Die Nachtschicht verpennt

Mit möglichst wenig Worten viel aussagen – dies mag zunächst in einem visuellen Unterhaltungsmedium nicht sonderlich herausfordernd wirken, immerhin stehen den Entwicklern unbegrenzte Möglichkeiten zur Verfügung, den Spieler entweder spielerisch oder optisch zu führen. Allerdings schon sehr viel kniffliger wird das bei Point-and-Click-Adventures, die erwartungsgemäß unter anderem auf viel Text setzen und nur selten ohne schriftliche Ausformulierungen auskommen. Fire: Ungh’s Quest greift diese Grundlage auf und präsentiert sich in einem kleinen Puzzleventure, das versucht – völlig frei von Worten – eine erlebnisreiche Knobelreise aufzubauen.


Ob dieser Dino etwas Wertvolles verbirgt?

© Daedalic Entertainment

Ihr schlüpft in die Rolle von Ungh, einem Neandertaler, der während seinem ersten Arbeitstag ein Lagerfeuer erlöschen lässt und folglich aus dem Dorf verbannt wird. Nun ist es eure Aufgabe, den Fehler wiedergutzumachen und in der fremden Welt eine neue Flamme für Unghs Heimat zu entdecken. Obwohl ihr es hier mit einem Point-and-Click-Adventure zu tun habt, nimmt die Geschichte eine zweitrangige Position ein und beansprucht bis auf den Anfang keinen nennenswerten Teil des Spiels. Dies ist nicht weiter schlimm, da das Rätselabenteuer hauptsächlich auf Denkaufgaben, die von charmanten Illustrationen getragen werden, setzt. Dadurch war es den Entwicklern möglich, komplett auf unnütze Dialoge oder Expositionen zu verzichten und sich ausschließlich auf die Ausdrücke des Protagonisten und seiner Umgebung zu konzentrieren.


Ob man den Humor nun wirklich amüsant findet, dürfte in einzelnen Fällen äußerst unterschiedlich sein. Während mir der doch recht deutsche Witz höchsten ein Schmunzeln entlocken konnte, entzückte die farbenfrohe Grafik umso mehr und gibt dem Spiel einen kindlichen Stil, der gerade auf junge Spieler ansprechend wirken dürfte. Vielleicht sind die Rätsel gerade deswegen so einfach gestrickt und gehen nur selten über ihr Potenzial hinaus. Dem Genre gemäß klickt ihr in verschiedenen Bildschirmabschnitten auf unterschiedliche Gegenstände und interagiert mit ihnen, um Aufgaben zu bewältigen und voranzuschreiten. Herausfordernd ist Fire: Ungh’s Quest dabei zu keinem Zeitpunkt und konzentriert sich häufig auf eine Handvoll Segmente, die lediglich in Ausnahmefällen aufeinander aufbauen. Trotzdem gibt sich das Spiel die Mühe, nicht allzu offensichtlich zu erscheinen und setzt stattdessen auf verrückte Szenarien, die nicht unter Zuhilfenahme des Allgemeinverstands bewerkstelligt werden können.


Wenn Neandertaler selbst nachdenken müssen


So schlüpft ihr beispielsweise in eine Art Stoffdinosaurier und beeinflusst dadurch das Umfeld auf eine Weise, die als Neandertaler nicht möglich wäre. Die Prämissen konzentrieren sich häufig auf solche aberwitzigen Ausgangssituationen und verlaufen demzufolge nicht ganz so vorhersehbar ab, wie man es zu Beginn womöglich vermutet. Damit verbunden, ist sich das Spiel scheinbar nicht der Zielgruppe im vollen Maße bewusst und könnte gerade für sehr junge Spieler möglicherweise manchmal überfordernd wirken. Ich bin niemand, der die vielfach unterschätze Intelligenz vieler Kinder anzweifelt, doch hätten sich optionale Tipps und Hinweise sicherlich angeboten. Das Spiel selbst legt die Vorlage vor und versteckt in jeder Welt geheime Münzen, die aufmerksame Entdecker belohnen, jedoch nur nette Sammelgegenstände sind. Hier hätte es sich angeboten, Ratschläge mithilfe der Münzen zu erwerben, zumal diese ohnehin erst entdeckt werden müssten und somit faule Spielweisen niemals unterstützen würden.


Nicht jede Situation erschließt sich auf den ersten Blick.

© Daedalic Entertainment

Ein anderer Weg, Hilfestellungen glaubhaft ins Gameplay einzubauen, sind die agierenden Charaktere und die Spielwelt selbst. Ungh könnte unter anderem nach einer bestimmten Zeitspanne der Ratlosigkeit mit einem Blick auf ein gewisses Levelelement hinweisen und verwirrte Spieler unbewusst führen. The Legend of Zelda: The Wind Waker verwendete einen ähnlichen Ansatz und ließ Link stets auf Objekte blicken, die eventuell interessant für das aktuelle Rätsel sein könnten. Ganz so hilflos lässt euch das Spiel dann doch nicht zurück und markiert interagierbare Stellen per Knopfdruck mit herausstechenden Symbolen, was gewiss ein Anfang ist, anderseits aber nur bedingt verzweifelten Neandertalern weiterhelfen wird. Folglich schöpft Fire: Ungh’s Quest spielerisch nicht ganz seine vollen Stärken aus, obwohl die grafische Kunstrichtung mehr als genug Freiraum offenlässt.


Ähnlich unzufriedenstellend fallen die Steuerungsoptionen aus. Trotz der angebotenen Spielweisen wird der Pro Controller nicht unterstützt, womit ihr euch entweder mit den Joy-Con oder dem Handheldmodus zufrieden geben müsst. Erfreulicherweise erfüllen diese beiden Optionen den Software-bedingten Umständen entsprechend ihren Zweck überraschend angenehm und lassen nur wenig Wünsche offen. Es ist schade, dass sich der Cursor nicht mit dem Analogstick bewegen lässt, allerdings macht die Bewegungssteuerung einen zufriedenstellenden Eindruck und kann obendrein jederzeit nachjustiert werden. Gleichermaßen annehmbar ist der Soundtrack und seine zurückhaltende Natur. Zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Musik meinen Denkprozess stört, sondern schätzte stattdessen die ruhigen Klänge, die sich ihrer Position bewusst sind und lediglich für Stimmung sorgen.

Unser Fazit

5

Für Genre-Fans

Meinung von Kevin Becker

Für den kurzweiligen Spaß zwischendurch erfüllt Fire: Ungh’s Quest sein Ziel fast einwandfrei. Die Rätsel laufen nicht unbedingt einseitig ab und konzentrieren auf wenige Bereiche, die Grafik ist dauerhaft hübsch anzusehen und die Einsteigerfreundlichkeit eignet sich hervorragend für Kinder, die ins grüblerische Genre einsteigen möchten. Im selben Atemzug verzichtet das Spiel jedoch auf jegliche Hinweise und verpasst damit sowohl die Chance, sämtliche Sammelgegenstände effektiv einzusetzen als auch das Potenzial der grafischen Optik noch weiter auszukosten. Ebenso ernüchternd sind die Steuerungsoptionen, welche im Grunde genommen ohne Probleme funktionieren, aber auf den Pro Controller oder Bewegungen per Analogstick verzichten. Demgemäß wirkt Fire: Ungh’s Quest in Anbetracht der Bewertung zunächst wie ein kleiner Fehltritt, macht aber in seiner Gesamtheit nur wenig falsch, leistet gleichzeitig jedoch nicht viel, wodurch Fans des Genres sicherlich nur wenige Stunden leichtherziger Unterhaltung genießen werden.
Mein persönliches Highlight: Der ausdrucksstarke Grafikstil.

Die durchschnittliche Leserwertung

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