„Source“ – Der Beginn einer neuen Zukunft?

Denkt man an die Darstellung von Liebe in Videospielen, fallen einem zwar gewiss viele Beispiele ein, die meisten werden aber vermutlich eher subtiler bis nebensächlicher Natur sein. Häufig ist es die Geliebte eines Helden, der etwas zustößt, weshalb man sich nun aufmacht, um sie zurückzuerobern – man denke nur an Super Mario. Das Spiel Haven geht da seit Kurzem einen erfrischend anderen Weg. Nachdem Besitzer der neuen Konsolengeneration, einer Xbox One oder schlicht eines PC mit Windows bereits seit vergangenem Dezember die Möglichkeit haben, in den Titel reinzuschauen, ist Haven nun auch für die PlayStation 4 sowie Nintendo Switch erschienen. Im Folgenden erfahrt ihr, wie sich das Spiel auf Nintendos Hybridkonsole macht.


Das Erkunden des auf den Namen „Source“ getauften Planeten stellt eure Hauptaufgabe dar.

© The Game Bakers

Haven entspricht grundsätzlich einem Sci-Fi-Adventure-Titel mit Survival-Elementen, der aus der Perspektive der dritten Person gespielt wird. Im Fokus stehen sowohl aus Sicht des Gameplays als auch der Handlung die beiden Liebenden Yu und Kay. Bis auf die Tatsache, dass sie eine sehr romantische Beziehung führen, erfährt der Spieler über die sonstigen Begebenheiten aber zunächst nichts. Einzig die absoluten Grundlagen der Steuerung werden noch vor dem eigentlichen Start des Spiels erklärt. Dazu gehört auch ein Schlüsselelement, was die Fortbewegung betrifft: Mithilfe von Antigravitations-Stiefeln könnt ihr die unbekannte Umgebung mit einem rasanten Tempo erkunden. Von dieser Funktion werdet ihr zwangsläufig auch hauptsächlich Gebrauch machen, denn obwohl die klassische Fortbewegung zu Fuß zwar möglich ist, wurde diese von den Entwicklern bewusst sehr langsam gestaltet. So mausert ihr euch früher oder später zu waschechten Antigravitations-Profis und kommt dann in den Genuss des sich daraus ergebenden Flows.


Dazu trägt auch ein weiteres Schlüsselelement bei, das sich durch das komplette Spiel zieht: In der gesamten Umgebung trefft ihr vereinzelt auf blau schimmernde Stränge aus einer unbekannten Materie. Die sogenannte „Flut“ ist dabei ein natürlich vorkommendes Element und ersetzt als Energieträger den uns bekannten Strom. Um Flut sammeln zu können, müsst ihr die angesprochenen Stränge mithilfe der Antigravitations-Stiefel reiten. Aber ob das überhaupt vonnöten ist, bleibt zunächst schleierhaft. Denn es gibt zwar eine Anzeige, die recht unspezifisch darstellt, über wie viel Flut man derzeit verfügt, und da das Nutzen der besonderen Stiefel diese Energie verbraucht, fühlt man sich automatisch dafür verantwortlich, für neue Energie zu sorgen. Aber ob diese zur Verfügung stehende Menge überhaupt auf null fallen kann, wenn man nichts sammelt, konnte ich während des Testlaufs nicht feststellen – ich habe es aber auch nicht darauf ankommen lassen.


Die vielen Dialoge machen die beiden Hauptcharaktere nahbarer, sodass ihr sie schnell in euer Herz schließt.

© The Game Bakers

Weniger rätselhaft ist dagegen ein anderer Aspekt, den man aus Survival-Spielen nur bestens kennt: In der die meiste Zeit karg wirkenden Umgebung lassen sich vereinzelt Sträucher und andere Stellen finden, die sammelbare Beeren, Pilze und andere Nahrungsmittel bieten. Danach solltet ihr auch stets Ausschau halten, denn daraus bereitet ihr euch hauptsächlich Medizin und andere Stärkungen zu. Während wenig ergiebige Früchte häufiger vorkommen, sind wertvollere Zutaten teilweise so klein oder gut versteckt, dass man sie leicht übersieht und sich tatsächlich richtig freut, sollte man sie doch entdecken. Eure gesammelten Mittel lassen sich dann in der Küche des sogenannten „Nests“ – ein Raumschiff, das euch als Basis dient – zubereiten. Für das Kochen ist Kay zuständig, der als Biologe auch immer wieder interessante Dinge zu den einzelnen, extraterrestrischen Zutaten zum Besten gibt. Das Nest steht dabei als ein weiterer Anker im Mittelpunkt des Geschehens. Es dient als ein gefühlter Ort der Heimkehr, als Ort der Entspannung und Heilung, als Forschungsnest und natürlich auch als Liebesnest.


Doch warum sind wir hier – auf einem scheinbar unbewohnten, aus vielen schwebenden Inseln bestehenden Planeten? Und warum tun wir eigentlich das, was wir tun? Nur des Überlebens Willen? Auf eine Vielzahl der Fragen, die sich zu Beginn und auch im Verlauf des Spiels ergeben, werdet ihr Antworten erhalten. Die Besonderheit liegt dabei in der Form, wie sie euch übermittelt werden. Denn abseits des eigentlichen Gameplays reden Yu und Kay sehr viel miteinander. Im Rahmen dieser Dialoge erhaltet ihr allerlei Informationen. So wird euch sehr früh in der Handlung mitgeteilt, dass das Liebespaar ursprünglich im „Korb“ – zugegebenermaßen eine eigenwillige Übersetzung des englischen „apiary“, was eher dem deutschen Wort „Bienenhaus“ entspricht – aufgewachsen ist und dort seinen Alltag fristete. Mich erinnerte der Korb dabei von den ersten Erzählungen her an die Begebenheiten aus dem Film „Die Insel“: Ein Ort, an dem jedes Menschenleben zum Wohle des Systems von Beginn bis Ende durchgeplant ist und ein Abweichen von diesem Plan nicht geduldet wird. Yu und Kay, deren Beziehung vom System nicht vorgesehen schien, haben sich dort nichtsdestotrotz kennen und lieben gelernt und letztlich den Entschluss gefasst, zu fliehen. Diese Flucht ging scheinbar Hals über Kopf vonstatten, denn ohne konkreten Plan und nur mit Glück ist das Paar auf dem (scheinbar) unbewohnten Planeten gelandet, den sie „Source“ taufen. Durch ein – spoilerfrei ausgedrückt – bestimmtes Ereignis seid ihr schließlich dazu aufgefordert, alle Inseln von Source aufzusuchen und zu erkunden.


Die Kämpfe sind in mehrerer Hinsicht besonders. Echtzeit, starke Duo-Angriffe und minimalistisches Design.

© The Game Bakers

Auf euren Touren werdet ihr merken, dass der Inselgruppen-artige Planet doch nicht so unbewohnt ist und neben Vögeln auch von anderen tierartigen Wesen bevölkert wird. Anders als man nun aber klassischerweise erwarten dürfte, sind diese euch grundsätzlich positiv und zutraulich gesinnt. Früher oder später werdet ihr aber auch gegenteilige Erfahrungen machen, wodurch sich der letzte große Aspekt aktiviert: der Kampf. Beginnt ein solcher, werdet ihr in ein Geschehen mit starrem Bild geworfen. Es erwartet euch nun aber kein rundenbasierter Modus, sondern Kämpfe in Echtzeit. Dabei könnt ihr eure Charaktere jedoch nicht frei bewegen, vielmehr löst ihr durch das Halten eines Knopfes eine bestimmte Aktion aus: Rempeln, schießen, blocken oder beruhigen. Die letztgenannte Aktion könnt ihr erst ausführen, wenn die Kraftpunkte des Gegners auf null fallen. Statt die Angreifer also restlos zu vernichten, besänftigt ihr sie – eine interessante Message. Ansonsten besticht der Kampf-Modus besonders durch zwei Elemente. Die mächtigen Doppel-Angriffe und sein Minimalismus. Generell ist das HUD im Spiel sehr wenig bis gar nicht existent. Auch im Kampf wird so beispielsweise auf die Anzeige eurer eigenen Gesundheit verzichtet und nur durch die Färbung eurer mit Flut durchtränkten Kleidung angedeutet. Darüber hinaus gibt es so etwas wie Manakosten oder Abklingzeiten für bestimmte Angriffe nicht, sodass auch hier entsprechende Anzeigen eingespart werden können. Wirklich gefehlt hat mir hier jedoch die Möglichkeit, selbst aussuchen zu können, welchen Gegner ich nun attackieren möchte, da diese je nach gewähltem Angriff über von Typ zu Typ wechselnde Schwächen und Resistenzen verfügen. Es mag so alles in allem zwar den Anschein eines einfachen Hau-drauf-Prinzips zu erwecken, man merkt im Verlauf jedoch, dass das Timing der eigenen Angriffe eine nicht zu unterschätzende Rolle einnimmt.


Die erwähnten Doppel-Angriffe, die im Übrigen tatsächlich mehr als nur doppelt so viel Schaden im Vergleich zu einzelnen Angriffen verursachen, könnt ihr einsetzen, wenn Yu und Kay ausreichend Bindung zueinander aufgebaut haben – zumindest habe ich das bis zu diesem Zeitpunkt so verstanden, denn so richtig erklärt wird es nie. Jedenfalls findet ihr im Menü neben den Kraftpunkten und dem Hungergefühl des Liebespaares eine weitere Leiste, die scheinbar den Grad der Verbundenheit anzeigt. Diese lässt sich durch allerlei Aktionen füllen – eine sättigende Mahlzeit, eine erledigte Aufgabe oder auch ein erfolgreiches Gespräch können dazu beitragen. Die Dialoge der beiden habe ich übrigens zu jeder Zeit sehr genossen. Nicht nur, dass man als Spieler quasi mit jedem gesprochenen Wort mehr über die Hintergrundgeschichte erfährt, vielmehr ist es die sehr reife Herangehensweise an die Darstellung der Beziehung der beiden Liebenden, die mich beeindruckte. Ein toll geschriebenes, aber auf Deutsch manchmal fragwürdig übersetztes Skript sowie zwei fähige Synchronsprecher tragen dazu bei, dass ich Yu und Kay als zwei sehr lebendig wirkende Charaktere empfunden habe, denen ich Emotionen wie Freude, Trauer, Zweifel oder Stolz durchaus abkaufte. Immer wieder werdet ihr während der Gespräche im Übrigen mit Situationen konfrontiert, in denen ihr zwischen zwei Antwortmöglichkeiten wählen müsst – mal für Yu, mal für Kay. Abgesehen davon, dass manche Entscheidungen die Entschlossenheit des jeweiligen Charakters stärken, haben diese aber in der Gesamtbetrachtung nur geringe Auswirkungen. So bleibt man als Spieler bei den Dialogen aber jederzeit aufmerksam.


Die tierähnlichen Wesen auf dem Planeten sind meist nicht nur zutraulich, sondern können sich auch als Helferlein erweisen.

© The Game Bakers

Das Liebespaar ist bei seinen Erkundungstouren immer zusammen unterwegs. Im Einzelspielermodus steuert ihr allerdings immer nur einen Charakter aktiv. Bei Bedarf könnt ihr per Knopfdruck nach Belieben zwischen den beiden Figuren wechseln – Vor- oder Nachteile ergeben sich dadurch mit Ausnahme von leicht unterschiedlichen Gesprächen allerdings nicht. Man könnte jedoch meinen, dass Haven erst durch seine vorhandene, lokale Multiplayerfunktion sein volles Potenzial entfaltet. Und tatsächlich könnte der Einstieg eines zweiten Mitspielers nicht leichter vonstattengehen. Einfach einen Knopf auf einem zweiten Controller gedrückt, damit sich dieser mit der Konsole verbindet, und schon könnt ihr an Ort und Stelle zu zweit weiterspielen. Das hört sich auf dem Papier dann allerdings doch besser an, als es sich in der Praxis bewiesen hat. Zwar funktioniert der beschriebene Spieleinstieg tatsächlich tadellos, nur bleibt das Gefühl der Bereicherung durch die Koop-Funktion in Bezug auf das Gameplay eher aus. Obwohl ihr euch unabhängig voneinander zu Fuß bewegen könnt, verliert sobald ein Spieler seine Antigravitations-Stiefel aktiviert der jeweils andere die Kontrolle über seinen Charakter und wird schlicht hinterhergezogen. Auch im Kampf ist es zwar theoretisch klug gedacht, dass zwei Spieler je einen Charakter steuern und so die Angriffe aufeinander abstimmen müssen, der Aspekt des Echtzeitgeschehens birgt jedoch die Gefahr des ausbrechenden Chaos. Neben den Dialogen, bei denen sich in den auftauchenden Entscheidungsoptionen beide Spieler einstimmig auf eine Variante festlegen müssen, ehe es weitergeht, war es das tatsächlich auch schon mit den sich durch die Koop-Funktion ändernden Aspekten. So haben wir bereits nach kurzer Zeit konsterniert festgestellt, dass das Gameplay eher im Einzelspieler voll zur Geltung kommt.


Ebenfalls nicht die bestmögliche Leistung findet sich im Bereich der Technik. Abgesehen von den fantastischen Charakterzeichnungen, die der Spieler in den Dialogen und den doch häufiger auftauchenden Ladebildschirmen zu sehen bekommt, verfügt Haven über einen zumindest streitbar wirkenden Cel-Shading-Look. Man mag diesem durchaus seinen eigensinnigen Charme zugestehen, trotzdem wirkt er bei einem im Jahr 2021 veröffentlichten Titel eher altbacken. Darüber hinaus gehört es zwar zur Prämisse des Spiels, dass ihr einen leeren, unbewohnt wirkenden Planeten vorfinden sollt, dennoch hätte ich mir etwas mehr Abwechslung in der kargen Landschaft gewünscht. Nicht diskutabel ist wiederum die technische Stabilität des Spiels. So sind mir während der Testphase gleich mehrere Spielabstürze widerfahren. Außerdem hat bei einem bestimmten Abschnitt die musikalische Untermalung ihren Geist aufgegeben und erinnerte mehr an eine springende Schallplatte. Das ist an dieser Stelle besonders schade, denn der elektronische Soundtrack des französischen Musikkünstlers Franck Rivoire alias „Danger“ wertet die Erkundungstouren massiv auf.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Chris Holletschek

Bereits seit der Ankündigung von Haven vor über einem Jahr habe ich mich auf das Spiel gefreut. Und diese Freude wurde zusammenfassend nicht enttäuscht. Der Sci-Fi-Adventure-Titel verfügt in seinen Grundzügen zwar über eine Handlung, die vermutlich nicht erst seit Shakespeares Romeo und Julia immer mal wieder aufgefasst und neu interpretiert wurde, die fantastische Umsetzung der erwachsenen Darstellung der Beziehung des Liebespaares ist aber ein erfrischendes Highlight. Zudem verfügen die beiden Liebenden Yu und Kay trotz einer teils fragwürdigen deutschen Übersetzung über ein toll geschriebenes Skript, sodass einem die beiden Charaktere schnell ans Herz wachsen. Die Verwendung der Antigravitations-Stiefel ermöglicht eine zügige Fortbewegung, bei der schnell ein angenehmer Flow einsetzt, sodass das Erkunden des unbekannten Planeten ebenso viel Spaß bereitet wie das Sammeln von Nahrung, das darauffolgende Entdecken von Kochrezepten und grundsätzliche Vorankommen in der mit vielen Fragezeichen versehenen Handlung. Ein wenig getrübt wird das Spektakel durch den etwas altbacken wirkenden Cel-Shading-Look sowie leider gelegentlich auftretende Spielabstürze. Ob letzteres ein Nintendo Switch-exklusives Problem ist, konnte ich aufgrund fehlender Vergleichsdaten nicht ausmachen.
Mein persönliches Highlight: Die absolut erlebenswerte Beziehung von Yu und Kay.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 3

  • Iskimoi

    Turmheld

    Danke für die umfangreichen Testbericht! :thumbup:


    Mir ging es sehr ähnlich, schon bei der Ankündigung gefiel mir auf Anhieb die Idee und deren visuelle Umsetzung. Auch das man das Spiel im Coop-Modus genießen kann, sagte mir sofort zu. Hervorzuheben ist wirklich der grandiose dynamische Soundtrack (kommt auf jeden Fall in die Plattensammlung). Bleibt es nur noch abzuwarten ob es zukünftig auch eine problemfreie Retail-Fassung geben wird.:moneylink:

  • iDrogon

    Rocket League Junkie

    Haven ist auch ein fantastisches Spiel. Bezüglich deiner festgestellten Abstürze, kann ich meine Erfahrung mit der Xbox Series X angepassten Version dir teilen. Dort hatte ich über die gesamte Spielzeit keinerlei Abstürze oder ähnliches erlebt.

  • Chris Holletschek

    ...

    iDrogon Das hatte ich schon befürchtet, aber dennoch schade, dass du das so bestätigen kannst. Dann verwundert es auch nicht mehr sonderlich, dass die beiden Versionen für PS4 und Switch nicht zusammen mit den anderen Versionen erschienen sind, da dort wohl noch Nachholbedarf bestand – und wie es scheint auch weiterhin noch besteht. Man kann nur hoffen, dass es da womöglich noch ein Performance-Update geben wird.