Lebendiger Comicstyle für die Nintendo Switch

Ach, die Highschool. Wir alle kennen und lieben sie. Zumindest darf das jeder Amerikaner behaupten. In Deutschland kennen wir traditionelle Highschools eher aus US-Serien und -Filmen. Trotzdem sind in unseren Köpfen einige Stereotypen hängengeblieben. Bei Cyanide & Happiness – Freakpocalypse steigt man in die imaginären Schuhe von Cooper McCarthy – einem Loser, welcher die Netherton High besucht. Als Opfer hat man es an jeder Schule nicht leicht und Cooper wird von allen entweder nicht wahrgenommen oder unterdrückt – und doch ist er auf einer lebenswichtigen Mission!


Cyanide & Happiness sollte vielen als Comicformat oder YouTube-Kanal bekannt sein. Simpler, durchdachter Zeichenstil trifft hierbei auf beißenden Humor, der einen oft nicht nur schmunzeln lässt. Nun haben die schlauen Köpfe hinter Cyanide & Happiness ein neues Territorium für sich entdeckt: Konsolen. Mich als Fan hat das nicht nur überrascht, sondern auch voller Erwartungen erfüllt und gefreut. Mit Cyanide & Happiness – Freakpocalypse wurde am 11.03.2021 eine dicke Bombe auf die Switch geworfen. Wie hoch die Verluste sind, erfährst du hier.


Darf ich dir meinen Freund Cooper vorstellen?


Die Handlung des Point-and-Click-Adventures setzt unmittelbar mit den Fantastereien des Jungen Cooper ein. Er träumt davon, ein Superheld zu sein und sein Heldenidol zu retten, indem er die Dummheit in Person, die seine Schule befallen hat, besiegt. In dieser ersten Sequenz wird man mittels verschiedener Cutscenes und einfachen Erklärungen behutsam an das Spiel herangeführt. Mit dem linken Joy-Con bewegt man Cooper, während man mit dem rechten den Cursor steuert. Mit diesem zeigt man, wie gewohnt bei dieser Art von Spielen, auf den Gegenstand, mit welchem man interagieren will. Es gibt hierbei meist drei Optionen: Sprechen, Anfassen, Beobachten. Bei sinnlosen Aktionen macht Cooper oft zynische Bemerkungen und gibt einem so zu verstehen, dass man etwas anderes probieren sollte.


Ein Blick in die Schulakte verrät einiges über unseren Helden.

© Explosm Entertainment

Das Spielprinzip ist einfach. Ihr bekommt durch Gespräche mit den verschiedenen Schülern und anderen Leuten aus Coopers Leben Aufgaben. Diese sind in Neben- und Hauptaufgaben gegliedert. Hauptaufgaben bringen euch in der Hauptstory weiter, Nebenaufgaben sind hingegen optional, bieten aber einige interessante und vor allem witzige Einblicke in das Leben der Netherton High. Doch was ist das Hauptziel? Die ultimative Frage in diesem Spiel kann man in jedem Gespräch mit den Charakteren nutzen – immer auf ein Ja hoffend: „Willst du mit mir auf den Schulball gehen?” Ihr könnt fragen, wen ihr wollt. Ihr steht auf alte rauchende Lehrerinnen? Fragt sie doch einfach mal, vielleicht habt ihr ja Glück. Letztlich treibt euch die Frage quer durch die Schule und die umliegende Stadt. Im Laufe der Handlung versucht ihr, langsam herauszufinden, mit wem man wohl am Ende wirklich auf den Ball gehen wird. Ich hatte während des Spielverlaufs schon fast ein Dreierdate mit zwei Jungs klargemacht. Leider waren die beiden aber anderweitig beschäftigt und hatten keine Zeit, über mein sehr verlockendes Angebot nachzudenken.


Grafisch ist das Spiel sehr detailliert ausgearbeitet. Abgesehen vom typischen Cyanide-Stil wurden auch einige interessante Referenzen an die Comic-Serie in das Spiel eingearbeitet. Die Animationen sind fehlerfrei und bieten besonders in den Cutscenes eine Gelegenheit, sich zurückzulehnen und das Spektakel einfach zu genießen. Man bemerkt sofort die Mühe, die in der Planung gesteckt haben muss. In jedem Bereich gibt es eine große Fülle an verschiedenem Interaktionsmaterial. Wenn man viel Lust auf diese Art von Spiel hat, wird man hier gut bedient. Das Spiel bietet zudem viel Qualität für das Ohr, aber zukünftige Spieler und Spielerinnen sollten beachten, dass es nur auf Englisch vertont ist. Die Texte dagegen sind vollständig auf Deutsch übersetzt. Übersetzungsfehler sind mir keine aufgefallen. Selbstverständlich gibt es zwischen dem gesprochenen und schriftlichen Wort eine gewisse Diskrepanz, da nicht alle Witze immer so einfach übersetzt werden können. Das gesprochene Englisch ist aber auch für weniger versierte Spieler und Spielerinnen gut verständlich und im Notfall gibt es die Untertitel. Die Synchronstimmen der verschiedenen Charaktere sind passend und geben das Gefühl, direkt in einer Videoproduktion des Franchises zu sitzen.


Masse statt Klasse


Coopers Umfeld ist sehr zynisch und oft übertrieben reißerisch. Der Sinn des Spiels ist es, eine humorvolle Spielzeit zu bieten. Manche Witze sind auch sehr lustig und manche eher zum Denken da. Das Problem ist, dass das Spiel versucht, immer und überall lustig zu sein. Um das zu erreichen, müssen auch viele Flachwitze eingebaut werden. Eine Banalität jagt die nächste und man findet nur selten echte Perlen, die einen wirklich zum Lachen bringen können. Wenn man immer lustig sein möchte, wird das irgendwann einfach zu viel. Dann wird aus dem Gelächter erst ein Grinsen und dann nur noch ein Augenrollen. Bei Cyanide & Happiness – Freakpocalypse kann einem vom Letzteren fast schon schwindlig werden.


Die Netherton High bildet das Zentrum der Handlung und bietet viele verdächtige Charaktere als potenzielle Kandidaten für den Schulball.

© Explosm Entertainment

Leider ist das Missionssystem auch keine wirkliche Bereicherung. Die meisten Aufgaben bestehen aus dem Suchen und Bringen von Gegenständen. Hin und wieder hat man einen Gegenstand bereits gefunden, bevor die Mission losgeht, was den ganzen Sinn des Auftrages hinfällig macht. Ein Point-and-Click-Adventure ist dahingehend ein schwieriges Genre. Es reicht nicht aus, nur einige gute Dialoge parat zu haben und ein paar Gegenstände auf dem Boden zu verteilen. Das Problemlösen steht bei solchen Spielen im Mittelpunkt und kommt bei dieser Produktion nicht wirklich heraus. Es wirkt eher so, als wollten die Produzenten ein Spiel als Merchandise herausbringen und haben sich eben für dieses Genre entschieden, weil es einfacher umzusetzen scheint.


An vielen Stellen wirkt das Abenteuer sehr unerfahren umgesetzt und viel zu überladen. Je nach Bereich gibt es 5 bis 15 Interaktionsmöglichkeiten. Mit jeder Möglichkeit gibt es drei wählbare Optionen. Für jede Option hat Cooper einen Kommentar, der oft lustig sein soll. Das macht dann etwa 15 bis 45 eher dümmliche Sprüche pro Bereich, den man betritt. Gefühlt sind die meisten Gegenstände nicht einmal von Nutzen. Ergo sucht man aus vielen Optionen genau die eine heraus, die man braucht. Das ist auf Dauer nicht nur unlustig, sondern frustrierend und hat nicht viel mit Denken zu tun. Das heißt nicht, dass Cyanide & Happiness nicht als Point-and-Click funktionieren kann – man hätte dafür aber mehr auf Klasse und weniger auf Masse setzen müssen. Tatsächlich bin ich sogar davon überzeugt, dass dieses Genre wie die Faust aufs Auge zu diesem Franchise passt, aber das Potenzial wurde in meinen Augen nicht genutzt.


Die Handlung rettet hier leider auch nichts mehr. An vielen Stellen verläuft sie sich wegen der vielen Suchmissionen. Traurigerweise war das Spiel genau dann zu Ende, als die Handlung gerade Fahrt aufnahm. Das schreit zwar nach einer Fortsetzung, ist aber nicht unbedingt die eleganteste Art, ein Spiel zu beenden. Letztlich hat das Ende für mich einen schalen Nachgeschmack hinterlassen und das nicht mal wegen der Genitalwitze.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Simon Münch

Cyanide & Happiness – Freakpocalypse ist ein Point-and-Click-Adventure der etwas anderen Art. Neben lebendigen Bereichen darf man sich vor allem über viele teils fragwürdige Dialoge freuen. Genitalwitze sind hierbei genauso oft zu hören wie das Versagen von Cooper bei seiner Suche nach einem Date für den nächsten Schulball zu sehen ist. Fans des Genres werden wohl Vergnügen haben. Mit namenhaften Point-and-Click-Produktionen wie Monkey Island oder Edna bricht aus kann dieses Abenteuer jedoch schlicht nicht mithalten. Fans von Cyanide & Happiness brauchen hingegen nicht zu überlegen – schmeißt den Geldschein in das Gesicht des Verkäufers oder löst eure Guthaben-Karte im Nintendo eShop ein und genießt euer Abenteuer mit Cooper.
Mein persönliches Highlight: Ein Schüler steht pinkelnd am Pissoir. *Interaktion: berühren* Cooper: „Du fasst gerne Schüler beim Pinkeln an, oder?“

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • WesY2K

    Turmheld

    Als Hinweis: In den Zwischenfilmchen gibt es keine Untertitel!


    Fehler bei der Übersetzung an sich, habe ich auch nicht gefunden. Dafür wurde aber einige Satzteile vom gesprochenen Wort einfach weggelassen. Außerdem schwankten die Untertitel mal zwischen Deutsch und Englisch bei mir.

    Störte mich nicht, weil ich der Sprache mächtig bin, aber sollte man wissen.


    Generell finde ich aber das Point n Click eher an den PC mit Maus gehört als diese furchtbare Switch-Steuerung.


    Als Fan der Serie gehe ich mit den 5/10 mit.