Malerische Landschaften treffen vorbildliches Storytelling

Wie viele andere Kinder durchlebte auch ich eine Phase in meinem Leben, in welcher ich mir nichts mehr wünschte, als Archäologe zu werden. Ausschlaggebend hierfür war vor allem Harrison Ford in der Indiana Jones-Filmreihe. Dieser stellte eine beeindruckende Kombination aus wandelndem Lexikon und Actionhelden für mich dar, woraus sich eben dieser Traumberuf ergab. Heute weiß ich, dass die Realität eine andere ist, da einem in diesem Beruf eine Menge Feingefühl und Geduld abverlangt werden und das Leben deutlich weniger actionreich ist. Grund genug für mich, bei meinem nun gewählten Berufsbild zu bleiben und nur noch virtuell in die Archäologie einzutauchen, zum Beispiel mit dem Titel Heaven's Vault.


Allerlei Ruinen und verfallene Gebäude müssen erkundet werden.

© inkle Studios

Als Archäologin Aliya findet ihr euch im Spiel in einem wüstenähnlichen Universum wieder, welches gleichermaßen mit Flugschiffen und Robotern zu glänzen weiß. Als eure Professorin euch darum bittet, der Spur des verschollenen Renba zu folgen, beginnt euer Abenteuer. Zusammen mit eurem mechanischen Begleiter Six und eurem Flugschiff durchstreift ihr eine Spielwelt, welche aus vielen Monden und Ruinen besteht, die durch einen Fluss aus Sauerstoff, Wasserstoff und Eis miteinander verbunden sind. Mittels Flugschiff gelangt ihr auf diesem Fluss von Ort und zu Ort und erfahrt so nach und nach immer mehr über Renba, seinen Verbleib und über längst vergessene Geschichten.


Dabei erinnert das Spielprinzip im Kern an klassische Point-and-Click-Adventures. Ihr steuert Aliya durch Dörfer, Gebäude oder Ruinen und interagiert mit allerlei Gegenständen, die sich dort befinden. Werden die allermeisten lediglich untersucht, kann man auch immer wieder spannende Dinge mitnehmen, um sie an anderer Stelle zu verwenden. Doch auch Gespräche mit eurem Roboter Six oder menschlichen Bewohnern gehören zum Alltagsgeschäft einer guten Archäologin, um an hilfreiche Informationen zu kommen. Ein Hindernis stellt für euch jedoch die Sprache dar. Viele Entdeckungen sind nämlich mit unbekannten Symbolen versehen, welche ihr nach und nach zu entschlüsseln lernen müsst. Nur so kommt ihr hinter sämtliche Geheimnis, welche die Spielwelt zu bieten hat.


Diese Symbolschrift macht den größten Reiz von Heaven's Vault aus, da sie maßgeblich die Geschichte und zugleich die Motivation des Spielers fördert. Könnt ihr anfangs anhand eurer Umgebungen lediglich erraten, was einzelne Zeichen bedeuten, eröffnet sich euch im Laufe des Abenteuers ein ganzer Wortschatz aus Nomen, Verben, Adjektiven und allem, was man sonst noch braucht. Vorstellen kann man sich dieses Entschlüsseln als stetige Rätsel, die an jeder Ecke auf euch warten. Mal ziert eine Schrift den Eingang eines Hauses und mal findet ihr weitere Zeichen als Inschrift auf einem Messer. Dabei wirkt diese Spielmechanik nie aufgesetzt, sondern fügt sich wunderbar in die gesamte Spielwelt ein. Besonders spannend wird es, wenn man sich als Spieler bei neuen Worten dabei ertappt, bekannte Worte und Silben mit den neuen Zeichen zu vergleichen, um ein Muster bei der Übersetzung zu erkennen. Dies gelingt zwar nicht immer, Fehler zu machen schadet aber auch nicht. Habt ihr einmal bei einem Wort daneben gegriffen, könnt ihr zu späterer Stelle erneut eure Notizen zu den Schriftzeichen aufrufen, um neues Wissen bei der Entschlüsselung zu verwenden.


Per Flugschiff reist ihr durch die Spielwelt.

© inkle Studios

Ein Hindernis könnte für viele leider sein, dass es aktuell keine deutsche Übersetzung gibt. Dadurch muss man sich nicht nur mit einer komplett neuen Sprache im Spiel herumschlagen, sondern diese eben auch noch auf Englisch erlernen. Das Vokabular ist dabei zwar nicht sonderlich komplex, nimmt dem ganzen am Ende dann aber doch etwas den Spielfluss. Ansonsten wird die Geschichte durch kleinere Animationen erzählt und sogar an einigen Stellen mit kürzeren Ausflügen in die englische Sprachausgabe begleitet. Das Gesamtpaket an Unterhaltung ist dabei sehr gut, da die Gespräche glaubhaft inszeniert sind und einen in das Universum eintauchen lassen.


Positiv ist zu vermerken, dass ihr es in der Hand habt, was für einen Charakter Spielfigur Aliya entwickelt. So werden euch in Gesprächen immer wieder unterschiedliche Handlungsoptionen angeboten. Durch diese bestimmt ihr, wie sich eure Beziehung zu Roboter Six entwickelt oder wie viel ihr eurer Professorin von euren Reisen erzählt. All dies nimmt mal mehr und mal weniger Einfluss auf euer Abenteuer, jedoch hilft es enorm dabei, sich in die Geschehnisse hineinzuversetzen. Toll ist, dass Entscheidungen auch an anderen Stellen in Gesprächen erneut aufgegriffen werden können und man sich selbst dabei ertappt, vielleicht unklug gehandelt zu haben. So habe ich einen verunsicherten Six gleich mehrfach dazu gedrängt, eine für ihn gefährliche Brücke zu überqueren, nur um einige Minuten später von anderer Stelle gefragt zu werden, wie sich die Beziehung zwischen mir und Six entwickelt hat. Bei der Frage, was mit den fünf vorherigen Robotern von Aliya passiert ist, kommt man als Spieler in die Bredouille, ob man wahrheitsgetreu antworten soll oder eine kleine Notlüge nicht schadet.


Die Reise muss weitergehen.

© inkle Studios

Der für mich schwächste Aspekt im gesamten Spiel ist das bereits erwähnte Reisen im Flugschiff. Bevor ihr startet legt ihr einen Zielpunkt fest und gelangt dann über die mysteriösen Flüsse dorthin. In diesen Phasen steuert ihr euren fliegenden Untersatz mit den Schultertasten durch die Ströme des Flusses, da jedoch jegliche Herausforderung und Abwechslung fehlt, macht diese Fortbewegung nur mäßig Spaß. Dabei bietet das System im Kern spannende Ideen. So könnt ihr beispielsweise immer wieder auf euren Reisen versteckte Orte finden oder aber ihr müsst aufgrund fehlenden Sauerstoffes euren Begleiter Six alleine entsenden. Der Weg dahin gestaltet sich häufig jedoch als zu lang, da bis auf das Einschlagen des richtigen Weges keine Herausforderungen für euch entstehen. Nichtsdestotrotz kann auch das Fliegen zum Weiterspielen motivieren, da man immer wieder neue Orte auf der Karte entdeckt und sie somit Stück für Stück mit Leben füllt.


Technisch ist Heaven's Vault eine runde Sache. So kann man nach dem Spielstart fast keine längeren Ladezeiten vermerken und die malerische Gestaltung der Charaktere sowie der gesamten Spielwelt überzeugen auf dem TV-Bildschirm genauso wie unterwegs. Die fehlende deutsche Übersetzung kann zwar stören, wer über einen grundsoliden Wortschatz im Englischen verfügt, kann hierüber aber hinwegsehen. Dafür ist die Soundkulisse sehr stimmig und weiß mit leisen Tönen und Klängen zu begeistern. Auch diese fügen sich perfekt in die gesamte Spielwelt ein.


Zuletzt möchte ich noch auf die Langzeitmotivation eingehen. Je nach Spielweise kann man gut und gerne rund 20 Stunden investieren, bevor man das erste Mal das Ende des Titels erreicht. Danach sollte man die Konsole jedoch nicht zur Seite legen. Viele weitere Geheimnisse erwarten einen bei einer zweiten Runde und man kann alle zuvor gelernten Worte in diese mitnehmen. Dadurch offenbaren sich ganz neue Möglichkeiten und man kann noch ein kleines Stückchen mehr in die Welt von Heaven's Vault eintauchen.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Maik Styppa-Braun

Bereits im Vorfeld konnte ich in einigen Berichten lesen, dass Heaven's Vault durch seine Erzähl- und Spielweise ein einzigartiger Titel sei. Hiervon konnte ich mich jetzt dank der Umsetzung für die Nintendo Switch ebenfalls überzeugen. Trotzdem ich anfangs etwas Startschwierigkeiten hatte, zog mich jede Minute mehr in den Bann, da ich einfach jedes Symbol übersetzen und alle Geheimnisse lüften wollte. Dass der Titel dabei auch noch technisch so toll läuft, führt nur noch mehr dazu, dass das Spiel mein täglicher Begleiter wurde. Schade ist noch immer die fehlende deutsche Übersetzung, vermutlich wäre meine Begeisterung mit einer gesamten englischen Vertonung noch größer. Daher werde ich eine weitere Runde einlegen, denn trotz kleinerer Schwächen wie der Fortbewegung im Flugschiff macht die Reise mit Aliya und Roboter Six unheimlich viel Spaß.
Mein persönliches Highlight: Das motivierende Aufdröseln der Symbolschrift.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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