König Schleim zieht hinaus in die Welt

Spätestens seit Slay the Spire sind Kartenspiele wieder voll im Trend, besonders wenn diese mit Elementen aus dem Rogue-lite-Genre angereichert sind und das Spiel die Sammelwut nach neuen und besseren Karten in einem weckt. Die nach jedem neuen Lauf eventuell neu dazugewonnenen, besseren Karten in seinen Deck aufnehmen zu können, macht die Kartenklopperei nämlich erst so richtig interessant. Rise of the Slime schlägt in dieselbe Kerbe und lässt euch als fröhlich singender, zweidimensionaler blauer Schleim gegen ebenso dimensionierte Schergen antreten. Es ist also Zeit die Karten auf die Hand zu nehmen und eure Krone – oder wahlweise eine andere Kopfbedeckung – zu verteidigen.


Die Karten sind gelegt?!


Als blauer Schleim mit einem Lied auf den Lippen und einem Begleiter eurer Wahl geht es also auf die Reise durch bunte Lande, um euch mit diversen Schergen in wilden Kartenduellen zu messen. Die weitere Geschichte ist schnell erklärt: Es gibt keine! Das klingt nach wenig und ist es auch, aber mich hat es persönlich nicht gestört, denn wie bei anderen Genrevertretern stehen auch hier die Karten und wie diese in das vorgesehene Spielkorsett gepresst sind eher im Vordergrund.


Der blaue Schleim wehrt sich mit giftiger Kartengewalt gegen fiese Schergen.

© Playstack Ltd

Ihr fangt zunächst mit einem Standardkartenset an, das hauptsächlich aus normalen Angriffs- und Verteidigungskarten besteht. Mit den ersten Schritten, die ihr in der 2D-Spielwelt macht, werden euch die Grundmechaniken erklärt. Viele davon, und auch wie sie untereinander harmonieren, müsst ihr allerdings im Verlauf des Spiels noch selbst ergründen. Ihr zieht aus eurem Nachziehstapel einige Karten, welche mit Bewegungs- oder später auch Effekt-Heilkarten angereichert werden, auf eure Hand. Jede davon benötigt eine bestimmte Anzahl an Mana-Punkten, die auf der Karte vorgegeben sind. Beim Ausspielen wird aus eurem begrenzten Manapool der entsprechende Wert abgezogen und die Karte ausgespielt. Die Besonderheit bei Rise of the Slime: Ob eine Karte ausgespielt werden kann, hängt häufig auch von der Reichweite des Gegners zu euch ab. Es gibt Karten, für die ihr direkt vor oder hinter einem Gegner stehen müsst. Dann gibt es welche, die nur auf Entfernung funktionieren, und welche, die unabhängig davon sind. Wollt ihr also einen Gegner mit einem Schwert einen Schlag verpassen, dann muss sich dieser in unmittelbarer Nähe zu euch befinden.


Das Spielfeld, auf dem ihr euch bewegt, ist in verschiedene Einzelfelder unterteilt, auf denen ihr euch mit den Bewegungskarten umherbewegen könnt. Schafft ihr es sogar euch hinter einen Gegner zu platzieren, dann erlangt ihr zusätzlichen Stichschaden. Neben normalem Schaden gibt es noch stapelbaren Feuer- und Giftschaden, welchen eure Gegner, aber auch ihr selbst, erleiden könnt. Setzt ihr oder einer eurer Kontrahenten eines der Felder mit einer Karte in Brand oder taucht es in Gift, dann werden euch in jeder Runde entsprechende Schadenspunkte zugefügt, solltet ihr euch nicht wegbewegen oder dem mit einer entsprechenden Karte entgegenwirken. Zusätzlich sorgen kleine Begleiter im Spiel für nützliche Unterstützung während der Kartenkämpfe. So generiert einer von ihnen nach jedem beendeten Kartenzug nützliche Schildpunkte, einer saugt Lebensenergie ab und überträgt sie auf euch und ein anderer setzt den Gegner in Brand oder versprüht Säure. Je nach gewünschter Spielweise und Taktik dürft ihr vor jedem Start und auch zwischendurch auf der Reise den Begleiter und seine Eigenschaften wechseln. Zudem haben sie mehrere Ausbaustufen.


Habt ihr einen Bildschirm von Gegnern gesäubert, dann erwartet euch als Belohnung eine Karte eurer Wahl.

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Erwartungsgemäß erhaltet ihr in einem Lauf nach und nach neue Karten, jedoch ist euch der erste Tod mangels guter Karten recht schnell sicher und ihr landet am Anfang eurer Reise – dem Cemetary of the Ancients. Ab dem zweiten Durchlauf stehen euch dann weitere Start-Kartendecks zur Auswahl, welche auch Feuer- und Giftkarten beinhalten, oder einen bunten Strauß an zufallsgenerierten Karten bereithalten. Weitere Karten schaltet ihr während des Spielens frei und könnt diese per Zufallsprinzip während der Reise mit dem blauen Schleim erhalten – entweder bei Händlern oder auch nach dem Besiegen von Gegnern. Vor jeder neuen Runde dürft ihr das gesammelte Gold aus der vorherigen in verschiedene Upgrades investieren. Mehr Leben, mehr Mana, mehr Begleiter – ihr habt die Wahl. Jedoch sind die Upgrades nicht permanent, sondern nur für den nächsten Durchlauf gültig. Positiv wie negativ werdet ihr auch durch Mutationen beeinflusst, von denen ihr gleich mehrere in einem Durchlauf bekommen könnt. Positive blaue dürft ihr bei Gefallen aufnehmen, negative rote müsst ihr allerdings annehmen und euch werden zwei davon zur Auswahl gestellt. Diese beeinflussen die Spielmechanik teilweise grundlegend. So werden zum Beispiel alle eure Lebenspunkte in Manapunkte umgewandelt.


Insgesamt ist ein Durchlauf recht kurz und nach einer Handvoll Stunden solltet ihr alles einmal gesehen haben, inklusive der ca. 100 im Spiel vorhandenen Karten. Das Spiel ist eher darauf ausgelegt, dass ihr nach einem erfolgreichen Durchlauf einen weiteren in einem anderen Spiel-Modus angeht. Dabei habt ihr generell die Wahl zwischen dem Challenge-Modus, einem endlosen Durchlauf mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad, einem Short Run-Modus, der etwas einfacher ist und nur eine begrenzte Anzahl von Bereichen bietet, sowie dem Old Path-Modus, der zwar einfacher aber ebenfalls endlos ist.


Der erste Kampf gegen einen Bossgegner. Wie viel Schaden er machen wird, können wir zunächst nur erahnen.

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Neben normalen Gegnern gibt es hin und wieder auch Bosskämpfe und kleine Geschicklichkeitspassagen zu bestreiten. Gerade die Kämpfe gegen schwerere Gegner, welche teilweise durch zusätzliche Umgebungsobjekte wie Totems unterstützt werden, sorgen für eine zusätzliche Herausforderung. Die Absicht eines Gegners könnt ihr anhand eines Symbols über seinem Kopf erkennen. Gekreuzte Schwerter bedeuten Angriff, ein Schild bedeutet Abwehr. Jedoch kann sich die Absicht ändern, falls einer der Schergen beispielsweise über ein Feld läuft, das im schadet. Das kann schon mal zu Chaos führen und ein gutes Vorausplanen ist gefragt. Schlecht planbar ist dabei aber mitunter der gemachte Schaden, den eure Gegner an euch austeilen. Denn anders als bei den Genre-Kollegen Slay the Spire oder Neoverse könnt ihr nicht sehen, wie viel Schadenspunkte ihr in der nächsten Runde durch einen Gegner erleiden werdet, geschweige denn, welche Karten sie ausspielen. Das ist mitunter einer der größten Kritikpunkte an dem Spielsystem, da es ein strategisches Vorgehen deutlich erschwert. Hier hilft größtenteils nur das Auswendiglernen der Fähigkeiten bzw. der Karten eurer Gegner. In einem Rogue-lite darf und soll der Zufall mit eine Rolle spielen, aber bei Rise of the Slime ist mir der Faktor in vielen Belangen zu prominent. Hinzu kommt, dass es einige Gegnertypen gibt, die ihr beispielsweise mit Giftangriffen nur schwer besiegen könnt, da diese sich immer wieder durch den auferlegten Gifteffekt, heilen können. Dann entbrennt ein langatmiger und schleppender Kampf mit Standardattacken, die nur sehr wenig Schaden austeilen. Solch langatmige Kämpfe sind leider kein Einzelfall und stören den Spielfluss immens. Ein allgemein besseres Balancing zwischen den wenigen Mechaniken und Systemen, hätte dem Spiel gut getan.


Hübsch, aber unbedienbar


Womit sich das Kartenspiel etwas selbst im Weg steht ist die Steuerung. Wahlweise per Toucheingabe oder Tasten dürft ihr euch bewegen, eure Karten ausspielen und das Menü bedienen. Doch gerade die Steuerung mittels Tasteneingaben funktioniert nur semi-optimal und ist mehr schlecht als recht umgesetzt, wodurch man häufiger mal zur Touchbedienung greift, welche seltsamerweise aber auch nicht wirklich gut funktioniert. Daraus ergibt sich ein Mix an Eingaben, der ein etwas wirres und unzufriedenstellendes Ergebnis erzielt und es dadurch auch sehr häufig zu mitunter tödlichen Fehleingaben kommt.


Neben den Kartenkämpfen gibt es auch kleine Geschicklichkeitspassagen.

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Unglücklich ist auch die Lesbarkeit der Schrift. Gerade auf dem kleineren Bildschirm der Nintendo Switch Lite fällt es mitunter sehr schwer, das Geschriebene auf den Karten zu entziffern. Auf dem Fernseher und dem großen Nintendo Switch-Modell ist dies aber weniger ein Problem. Zudem solltet ihr der englischen Sprache mächtig sein, denn eine deutsche Übersetzung gibt es nicht.


Ein herausstechendes Highlight ist die visuelle Präsentation. Der Schleim-Protagonist sowie auch seine Feinde sind allesamt Papierschnitte, welche an eine Art Eisstiel geklebt wurden und sich vor hübschen 2D-Hintergründen von links nach rechts bewegen.

Die grafische Anmutung hat mich sehr an ein Puppentheater erinnert und beim ersten Anspielen kam es mir vor, als würden sich unterhalb meiner Nintendo Switch ein paar Hände befinden, welche die Figuren durch die Spielwelt bewegen. Gepaart mit den weich gezeichneten Comic-Hintergründen und den Rahmen um das Spielgeschehen, ergibt dies eine besonders hübsch anzusehende grafische Gesamtkomposition. Demgegenüber stehen leider aber ein etwas generisches und einfallsloses Gegner- und auch Kartendesign. Auf musikalischer Seite dudelt ein recht abwechslungsarmer Soundtrack im Hintergrund vor sich hin, welcher aber weder störend noch aufdringlich ist. Die restlichen Soundsamples, beispielsweise beim Ausspielen von Karten, passen zu den ausgeführten Aktionen und fügen sich gut ins Gesamtklangbild.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von David Kuhlgert

Auch wenn der kleine blaue Schleim in Rise of the Slime die Krone aufhat, für die goldene Genre-Krone reicht es nicht. Die frustrierenden Eingabeprobleme und die teils etwas undurchschaubare Spielmechanik mit einigen unbeeinflussbaren Zufallselementen machen das Rogue-lite-Kartenspiel nur zu einer recht mittelmäßigen Spielerfahrung. Dabei stecken mit den Begleitern und auch den nutzbaren Umwelteinflüssen einige gute Ideen im Spiel. Hinzu kommen die reichweitenbasierten Angriffe und die Bewegungsmöglichkeiten im Raum. Aber alle Features zusammen genommen, bieten leider kein in sich geschlossenes, ausgereiftes Gesamtkonzept, was die Spielbarkeit deutlich nach hinten abfallen lässt. Bei den zahllosen Durchläufen hatte ich weder das Gefühl, das Spielgeschehen wirklich unter Kontrolle zu haben, noch es strategisch beeinflussen zu können. Besonders gefallen hat mir jedoch die grafisch fantastisch aufgemachte Präsentation. Hier wiederum kann sich das Spiel mit den Genre-Größen messen und spielt in einer höheren Liga.
Mein persönliches Highlight: Die visuelle Präsentation und die Idee, Bewegungsmöglichkeiten und damit reichweitenbasierte Angriffe mit ins Spiel zu bringen – genial!

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 2

  • BSnake

    Club Nintendo Mitglied

    Schade aber schon die Demo konnte nicht so recht überzeugen, zudem ists auch nur auf Englisch verfügbar. Ich bleibe erst mal bei Slay The Spire.

  • Switchmichel

    Turmknappe

    Ech schade, vor allem was die Steuerung angeht. Keine Ahnung, warum die Entwickler für ein solch wichtiges Element des Spiels keine Aufwände investieren. und von der leidlich funktionierenden Touch-Steuerung habe ich auch nichts, wenn ich es im Dock-Modus spiele :rolleyes: