Ein kleiner Roboter erkundet die Dystopie

Nach dem erstaunlichen Aufstieg und Fall der Menschheit durchstreifen wir als kleiner Roboter die nun überwucherten Orte und Bauwerke der Menschen. Auf unserer Suche nach einer Reparatur bringen wir in Erfahrung, welche Irrwege die Menschheit genommen hat, bis von ihr offenbar nichts mehr übrigblieb und die von ihnen erbauten Roboter nun in der einst prachtvollen Zivilisation verweilen. Mit Retro Machina wagt Orbit Studios sich in Form eines isometrischen Puzzle-Adventures an dieses häufig verwendete Thema der Roboter-Dystopie heran. Ob ihre Version einer selbstverschuldet gefallenen Hochzivilisation überzeugt oder lediglich ein bereits verbrauchtes Setting recycelt, erfahrt ihr in dieser Rezension!


Im Bahnhof könnt ihr in weiter Ferne die drei Gebiete ausmachen, die ihr im Laufe eures Abenteuers erkunden werdet.

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Ihr erwacht als kleiner Roboter, der von nun an aus der isometrischen Ansicht gesteuert wird. Ihr analysiert euch selbst und stellt fest, dass ihr aufgrund einer Fehlfunktion eine Reparatur benötigt. Euer Ziel ist es, Mount Serendipity zu erreichen, denn dort könnt ihr euch reparieren. Hierfür müsst ihr zunächst ein kleineres Gebiet durchstreifen, in dem ihr eure Fähigkeiten kennenlernt. Ihr kommt am Bahnhof an und erfahrt, dass es zwar eine Verbindung zu Mount Serendipity gibt, doch die Transportkapseln haben zu wenig Energie. Nacheinander müsst ihr zwei weitläufige Gebiete erkunden, Atomic City und Marine Nation. Dort findet ihr jeweils eine Atombatterie, welche euch in die Transportkapsel eingesetzt, zu eurem Ziel bringen könnten.


In jedem der Hauptgebiete müsst ihr die vier verschiedenen Karten in den Farben rot, blau, grün und gelb sammeln, um die dazu passenden Türen öffnen zu können. Manche dieser Bereiche bringen einen voran, andere sind optional, sodass ihr dort lediglich Informationen über die Welt findet. So habe ich beispielsweise in der zweiten Hauptwelt die grüne Karte gar nicht erst gefunden und konnte das Gebiet dennoch abschließen. Hauptziel ist es jedoch, die vier Schlüssel der jeweiligen Hauptgebiete zu finden. Mit diesen schließt man den Hauptraum im jeweiligen Gebiet auf, hinter dem sich ein Bosskampf sowie die begehrte Atombatterie befinden.


Um euer Ziel zu erreichen, müssen die Fähigkeiten eures Roboters genutzt werden. Die wichtigste Mechanik, die besonders für das Bewältigen der Rätsel genutzt wird, ist das Übernehmen und Steuern von Gegnern. So könnt ihr die Kontrolle über einen Gegner gewinnen und seine Individuellen Fähigkeiten nutzen. Zu Beginn steuert ihr beispielsweise häufig eine kleine Roboter-Spinne, die für euch durch enge Gänge läuft und Schalter betätigt, an die ihr nicht herankommt. In Kämpfen gegen mehrere Gegner gleichzeitig könnt ihr einen von ihnen übernehmen, um entweder seine Attacken zu nutzen oder um ihn an die Seite zu stellen, damit ein Gegner weniger auf euch einschlägt. Ersteres stellt sich als sehr knifflig heraus, da ihr in dem Moment zwei Figuren gleichzeitig steuern müsst. Erleidet der von euch übernommene Roboter schaden, erhaltet ihr diesen, sodass ihr mit beiden Robotern geschickt ausweichen und austeilen müsst.


Auf unserer Reise treffen wir auf viele charakteristische Orte.

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Allgemein sind die Kämpfe nicht ganz einfach. Manchmal werdet ihr in einem kleinen Gebiet eingesperrt, bis ihr die Horde an Gegnern besiegt habt, die dort auftaucht. In solchen Momenten stürzen häufig viele verschiedene Attacken auf einen ein. Ihr selbst könnt im Nahkampf zuschlagen, mit einer Rolle ausweichen und im Laufe des Spiels weitere Fähigkeiten freischalten. Ich hatte häufig das Gefühl, dass die Hitbox unseres Charakters etwas zu großzügig ausfiel, so musste ich Treffer einstecken, obwohl ich sicher war, weit genug entfernt zu stehen. Das ist allgemein ein Problem des Spiels, so fiel ich auch beim Dashen über Hindernisse manchmal in die Tiefe, obwohl ich laut eigener Einschätzung die andere Plattform erreicht hatte. Manchmal konnte ich zudem in Kämpfen gar nicht erst ausweichen, da unser Charakter etwas behäbig ist. Ein regelrechter „flow“ stellt sich während der Kämpfe somit nicht ein. Grundsätzlich ist das Besiegen der Horden gut machbar, allerdings stellt sich aufgrund der genannten Probleme dann doch der ein oder andere Frustmoment und Tod ein. Viele Gegnertypen bleiben über das gesamte Spiel erhalten, allerdings kommen vereinzelt neue dazu oder stärkere Versionen der bereits Bekannten. Dadurch bleibt die Abwechslung in Kämpfen erhalten und der Schwierigkeitsgrad steigt mitsamt der persönlichen Lernkurve angenehm an.


Das Leveldesign ist so angelegt, dass ihr ein Gebiet durch sorgfältiges Erkunden zunehmend erweitert. Dabei ist Backtracking fester Bestandteil des Spiels, da ihr mit neuen Items an bereits erkundeten Orten weiterkommt. Dies geschieht häufig durch das Finden der richtigen Wege, das Lösen kleinerer Rätsel sowie das Bekämpfen von Gegnern. So wird die Karte eines Gebietes zunehmend größer. Das sorgt einerseits für eine gewisse Komplexität, andererseits kann man auch mal die Übersicht verlieren. Besonders im ersten Hauptgebiet habe ich an manchen Stellen den Faden verloren und wusste kurzzeitig nicht mehr, wo ich hinsollte. So habe ich an einer Stelle beispielsweise einen Gang übersehen, der zu einer der begehrten Karten führte und mich somit weitergebracht hätte. Ich irrte einige Zeit über durch die Gegend, bis ich wieder an diese Stelle kam, den Weg sah und nun endlich weiterkam. Die Karte der Umgebung half mir nicht bei der Suche nach dem richtigen Weg und Hinweise, wie eine Quest oder anzustrebende Ortsangaben, gibt es in dem Spiel nicht. Ab dem zweiten Gebiet habe ich mich bemüht, das Gebiet strukturierter zu erkunden und hatte tatsächlich kein Problem mehr weiterzukommen. Es ist also sehr hilfreich, stets mitzudenken, statt wild durch die Gegend zu rennen. Das liegt sicherlich auch in der Struktur eines Puzzlegames begründet.


Apropos Puzzles: Davon gibt es einige im Spiel. Der Schwierigkeitsgrad dieser ist angenehm und steigt im Laufe des Spiels kaum. Vielmehr werden neue Varianten geboten. So gibt es stets verschiedene Roboter, die man übernehmen muss, um durch ein Gebiet zu gelangen. Manchmal muss ein Transportroboter einen Energiewürfel an der richtigen Stelle platzieren, damit Strom fließt und an anderen Stellen müsst ihr mit dem Frosch-Roboter Plattformen verschieben, damit ihr diese nutzen könnt, um einen Weg über das Gewässer zu finden. Oft werden auch verschiedene Mechaniken miteinander verbunden. Grundsätzlich bin ich kein besonders geduldiger Mensch, weshalb ich persönlich sehr davon angetan bin, dass die Rätsel nach kurzem Herumprobieren und Nachdenken gut lösbar sind. Leute, die herausfordernde Spiele wie The Witness suchen, werden hier keine Befriedigung erfahren.


Im Laufe des Spiels könnt ihr neue Fähigkeiten erhalten. Die wichtigste ist das Dashen, damit könnt ihr Abgründe überwinden.

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Ihr verfolgt während des Spiels grundsätzlich keine konkrete Story. Vielmehr befindet ihr euch in einer menschenleeren Welt, die ursprünglich von diesen erbaut wurde. Überall sind Roboter zu finden, welche die Bauten Instandhalten. Mehr über die Welt erfahrt ihr lediglich durch sorgfältiges Erkunden und Finden von Dokumenten. Schnell erfahrt ihr, dass Nucleonics die Firma ist, welche die Roboter herstellte und damit scheinbar eine mächtige Monopolstellung eingenommen hat. Ihr findet Werbematerial und Blaupausen, aber auch Protokolle und Tagebucheinträge. Besonders durch die beiden letztgenannten Dinge erfahrt ihr, wie es dazu kam, dass die hochzivilisierte Menschheit nicht mehr hier ist und was mit ihr geschah. Viele dieser Daten findet ihr nebenbei, einige erschließen sich euch nur, wenn ihr euch sorgfältig umschaut. So bietet das Spiel viele Informationen und ihr könnt euch das Puzzle der Hintergrundgeschichte selbst nach und nach zusammenbauen.


Grundsätzlich geht die Steuerung leicht von der Hand und das Spiel läuft flüssig. Ein paar kleinere Fehler haben sich dennoch eingeschlichen. Zum einen sind die Knöpfe A und B invertiert. Ihr bestätigt also mit B und lehnt mit dem A-Knopf ab. Sicherlich ein Anzeichen einer mangelhaft durchdachten Portierung der Steuerung. Ein weiterer Fehler taucht auf, wenn man mal längere Zeit am Stück spielt. So fängt der Ton an, verzögert und mit Störungen abzuspielen, was sich von selbst nicht mehr einrenkt.


Die größte Stärke des Spiels ist die fantastische optische Inszenierung. So erwartet einen eine gezeichnete atmosphärische Welt, die abwechslungsreich und authentisch wirkt. Die imposanten Gebäude in Verbindung mit der Natur, die sich die Gebiete wieder erschließt, sind wunderschön anzusehen. Das gilt nicht nur für eure unmittelbare Spielumgebung, auch der Blick in die weite Ferne und die dort sichtbaren Gebäude und Landschaften lohnt sich. Man verbringt bei einer Spieldauer von 10 – 15 Stunden viel Zeit in dieser Welt und wird nicht enttäuscht, was die Abwechslung angeht. So gibt es auch immer wieder einen Blickfang, wie abgestürzte Flugzeuge oder riesige, zerstörte Roboter, die von den Geschehnissen in dem jeweiligen Gebiet zeugen. Die instrumentale Hintergrundmusik, die sich unauffällig aber passend in das Spiel einfügt, unterstützt die verlassene Atmosphäre der Welt. So wartet das Spiel mit einer sehr stimmigen Welt auf, in der ich gerne meine Zeit verbracht habe.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Laura Strack

Mit Retro Machina erwartet euch ein isometrisches Puzzle-Abenteuer, das den Spieler tief in seine wunderschön inszenierte dystopische Welt zieht. Die Landschaften und Hintergrundinformationen laden zum Entdecken ein und entfalten eine interessante Vergangenheit. Die Geschichte wirkt überzeugend, auch wenn das Spiel eine solche Art der Dystopie nicht grundsätzlich neu erfindet. Ganz ohne Schwächen kommt das Spiel leider nicht aus. Durch ein besseres Feintuning in Bezug auf die Steuerung hätten besonders die Kämpfe an Qualität gewonnen und ich hätte mir manchmal einen Hinweis gewünscht, der mir zeigt, wo ich in dem weitläufigen Gebiet als Nächstes weiterkomme. Die Möglichkeit, einen anderen Roboter zu steuern, dessen Fähigkeiten zu übernehmen und hierdurch Rätsel zu bestreiten und Unterstützung im Kampf zu finden, ist wiederum sehr gelungen umgesetzt und bietet viel Raum für Abwechslung während der mindestens 10 Stunden Spielzeit. Wer Lust auf ein Puzzle-Abenteuer mit einem leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrad hat, darf hier gerne zugreifen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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