem Team-Meeting wieder, in dem die weiteren Mitarbeiter von Fizzle vorgestellt werden. Jede Figur kommt mit einem eindrücklichen Design daher und verkörpert gewisse Stereotypen der Arbeits- und Unternehmerwelt, die satirisch aufgegriffen werden. In der deutschen Lokalisierung kommen die Dialoge hervorragend zur Geltung und können mit viel Witz und Charme punkten.


Nehmt euch in Acht vor meiner Tastatur, ihr Halunken!

© Aggro Crab Games / Team17

Alles andere als begeistert zeigt sich nun aber unsere Jackie, die sich ihre Praktikumsstelle ganz anders vorgestellt hat. Statt Werbeinitiativen zur Gewinnmaximierung ergründet sie nun Strategien zur Monsterbekämpfung. Es ist ein einzigartiges Setting und parodiert den Kapitalismus in all seinen Facetten, wie ich es bislang noch nie in einem Videospiel erlebt habe. Unterstützt wird dies durch die geistreiche Satire, die sich in allen Dialogen, Designs und selbst in der Präsentation widerspiegelt. Dass sich die Handlung tatsächlich weiterentwickelt und nicht bloß als lustiger Aufhänger dient und die Figuren an Tiefe gewinnen, konnte mich dabei überraschen.


Als offizielle, aber nicht freiwillige Monsterjägerin bei Fizzle muss sich Jackie in den drei hauptsächlichen Dungeons behaupten, die direkt von den Fizzle-Büros aus erreicht werden können. Auf Anweisung von Teamleiter Marv soll Jackie in den Besitz spezieller Artefakte kommen, von denen man sagt, dass sie die Erfolgschancen eines Unternehmens verbessern. Dafür muss Jackie tief in die Dungeons eindringen und ihren jeweiligen Boss besiegen. Witzigerweise handelt es sich um waschechte „Bosse“, aka Unternehmensführer, und auch die Dungeons bestehen aus den Überresten bankrupter Start-up-Unternehmen, die in die Unterwelt verbannt wurden. Auf diese Weise macht ihr Bekanntschaft mit den Mitarbeitern des Jobportals „Joblin“, der Crypto-Währung „Styxcoin“ und der Dating-App „Winkydink“.


Totgesagte leben länger


Going Under bietet Dungeon-Crawler-Gameplay in Rogue-lite-Manier. Das heißt, dass jede Etage prozedural generiert wird und ihr demnach nie zwei gleiche Durchläufe eines Dungeons erleben werdet. Die Vor- und Nachteile eines solchen Systems liegen auf der Hand. Während die praktisch unendliche Anzahl verschiedener Dungeon-Layouts den Entwicklern erlaubt, auf einfache Weise für Variation zu sorgen, bestimmt die Anzahl unterschiedlicher Bausteine, wie abwechslungsreich sich die Umgebungen schlussendlich anfühlen. Aufgrund seines knallbunten Stils und der Menge an interaktiven Levelobjekten schafft es Going Under glücklicherweise stets, für Spaß am Erkunden zu sorgen.


Zufällig könnt ihr auf diesen zwielichtigen Händler stoßen, der euch reizvolle Fähigkeiten verleiht, gleichzeitig aber auch mit einem Fluch belegt.

© Aggro Crab Games / Team17

Noch mehr als das Erkunden überzeugt aber das einfach zu erlernende, jedoch schwierig zu meisternde Kampfsystem. In Going Under kann so ziemlich alles zur Waffe werden, was Jackie in ihre Finger bekommt. Ihr müsst es nicht bei einem spitzen Bleistift oder einem geladenen Tacker belassen. Wieso reißt ihr nicht gleich die ganze Tastatur oder den Monitor heraus, um die Monster damit zu verkloppen? Neben allerlei Geräten, Möbeln und anderem Kleinkram werden auch reguläre Waffen wie Schwert, Lanze oder Armbrust angeboten.


Einmal ausgerüstet, können schwache und kurze, aber auch aufgeladene und kräftige Angriffe ausgeführt werden. Dazu drückt respektive haltet ihr den Angriffsknopf. Um gegnerischen Attacken auszuweichen, nutzt ihr hingegen die Rolle. Bei Bedarf könnt ihr Gehaltenes auch werfen, wobei dies selten nützlich oder zu bevorzugen ist. Essenziell ist es aber, sein Waffen-Management im Blick zu behalten. Jackie kann drei Waffen bei sich tragen und zerbricht einmal eine, braucht es schleunigst Ersatz.


Um in den Dungeons am längeren Hebel zu sitzen, könnt ihr euch im Spielverlauf mit diversen Fähigkeiten und Apps ausrüsten. Während Fähigkeiten passive Verstärkungen für Jackie bedeuten, können Apps bewusst aktiviert werden und diverse Effekte auslösen. Auch wenn es mich stark irritiert hat, dass einige der Beschreibungen der Apps in der falschen Sprache angezeigt wurden, ist ihre Wirkung häufig verständlich. Manche heilen Jackies Lebenspunkte, andere betäuben Gegner und so weiter. Zu manchen meiner liebsten Fähigkeiten zählen diese, welche Gegner dafür bestrafen, Jackie getroffen zu haben. Das Zusammenspiel aus Waffen, Fähigkeiten und Apps erschafft ein unerwartet zufriedenstellendes Kampfsystem und motiviert dazu, den Dungeons immer wieder einmal einen Besuch abzustatten.


Auf jeder Etage kommt ihr an einem Laden vorbei. Mindestens genauso gut wie die Waren sind aber auch die witzigen Verkäufer.

© Aggro Crab Games / Team17

Einen weiteren Grund, in die Dungeons zurückzukehren, liefern die Nebenquests. Erledigt ihr die „Praktikantenarbeit“ für Jackies Arbeitskollegen, verbessert sich ihr Verhältnis und ihr gewinnt sie als Jackies Mentoren. Vor jedem Dungeon-Antritt könnt ihr einen Mentor und eine erlernte Fähigkeit auswählen, sofern ihr diese bereits ausreichend genutzt habt. Das bringt euch zusätzliche Vorteile und hilft dabei, die Durchläufe voneinander abzuheben. Damit wird versucht, die relativ geringe Anzahl von bloß drei richtigen Dungeons wett zu machen. Ob euch diese ganzen Anregungen helfen, am Ball zu bleiben, hängt ganz vom Spielertyp ab. Manchen könnte der „short and sweet“-Ansatz von Going Under sogar besser gefallen als andere Genre-Vertreter.


Sollte euch das Spiel an irgendeinem Punkt zu schwierig sein – und glaubt mir, es kann verdammt knifflig werden –, so können diverse Optionen zur Vereinfachung aktiviert werden. Spendiert Jackie mehr Herzen, lasst Waffen länger halten, raubt Gegnern ihre Lebensenergie und mehr. Es ist wirklich löblich, dass Aggro Crab hier auf Inklusion gesetzt hat und keiner zurückgelassen wird, weil er nicht das Geschick besitzt, das Abenteuer zu beenden. Das kam vor allem mir zugute, da ich Dungeon-Crawler oder Rogue-lites eher selten spiele.


Schlussendlich bleibt mir nur noch zu sagen, dass Going Under auch abseits vom Gameplay ein Leckerbissen ist. Die musikalische Untermalung der Umgebungen hat mich nie enttäuscht und passt wunderbar zur bunten, verrückten Welt von Neo Cascadia. In den Räumlichkeiten des Start-ups hinter der gefloppten Dating-App „Winkydink“ schlägt Jackie mit überdimensionalen Auberginen umher, während sie von zum Leben erwachten Emoji-Blobs attackiert wird. Genau mein Humor. Aber mal ehrlich: Wer dachte, dass eine Dating-App, in der man nur mit Emojis kommunizieren darf, eine gute Idee wäre?

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Daniel Kania

Dungeon-Crawler-Gameplay trifft auf Kapitalismus-Satire: In Going Under geht es nicht nach Australien, sondern in den Keller eines Riesenunternehmens, um heruntergekommene Start-ups zu erforschen und die dort hausenden Monster zu verkloppen. Dabei wird alles zur Waffe, was die Spielfigur in die Finger kriegen kann, was zu urkomischen Situationen führt. Behauptet ihr euch gegen die Fieslinge, schaltet ihr immer mehr Fähigkeiten frei, die eure Möglichkeiten im Kampf erweitern und für Wiederspielwert sorgen. Das Kampfsystem fällt dabei zwar simpel, aber äußerst zufriedenstellend aus und wird mehr als einmal das „Eine Runde geht noch“-Gefühl erwecken. Dabei helfen auch Nebenquests und andere Anreize der verschiedenen Charaktere im Spiel, deren Dialoge voller Witz und Charme stecken und eine satirische, aber gesellschaftskritische Geschichte erzählen. Verglichen mit anderen Genre-Vertretern handelt es sich bei Going Under wohl um kein Umfangsmonster. Das könnte aber für Genre-Neulinge ansprechend sein, die zudem von diversen Schwierigkeitsanpassungen Gebrauch machen können. Ein paar Ungereimtheiten halten den Trip in die Höhle der Löwen noch davon ab, zum Spiele-Hit zu werden.
Mein persönliches Highlight: Das Zusammenspiel verschiedener Mechaniken ergibt ein zufriedenstellendes Kampfsystem.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 4

  • CaptnCasual

    Turmknappe

    Bei der 7 gehe ich mit.Vor allem das fast alles als Waffe genutzt werden kann,finde ich prima und ist mal erfrischend anders. Im Docked-Mode könnte es Optisch etwas hübscher sein aber wenn man im Wahn mit der Tastatur um sich Haut(im Spiel natürlich) geraten solche Details eher in den Hintergrund.

  • stl1988

    Turmritter

    Es gibt in dem Spiel auch noch einen Hilfemodus, der beim Laden des Spielstandes aktiviert werden kann.

  • Blackadder

    Turmheld

    Ja, an dem Spiel bin ich definitiv interessiert.

  • Abbel

    Turmamazone

    Hatte schonmal überlegt es mir runterzuladen. Jetzt hab ich wegen dem Test tatsächlich gemacht. Danke also dafür. Es macht wirklich Spaß und ich spiele diese Art sonst nicht soo oft :thumbup: