Ab jetzt gehts nur noch bergab

Der Fahrradsport an sich konnte mich noch nie so wirklich fesseln. Während mein Vater früher immer gerne der "Tour de France" zugesehen hat, konnte ich der Tatsache, dass mehrere Menschen auf dem Zweirad eine lange Strecke um die Wette fahren, nie etwas abgewinnen – dem Konzept von Formel 1-Rennen übrigens auch nicht. In meinen Jugendjahren kamen dann vermehrt auch durch die Tatsache, dass MTV nonstop in meinem Zimmer lief, die Stunt-Biker auf mein Radar, aber auch das war eher von kurzweiliger Unterhaltung. Kurzum: Bis auf dass ich jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fahre, habe ich mit der Sportart des Fahrradfahrens wenig am Hut gehabt. Spielerisch änderte sich das kurzzeitig, als ich damals Lonely Mountains: Downhill testen durfte und von dem Spiel bis heute ziemlich angetan bin. Vielleicht war genau dieser Test auch der Grund, wieso mir nahegelegt wurde, mir doch einmal Descenders näher anzusehen. Und was soll ich sagen: Das Fahrrad und ich sind weiterhin nicht die besten Freunde geworden.


Ihr müsst euch den Weg zum "Endgegner" durchradeln.

© No More Robots

Descenders und Lonely Mountains: Downhill haben genau eine Sache gemeinsam: Es gilt auf einem Fahrrad von einem Start- zu einem Zielpunkt zu kommen. Da hören die Gemeinsamkeiten dann aber auch schon auf, denn Descenders ist das deutlich tempo- und actionreichere Spiel. Anstatt nämlich einfach nur heil an eurem Ziel anzukommen, gilt es hier nebenbei noch durch geschickte Manöver und kleinere Stunts sogenannte Reputationspunkte zu sammeln. Um diese anzuhäufen, müsst ihr auf der jeweiligen Strecke diverse Rampen und Hügelaufschüttungen nutzen, um Vorwärts- und Rückwärtssalti zu vollführen, schnell um Kurven zu sliden sowie weitere Kunststücke abhalten, – je ausgefallener sie sind und je weniger oft ihr diese wiederholt, desto mehr Punkte gibt es. Das klingt im ersten Moment nicht sonderlich schwer, benötigt aber eine gewisse Einübungszeit, ehe ihr euch mit eurem Drahtesel sicher genug fühlt, um auch anspruchsvollere Manöver hinzulegen. Als Belohnung winken euch letztendlich neue Räder inklusive Zubehör, Kleidung sowie Fahrradhelme und der Zugang zum nächsten Level und ein weiterer Schritt Richtung Endgegner.


Moment, Endgegner? Wurde sich da im Genre vertan? Nicht direkt, denn Descenders wartet mit einem Gameplaykniff auf, der im Grunde ganz spannend klingt: Statt stumpf die immer gleichen Level nach und nach abzurackern, besteht jede der vier „Welten“, die von den Klassikern Hügeln, Wälder, Schluchten und Gebirgsspitzen abgedeckt werden, aus verschiedenen kleinen Kursen, die ihr wie in einem "Rogue-like" frei angehen könnt. Je nachdem wie erfolgreich ihr seid, winken euch unterschiedliche Boni für spezielle Level und Herausforderungen. So gibt es Kurse, bei denen ihr nur aus der Perspektive der Helmkamera spielen dürft, dann wiederum sogenannte „Feuerlevel“, die all euer Können von euch abverlangen, indem sie möglichst schwierig aufgebaut sind oder ihr fahrt auf einer der Sponsorenstrecken, auf denen ihr Sponsorenpunkte sammeln könnt. Habt ihr genug davon eingesackt, könnt ihr euch zukünftig von einer bestimmten Firma sponsern lassen, was eurer Reputation nur guttun kann. Am Ende wartet jedoch immer der „Endgegner“ auf euch. Wer nun aber ein Bossmonster oder einen extra starken Konkurrenten erwartet, der wird enttäuscht. Zum einen fahrt ihr stets alleine, sofern ihr nicht den Online-Modus aktiviert habt (dazu gleich mehr), zum anderen entpuppt sich der Endgegner als ein weiter und mehr oder weniger komplexer Sprung, den es zu bestehen gilt. Seid ihr erfolgreich, dürft ihr ins nächste Areal vorrücken, schafft ihr den entsprechenden Endsprung dreimal am Stück, könnt ihr jederzeit von Anfang an im nächsten Gebiet starten.


Der Titel ist leider weder sonderlich schön noch sind die Strecken abwechslungsreich.

© No More Robots

Während man in Lonely Mountains: Downhill mehrmals auf recht spektakuläre Weise verunglücken konnte, danach aber gleich weiterfahren durfte, ist bei Descenders deutlich mehr Vorsicht geboten. Denn euch steht nur eine begrenzte Anzahl an Lebenspunkten zur Verfügung – ist diese aufgebraucht, heißt es „Game Over“. Ihr könnt zwar auf jeder Strecke ein optionales Missionsziel a la „Bremse nicht“ oder „Bleibe x Sekunden in der Luft“ erfüllen und euch somit ein Extraleben sichern, das ändert jedoch nichts, dass diese Mechanik in meinen Augen eher kontraproduktiv für das ganze Spielsystem an sich ist. Denn Descenders möchte euch eindeutig dafür belohnen, dass ihr risikobereit unterwegs seid und den einen oder anderen Trick ausprobiert. Auf der anderen Seite kann euch ein schwerer Sturz bis zu zwei Leben gleichzeitig kosten, was zumindest in meinen Testdurchläufen anfangs zu einem Frustmoment nach dem anderen führte, da ich neben den Reputationspunkten auch gerne in den Arealen voranschreiten wollte. Letztendlich hat all dies dann dazu geführt, dass ich absolut auf Nummer sicher gegangen bin, riskante Tricks und Stunts komplett gelassen habe und mitunter einfach nur starr vom Start- zum Zielpunkt geradelt bin, damit ich noch heil beim Endgegner ankommen kann. Natürlich, wer sein Bike und all die Kniffe irgendwann beherrscht, der kann auch deutlich einfacher sowohl die Manöver als auch das eigene Vorankommen besser miteinander verbinden, doch gerade die ersten paar Stunden schaut ihr ziemlich häufig in die Röhre, wenn ihr es wagt, einmal etwas zu riskieren.


Durch den Rogue-like-Aufbau der Übersichtskarte sind alle Strecken zufällig aufgebaut, was man dem Spiel leider auf negativer Seite anmerkt. Denn durch das wahllose Zusammenstellen einzelner Bäume und Büsche wirken die einzelnen Level lieblos und gleichen sich trotz Zufallsprinzip immer häufiger. Es kommt erschwerend hinzu, dass Descenders einfach nicht gut aussieht und die Möglichkeiten der verwendeten Unity-Engine nicht gut nutzt. Keines der Areale kann durch wirklich schön anzusehende Strecken punkten und auch wenn die Räder an sich ganz hübsch gestaltet sind, ist der Gesamteindruck eher schlecht als recht. Den Entwicklern hingegen gut gelungen ist das Handling der Räder und die allgemeine Bedienbarkeit. Die Lenkung der Drahtesel fühlt sich alle nachvollziehbar und echt an, weswegen ich bei jedem Scheitern wenigstens die Gewissheit hatte, das mir hier nun ein Fehler unterlaufen ist. Entsprechend motivierend kann das Spiel auch werden, wenn man die Steuerung inklusive all ihrer Feinheiten gemeistert hat.


Zum Abschluss sei noch kurz ein Wort über den Online-Modus verloren. Dieser ist, sofern ihr ihn nicht im Optionsmenü ausgeschaltet habt, permanent aktiv, was bedeutet, dass sich andere Spieler in euren jeweiligen Strecken befinden können. Was jedoch Sinn und Zweck des Ganzen sein soll, ist mir ganz ehrlich entgangen, denn ihr startet nie gleichzeitig mit euren Mitspielern, sondern entweder stoßt ihr zu ihrer Strecke hinzu oder umgekehrt. Die meiste Zeit haben meine Konkurrenten das Spiel dann auch einfach verlassen und mich etwas ratlos zurückgelassen.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Florian McHugh

Tja, was soll ich groß sagen? Descenders und ich, wir konnten uns nicht so wirklich anfreunden. Das allgemeine Spielprinzip mit dem zufälligen Regionen-Aufbau, in dem jede Strecke zufällig generiert wird und wo ich mich Stück für Stück zu einem Endlevel vorarbeiten muss, hat mich ziemlich neugierig gemacht. Doch in der Umsetzung habe ich immer öfters das Gefühl gehabt, Descenders weiß nicht so wirklich was es will. Auf der einen Seite belohnt es riskantes Fahrverhalten und künstlerische Manöver mit extra Reputationspunkten, nur um einen in den ersten Stunden(!) zu einer übertriebenen Vorsicht zu zwingen, weil man ansonsten um seine wertvollen Lebenspunkte fürchten muss. Dies wird gepaart mit der doch recht dürftigen und nicht gerade schön anzusehenden Grafik, ein paar ziemlich generischen Musikstücken sowie einem Multiplayer, dessen Sinn und Zweck sich mir selbst nach mehreren Stunden Spiel nicht ganz so ergeben wollte. Das alles würde das Spiel in meinen Augen eigentlich disqualifizieren, wäre da nicht das wirklich gut umgesetzte Handling und die Steuerung an sich, die ziemlich schnell deutlich machen: Descenders richtet sich an Enthusiasten des Genres und all diejenigen, die in genau solchen Spielen das bisschen Extra an Herausforderung suchen.
Mein persönliches Highlight: Die Helmkameraperspektive

Die durchschnittliche Leserwertung

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