Die Legende des hungrigen Wolfes im Miniformat

Über vierzig Jahre ist die SNK Corporation – wie das Unternehmen aktuell heißt – nun schon im Videospiel-Geschäft heimisch. Gerade für münzbetriebene Videospielautomaten und die Neo Geo-Konsolen ist das Traditionsunternehmen hardwareseitig bekannt. Schaut man sich den Software-Katalog des Unternehmens an, werden einem sicherlich die vielen Fatal Fury-Spiele ins Auge springen. Viele davon sind für Arcade-Automaten und das Neo Geo erschienen, aber es gibt auch einen Ableger für das hierzulande eher weniger bekannte Neo Geo Pocket Color. Der nur in Japan erschienene Handheld mit Vollfarb-Display war als Konkurrenz zum GameBoy Color von Nintendo ebenfalls 1999 im Land der aufgehenden Sonne an den Start gegangen. Wenige Titel sind trotz fehlendem Absatzmarkt im Westen auch im englischen Sprachraum erschienen und SNK legt einige nun im Zuge der Neo Geo Pocket Color Selection als emulierte Fassung neu für die Nintendo Switch auf. Ob die sanfte Frischzellenkur gelungen ist und ob ein emulierter pixeliger 16-Bit-Prügler von 1999 auch heute noch an den Bildschirm fesseln kann?


The King of Fighters


Fatal Fury First Contact basiert auf dem für Neo Geo erschienenen Real Bout Fatal Fury 2: The Newcomers und sollte damals die Martial-Arts-Kämpfe rund um Terry Bogart, dem „Legendären Wolf“, und dem Untergang des Imperiums des Gangsterbosses Geese Howard auch unterwegs erlebbar machen. Die Geschichte spielt in der in den USA angesiedelten fiktiven Stadt South Town. Dort wird von Geese das „The King of Fighters“-Turnier veranstaltet, an dem Kämpfer aus aller Welt teilnehmen. Die Handlung erstreckt sich über die gesamte Spielereihe hinweg und erzählt den Rachefeldzug der Gebrüder Terry und Andy Bogart, die sich an Geese rächen wollen, da dieser ihren Vater Jeff Bogard kaltblütig ermordet hat. Fatal Fury First Contact, beziehungsweise seine Grundlage, bringt die Geschichte zwar kein Jota voran, doch unterwegs, wo man direkt und schnell in ein Spiel einsteigen will, ist das kein Makel. Da es sich bei der Fatal Fury-Reihe um waschechte Kampfspiele handelt, ist eine ausartende Geschichte ohnehin nicht zwangsläufig vonnöten.


Das Kampfgeschehen kann wahlweise mit oder ohne einer Neo Geo Pocket Color-Umrahmung angezeigt werden.

© SNK Corporation

Ihr könnt also ohne Umschweife in das Spiel einsteigen. Eine Kampagne, in der ihr euch beispielsweise an die Spitze der „The King of Fighters“-Liga kämpfen müsst, gibt es nicht. Wahlweise dürft ihr entweder alleine gegen die KI oder gegen einen menschlichen Kontrahenten antreten. Das Roster umfasst mit 13 wählbaren Kämpfern, wovon zwei erst freigeschaltet werden müssen, die aus der Reihe bekannten Charaktere. Bedingt durch die wenigen Pixel, die damals zur Verfügung standen, sind diese aber eher Chibi-Figuren ihrer eigentlichen Alter Egos, die man auf den stationären Konsolen oder Arcade-Automaten vorfindet. Die Wahl des Kampfortes entscheidet sich je nach Wahl des Kontrahenten, gegen den ihr antretet. Frei wählen dürft ihr nicht – schade. Habt ihr einen Kämpfer zweimal erfolgreich auf die Matte befördert, geht es nahtlos in den nächsten Kampf über.


Da der Neo Geo Pocket Color nur zwei Tasten besitzt, kommt ihr auch auf der Nintendo Switch entsprechend mit nur zweien aus – eine für Schlag-, die andere für Trittangriffe. Die Kombination mit den Richtungstasten ergibt eine Vielzahl von Angriffsmustern, welche je Kämpfer oder Kämpferin individuell sind. Trefft ihr euren Kontrahenten mit Kombo-Attacken oder blockt dessen Angriffe erfolgreich, lädt sich eure „Power Gauge“-Leiste auf. Je nach Füllmenge könnt ihr damit drei verschieden starke Spezialattacken ausführen. Die Kämpfe spielen sich insgesamt flüssig, das Trefferfeedback ist sehr gut und für eine Handheld-Umsetzung sind die ausgetragenen Runden sehr dynamisch und abwechslungsreich. Etwas schwerer hätten die Kämpfe allerdings ausfallen können. Seid ihr etwas mit dem Genre vertraut, dürftet ihr problemlos jeden Kampf beim ersten Mal gewinnen. Solltet ihr dennoch mal verlieren, könnt ihr beim Fortsetzen der Prügelei eine von vier Optionen auswählen, welche euch den nächsten Kampf erleichtert. Neben dem Maximieren der „Power Gauge“-Leiste, dass euer Gegner nur noch ein Viertel seiner Energie besitzt oder dass ihr eine Runde Vorsprung habt, könnt ihr auch ohne einen Vorteil fortfahren. Ein erfreuliches Entgegenkommen des Spiels.


Die Emulationsreferenz


Die wichtigste Frage, die im Raum steht, ist wohl die nach der Umsetzung. Hier gibt es nichts zu meckern, die Emulation ist dem Team von Code Mystics einwandfrei gelungen. Weder Ruckler oder Einbrüche bei der Bildrate waren zu vernehmen und die piepsigen Töne hallten jederzeit fehlerfrei aus dem Lautsprecher der Nintendo Switch. Die Eingaben, die ihr tätigt, werden präzise umgesetzt und das sogar etwas schneller als im Original. Frei belegen dürft ihr die Steuerung in den Optionen des Emulators ebenfalls.

Der Emulator bietet eine Vielzahl von Einstellungsmöglichkeiten.

© SNK Corporation


Startet ihr Fatal Fury First Contact das erste Mal, wird das Spielgeschehen von einem hochauflösenden Neo Geo Pocket Color-Overlay umrahmt. Ist euch das Bild zu klein, könnt ihr in den Einstellungen jederzeit nahtlos herein- und herauszoomen, eine andere Farbvariante des Handhelds wählen oder den Rahmen sogar ganz entfernen. Einen Filter, welcher euch ein Gitter zwischen die einzelnen Pixel zaubert und damit das Spielgefühl von damals näher bringt, könnt ihr ebenfalls über das Bild legen. Bedingt durch das damalige 4:3-Format des Originals verbleiben jedoch links und rechts große schwarze Balken. Einen angepassten Breitbild-Modus gibt es nicht. Ein nicht selbstverständliches Feature: Das damalige englische Originalhandbuch ist integriert worden, welches unter anderem die verschiedenen Attacken der Fatal Fury-Kämpfer beinhaltet. Eine hilfreiche Rückspulfunktion ist ebenfalls mit an Bord.


Schön umgesetzt ist auch der Zweispieler-Modus. Setzt ihr euch gegenüber, hat jeder von euch das gesamte Kampfgeschehen als eigenen Bildschirm angezeigt vor sich. Jeweils einen der Joy-Con in die Hand und schon kann das Prügeln losgehen. Auch hier ist das Erlebnis erfreulicherweise fehlerfrei und die Emulation läuft genauso sauber wie im Einzelspieler-Modus.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von David Kuhlgert

Eigentlich hat die Fassung von Fatal Fury First Contact für die Nintendo Switch alles, was ein sauber emuliertes Spiel heutzutage braucht: ein flüssiges Gameplay wie beim Original, keinerlei Darstellungsfehler, eine fehlerfreie Audioausgabe, eine präzise umgesetzte Steuerung und sinnvolle Funktionen wie einen Grafikfilter, eine Rückspulfunktion sowie ein integriertes Handbuch. Dennoch stellt sich die Frage: Benötigt man eine emulierte Umsetzung eines Spiels, welches der Großteil an Spielern dort draußen nicht kennt, weil die damalige Hardware praktisch niemand hierzulande hatte? Natürlich ist es durchaus positiv, dass SNK ausgesuchte Spiele nun auch westlichen Spielern und Spielerinnen zu einem kleinen Preis zugänglich macht, doch eine Kollektion aus mehreren Neo Geo Pocket Color-Spielen wäre in meinen Augen sinnvoller gewesen. Falls ihr dennoch großer Fan der Fatal Fury-Reihe seid und endlich mal den mobilen Ableger der Reihe nachholen wollt, auch weil euch die Original-Hardware zu teuer ist, könnt ihr bedenkenlos zugreifen. Spielerisch ist Fatal Fury First Contact ein grundsolides Kampfspiel, welches perfekt für zwischendurch und unterwegs, z. B. gegen einen Mitspieler, der einem im Zug gegenüber sitzt, geeignet ist.
Mein persönliches Highlight: Die astreine Emulation und das integrierte Original-Handbuch.

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 0

  • Noch keine Kommentare verfasst :(