Alone in the Dark mal anders

Die Zeiten, in denen Videospiele oft nach einem klaren Schema abgegrenzt werden können, sind seit langem vorbei. Man denke dabei zum Beispiel an Visual Novels, in denen man keine Entscheidungen trifft, sondern nur der Handlung folgt, oder manche Walking-Simulatoren, in denen man sich zwar bewegt aber keinerlei sonstigen Mechaniken angewandt werden. In eine solche Sparte tritt auch The Longing, das vom Studio Seufz aus Stuttgart entwickelt wurde und das so gar nicht wie ein typisches Videospiel daherkommt. Obwohl The Longing erst seit dem 15.04.2021 für die Nintendo Switch verfügbar ist, gibt es das Spiel seit Längerem auf dem PC. Dort hat es meine Frau ausführlich gespielt und ich habe ihr regelmäßig über die Schulter geschaut. In diesem Test nehme ich also ihre eigenen Erfahrungen mit dem Titel und verbinde sie mit meinen Beobachtungen, um euch einen möglichst guten und breiten Einblick in das Spiel zu gewähren.


Nach 400 Tagen gilt es den uralten König zu erwecken.

© Application Systems Heidelberg

Handeln wir einmal die grundlegende Prämisse ab, die sich an der Kyffhäusersaga rund um den schlafenden König Barbarossa orientiert. Im Spiel selbst verkörpert ihr einen sogenannten Schatten, ein Wesen, das mit letzter Kraft von einem mächtigen steinernen König erschaffen wurde und das nun 400 Tage ausharren soll, um ihn danach zu wecken, auf dass er alle Sehnsucht beenden wird. Der namenlose Schatten (oder „Schlurflord“, wie er von meiner Frau liebevoll getauft wurde) bekommt dabei eine kleine Behausung zur Verfügung gestellt, in der er theoretisch die 400 Tage verbringen und auf das Erwachen des Königs warten soll. Und wenn ihr von diesem Punkt an das Spiel beendet, dann wird auch genau das passieren: Euer Schatten wird 400 Tage warten, ehe der Tag der Erweckung folgt. Klingt unheimlich öde? Ist es auch und deswegen erhaltet ihr kurz nach der Einführungs-Sequenz die Kontrolle über das kleine Wesen, mit dem ihr das weitere Höhlensystem erkunden könnt.


Eine Frage, die immer wieder in Bezug auf The Longing gestellt wird ist die, ob das Spiel tatsächlich 400 Tage dauert, oder es sich dabei nur um einen Marketing-Gag handelt. Die Frage lässt sich mit einem „Also … ähm … tja …“ beantworten, denn wie bereits bemerkt, könnt ihr das Spiel für 400 Tage links liegen lassen, nur um dann festzustellen, dass das Spiel im Hintergrund kontinuierlich fortgeschritten ist, der König jetzt geweckt werden kann und ihr eines der Enden erreicht habt. Doch The Longing ist dann doch mehr als ein simples Idle-Spiel und wenn ich es einordnen müsste, dann wäre es am ehesten noch ein Point & Click-Adventure ohne große und komplizierte Rätsel. Denn eigentlich ist The Longing etwas, das über den Bereich eines Videospiels hinausgeht, nämlich eine Art Experiment und Erfahrung in einem. Denn letztendlich erfordert das Spiel einiges an Geduld und lebt von eurer eigenen, inneren Motivation, über eure eigentliche Aufgabe hinauszuwachsen. Das eigentliche Spiel beginnt ihr nämlich in eurer Wohnhöhle, die euch neben einem Bücherregal und einem kleinen Tisch mit Papier und einem Stück Kohle auch einen Sessel bietet, in dem es sich der kleine Schatten bequem machen kann – übrigens auch eine der wenigen Momente, in denen eure Spielfigur zufrieden lächelt.


Noch ist der Wasserstand nicht hoch genug, um die Erhöhung zu erreichen. Hier ist Geduld gefragt.

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Und um euch gleich ein Beispiel für das doch etwas betrübte Grundprinzip eurer Figur zu geben, sollen hier auch gleich einmal zwei wählbare Optionen vorgestellt werden, wenn ihr euch in den Sessel lümmelt: Ihr könnt nämlich an die Wand starren oder ein Buch lesen. Letzteres ist eine recht interessante Mechanik, denn das Spiel bietet euch zu Beginn eine sehr überschaubare Anzahl an (englischsprachigen) Klassikern der Literatur wie Moby Dick, Also sprach Zarathustra oder Kafkas Verwandlung, die ihr tatsächlich Seite für Seite selbst lesen könntet. Wahlweise könnt ihr eurem Schatten auch anordnen, dass er das Buch selbst lesen soll, was mehrere Stunden dauern kann. Während solcher Momente dürfte das erste Mal auffallen, dass die Zeit in The Longing zu bestimmten Aktivitäten anders tickt als gewöhnlich. Und so gibt es immer wieder Möglichkeiten, mit denen ihr die Zeit beschleunigen könnt, weswegen die wenigsten Spieldurchläufe wirklich 400 Tage dauern. Für den Durchlauf meiner Frau hat es zum Beispiel 26 Stunden, verteilt auf zwei Wochen, gebraucht.


Neben dem reinen Ausharren könnt ihr mit eurem Schatten noch die Unterwelt erkunden, die der König einst geschaffen hat. Zwar wird der brave Diener anfangs nicht müde, zu betonen, dass er seine kleine Höhle nicht verlassen soll, er führt dann aber trotzdem all eure Befehle aus. Und so könnt ihr Stück für Stück die benachbarten Höhlen und Gänge genauer untersuchen, die euch allerlei zu bieten haben, worauf jedoch aus Spoilergründen nicht näher eingegangen werden soll. Denn jede neue Entdeckung fühlt sich in The Longing wie eine kleine Errungenschaft an. Das liegt mitunter auch daran, dass sich euer Schatten sehr, sehr behäbig und träge bewegt – daher auch der bereits erwähnte Spitzname Schlurflord. Mitanzusehen, wie der kleine Kerl recht gemächlich vor sich hinschlendert, kann mitunter zu einer kleinen Geduldsprobe werden und dabei bleibt es nicht. Denn nahezu alles, was in dem Spiel von Relevanz ist, verlangt euch einiges an Zeit ab. Neben dem behäbigen Gang des Charakters, kann es passieren, dass man eine nicht unerhebliche Zeit damit verbringt, auf eine sich quälend langsam öffnende Tür zu warten. Auch wenn sich die Tür augenscheinlich weit genug geöffnet hat, und der Schatten einfach hindurchschlüpfen könnte, tut er dies nicht, sondern quittierte den Versuch nur mit der Aussage „Ich habe ja Zeit.“.


Auch wenn man manchmal die Geduld mit ihm zu verlieren droht: Man kann den kleinen Schatten nur ins Herz schließen.

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Und Zeit werdet ihr brauchen. Denn die Tür ist nur ein Beispiel für die interaktiven Elemente, denen ihr begegnet und die Minuten, Stunden oder Tage benötigen, ehe man mit ihnen arbeiten kann. Und so erschließt ihr euch Stück für Stück immer mehr Gebiete, findet neue Gegenstände, mit denen ihr euer Heim verschönern oder nützlich erweitern könnt und steuert auf eines der Enden zu. Zu diesen sei nur so viel verraten: Ihr müsst nicht unbedingt bis zum Erwachen des Königs spielen, um The Longing zu beenden. Damit ihr nicht jede Strecke manuell ablaufen müsst, gibt euch das Spiel ein „Merken-Menü“ an die Hand. Darin könnt ihr euch eine bestimmte Anzahl an Orten merken und den Schatten automatisch dorthin laufen lassen. Alternativ habt ihr auch einfach die Möglichkeit, ihn ziellos umherwandern zu lassen, auf dass er vielleicht über eine Lokalität stolpert, die euch bisher verborgen geblieben ist. Denn die Spielwelt an sich ist nicht gerade klein und die vielen Gänge können anfangs schnell verwirren.


Der eine oder andere unter euch wird sich jetzt vielleicht die Frage stellen, ob so etwas überhaupt Spaß machen kann und die Antwort ist: Ja, kann es. The Longing ist eine recht eigene und ziemlich entschleunigende Erfahrung, die man auch gut erleben kann, wenn man nebenbei etwas anderes macht. Doch auch wenn man selbst aktiv das Ruder an sich reißt und den kleinen Schatten durch die Unterwelt steuert, ist es immer schön, wenn man neue Orte findet, nur um dann festzustellen, dass es gerade kein Weiterkommen gibt, weil gewisse Umstände euch dazu zwingen, noch eine Weile länger zu warten und später zurückzukehren.


Was einen immer wieder zum Spiel zurückkehren lässt, ist aber nicht das Gameplay, sondern der Hauptcharakter. Der Schatten, dessen Zeichenstil etwas an die Figuren aus den Zamonien-Romanen von Walter Moers erinnert, ist jemand, dem man von Anfang an helfen möchte. Denn was das Spiel sehr gut rüberbringt, sind die Umstände, unter denen der kleine Kerl lebt: Erschaffen von einem übermächtigen Wesen, gerade in diese dunkle und unwirtliche Welt entlassen und schon ist er allein und ohne irgendwelche Bezugspersonen. Gerade mit diesen Punkten im Hinterkopf ist es daher umso rührender, wenn der Schatten das erste Mal auf eine Spinne, das erste andere Lebewesen, das er je sieht, trifft und sie als seinen Freund bezeichnet. Abseits davon wechselt sich seine Laune von fast schon depressiv, wenn er sich fragt ob der Wasserstand einer Pfütze hoch genug ist, um sich zu ertränken, bis zu hoffnungsvoll, wenn er mehr über seine Umgebung und die Welt an sich erfährt. Im Allgemeinen trägt die Spielwelt von The Longing viel dazu bei, den Entdeckerdrang anzukurbeln, was auch dem Stil geschuldet ist, der selbst in einer eigentlich recht monotonen Umgebung immer wieder für Abwechslung sorgt. Vom technischen Aspekt her gibt es kaum etwas Nennenswertes zu sagen, denn The Longing läuft mit seiner schlichten Optik flüssig und die Ladezeiten zu Beginn des Spiels fallen moderat aus. Einziger Wermutstropfen: Die Rumble-Funktion lässt sich nicht ausschalten.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Florian McHugh

The Longing ist ein Spiel, das man eigentlich mal gespielt haben sollte, denn das eigentümliche Konzept, das euch viel Geduld abverlangt, hat trotz seiner vermeintlichen Spielarmut einiges zu bieten. Das gemächliche Erkunden der Spielwellt, das Entdecken neuer Orte sowie die stetige Anzahl an interaktiven Elementen sorgen für eine eigene Motivationsspirale. Man möchte immer wieder das Spiel anwerfen und sehen, was sich im Laufe der Zeit getan hat. Dazu trägt auch der Hauptcharakter bei, der zumindest bei mir schnell Sympathien wecken konnte. Doch eines sollte sich jeder stets vor Augen halten: The Longing ist kein klassisches Spiel. Die Herausforderungen belaufen sich meist darauf, neue Ort zu erkunden, Gegenstände aufzusammeln und … zu warten. Denn Zeit ist hier alles und das macht das Spiel, das auch weiterläuft, während ihr es nicht aktiv spielt, ideal für einen Zeitvertreib, den man nebenbei immer wieder spielt. Wer sich auf diese Prämisse einlassen kann und kein Problem damit hat, einmal eine etwas andere Sorte Spiel zu erleben, der wird hier ein kleines Juwel finden, dass es so nicht alle Tage auf dem Spielemarkt gibt. Ein kleiner Hinweis noch: Das Spiel teilt euch bereits zu Beginn mit, dass es als einmalige Erfahrung konzipiert ist – ein Wiederspielwert ist durch unterschiedliche Enden zwar gegeben, doch zumindest wir konnten uns für einen zweiten Anlauf nicht mehr motivieren.
Mein persönliches Highlight: Der kleine Schatten und seine ganze Persönlichkeit

Die durchschnittliche Leserwertung

2 User haben bereits bewertet

Kommentare 8

  • FlaviusNr7

    Großer Wolfsvater

    Zitat


    Obwohl The Longing erst seit dem 15.04.2021 für die Nintendo Switch verfügbar ist, gibt es das Spiel seit Längerem auf dem PC. Dort hat es meine Frau ausführlich gespielt und ich habe ihr regelmäßig über die Schulter geschaut. In diesem Test nehme ich also ihre eigenen Erfahrungen mit dem Titel und verbinde sie mit meinen Beobachtungen, um euch einen möglichst guten und breiten Einblick in das Spiel zu gewähren.

    Und ich dachte du hast einfach das Spiel gestartet und die Switch um 400 Tage vorgespult😂. Aber im ernst, geht das? :ugly-classic:

    Wie dem auch sei. Ich muss morgen leider früh raus, aber ich lese mir den Test nochmal in Ruhe durch, da ich eigentlich ziemlich interessiert bin an dem Spiel :D. Daher sage ich danke für deine Mühen! :thx:

  • Florian McHugh

    Tellerrandwäscher

    FlaviusNr7 Ich glaube das geht nicht, hab zumindest nichts dergleichen am PC gehört ;) Aber wozu auch? das würde doch die Gesamterfahrung kaputt machen :D


    Bin auf dein Urteil gespannt

  • Donkey-Kong

    Turmknappe

    Das ist wohl eher eine neue Erfahrung als ein Spiel. Wenn man sogut wie alles gespielt hat, dann bietet dieses Spiel sicherlich eine komplett andere Spielerfahrung.


    Leider für mich uninteressant, da ich ein sehr ungeduldiger Zocker geworden bin. Breche nicht selten RPGs und Ähnliches ab, weil ich seit Jahren nur noch schnelleres Gameplay gewohnt bin.


    Wobei ich mir aber gut vorstellen kann, dass dieses Spiel nicht ernsthaft darauf bedacht ist durchgespielt zu werden. Es soll sehr wahrscheinlich nur durch die sehr ungewöhnliche Spielweise auffallen und damit einzigartig sein... und genau das hat es geschafft.

  • zocker-hias

    Turmfürst

    Florian McHugh

    Die Zeit kamm wohl schneller ablaufen aber im Spiel gewollt... wenn man Bücher findet und das heim schön herrichten vergeht die Zeit wohl bis zu 4 mal schneller.....

  • Florian McHugh

    Tellerrandwäscher

    Das ist richtig, ich habe mich im Test jedoch bewusst vage gehalten weil ich ungern zu viel über die gameplayverändernden Mechaniken schreiben wollte. Das sind so die Kleinen Dinge, die man eher selbst rausfinden sollte und zum "Aha-Erlebnis" beitragen.

  • nikothemaster

    Turmbaron

    Ich habe es getestet und das war mir eindeutig zu entschleunigend...

    Keine Map jedenfalls keine gesehen und naja wenn man in so einem Tempo spielt, kann man fast einschlafen. Die Steuerung habe ich auch nicht verstanden, weil man kann ihn automatisch wandern lassen, funktioniert nicht und nur zufällig wandern lassen funktioniert

  • Florian McHugh

    Tellerrandwäscher

    nikothemaster Es gibt eine Map, aber keine, die man per Knopfdruck aufrufen kann, sondern eine, die in der Spielwelt an sich existiert ;) Automatisch kannst du ihn dann wandern lassen, wenn du dir Ortschaften gemerkt hast, dann musst du nur das jeweilige Bild anwählen und er geht los.


    Ja, the Longing ist sehr, sehr entschleunigend und das Konzept ist wirklich nicht für jeden etwas. Trotz allem kann es verdammt viel Spaß machen, wenn man sich auf die Art und Weise des Spiels einlässt. Allerdings polarisiert esd ahingehend auch, dafür muss man sich nur mal die Steam-Reviews zum Spiel durchlesen, wo es zuerst erschien.

  • Animaniac

    Turmheld

    Selbst hier gibt es Speedruns 😅