Kartenlegen gegen Depressionen

„Sprich nicht mit ihr, sie ist dumm. Sie kann sich nicht mal wehren. Siehst du? ,Dumm, dumm, dumm, dumm!‘ Hahaha!“ Solche Sprüche muss sich Iris in ihrem Alltag gefallen lassen. Von der Lehrerin ignoriert, von den Mitschülern ausgelacht und gehänselt und vom eigenen Vater missverstanden – all dies trägt dazu bei, dass ein Mädchen in Depressionen verfällt und sich von ihren Mitmenschen abkapselt. Ziemlich harter Stoff für ein Videospiel, ein Medium, das oft mit Spaß und Freude verbunden wird. Doch Iris and the Giant zeigt, dass auch gesellschaftliche Tabuthemen als Grundlage für ein rührendes Spiel mit emotionalen Momenten und gelungenem Gameplay dienen können.


Puh, eine ganze Horde an Gegnern und Iris ist ganz allein. Zum Glück hat sie ihre Karten dabei.

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Bei Iris and the Giant handelt es sich um ein Roguelite-RPG mit einem rundenbasierten Kartenlege-Kampfsystem in einer wunderschönen minimalistischen, handgezeichneten Optik. Was zunächst recht kompliziert klingt, ist dennoch recht einfach erklärt. Ihr kämpft euch durch einen Dungeon mit mehreren Stockwerken, in denen euch diverse Gegner auf einem Spielfeld auflauern, die ihr mithilfe eurer selbstgemalten Angriffs- und Verteidigungskarten bezwingen müsst, um zur nächsten Ebene vorzurücken. Das Spielfeld der Gegner besteht aus neun Quadraten, die sich in drei Reihen gliedern, auf denen immer drei Gegner oder Objekte hintereinander platziert sind. Besiegt ihr einen Gegner, rutscht die jeweilige Reihe einen Platz nach vorne und enthüllt neue Gegner, Objekte oder irgendwann auch eine Treppe, die euch zur nächsten Ebene bringt.


Um die Gegner zu besiegen, stehen Iris Karten aus ihrem Deck zur Verfügung. Darunter befinden sich Angriffe, wie zum Beispiel ein Schwert, das ein einzelnes Ziel direkt vor Iris angreifen und mit weiteren Schwertkarten kombiniert werden kann, ein Bogen, der weiter entfernte Ziele treffen kann, oder eine Axt, die alle drei Gegner vor Iris gleichzeitig trifft. Außerdem gibt es auch Karten, die der Verteidigung dienen, indem sie beispielsweise Iris’ Gesundheit (in diesem Spiel als Willenskraft bezeichnet) auffüllt oder ihr einen Schild gibt, der Angriffe für mehrere Runden abwehrt. Des Weiteren gibt es noch mächtige Magieangriffe, zum Beispiel einen alle Gegner einer Art treffenden Blitzschlag, sowie spezielle Effektkarten, darunter unter anderem eine Peitsche, die entfernte Gegner näher an Iris heranzieht. Doch nicht nur Iris hat ein ganzes Arsenal verschiedener Angriffe zur Verfügung, auch die Gegner werden immer fordernder, je weiter man voranschreitet. So beginnen diese auch relativ schnell, sich mit Schilden oder einer Panzerung zu schützen, oder belegen Iris mit negativen Effekten, wie einer fiesen Fähigkeit, die Iris jedes Mal, wenn sie eine Karte spielt, Schaden nehmen lässt. So wird das Spiel sehr schnell ganz schön taktisch und es will gut überlegt sein, welche Karten man als Nächstes spielt, um nicht von den feindlichen Gegenangriffen überrollt zu werden.


Kein Wunder, dass es Iris nicht gut geht. Kinder können wirklich grausam sein ...

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Neben der Willenskraft gibt es weitere Werte, auf die während des Spielens geachtet werden muss. Am wichtigsten ist definitiv Iris’ Kartendeck. Gehen ihr nämlich die Karten aus, ist sie wehrlos und das Spiel endet in einem Game Over. Um dies zu vermeiden, muss ein konstanter Nachschub an neuen Karten gewährleistet werden. Unter den Objekten, die auf dem Spielfeld verteilt sind, befindet sich auch hin und wieder eine Schatztruhe, die eine Auswahl verschiedener Karten für Iris bereithält. Außerdem findet man manchmal Rubine, die Iris abbauen kann. Hat sie eine bestimmte Anzahl davon in der Tasche, darf sie aus ein paar verschiedenen magischen Angriffskarten wählen. Außerdem erlaubt es ein Angriff mit einer Sichel, einem Gegner dessen besondere Fähigkeit in Kartenform abzuluchsen. Außerdem sammelt Iris noch Sterne auf ihrer Reise ein. Für besiegte Gegner erhält sie blaue Sterne, die im Prinzip die Erfahrungspunkte repräsentieren. Sobald genügend gesammelt wurden, steigt sie ein Level auf und ihr dürft einen Statuswert verbessern. Hier bekommt ihr immer vier zufällig ausgesuchte Werte zur Auswahl, darunter zum Beispiel eine Erhöhung der Gesundheit oder eine zusätzliche Karte, die Iris zu Beginn ihrer Runde ziehen darf. Besonders starke Gegner hinterlassen rote Sterne, die wie eine Art Fähigkeitenpunkt funktionieren und euch eine Fähigkeit wählen lassen, die beispielsweise dafür sorgt, dass Iris zwei Pfeile gleichzeitig schießt oder Gegner mit der Axt betäuben lässt. Beide Sternenupgrades sind temporär und gehen euch bei einem Game Over verloren.


Glücklicherweise belohnt euch das Spiel aber auch mit permanenten Upgrades, denn das Spiel auf Anhieb ohne jegliche Unterstützung durchzuspielen, ist zwar nicht unmöglich, aber dennoch äußerst unwahrscheinlich. Zum einen sammelt Iris während ihrem Kampf gegen die Gegnerhorden Erinnerungen, die nicht nur eine kurze Zwischensequenz auslösen, sondern auch als Fähigkeitenslot dienen. Im Hauptmenü könnt ihr so vor eurem nächsten Spieldurchlauf diverse Boni aktivieren, die das Spiel deutlich einfacher werden lassen, was aufgrund des fordernden Schwierigkeitsgrades durchaus angebracht ist. Weiterhin gewährt euch das Spiel je nachdem, wie weit euer Fortschritt im vorherigen Spieldurchlauf ausgefallen ist, zusätzliche mächtige Karten für euer Startdeck oder sogar ein paar imaginäre Freunde, die mehr oder weniger ähnlich wie die zuvor erwähnten Fähigkeiten funktionieren, allerdings erst durch das Erfüllen bestimmter Bedingungen freigespielt werden müssen, um sie auch wirklich nutzen zu können. So gewinnt Iris trotz ihrer gescheiterten Versuche, das Ziel zu erreichen, nach und nach an Stärke, um besser für den nächsten Versuch gewappnet zu sein.


Diese Gegner greifen Iris mit Beleidigungen an. Worte können ganz schön wehtun.

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Die Handlung von Iris and the Giant wird genauso minimalistisch erzählt, wie der Artstyle des Spiels wirkt. Iris wird von ihrem Vater zum Schwimmtraining gefahren. Als sie den Sprungturm erklimmt, nimmt sie es wahr: das Gelächter und die fiesen Blicke der anderen Kinder. Voller Kummer stürzt sie vom Sprungturm und taucht ein in eine Welt, die ihrer Fantasie entspringt. Die Karten, die Gegner, die Umgebungen – all dies sind ihre zum Leben erwachten Zeichnungen, die ihrer Faszination für die griechische Mythologie entstammen. Sie erwacht in einem Boot auf dem Styx, dem Fluss der Toten, wo sie vom Fährmann zu einem Labyrinth aus verschiedenen Ebenen, die durch Treppen miteinander verbunden sind, gebracht wird. Am Ende des Labyrinths sitzt ein roter Gigant, der mit dem Kopf an die Knie gelegt in Trauer versunken ist. Und so macht sich Iris auf, um den Giganten zu treffen und von seinem Kummer zu erlösen. Unterwegs findet man immer wieder Erinnerungen, die zeigen, dass Iris nicht nur im Schwimmbad leiden musste. Ihrer Lehrerin fällt nicht auf, dass es ihr schlecht geht, die anderen Kinder in der Schule hänseln sie und ihr eigener Vater weiß nicht mehr, wie er mit seiner Tochter sprechen und ihr helfen soll. Nach und nach zieht sich Iris immer mehr zurück und verfällt in eine tiefe Depression.


Das Roguelite-Genre eignet sich wunderbar, um den Kampf Betroffener gegen ihre eigenen Ängste und Zweifel zu veranschaulichen. Ist man am Anfang noch schwach und kann sich kaum gegen das eigene Schicksal wehren, gewinnt man mit jedem Versuch an zusätzlicher Stärke, sodass man hoffentlich irgendwann die nötige Kraft besitzt, um die Depression zu überwinden. Die Erinnerungen zeigen nicht nur die schlimmen Momente, sondern auch schöne Zeiten, die nach und nach überwiegen. Die imaginären Freunde unterstützen Iris bei ihrem Kampf und lassen sie nicht alleine. Und auch die Art und Weise, wie man sich letzten Endes dem weinenden Giganten stellt – ohne an dieser Stelle spoilern zu wollen –, ergibt Sinn und führt zu einem gelungenen Abschluss für Iris’ Abenteuer. Oder etwa doch nicht?


Da sitzt er, der traurige Gigant. Kann Iris ihn erreichen und von seinem Kummer erlösen?

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Nach dem Abschluss der Kampagne endet das Spiel noch lange nicht. Eine zweite Kampagne legt den Fokus nicht auf den Giganten, sondern auf den Fährmann des Styx und bietet neben neuen Umgebungen auch komplett neue Gegner, die andere Fähigkeiten mitbringen und eine noch größere Herausforderung darstellen. Passend dazu erweitert sich auch Iris’ Arsenal an Angriffskarten, die sie fortan mit ihrem Papa gemeinsam entwirft, während sie zusammen in ihr selbsterfundenes Spiel eintauchen. Des Weiteren gibt es den Modus „Kronos’ Herausforderung“, bei dem die normale Kampagne unter Zeitdruck gespielt werden kann, um die Schwierigkeit weiter zu erhöhen. Apropos Schwierigkeit: Neben den Schwierigkeitsgraden „Leicht“ und „Klassisch“ lässt sich noch „Albtraum“ freischalten, wenn man die Hauptkampagne einmal durchspielt. Dabei muss ich jedoch vorwarnen, denn bereits der klassische Schwierigkeitsgrad zieht gegen Ende ganz schön an und dabei ist die Kampagne eigentlich nur rund ein bis zwei Stunden lang, selbst wenn man geheime Ebenen oder Bonuslevel findet.


Lobend erwähnen möchte ich zum Schluss noch, dass man sich alle besiegten Feinde, erhaltenen Karten, magischen Fähigkeiten und Erinnerungen in einem Album ansehen und dieses dadurch auch vervollständigen kann. Da schlägt das Sammlerherz in mir höher. Jeder Spieldurchlauf ist einzigartig und so ist es immer wieder spannend, wenn man plötzlich einem Gegner begegnet, den man zuvor noch nicht gesehen hat, oder eine neue Karte findet und direkt am nächsten dahergelaufenen Gegner ausprobieren kann.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Philipp Pöhlmann

Iris and the Giant ist ein Roguelite-RPG mit einem wirklich ernsten Thema. Sowohl der minimalistische, handgezeichnete Grafikstil als auch die kurzen, aber dennoch emotionalen Zwischensequenzen im Erinnerungsformat tragen dazu bei, das Thema Depressionen bei Kindern und Jugendlichen auf eine gelungene Art aufzugreifen, und das Ende der Geschichte schafft es, ein positives Gefühl zu hinterlassen. Der rundenbasierte Kampf mit Sammelkarten ist zunächst sehr einsteigerfreundlich, wird jedoch aufgrund der zunehmenden Anzahl verschiedener Möglichkeiten und Gegner immer fordernder und verlangt auch erfahrenden Spielern einiges an strategischem Denken ab. Besondere Belohnungen, wie ein zusätzlich freischaltbarer Schwierigkeitsgrad oder eine zweite, komplett andere Kampagne inklusive anderer Gegner und anderer Sammelkarten, bieten ausreichend Spielinhalte, um Spieler langfristig zu motivieren. Auch Sammler kommen hier auf ihre Kosten und können eine Art Album vervollständigen, in das bereits besiegte Gegner, erhaltene Karten und andere Dinge eingetragen werden. Iris and the Giant gelingt es, aus der Fülle an Roguelike- und Roguelite-Titeln, die in letzter Zeit den Markt überschwemmen, herauszustechen. Und gerade bei einem solchen Thema, das viel zu oft totgeschwiegen wird und nicht die Beachtung findet, die es verdient hätte, freut mich das umso mehr.
Mein persönliches Highlight: Der Abschluss der ersten Kampagne ließ ein wirklich gutes Gefühl bei mir zurück.

Awards

Spiele-Hit

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