Horror in den Schweizer Alpen

Lasst mich euch gleich zu Beginn dieses Tests eine Frage stellen: Was macht für euch ein gutes Horrorspiel aus? Ich wette, dass sich die Mehrheit nicht auf eine klare Aussage einigen kann. Während für den einen der Jumpscare, also das Erschrecken durch einen lauten Ton oder das plötzliche Erscheinen eines Monsters, das heiligste Stilmittel des Horrors darstellt, mögen es andere vielleicht eher, wenn sie stets das Gefühl haben, von etwas gehetzt und gejagt zu werden und so ums Überleben zu kämpfen. Oder ihr gehört zur gleichen Gruppe wie meine Wenigkeit, die eher auf den subtilen und angedeuteten Grusel steht – dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ihr aber nicht mit dem Finger draufzeigen könnt. In diesem Fall dürfte das Spiel Mundaun definitiv einen Blick wert sein, im folgenden Test wollen wir jedoch klären, ob auch andere Freunde des Horror-Genres ihren Spaß mit dem Titel haben können.


Ein Horror der etwas anderen Art


Mundaun ist ein First Person-Horror-Spiel, das vom schweizer Entwicklerstudio Hidden Fields entwickelt wurde. Die Handlung spielt sich im namensgebenden Mundaun ab, einem kleinen Örtchen im Schweizer Kanton Graubünden. Ihr schlüpft in die Rolle von Curdin, der in die Heimatstadt seines verstorbenen Großvaters reist, um den mysteriösen Umständen dessen Ablebens nachzugehen. Denn angeblich ist der alte Mann bei einem Brand in seiner Scheune umgekommen, doch der Brief, den Curdin erhält und ihn darüber informiert, liest sich bereits sehr widersprüchlich. Und so macht sich der junge Mann selbst auf den Weg in die Schweizer Alpen und, ihr ahnt es sicher bereits, darf schnell feststellen, dass nichts so ist, wie es scheint. Weiter möchte ich gar nicht auf die Handlung von Mundaun eingehen, die sich an den Sagen und der Kulturgeschichte der Alpen orientiert und damit eine erfrischend andere Art von Horror präsentiert als man es von den meisten AAA-Titeln kennt.


Anfangs wirkt die Landschaft noch einigermaßen idyllisch ...

© MWM Interactive

Diese Verbundenheit lässt sich nicht nur in der Handlung wiederfinden. Michael Ziegler, Lead-Designer und Gründer von Hidden Fields hat einiges an Referenzmaterial aus Mundaun zusammengetragen, um den kleinen Ort besonders originalgetreu nachzustellen. Das sorgt dafür, dass eine anfangs noch recht urige und heimelige Bergatmosphäre aufkommt, wie man sie vielleicht aus den üblichen Klischee-Heimatfilmen kennt, was jedoch schnell umschlägt und die anfangs noch besonnene und friedliche Idylle wirkt mit der Zeit immer befremdlicher und bedrohlicher. Der Umstand, dass Curdin auch Rätoromanisch spricht, eine Sprache, die im Kanton Graubünden gesprochen wird und für uns Deutsche recht befremdlich klingen dürfte, tut sein Übriges dazu, dass man sich mit der Zeit immer mehr wie in einer fremden Welt fühlt. Fügt man nun noch übernatürliche Kreaturen, die der lokalen Folklore zu entstammen scheinen und den recht eigenen Grafikstil – dazu später mehr – hinzu, kommt immer wieder ein regelrechtes Gänsehaut-Feeling auf, das sich durch das gesamte Spiel hindurch zieht.


Doch wie genau spielt sich Mundaun nun? Ihr betrachtet das Spiel aus der Egoperspektive und erkundet das kleine Örtchen Mundaun. Begutachtet ihr anfangs nur die abgebrannte Scheune des Großvaters, öffnet sich euch die semi-offene Spielwelt Stück für Stück mehr. Dabei gilt es stets herauszufinden, was eurem Großvater widerfahren ist. Um dieser Frage nachzugehen, besucht ihr im Laufe der Handlung sein altes Haus, löst verschiedene Rätsel und trefft auf einige wenige Charaktere, wodurch sich das Mysterium Stück für Stück zu lüften scheint. Die Rätsel im Spiel sind oft recht simpler Natur und erfordern die meiste Zeit, dass ihr bestimmte Gegenstände aufspürt, diese miteinander kombiniert oder sie zu jemandem bringt. Ab und an müsst ihr auch mehr oder weniger schwere Logikrätsel meistern, ehe ihr in der Handlung weiter vorankommen könnt. Solltet ihr einmal nicht weiterkommen, steht euch Curdins Tagebuch zur Verfügung, in dem sich der junge Mann stets nützliche Notizen macht, die euch im Zweifelsfall schnell auf die richtige Spur bringen.


... doch schnell kann der handgezeichnete Stil auch ins Düstere umschlagen.

© MWM Interactive

Fernab der Rätseleinlagen bietet Mundaun aber auch noch ein paar Gameplay-Elemente, die manchmal so wirken, als hätten die Entwickler noch die Notwendigkeit gesehen, sie mit einbauen zu müssen. Im Laufe der Handlung trefft ihr nämlich immer wieder auf die bereits erwähnten Kreaturen, die euch ans Leder wollen. Bereits deren bloße Anwesenheit kann dafür sorgen, dass Curdins Mut völlig schwindet und er vor lauter Angst zugrunde geht. Zum Glück gibt es da aber den Mundauner Kaffee, denn der macht „müde Männer mutig“ und erhöht eure Courage dauerhaft. Dasselbe gilt für eure Gesundheit sowie eure Treffgenauigkeit, denn ihr könnt den Kreaturen auch mit einer Heugabel zu Leibe rücken und sie angreifen, Stealth-Angriffsboni inklusive. Gerade diese Mechanik wirkten auf mich eher wie ein Fremdkörper, der recht Fehl am Platz war, mich mitunter mehr genervt hat und auch den sonst eher subtilen Horror erheblich gestört hat. Ein kleines Highlight wiederum war die Fahrt mit dem Muvlin, einem kleinen Transporter, mit dem ihr Heu den Berg hinauf transportieren könnt und der sich herrlich behäbig steuern lässt und mit einem Musikstück aus dem Autoradio daherkommt, dass mir teils eine Gänsehaut beschert hat. Im Allgemeinen kann man die einzelnen Radiosender positiv hervorheben, denn diese sind ebenfalls alle auf Rätoromanisch und sorgen somit noch einmal für einen ordentlichen Schub in Sachen glaubwürdiger Atmosphäre.


Was Mundaun auf den ersten Blick von seinen Konkurrenten abhebt, ist die anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftige Optik. Denn alle Charaktere, jede Szene und auch die Umgebungstexturen sind von Hand gezeichnet und wurden erst nachträglich in 3D-Modelle umgewandelt. Das sorgt dafür, dass der Titel einen komplett eigenen Charme hat, der seinesgleichen sucht und auch dazu beiträgt, dass die gesamte Spielwelt surreal und fremd wirkt. Das fällt vor allem bei den Charaktermodellen auf, die zwar detailliert daherkommen, jedoch mitunter verzerrt und entfremdet wirken. Diese Art der Optik ist eindeutig Geschmackssache und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich dem ungewöhnlichen Stil etwas abgewinnen konnte. Doch je mehr ich von Mundaun gesehen hatte, umso mehr hat mich seine Optik in den Bann gezogen und spätestens in den Bergen konnte mich die handgezeichneten Grafiken vollends überzeugen. Auch abseits des Optischen kann Mundaun überzeugen. Die Synchronsprecher leisten einen guten Job, soweit ich das als Exil-Schweizer, der in seinem Leben nur ein paar Mal Rätoromanisch gehört hat, beurteilen kann, und die deutsche Übersetzung lässt keinen Raum für eine Beanstandung. Es kam während des Spiels zudem zu keinerlei Leistungseinbrüchen oder Spielabstürzen.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Florian McHugh

Mundaun hat mich wirklich überrascht. Anfangs wirkte der doch recht eigene Grafikstil befremdlich auf mich und die Tatsache, dass der Protagonist im authentischen Rätoromanisch spricht, weckte in mir die Befürchtung, dass ich das Spiel eher weniger ernst nehmen würde. Doch ich sollte irren, denn Mundaun entpuppt sich als die Sorte Spiel, die mit einem eher subtilen Horror daherkommt und mir durch die Bank weg das Gefühl gibt, dass etwas nicht stimmt und Schreckliches um mich herum passiert. Das muss und sollte man natürlich mögen, denn fernab des folkloristischen Alpen-Horrors entpuppt sich Mundaun als recht solides aber kaum innovatives Erkundungs- und Rätselspiel, das mit einigen Kampf- und Schleichmechaniken daherkommt, die auf mich jedoch mehr wie ein Fremdkörper gewirkt haben. Nichtsdestotrotz hatte ich mit dem Spiel sehr viel Spaß und kann es jedem ans Herz legen, der mal ein noch recht unverbrauchtes Setting in einem Horrorspiel erleben möchte.
Mein persönliches Highlight: Die Fahrt mit dem Muvel und die unheimliche, musikalische Begleitung dazu.

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 1

  • Tabby

    Turmbaron

    Schöner Test, der so ziemlich auch meine eigenen Eindrücke vom Spiel wiederspiegelt.