Yokai-Geschnetzeltes zum Mitnehmen, bitte!

Wenn Ninjas mit krudem Humor in einer Fantasy-Welt Science-Fiction-Artefakte vor wütenden Yokai beschützen sollen, dann kann doch eigentlich nicht viel schiefgehen, oder doch? Dieser zugegebenermaßen recht spezifischen Frage kann man jedoch in Mass Creations neuestem Machwerk Shing! nachgehen. Der asiatisch anmutende Side-Scroller des polnischen Entwicklerstudios vereint diese ganze Reihe an Themen mit klassischem Beat 'em up-Gameplay, das hier und da durch neue Nuancen ein originelles Abenteuer bieten will, sowohl in Bezug auf die Welt als auch auf die Action. Ob dieses Vorhaben gelungen ist, erfahrt ihr in unserem Test.


In der Stadt wimmelt es vor Yokai. Besser nicht überrennen lassen!

© Mass Creation

Im Grunde genommen ist Shing! zunächst mal ein 2D-Beat 'em up wie es im Buche steht. In seitlich voranschreitenden Level stellt ihr euch Massen an Gegnern, die ihr mit Schlag-Kombos seitens eures Charakters außer Gefecht setzen müsst und gelegentlich mischt sich auch ein Boss unter die Meute – soweit bekannt. Zu diesem klassischen Ansatz gehört auch, dass eine Handlung mit tiefgreifender Charakterentwicklung eher im Hintergrund steht, sofern überhaupt vorhanden. Shing! schließt sich hier an, weshalb gleich mal vorweggenommen sei, dass ihr keine groß angelegte Story erwarten solltet und auch die Charaktere eher eindimensional bleiben. Trotzdem soll natürlich beleuchtet werden, um was genau es geht. In der Haut von vier Kriegern stellt ihr fest, dass ein mächtiges Artefakt der Sternenkeim von einer Horde Yokai gestohlen wurde. Dabei haben die Diebe es nicht nur allein auf den magischen Gegenstand abgesehen, sondern versuchen gleichzeitig, die Welt unserer Protagonisten einzunehmen. Das Ziel ist einfach: Holt den Sternenkeim zurück und vertreibt die Yokai aus dem Land. Dabei wird die Handlung immer wieder durch humoristische Einwürfe und Bemerkungen aufgelockert. Der Humor nimmt in der Erzählweise von Shing! eine ziemlich große Rolle ein. Allerdings sind die lockeren Sprüche unserer vier Weggefährten ein doppelschneidiges Schwert, denn die meiste Zeit können die sehr flachen und kruden Späße die Pointe kaum oder gar nicht landen und wirken mehr wie ein verzweifeltes Beiwerk, um den Titel peppiger erscheinen zu lassen. Insgesamt wirkt der Humor eher kindisch und oft unpassend. Das soll aber nicht heißen, dass man bei Shing! völlig emotionslos vor dem Bildschirm sitzen würde, denn einige Perlen befinden sich dann doch unter der breiten Masse an Sprüchen, die einen durchaus zum Schmunzeln bringen können. Natürlich ist Humor an sich auch eine sehr individuelle Angelegenheit.


Wie bereits erwähnt, dreht sich Shing! allerdings weniger um die Handlung, als um das Gameplay und hier liefert Mass Creations Beat 'em up durchaus einen soliden Eindruck mit kleineren Schwächen. Dass der Titel nicht gänzlich klassische Elemente nutzt, wird hier ebenfalls deutlich. So startet ihr eure Angriffe nicht per Knopfdruck, sondern steuert sämtliche Standard-Aktionen über den rechten Stick. Durch verschiedene Richtungseingaben und auch Halbkreis-Bewegungen lassen sich die Attacken kombinieren, um die Gegner das Fürchten zu lehren. Mit einem Hieb nach oben könnt ihr die Yokai in die Luft befördern und selbst ebenfalls in die Luft springen, um hier Kombos fernab vom Boden und anderer Feinde auszuführen. Durch verschiedene Gegnertypen, die im Laufe des Spiels zunehmen, wird das Gameplay strategischer, denn ihr müsst bei den Massen an Gegnern, die manchmal auf euch einströmen, koordinieren, wer zuerst das Zeitliche segnen muss, damit ihr durch das Level kommt. Spannend wird es hier vor allem dann, wenn ehemalige Bosse als normale Gegner ins Spielgeschehen treten. Schlüssel zum Sieg ist hier meist das korrekte Parieren der gegnerischen Attacken, um selbst eine Angriffsmöglichkeit zu erhalten. Auch Projektile müssen so zurückgeschleudert werden. Grundlegend funktioniert das Gameplay gut, leidet aber teils unter der etwas hakeligen Steuerung mit dem rechten Stick, weswegen manchmal auch in die falsche Richtung geschlagen und gleichzeitig eure laufende Kombo beendet wird, was das richtige Positionieren teils unnötig erschwert. Hat man erstmal einige Level gesehen, macht das Gameplay zwar nach wie vor Spaß, wird aber auch bei einer durchschnittlichen Spieldauer von 5-7 Stunden repetitiv. Durch die von Gegnern fallengelassenen Sphären könnt ihr zwar kurzzeitig Buffs erhalten oder Blitze verschießen, doch fehlt in puncto Fähigkeiten etwas, dass sich hervorstechender durchs Spiel zieht. Das fällt besonders dann auf, wenn alle vier Charaktere zwar sehr unterschiedliche Designs besitzen, abgesehen von der Geschwindigkeit der Angriffe aber keine wirklichen Unterschiede in der Spielweise aufweisen. Da jedoch alle Figuren gänzlich verschiedene Waffen verwenden, scheint hier das Potenzial ein wenig verschenkt.


Ein wahrer Augenschmaus! Die hübsch gezeichnete Karte navigiert euch durch das Abenteuer.

© Mass Creation

Ein Pluspunkt hingegen ist der lokale Coop-Modus, mit dem ihr mit bis zu drei weiteren Spielern die Story gemeinsam erleben könnt. Nicht nur ist es mit Mitspielern spaßiger und chaotischer, sondern es nutzt auch in Bezug auf die Schwierigkeit der Level, da Solo-Abenteurer auch auf normalem Schwierigkeitsgrad so manches Mal von den Gegnerhorden überrannt werden könnten. Dieser lässt sich allerdings nach Belieben für die einzelnen Level wählen, sodass ihr euch das Ganze auch einfacher machen könnt, solltet ihr auf allzu große Probleme stoßen. Stellt beim gemeinsamen Spielen aber sicher, dass ihr eure Mitstreiter aus eurer Umgebung kennt, denn ein Online-Modus existiert nicht.


Neben der Handlung gibt es außerdem hin und wieder Herausforderungen, die sich auch in den Levels finden lassen und euch mit spezifischen Zielen auf die Probe stellen. Hier müsst ihr beispielsweise gut Parieren können oder in einer giftigen Umgebung alle Feinde besiegen, ohne dass einer eurer Krieger zu Boden geht. Obwohl die Handlung eher Beiwerk ist, gibt es außerdem noch Orte, an denen ihr sogenanntes Weltwissen erlangen könnt. In Dialogen mit verschiedenen Charakteren habt ihr hier die Möglichkeit, etwas über die Welt von Shing! zu erfahren. Bei der Frage nach dem Stil kann Shing! ebenfalls zu großen Teilen überzeugen. Die Qualität des 3D-Stils der Charaktere und Gegner lässt hier und da zu wünschen übrig, doch das Design der Level beziehungsweise deren Hintergründe ist sehr gelungen.


Wer in der ganzen Action die Möglichkeit findet, mal einen Blick auf das Geschehen im Hintergrund zu werfen, wird feststellen, dass es viele gut gemachte Kleinigkeiten zu sehen gibt, die die Welt immersiver wirken lassen. Beispielsweise die Dorfbewohner, die sich in Ihren Läden und Häusern verschanzen, oder auch Wandbilder und andere Deko-Objekte, die den Ort lebendig wirken lassen. Auch die Karte ist ein wahrer Augenschmaus. Hier könnt ihr einen hübsch gezeichneten Überblick über das Land und euren derzeitigen Standort gewinnen und auch zu alten Levels, Herausforderungen oder Weltwissen-Orten zurückkehren. Negativ hingegen fällt das Design der Protagonistinnen auf, die unnötig sexualisiert sind. Zwar werden alle vier Charaktere sehr stereotypisiert, doch äußert sich das auch in den Kostümen und den Dialogen. Hier hätte es, ähnlich zum Humor, auch ruhig erwachsener zugehen können.


Ein idyllisches Leben stellt sich unser Witze reißender Held wohl anders vor.

© Mass Creation

Auf technischer Seite hat Shing! einige Schwierigkeiten. Bereits erwähnt wurde die teils unpräzise Steuerung. Hinzu kommen außerdem diverse Ruckler, mit denen das Spiel zumindest im Handheld-Modus zu kämpfen hat, vor allem, wenn viele Gegner den Bildschirm besiedeln. Das größte Manko sind jedoch die Ladezeiten des Titels. Die Wartezeit nach dem Starten des Titels ist sehr lang und erinnert dabei an Titel wie Animal Crossing: New Horizons, ohne ein vergleichbares Maß an Inhalten. Mag man auf dem Weg zum Titelbildschirm noch über längeres Warten hinwegsehen können, wird es lästig, sobald man sich im Spiel selbst befindet und nicht nur zwischen den einzelnen Levelabschnitten mit Ladezeiten zu kämpfen hat, sondern selbst bei schnellen Wechseln zwischen Gameplay und In-Game-Szenen. Besonders fiel dies auf, als die Protagonisten frisch ins Level starten, nur um zwei Schritte weiter in ein Gespräch oder direkt einen anderen Abschnitt zu geraten, der direkt nach der Ladezeit zum Starten des Levels in den nächsten Ladebildschirm führte. Glücklicherweise kommen die Level-Ladezeiten nicht an die für das Hauptmenü heran, doch wird man dadurch so sehr aus dem Spiel gerissen, dass in einem handlungslastigeren Abschnitt auch gut und gerne die Laune am Spiel vergehen kann. Insbesondere in Hinblick auf das Fehlen solcher Spielelemente oder Szenerien, die so umfangreiche Ladephasen erklären würden.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Robin Jung

Shing! ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Die Mühen der Entwickler, mit dem Titel ein frisches 2D-Beat 'em up zu erschaffen sind spürbar, fallen aber öfter auf die Nase. Das zeigt sich im Humor, der zu oft aufgesetzt und gezwungen wirkt, aber auch in Gameplay-Mechaniken, die zwar grundsätzlich gut funktionieren und auch einige interessante Aspekte mit sich bringen, aber auch schnell repetitiv werden. Hier und da hätten diese noch besser ausgearbeitet werden können. Gibt es technisch größtenteils nichts zu beanstanden, wirken sich die sehr langen und häufigen Ladezeiten sowie die Ruckler bei vollem Kampfgeschehen doch negativ auf das Spielerlebnis aus. Dies kann wiederum nicht durch "lustige Sprüche", ein rundum ansprechendes Gameplay oder abwechslungsreiche Charaktere ausgeglichen werden. Der lokale Multiplayer ist definitiv ein Pluspunkt, der das Spiel gegenüber der Einzelspieler-Erfahrung ansprechender macht. Auch die Bossgegner hinterlassen einen guten Eindruck und der Stil mit seinen gezeichneten Elementen und den tollen Level-Umgebungen lässt die Welt lebendig wirken. Letztendlich muss man die persönlichen Prioritäten abwägen, um zu erörtern, ob Shing! eine zufriedenstellende Erfahrung bietet. Genre-Kenner dürften aber auf ihre Kosten kommen.
Mein persönliches Highlight: Die hübsch gestalteten Hintergründe und die verschiedenen Gegnertypen.

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 0

  • Noch keine Kommentare verfasst :(