Kardinal Godspeed eilt zur Hilfe

Die unvorstellbare Katastrophe im Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl im April 1986 ist bis heute insbesondere medial ein Thema. Zuletzt beeindruckend in einer Mini-Serie von Home Box Office verfilmt, gibt es auch im Videospielbereich mit Spielen wie S.T.A.L.K.E.R. oder auch im Zuge der Metro-Reihe immer wieder Ausflüge in die Zone. Zumindest orientieren sich die Spiele an den damaligen Ereignissen. Auch wenn der Name Tschernobyl oder der Vorfall in dem actionreichen Rollenspiel Infernal Radiation nie direkt benannt wird, so erinnert der Rahmen der Geschichte doch sehr an die damaligen Ereignisse.


Allerlei komische Charaktere behausen Halloween Island.

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Wir landen auf einer einsamen Insel bei Nacht, welche von einem grässlichen Feuer umhüllt ist und wo man den Tod und das Verderben quasi schmecken kann. Als Kardinal Godspeed, einem Exorzisten der gerufen wurde, um das Unheil auf Halloween Island zu beseitigen, betreten wir die Insel. Einige findige Ingenieure haben auf dem Eiland Mittel und Wege erforscht, um aus den Tiefen der Erde durch Hitze Energie für ihr Kraftwerk zu generieren. Die Verzweigungen der Anlage reichen bis tief hinab in die Hölle, wo die Reaktoren Energie durch das Verbrennen von Seelen erhalten. Doch es ereignet sich ein unkontrollierbarer Vorfall, der die Erde und dessen Bevölkerung auf Halloween Island verstrahlt und diese zu besessenen Monstern werden lässt. Nun ist es an uns als Exorzist, die verstrahlten Seelen zu retten und dem vermeintlichen Unfall auf den Grund zu gehen.


Auf der Insel angekommen, findet ihr ein in Flammen stehendes Haus vor. Einmal betreten, begrüßt euch der Exorzisten-Priester Erich Torpedo. Nach ein paar kurzen, in kleinen Textboxen ablaufenden, Wortwechseln ruft euch der Priester zur Prüfung auf. Ein erster kurzer Kampf entbrennt, welcher euch die grundlegenden Mechaniken des Spiels lehrt. Wann immer ihr auf einen Gegner trefft, beginnt ein Zweikampf in Echtzeit, in dem ihr angreifen, blocken und Gegenstände nutzen könnt. Mit Hilfe eurer Exogeschosse greift ihr den Gegner an, um ihm Schaden zuzufügen. gegnerische Angriffe könnt ihr wiederum mit eurem magischen Schild reflektieren, um diesem seine Willensstärke zu nehmen. Das ist enorm wichtig, damit der Gegner anfälliger für eure Attacken wird. Jedoch könnt ihr nicht einfach wild auf die Angriffs- und Blocktaste hämmern, sondern Timing ist hier das Stichwort. Denn nur sobald Kardinal Godspeeds Umrisse grün anfangen zu leuchten, könnt ihr eine Aktion ausführen. Je nach Angriffsmusters eures Gegenübers müsst ihr also entscheiden, welche Aktion gerade sinnvoll ist.


Habt ihr einmal das Konzept verinnerlicht, dann ergibt sich zumeist ein geschmeidiger Spielfluss. Je mehr Angriffe ihr erfolgreich landen könnt, desto höher wird eure nach und nach aufgebaute Trance und damit auch die Stärke eurer Angriffe. Jeder Gegner hat ein gewisses Angriffsmuster, welches ihr zunächst lernen müsst, um erfolgreich einen Exorzismus an dem durch die Strahlung zum Monster gewordenen Menschen vollführen zu können. Problematisch ist allerdings, dass diese Angriffsmuster immer wieder mal variieren und es schwer ist, diese quasi auswendig zu lernen. Ihr müsst daher blitzschnell auf die gegebene Kampfsituation reagieren. Das ist zuweilen aber nur schwer möglich und einmal die Taste für Block oder Angriff zu früh gedrückt, verschwindet allmählich die einmal aufgebaute Trance – ihr seid zumeist aus dem Rhythmus, habt weniger Angriffsstärke und segnet recht schnell das Zeitliche. Gerade später im Spiel, wenn sich die Kämpfe über mehrere Phasen erstrecken und ihr euch zwischen diesen nicht heilen könnt, driftet der Schlagabtausch in eine schweißtreibende, teils frustrierende Erfahrung ab. Nicht selten hatte ich das Gefühl, die Spielmechanik auch nach dem x-ten Kampf noch immer nicht vollständig zu beherrschen. Kleinere technische Probleme erschweren euch das Exorzieren noch zusätzlich, doch dazu später mehr.


Die auf Angriff und Blocken ausgelegten Echtzeitkämpfe erfordern einiges an Timing und Geschick.

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Fairerweise lässt euch das Spiel die Wahl, ob ihr den Kampf nach einer Niederlage wiederholen wollt oder sogar an eine Stelle davor versetzt werden möchtet, in der es sicher ist. Gut gelöst ist auch, dass beim Kampf gewonnene Erfahrungspunkte, selbst wenn ihr verlieren solltet, erhalten bleiben. Solltet ihr also einen Gegner partout nicht schaffen, könnt ihr so oft ihr wollt gegen ihn antreten, um so stärker zu werden. Steigt ihr im Level auf, könnt ihr die dadurch gewonnenen Fertigkeitenpunkte bei Erich Torpedo in vier verschiedene Kategorien investieren. Diese erhöhen beispielsweise eure Lebensenergie oder Willensstärke, die allgemeine Angriffskraft oder auch die Chance, Lebensenergie vom Gegner zu stehlen. Habt ihr einmal Abraham Abrakadabra besiegt, könnt ihr bei ihm die ebenfalls durch einen Levelaufstieg gewonnenen Sünden in seinem Gebets-Shop gegen Gebete eintauschen. Dabei handelt es sich um passive Fähigkeiten. Während eines Kampfes spricht euer Exorzist nämlich immer mal wieder zufällige Wörter aus, die zusammenhängend ein Gebet ergeben und dieses dann die passive Fertigkeit auslöst. Von Heilungs- bis hin zu Angriffsgebeten, welche Blitze und Gift schleudern, gibt es zwei Hände voll davon zu erwerben. Zuletzt gibt es auch noch Gegenstände wie Weihwasser und Räucherstäbchen, welche ihr im Kampf gegen eure Gegner einsetzen könnt. Während des recht linearen Spielablaufs reisen zum Glück die Händler für Fähigkeiten, Fertigkeiten, Gebete und Gegenstände mit und tauchen immer mal wieder auf, sodass ihr nicht immer wieder an den Anfangspunkt des Spiels zurückkehren müsst. Es ist eine gelungene und ausreichende Mischung an Upgrades und einsetzbaren Mitteln, jedoch bieten alle zusammen insgesamt zu wenig Tiefe, um seinen Charakter wirklich individuell ausbauen zu können.


Die verstrahlte Welt von Infernal Radiation ist in eine recht trübselige Farbkomposition aus verschiedenen Braun-, Grau und Schwarztönen gehüllt. Die trostlose Umgebung ist der Thematik entsprechend, insgesamt würde ich die Grafik aber nur als zweckdienlich beschreiben. Wenige Polygone treffen auf niedrig aufgelöste Texturen und bewegt ihr euch in die Tiefe der Umgebung hinein, anstatt nach links und rechts, dann wird das komplette Level in eurem Sichtfeld Stück für Stück auf- bzw. abgebaut. Ein Phänomen, welches ich zuletzt in Spielen der Nintendo 64-Ära gesehen habe. Letztendlich sind das aber Details, die man einem Indie-Entwickler mit kleinem Budget verzeihen kann. Was allerdings nicht verzeihlich ist, sind die teilweise starken Ruckler. Bei einem Spiel, in welchem es auf das präzise Ausführen von Tasteneingaben geht, ist das im wahrsten Sinne des Wortes tödlich und sehr ärgerlich. Gelungen hingegen ist die Auswahl an Kreaturen, die ihr bekämpfen müsst. Hier wird durchaus Abwechslung geboten und ihr findet abstruse Kompositionen von Fabelwesen aus diversen Horror-Genres im Spiel wieder. Schön gelungen ist auch der dargestellte Effektrahmen, sobald ihr vermehrt Trance im Kampf aufgebaut habt und welcher euch gefühlt immer weiter in den Bildschirm zieht.


Die teils humorvollen Dialoge mit Monstern und Bewohnern der Insel werden in kleinen Textboxen geführt.

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Die bizarre, aber durchaus unterhaltsame Geschichte wird mittels schlichten gelben und weißen Textboxen erzählt. Markierungen auf dem Boden zeigen diese beim drauftreten an und verleihen dem Spiel einen Comic-ähnlichen Touch. Unterhaltungen mit Monstern und Bewohnern werden hingegen in Dialogboxen geführt. Klanglich werden im Spiel ein paar Kampfsounds aufgefahren, die Gebetsrufe eures Charakters sind zu vernehmen und musikalisch wird das Ganze untermalt von diversen Disco-Pop-Kompositionen mit teilweise asiatisch angehauchten Samples. Eine seltsame Mischung, die aber trotzdem irgendwie passend ist. Insgesamt ist es keine Wonne für das Spielerohr, aber auch kein Totalausfall.


Löblich ist die vollständige deutsche Übersetzung des Spiels, allerdings hat hier wohl ein automatisches Übersetzungswerkzeug sein teuflisches Werk verrichtet. Einige Textpassagen und Menüs sind eins zu eins – wahrscheinlich aus dem Polnischen – übersetzt worden, wirken dadurch etwas befremdlich und ergeben manchmal sogar überhaupt keinen Sinn. Aus dem Kontext heraus versteht man das Gemeinte, aber wer der englischen oder sogar polnischen Sprache mächtig ist, sollte eine dieser Spracheinstellungen präferieren. Insgesamt sind die Unterhaltung der Charaktere im Spiel herrlich irrwitzig geschrieben und sind garniert mit einer Portion schwarzem Humor. Hier und da fallen auch mal ein paar derbe Beleidigungen. Nach etwa fünf Stunden habt ihr das Ende der Reise mit Kardinal Godspeed erreicht. Die drei später freigeschalteten höheren der insgesamt fünf Schwierigkeitsgrade laden dann zu einem weiteren Durchlauf ein. Bei Bedarf kann sich lokal auch ein weiterer Mitspieler dem Exorzisten-Abenteuer anschließen.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von David Kuhlgert

Infernal Radiation wirkt auf mich wie ein bizarres Videospielkunstwerk mit Ping Pong-Spielmechaniken und einer irrwitzigen Tschernobyl-Geschichte, welches bezüglich seiner Umsetzung unter einer leichten Strahlenkrankheit leidet. Die nicht mehr ganz aktuelle Grafik, das etwas kränkliche und nicht immer beherrschbare und durchschaubare Gameplay sowie die seltsame Ton- und Musikauswahl auf der einen Seite. Auf der anderen Seite das fantastisch wirre Gesamtkonstrukt aus Geschichte und Charaktere sowie den Kämpfen, welche durchaus viel Spaß machen – vorausgesetzt, man schafft es im Spielfluss zu bleiben. Als Belohnung folgt nach einem vollbrachten Gefecht das gute Gefühl, ein Monster erfolgreich exorziert zu haben und häufig die Erzählung einer seltsamen Schicksalsgeschichte, die der erfolgreich zurückverwandelte Mensch zum Besten gibt. Das erfrischende Spielkonzept und die recht fairen Spielmechaniken haben mich auch nach einigen Frustmomenten immer wieder dazu motiviert, weiter zu spielen und der Katastrophe auf der Insel auf den Grund zu gehen. Insgesamt hätte dem Erstlingswerk des polnischen Entwicklers Asmodev aber etwas mehr Ausarbeitung im Detail gut getan. Dann würde es sicherlich in einem anderen Glanz „erstrahlen“.
Mein persönliches Highlight: Der schwarze Humor und die wirren Geschichten der Charaktere, die auf Halloween Island ihr Unwesen treiben.

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