Ist eine Zeitschleife die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme?

Der Entwickler Accidental Queens hat bereits bewiesen, dass er interessante Mystery-Geschichten auf eine überraschend simple, aber eindringliche Art erzählen kann. So mussten wir in A Normal Lost Phone sowie in Another Lost Phone: Laura’s Story das Handy einer fremden Person durchforsten, um der Identität des Besitzers und den Geschehnissen um diese auf den Grund zu gehen. Der neusten Ableger bedient sich einer älteren und analogen Technik, die wiederum neue Möglichkeiten eröffnet – dem Radio. In Alt-Frequencies, das bereits im Vorjahr auf anderen Plattformen erschien und nun neu auf die Nintendo Switch kommt, lauschen wir verschiedenen Radiosendern und versuchen, gewisse Geschehnisse zu verstehen und Einfluss auf sie zu nehmen. Kann eine derart simpel klingende Prämisse überhaupt spannendes Gameplay bieten und einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Diesen Fragen gehe ich in meinem Test auf den Grund.


Jeder Radiosender kommt mit eigenen Jingles und Songs daher, die wir so auch aus unserem Alltag kennen könnten.

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Das Spiel bedient sich einer ernsten aber nur oberflächlich angerissenen Hintergrundgeschichte. So tauchen wir in eine fiktive Gesellschaft ab, welche aufgrund des wirtschaftlichen Fortschritts unter massiven Umweltproblemen leidet. Dies klingt zunächst real, doch die Lösung, die sich die Politik ausdenkt, ist es mitnichten. So sollen die Menschen in eine sich ewig wiederholende Zeitschleife geschickt werden, damit sich die Natur erholen kann. Hierüber soll die Gesellschaft abstimmen, doch es wird zunehmend Kritik laut, die besonders die Nebenwirkungen betreffen, die bei Menschen im Zuge des sich ewig aufs Neue wiederholenden Alltags auftreten können. Mehr erfahren wir über die Welt und die politische Idee gar nicht, vielmehr ist es nun an uns, die verschiedenen Radiosender zu durchforsten und uns die Meinungen der Radiomoderatoren oder Gäste anzuhören und zu überlegen, wie wir das ganze Thema beeinflussen möchten.


Das Gameplay ist denkbar simpel gehalten und wird uns zu Beginn des Spiels in einem kurzen Tutorial erläutert. Wir können eine einzelne Aussage, die jemand in einer Radiosendung tätigt, aufnehmen und einem anderen Radiosender zukommen lassen. So beeinflussen wir Meinungen, welche die Moderatoren durch ihre Sendungen in der Gesellschaft verbreiten. Wir erleben durch das Radio hindurch die Tage vor einer Volksabstimmung, die darüber entscheiden soll, ob die Zeitschleife eingeführt wird oder nicht. Dabei wird einem als Spieler direkt zu Beginn eines deutlich: Die Zeitschleife existiert bereits. Wir haben die Wahl zwischen einer Handvoll Radiosender, müssen uns aber dafür entscheiden, welchen wir hören möchten und können auch jederzeit zwischen ihnen wechseln; die anderen Sender laufen währenddessen allerdings parallel weiter. Ist eine bestimmte Zeit abgelaufen und das Programm des Radios endet – jeder Tag wird uns in Form weniger Minuten präsentiert –, beginnt der Tag von neuem und wir können uns beispielsweise einem anderen Sender widmen. Die Wiederholung findet so oft statt, bis wir den Werdegang der Geschichte durch das Einschicken von einer oder mehreren Nachrichten beeinflusst haben; In dem Fall fährt das Spiel mit dem nächsten Tag bzw. Kapitel fort. Man kann sich beim Spielen also Zeit lassen und jeden der ca. 5 Radiosender zunächst anhören, bevor man im eigenen Tempo in der Geschichte fortfährt.


Was zunächst nach einer komplexen Geschichte mit vielen Einflussmöglichkeiten klingt, ist leider überraschend linear aufgebaut. Wir haben selten die Entscheidungsfreiheit, welche Meinungen wir verbreiten wollen, vielmehr erwartet das Spiel ganz bestimmte Zitate, die wir verbreiten sollen. Der Piratensender, den wir im Laufe des ersten Kapitels freischalten, gibt Tipps, was wir in den darauffolgenden Kapiteln tun müssen, und dient mit den dort getroffenen Aussagen einer Untergrundgruppe, die gegen die Zeitschleife ist, als Ausgangspunkt für die fortschreitende Geschichte.


Wir stoßen auch auf Sender, die nicht für jeden hörbar im Radio laufen und uns wertvolle Informationen liefern.

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Die verschiedenen Ausrichtungen der Radiosender sind spielrelevant. Während manche Sender reißerische Mitteilungen gerne annehmen und senden, lehnt der News-Sender diese Mitteilungen ab, da sie nicht sachlich sind. So hat jeder Sender seine individuellen Züge. Mit ein wenig Logik und Herumprobieren finden wir die richtigen Radiosender für unsere aufgenommenen Zitate. Allgemein wirken die Sender abwechslungsreich und stellen eine authentische Nachbildung von Radiosendern für verschiedene Zielgruppen dar. So wartet jeder Sender mit charakteristischen Merkmalen auf, etwa mit passenden Jingles und Songs. Während auf dem Talk-Sender mit dem Moderator Ennis B. an jedem Tag die Hasstirade des Tages läuft, fasst der News-Sender die relevanten, aktuellen Neuigkeiten zusammen und auf dem Studentensender wird zu Aktivismus aufgerufen. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Das Thema der Zeitschleife ist ein allgegenwärtig, ob humoristisch auf die Schippe genommen oder mit der Bemühung, sachliche Informationen zu bieten.


Die Synchronsprecher machen eine hervorragende Arbeit. So wirkt auch die deutsche Vertonung wertig und die verschiedenen Stimmungen, ob sachlich oder flippig, treten deutlich hervor. Die Studenten, die nur laienhaft und wenige Male in der Woche senden, kommen sogar bewusst mit einer etwas niedrigeren Audioqualität und weniger professionellen Stimmen daher, während die anderen Sender durch und durch professionell produziert klingen. Ich habe gerne den einzelnen Formaten und Meinungen der Sender zugehört, da sie abwechslungsreich und real erscheinen. Selbst die spärlich eingespielten Songs klingen gut und sind sogar manchmal spielrelevant.


Ein cineastisches Erlebnis darf man bei Alt-Frequencies nicht erwarten, so sieht man das immer gleiche Menü mit dem abgebildeten Radio, das wir als Spieler quasi bedienen. Die Radiosender haben leicht unterschiedliche Designs und die Farben verändern sich auch von Kapitel zu Kapitel leicht. Die Grafiken sind zwar ansehnlich, sind aber nun mal minimalistisch gehalten. Allerdings hat man das Spiel bereits beendet, bevor man sich an den Bildern sattgesehen hat – die 5 Kapitel sind nämlich innerhalb von ungefähr 3-4 Stunden durchgespielt. Interessant zu erwähnen ist, dass das Spiel bewusst so designt wurde, dass es für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung spielbar ist. Das ist durchaus ein Vorteil, der durch die einfache Bedienung und minimalistische Grafik entsteht.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Laura Strack

Alt-Frequencies lebt von der Narration, die in Form der Radiosender eine Gesellschaft abbildet, die nach unkonventionellen Lösungen für ihre Umweltprobleme sucht. Eine Zeitschleife, in der sich die Menschen für immer befinden werden, soll diese Lösung sein. Schnell werden die verschiedenen Interessensgemeinschaften deutlich und wir haben die Chance, Einfluss auf die Entscheidung zu nehmen, ob die Zeitschleife eingeführt wird oder nicht. Das gebotene Gameplay ist äußerst kreativ, es mangelt ihm aber an Komplexität, denn das Spiel ist überraschend linear und kurz aufgebaut, die uns suggerierte Entscheidungsfreiheit ist kaum vorhanden. Das ist besonders deshalb bedauerlich, weil es einzig und allein von der erzählten Geschichte und dem Gameplay getragen wird, die Grafik ist Nebensache. Dennoch ist der Rahmen der Geschichte außerordentlich gelungen: Die Individualität der Radiosender und die Qualität der Synchronisation fallen ausschließlich positiv auf. Zuletzt bleibt noch der Zweifel an der Prämisse des Spiels: Wer kommt denn auf die Idee, die Menschheit auf ewig den gleichen Tag neu durchleben zu lassen? Denkt man auch nur kurz darüber nach, stellen sich einem mehr Probleme in den Weg, als durch die Umsetzung gelöst werden könnten. Macht man sich von diesem gedanklichen Knoten frei, erlebt man ein kreatives Spiel, dass mit einem originellen Gameplay aufwartet, allerdings über viel nicht genutztes Potenzial verfügt. Wer nicht vor politischen Diskursen zurückschreckt und Lust auf ein unkonventionelles Spiel hat, darf hier gerne zugreifen.

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