Schwingt das Tanzbein

Musik ist ein integraler Bestandteil, wenn es darum geht, gewissen Situationen eine bestimmte Atmosphäre zu verleihen. Ikonische Charaktere werden oftmals mit bestimmten Melodien in Verbindung gebracht, welche selbst heute einen Kultstatus genießen. Dennoch nimmt Musik in den meisten Fällen eine passive Rolle ein und unterstützt die Spielwelt lediglich atmosphärisch. Nur selten bildet der Soundtrack in Kombination mit dem Gameplay ein kohäsives Bild, weswegen angesehene Beispiele, wie etwa die Musik-Level aus Rayman Legends, in ihrem Handwerk herausstechen. Die Crypt of the Necrodancer-Reihe und damit verbunden Cadence of Hyrule haben das Konzept dabei noch mal auf die Spitze getrieben und zahlreichen Spielern auf der ganzen Welt bewiesen, dass sich Rhythmus und Gameplay ausgezeichnet in einem Action-Paket einwickeln lassen. Rhythm Fighter folgt einem ähnlichen Takt und stellt das Prinzip etwas auf den Kopf, indem das Spielgeschehen in die zweidimensionale Perspektive verfrachtet wird und zufallsgenerierte Elemente das Abenteuer frisch halten sollen. Ob wir beim Spielen dauerhaft mitwippten oder genervt das Metronom einschalten mussten, erfahrt ihr im folgenden Test.


Folgt dem Pfad und findet einen Weg zum Ziel.

© Coconut Island Games

Nachdem eine Alieninvasion die Erde attackierte und die Menschheit verloren scheint, taucht der geheimnisvolle Mr. Disco mit einer Reihe von (selbstverständlich musikalisch veranlagten) Helden auf und stellt sich der geschmacklosen Armee des herrischen Commander Chaos. Inwiefern die Handlung tatsächlich ernstzunehmen ist, lassen die theatralischen Namen der zentralen Figuren bereits durchblicken und geben schon in den ersten Minuten einen kleinen Vorgeschmack darauf, auf welche bizarre Reise man sich einlässt. Dies fängt schon mit den Spielfiguren an, deren Design durchaus für Schmunzler sorgt und sowohl visuell als auch spielerisch nicht unterschiedlicher sein könnte.


So ist Courier Pengu nicht nur ein fürsorglicher, alleinerziehender Vater – nein, auch ein mindestens genauso ambitionierter Teilzeitkurier mit einem Hang zu flotten Flugaktionen. Lookout Lynx fällt hingegen durch sein Pflichtbewusstsein, der immensen Stärke und eine ausgeprägte Schwerhörigkeit auf. Auf dem Papier ist kein Charakter wirklich besser als der andere, allein individuelle Spezialfähigkeiten führen zu Einzigartigkeit und spiegeln sich in Form von verstärkten Attributen oder besonderen Kommandos wider. Das heißt allerdings nicht, dass ihr von Anfang an alle Figuren auswählen dürft. Mithilfe von Achievements schaltet ihr stattdessen Trophäen frei, die wiederum ausgegeben werden, um zusätzliche Charaktere oder andere Modi zu erlangen.


Der Vorteil an diesem Progressionssystem ist der behutsame Einstieg ins Spiel, welcher nacheinander neue Errungenschaften freigibt, weshalb es sich so anfühlt, als würde man stetig frische Inhalte zu Gesicht bekommen. Normalerweise leidet der Wiederspielwelt durch solche „schleppenden“ Systeme immer ein wenig, da erneute Durchläufe gebremst werden und das Tempo – oder hier ironischerweise der Rhythmus – infolgedessen vorgegeben ist. Rhythm Fighter umgeht dieses Problem, indem die Level zufallsgeneriert sind und es daher nicht nötig ist, weitere Spielstände zu starten, sollte man das Verlangen danach haben. Des Weiteren setzen euch tägliche Herausforderungen stets vor neue Kurse, die an gewisse Voraussetzungen gebunden sind und die Freiheiten unter anderem in der Charakterwahl einschränken. Ideal, um etwas aus der eigenen Komfortzone zu treten und sich mit Spielstilen auseinanderzusetzen, die man freiwillig womöglich niemals ausprobieren würde. Trotz der individuellen spielbaren Charaktere verbindet sie allesamt das im Fokus stehende musikalische Gameplay.


Jeder Gegner sollte trotz seines Designs ernst genommen werden.

© Coconut Island Games

In einer Reihe von überschaubaren Levelabschnitten erfüllt ihr kurzweilige Aufgaben, wie das Besiegen von sämtlichen Gegnern oder Überqueren von gefährlichen Fallen, damit es in den nächsten Raum geht und sich das Prozedere wiederholt. Wie man es vom Titel erwartet, ist es zudem essenziell, sich im Takt der Musik fortzubewegen und Gegner zu eliminieren. Beeinflusst werden die Angriffskraft und ähnliche Boni nämlich durch euer Rhythmusgefühl, welches sich in Form einer Energieleiste am unteren Bildschirmrand präsentiert und im Blick behalten werden sollte. Ist der Balken erst mal gefüllt, erleiden Gegner wesentlich mehr Schaden und teilen deutlich weniger aus.


Während herkömmliche Monster keine sehr große Hürde darstellen und ihre Angriffsmuster nicht nur einseitig, sondern auch vorhersehbar werden, heben sich Bossgegner durch ihre Beharrlichkeit sowie Spontanität deutlich vom Fußvolk ab. Obwohl der Anstieg in der Schwierigkeit zu Beginn etwas plötzlich erschien und Niederlagen mit Sicherheit folgen, fühlt es sich im Verlauf des Spiels fantastisch an, ihre Verhaltensmuster zu lernen, um den ursprünglich übermächtigen Bossen letztendlich Paroli bieten zu können. Was im Lernprozess vor allem auffällt, ist die Bedeutsamkeit, eine ausgewogene Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Wer gedankenlos versucht, die Gegner schnellstmöglich zu beseitigen, wird zügig auf taube Ohren stoßen und dementsprechend bestraft. Spezialfähigkeiten laden sich langsamer auf und Belohnungen für das Abschließen von Lebelabschnitten fallen karg aus, wodurch der weitere Spielverlauf erschwert wird.


Es ist wichtig, zu beachten, dass nach jeder Welt keine vollständige Heilung stattfindet und ihr mit eurer aktuellen Gesundheit fortschreitet. Sollte die Lebensenergie also langsam zu Neige gehen, ist es sicherlich keine schlechte Idee, auch mal optionale Levelabschnitte zu besuchen. Eine äußerst grobe Karte vermittelt zwar einen Eindruck davon, wo sich das Ende ungefähr befinden könnte, allerdings ist es nicht zu vermeiden, auch mal in Fallen zu tappen, die zwar mit stattlichen Belohnungen daherkommen, oftmals aber riskant sind. Weiterhin belohnt das Spiel ein flottes Tempo und öffnet über einen gewissen Zeitraum die sogenannte „Speed-Zone“, welche nach dem Erlegen des Bosses hochwertige Items bereithält. Insgesamt ergibt sich dadurch ein kleines interessantes Dilemma, weil die Speed-Zone mit ihren Belohnungen stets überstürzte Aktionen provoziert, während ein vorsichtiger Fortschritt zu durchdachteren Handlungen führt, die schlussendliche Beute aber in einem überschaubaren Rahmen hält.


Unterschiedliche Charaktere lockern das einseitige Gameplay auf.

© Coconut Island Games

Ebenfalls nicht ganz belanglos: Rhythm Fighter hetzt euch zu keinem Zeitpunkt, aber belohnt lediglich talentierte Spieler. Anfängliche Fehltritte mögen zwar möglicherweise frustrierend sein und eure Ungeduld schulen, jedoch funktioniert das Grundkonzept zu jedem Zeitpunkt und verändert sich nur selten. Somit wären wir auch schon am vermutlich größten Kritikpunkt des Spiels angekommen: die fehlende Abwechslung. Trotz der zufallsgenerierten Elemente und abwechslungsreichen Protagonisten wiederholt sich das Gameplay auf Dauer und bietet spielerisch nur wenig Neues.


So hatte ich nach ungefähr drei Durchläufen bereits das Gefühl, alles gesehen zu haben, da sich die Bosse und Gegnertypen irgendwann nur noch wiederholen und selten von bekannten Mustern abweichen, geschweige denn aus der Rolle tanzen. Allen voran denke ich dabei an Bossgegner, die aufgrund von flächendeckenden Angriffen gerne mal hinter unsichtbare Wände verschwinden und dort auch so lange verweilen, bis ihr sie herauslockt. Nicht nur verschwendet dieses Verhalten Zeit, es zwingt euch gleichermaßen dazu, im Mittelfeld zu kämpfen, was die Bewegungsfreiheit aufgrund eines unüberlegten Designs unnötig einschränkt.


Thematisch besucht ihr die verschiedensten Orte und kämpft euch von verlassenen Straßen bis hin zu asiatischen Bambusgärten durch. Einen großen Teil zum Charme trägt der ausdrucksstarke, bunte Grafikstil bei, welcher in Kombination mit dem ausgeflippten Charakterdesign ein herrlich witziges Gesamtpaket darstellt. Selbstverständlich kann dabei das Herzstück des Spiels – die Musik – nicht unerwähnt bleiben. Vor allem sollte diesbezüglich geschätzt werden, mit welchem Aufwand es vermutlich verbunden war, Gameplay und Musik so harmonisch zu verbinden. Der Soundtrack dudelt nicht einfach so vor sich hin, er ist auf jede Bewegung abgestimmt und passt sich je nach Rhythmusgefühl eurerseits entweder knallig an oder flacht etwas freudlos ab.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Kevin Becker

In den ersten Stunden hinterließ Rhythm Fighter vermutlich den besten Eindruck. Sofort sticht die poppige Darstellung ins Auge, während der fetzige Soundtrack augenblicklich dazu einlädt, mit dem Bein mitzuwippen. Wirklich spüren tut man die Musik allerdings erst, wenn das Gameplay gemeistert ist und rhythmische Spieler mit Status-Boni sowie nützlichen Belohnungen honoriert werden. Tägliche Herausforderungen und zufallsgenerierte Level sorgen dabei für die vermeintliche Abwechslung, welche nach einer relativ kurzen Spielzeit aber langsam ihr Limit erreicht. Trotz verrückter Designs und angenehmen Herausforderungen wiederholen sich Bossgegner im Verlauf zu regelmäßig und nutzen hierbei auch gerne mal die Grenzen des Spiels aus. Zudem verändern sich die Level selbst nur strukturell – inhaltlich werden nur selten neue Elemente vorgestellt. So bedauerlich das nun auch klingen mag, stemmen die verschiedenen ausgefallenen spielbaren Charaktere fast schon eigenständig das gesamte Spiel und bringen insgesamt das Vergnügen, das womöglich nur in kurzweiligen Durchläufen wirklich zur Geltung kommt.
Mein persönliches Highlight: Courier Pengu und sein kleiner Nachwuchs.

Die durchschnittliche Leserwertung

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