Ein Mond voller Würfel

Wir schreiben das Jahr 2120. Dr. Angelica Patel betritt die hochgefährliche Relicta-Kammer der Forschungsbasis Chandra auf dem Mond, um die Energiezufuhr zu kappen. Dabei wird sie von dem außerirdischen Organismus angegriffen und in diesen hineingezogen. Die Zeit springt zwei Jahre in die Vergangenheit und wir erleben mit, wie Dr. Patel die neueste Errungenschaft der Aegir Labs entwickelt: Handschuhe, die dem Träger die Manipulation elektromagnetischer Felder erlauben. Hierfür wurde eine gewaltige Forschungsbasis auf dem Mond errichtet, die hauptsächlich aus künstlichen Kuppeln mit verschiedenen Testgeländen in unterschiedlichen Biomen besteht. Nach einem weiteren Zeitsprung zurück in das Jahr 2120 deutet sich nun ab, dass alles auf den schrecklichen Zwischenfall aus dem Intro hinauslaufen wird. Was hat es mit den Relicta auf sich und welche weiteren Geheimnisse verbirgt die Forschungsstation?


Dr. Patels Arm wird vom Relicta erfasst. Um was es sich bei diesem außerirdischen Organismus genau handelt, wissen die Wissenschaftler auch noch nicht.

© Mighty Polygon

Wie ihr sicherlich bereits ahnt, handelt es sich bei Relicta um ein Puzzle-Adventure, bei dem das Element Magnetismus eine zentrale Rolle einnimmt. Aus der Ego-Perspektive heraus steuert ihr Dr. Angelica „Angie“ Patel, die sich der Erforschung der Relicta und der elektromagnetischen Handschuhe als Teil eines kleinen Forschungsteams in einer gigantischen Forschungsstation widmet. Die Einleitung des Spiels mit der Rückblende in die Vergangenheit fungiert hierbei als Tutorial, um die Grundlagen des Puzzle-Gameplays kennenzulernen. Im Grunde genommen muss das Eckige aufs Eckige. In den Teststrecken sind zahlreiche würfelförmige Boxen verteilt, die auf die elektromagnetischen Einwirkungen der Handschuhe sowie die Umwelt reagieren. Der Weg durch die Teststrecken ist durch verschiedene Barrieren versperrt, die durch das Betätigen von Schaltern mithilfe der Boxen deaktiviert werden können, um somit das Vorankommen zu ermöglichen. Das klingt zunächst recht simpel, doch richtig knifflig wird es erst, wenn der Magnetismus noch zur Mischung hinzugefügt wird. Mit den Handschuhen kann Angelica verschiedene Platten mit zweierlei Polaritäten versehen, also quasi einem Plus- oder Minuspol, ausgedrückt durch die Farben rot und blau. Selbiges ist mit den Testboxen möglich. Bei den Boxen kommt neben dem Magnetismus jedoch noch eine weitere Komponente ins Spiel, denn die Handschuhe können auch deren Gravitation wegnehmen, wodurch sie zu schweben beginnen. Somit sind die Teststrecken kein simples Box aufheben und zum Schalter tragen mehr, sondern werden eurem Hirn ganz schön einheizen.


Durch die geschickte Nutzung der elektromagnetischen Felder könnt ihr die Boxen durch die Gegend befördern, denn nicht immer ist das Herumtragen überhaupt eine Option. Durch die Schwerelosigkeit kann die Box an höhere Orte gelangen und farbige Barrieren lassen oftmals entweder nur euch, jedoch nicht die Boxen oder umgekehrt nur die Boxen, aber euch nicht hindurch. Je weiter ihr im Spiel voranschreitet, desto mehr zusätzliche Elemente werden den Puzzles hinzugefügt, die den Schwierigkeitsgrad und die Komplexität immer weiter erhöhen. Teleporter für die Boxen und bewegliche Platten sowie Drohnen, die sämtliche Magnetfelder aufheben, sind nur ein Teil der Rätselelemente, mit denen ihr euch auseinandersetzen müsst. Und so kann es schnell vorkommen, dass ihr bei einem Puzzle eine ganze Weile herumprobieren und Schritt für Schritt planen müsst, wodurch eines gerne einmal eine Viertel- bis halbe Stunde dauern kann. Wer nach einer geistigen Herausforderung sucht, die die grauen Zellen ordentlich zum Qualmen bringen kann, ist hier also schon einmal an der richtigen Stelle.


Die Kraft des Magnetismus: blau und rot ziehen sich gegenseitig an, gleiche Farben stoßen sich ab.

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Zwischen den einzelnen Teststrecken bewegt ihr euch immer wieder durch die unterirdischen Teile der Raumstation, die leider ganz schön leer wirkt. Von der Aufmachung her wirkt es wie ein Ort für viele Hunderte Menschen, doch leider werdet ihr niemals auch nur einem einzigen begegnen. Ein Gefühl von Isolation macht sich schnell breit, doch zum Glück kommuniziert Angie regelmäßig über ihr Funkgerät mit anderen Forschern der Station, darunter auch ihre Tochter, die gerade erst neu der Chandra-Basis zugeteilt wurde und sich während der Handlung des Spiels auf dem Weg dorthin befindet. Die Station hat insgesamt fünf verschiedene Biome in den Kuppeln zu bieten, die jeweils aus zwei oder drei Teststrecken bestehen: ein Wald, eine eisige Tundra, ein Gebirge, eine Wüste und einen tropischen Wald mit Strand. Zwischendrin werdet ihr Handlungs-bedingt regelmäßig zwischen den verschiedenen Biomen hin und her gescheucht, weshalb zumindest optisch schon mal keine Langeweile aufkommt. In der Raumstation finden sich außerdem Nachrichten und einige Sammelgegenstände für aufmerksame Spieler, die gefunden werden wollen und euch mit Hintergrundinformationen zur Handlung und den Charakteren versorgen.


Apropos Handlung ... Wie bereits beschrieben, wird die Handlung hauptsächlich in den Funkgesprächen während und zwischen den Teststrecken erzählt. Für die Charaktere konnte ich mich bei meinem Spieldurchlauf jedoch nur wenig interessieren. Dies liegt vor allem daran, dass sie so wirken, als entstammen sie alle einer Seifenoper. Dazu passt, dass sie in ihren Dialogen regelmäßig beinahe cholerische Ausbrüche haben und völlig unpassend zu fluchen beginnen. Je weiter die Handlung des Spiels voranschreitet, desto weniger Dialoge gibt es, in denen nicht mindestens einmal die F-Bombe platzt. Diese sind zwar in den deutschen Untertiteln im Vergleich zur englischen Sprachausgabe deutlich entschärft worden, aber dennoch konnte ich das Ganze dadurch einfach nicht wirklich ernst nehmen.


Auch wenig Begeisterung weckt bei mir die Tatsache, dass man sich in den einzelnen Puzzles gerne einmal den Weg verbauen kann und einem dann nichts anderes mehr übrig bleibt, als das Puzzle zu resetten und es von Neuem zu beginnen. Da die Puzzles mit der Zeit immer komplexer werden und man für deren Lösung immer länger braucht, ist es besonders ärgerlich, wenn zum Beispiel eine schwebende Testbox irgendwo an einer Wand hängen bleibt und man sie dann nicht mehr erreichen kann. Dies passierte mir doch das ein oder andere Mal. Hier fehlt dem physikbasierten Spiel eine ordentliche Physik-Engine, die dafür sorgt, dass Boxen, die nicht schwerelos sind, nicht an winzigen Wandvorsprüngen hängen bleiben und dann entgegen jeder Logik dort ausharren, sondern wieder zu Boden fallen.


Ein Charakter klischeehafter als der andere: Nic ist der „Chiller“ unter den Wissenschaftlern.

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Was mir ebenfalls nicht so ganz einleuchten mag, ist das Speicher-System des Spiels. Leider wird dem Spieler die Option einer manuellen Speicherung zu jedem beliebigen Zeitpunkt verwehrt, das Spiel speichert an festgelegten Stellen automatisch. So kam es zum Beispiel einmal vor, dass ich einen Abschnitt zwischen zwei Teststrecken durchlaufen, danach das Spiel beendet und am nächsten Tag festgestellt hatte, dass das Spiel an einem für mich offensichtlichen Speicherpunkt nicht gespeichert hatte, sondern ich noch ein paar Schritte weiter hätte laufen müssen. Und jetzt der Knaller: Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, aber leider bin ich bei meinem Testdurchlauf auf einen fatalen Fehler gestoßen, der meinen Speicherstand ruiniert hat. Nachdem ich das Spiel im ersten Puzzle einer Teststrecke beendet hatte, erwartete mich am nächsten Tag eine böse Überraschung. Beim Laden des Spiels stand ich nämlich plötzlich out of bounds, also außerhalb der eigentlichen Spielwelt und konnte auch nicht mehr zurück auf den Boden der Tatsachen gelangen. Obwohl ich Kontakt zu den Entwicklern aufgenommen hatte, präsentierten mir diese nur klassische Möglichkeiten zur Fehlerbehebung, die aber allesamt nichts brachten und mir somit nur übrig blieb, den Spielstand nach rund acht Stunden zu löschen und von Neuem zu beginnen. Blöd nur, dass ich einerseits die Rätsel schon kannte, andererseits auch von der Geschichte nicht so wahnsinnig angetan war, dass ich mir das Ganze noch einmal geben wollte. Und so habe ich mir das Ende des Spiels wenigstens für euch noch in Videoform angesehen. Meiner Meinung nach darf so etwas einfach nicht passieren. Wenn dem Spieler schon die Eigenverantwortung beim Speichern genommen wird und man stattdessen auf fixe Speicherpunkte setzt, gehe ich davon aus, dass das System doppelt und dreifach überprüft wurde, um genau solche Frustmomente zu verhindern.


Um den Test noch mit etwas Positivem zu beenden, sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass Relicta neben der Hauptstory noch zwei kostenlose DLCs im Paket für rund 20 Euro beinhaltet, die jeweils zwölf weitere Puzzles für euch bereithalten. Das mag zunächst nach nicht viel klingen, bietet aber noch mehrere Stunden Kopfzerbrechen mit noch schwereren Rätseln, die erneut das Hirn rauchen lassen. Der erste DLC ist ein Prequel zur Hauptstory, das einen neuen Charakter, Nic, einführt, der ebenfalls klischeehafter kaum sein könnte. Hier erfahrt ihr etwas darüber, wie die Biome für die Forschungsstation Chandra ausgewählt wurden. Der zweite DLC knüpft direkt an die Handlung der Hauptgeschichte an und erzählt aus Sicht eines anderen Charakters, dessen Identität ich zur Vermeidung von Spoilern hier nicht nennen werde, direkt weitererzählt. Im ersten DLC dürft ihr sogar selbst bestimmen, in welcher Reihenfolge ihr die Puzzles angeht, während der zweite DLC wieder einer vorgegebenen Route folgt.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Philipp Pöhlmann

Relicta verspricht ein 3D-Puzzle-Adventure aus der Ego-Perspektive, das das Hirn ordentlich zum Schwitzen bringt. Grundsätzlich bietet das Spiel auch genau das, auch wenn die Story, die hinter dem Ganzen immer wieder in Form von Konversation via Funk erzählt wird, nicht gerade das Gelbe vom Ei ist. Die Charaktere wirken überdreht und klischeehaft, so als wären die Dialoge von unerfahrenen Autoren geschrieben worden. Obwohl das Spiel flüssig läuft und auch gut aussieht, sofern man nicht alle Umgebungstexturen zu genau unter die Lupe nimmt, habe ich mal wieder zielsicher einen Bug gefunden, der meinen Speicherstand ruiniert hat. Da das Spiel auf festgesetzte Speicherpunkte setzt und dem Spieler keine Möglichkeit gibt, selbst Einfluss auf das Abspeichern zu nehmen, finde ich es besonders gravierend, wenn dabei dann ein Fehler passieren kann, der Spieler zum Löschen des Speicherstands und einem Neustart zwingt. Wer das Risiko dennoch eingeht, kann sich auf einige Stunden voller kniffliger Puzzle-Einlagen vorbereiten, bei denen man nicht nur in drei Dimensionen denken, sondern auch noch ein wenig Ahnung vom Verhalten magnetisierter Objekte gut gebrauchen kann.
Mein persönliches Highlight: Hätte ich von Anfang an gewusst, wie oft in den Dialogen die F-Bombe platzt, hätte ich eine Strichliste geführt. Mag das vielleicht jemand für mich übernehmen?

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