Des digitalen Königreichs letzte Hoffnung

Seit wenigen Tagen ist Narita Boy für Xbox One, PlayStation 4, Nintendo Switch und PC erhältlich. Das Action-Adventure konnte mit seiner eigensinnigen Optik, zahlreichen farbenfrohen Trailern und nicht zuletzt aufgrund des namhaften Publishers Team17 die Aufmerksamkeit einiger Spieler für sich gewinnen. Auch wenn ein paar ihren Unmut gegenüber der mittlerweile zuhauf gezeigten Pixeloptik, dem ausgedienten Achtzigerjahre-Flair und der scheinbar plumpen Geschichte um die Rettung eines digitalen Königreichs äußerten. Dass Narita Boy durchaus einen Blick wert ist, verraten euch hoffentlich die kommenden Zeilen.


Activating Narita Boy Protocol


Narita Boy beginnt verhältnismäßig unscheinbar beim Schöpfer des digitalen Königreichs – dem Entwickler. Dieser tippt Nudelsuppe schlurfend Code in die Zeilen, als plötzlich ein rotes Symbol auf seinem Bildschirm erscheint, gefolgt von einer finsteren Gestalt, die ihm kurzerhand die Erinnerungen raubt. Wenig später finden wir uns im Kinderzimmer eines Jungen wieder, der von seiner Mutter ermahnt wird, er solle endlich mit den Videospielen aufhören, es sei schließlich schon spät. Widerwillig schaltet der Junge das Gerät aus und geht zu Bett. In derselben Nacht wird dieser vom Flackern des Bildschirms aus dem Schlaf gerissen und kurz darauf in die Maschine hineingesogen. Plötzlich befindet er sich nicht länger innerhalb der vertrauten vier Wände, sondern im zerrütteten digitalen Königreich, welches ihn, den titelgebenden Held und fortan unser Protagonist Narita Boy, um Hilfe bittet.


Die Kämpfe fühlen sich dank der tollen Inszenierung und direkten Steuerung sehr gut an.

© Studio Koba

Die Geschichte von Narita Boy erscheint zunächst wenig originell. Das vom finsteren Übeltäter HIM geplagte Königreich hebt sich bis auf den digitalen Hintergrund kaum von ähnlichen Schöpfungen im Videospielbereich ab. Doch mit fortlaufender Spieldauer offenbart sich euch immer mehr, wie viel Mühe in die Lore um das virtuelle Hoheitsgebiet geflossen ist. Das Königreich besteht aus drei Häusern basierend auf den Primärfarben Gelb, Blau und Rot. Jedes dieser Häuser verfügt über sein eigenes Volk und dessen Welt. Die einzelnen Bereiche zeichnen sich durch eigenen Charakter und individuelle Hintergrundgeschichte im Rahmen des großen Ganzen aus. HIM entsprang hierbei dem roten Haus und sein Wüten stört das Gleichgewicht und somit die Harmonie im gesamten Königreich. Diese gilt es nun wiederherzustellen, indem ihr ihn und seine Gefolgschaft, die Stallions, endgültig aus dem Code des Programms tilgt.


Das könnt ihr alleine jedoch nur bedingt. Mithilfe des sagenumwobenden dreifarbigen Techno-Schwerts könnt ihr zwar einzelne Schergen stoppen, jedoch nicht für allgemeine Balance sorgen. Dafür benötigt ihr die Hilfe vom Amnesie geplagten Entwickler, dessen Erinnerungslücken ihr füllen müsst, indem ihr Schreine aufsucht und diese reaktiviert. Was zunächst sehr verwirrend klingt, entpuppt sich als überraschend emotionale Geschichte, die man so nicht erwartet. Ihr erfahrt nicht nur reichlich über das digitale Königreich, sondern auch jede Menge über seinen Schöpfer und wie die beiden Ebenen, das tatsächliche Leben des Entwicklers und das virtuelle digitale Königreich, zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.


Trotz seiner minimalistischen Optik weiß Narita Boy tolle Bilder auf den Schirm zu zaubern.

© Studio Koba

Spielerisch handelt es sich bei Narita Boy um ein typisches Action-Adventure mit ein paar wenigen Metroidvania-Elementen. Ihr hüpft und kämpft euch also durch den vorwiegend linearen Spielablauf und erlernt im Laufe eures Abenteuers allerhand neue Fähigkeiten, die für das Vorankommen unerlässlich sind. Dabei steuert sich Narita Boy größtenteils direkt, wenn auch gelegentlich etwas übersensibel. Auseinandersetzungen werden zumeist im Nahkampf mithilfe eures mächtigen Schwertes bestritten. Die Konfrontationen gestalten sich hierbei spielerisch fordernd und optisch ansprechend. Dies liegt nicht zuletzt an den vielen unterschiedlichen Gegnertypen, die jeweils eine eigene Vorgehensweise und stets eure Aufmerksamkeit erfordern. Per Knopfdruck könnt ihr feindlichen Attacken ausweichen oder auch mächtige Spezialangriffe ausführen, wenn ihr die dafür benötigten Leisten aufgefüllt habt. Davon gibt es insgesamt zwei. Die Trichroma-Energie lädt sich durch das Zuführen von Schaden am Gegner auf. Anfangs könnt ihr diese ausschließlich dazu nutzen, eure Lebensenergie wiederherzustellen. Später könnt ihr allerdings pro Balken ein flächendeckendes Spezialmanöver vollführen. Die Fernkampfleiste ist weniger beeindruckend, füllt sich allerdings auch mit der Zeit von selbst wieder auf. Mit ihr könnt ihr auf Knopfdruck einen Gewehrschuss abfeuern oder beim vollständigen Gebrauch einen weitreichenden Strahl geballter Energie von euch geben.


Nebst Sprungpassagen und Kämpfen bietet Narita Boy auch kleine Puzzle-Einlagen, in denen es primär darum geht, Symbole innerhalb eines Gebietes zu finden, um damit einen Teleporter zu speisen. Was zunächst unspektakulär klingt, erledigt sich nahezu wie von selbst, da man die detaillierten Umgebungen des Spiels einfach ob ihrer liebevollen Gestaltung sorgfältig betrachten muss.


Das digitale Königreich als Star des Spiels


Denn Narita Boy bietet trotz seiner minimalistischen Optik reichlich Schauwerte. Das digitale Königreich glänzt mit Varianz. Ihr durchwandert weite Wüsten, belebte Großstädte und dampfende Quellen. Mal äußert sich das vorherrschende Chaos mehr, mal weniger. Ebenso vielfältig wie auch bizarr kommen eure Widersacher allen voran die Bossgegner daher, obwohl man diese ruhig hätte natürlicher in die Spielwelt verweben können. Stattdessen hat man sich dafür entschieden, den Bildschirm einzufrieren, sobald ein Kampf ansteht. Ihr könnt also erst weiterlaufen, sobald der letzte Gegner besiegt wurde. Auch erschließt es sich mir nicht so ganz, weshalb die Bewohner der Großstadt weiterhin ihrem Alltag nachgehen, obwohl boshafte Riesen durch die umliegenden Viertel stapfen und für reichlich Zerstörung sorgen. Da wäre etwas mehr Panik angebracht gewesen. Zudem ist Narita Boy trotz seiner minimalistischen Präsentation nicht vor Bildrateneinbrüchen gefeit. Diese treten allerdings nur selten auf und stören kaum. Insgesamt gibt das digitale Königreich jedoch einen stimmungsvollen und individuellen Handlungsort ab, der sich gekonnt in Szene setzt. Der Soundtrack von Narita Boy wird wenig überraschend von Synthi-Klängen dominiert, die das farbenfrohe Geschehen passend untermalen, jedoch den Ohrwurmcharakter ein wenig vermissen lassen.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Felix Kraus

Narita Boy hat mich positiv überrascht. Das gut sechsstündige Abenteuer bietet nebst seiner wohldurchdachten Spielwelt eine emotionale Geschichte, die ich so nicht erwartet habe. Die Kämpfe machen Spaß und sind toll in Szene gesetzt, wenn auch etwas unglücklich implementiert. Das digitale Königreich ist ein schöner, abwechslungsreicher Schauplatz, der trotz der minimalistischen Optik einige Schauwerte bietet. Trotz des relativ geringen Wiederspielwertes nach Abschluss der Geschichte solltet ihr euch einen Ausflug ins virtuelle Hoheitsgebiet nicht entgehen lassen.
Mein persönliches Highlight: Das digitale Königreich und dessen ausgearbeitete Geschichte

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