Manche Helden sterben nie

Wenn es einen Grafikstil gibt, der die Indie-Szene mit Sicherheit dominiert, dann ist es der Pixel-Look. Was einst eine Hommage an Klassiker darstellen sollte, wird mittlerweile von vielen Spielern als Ausrede für einen mühelosen Stil gesehen. Dass das Budget oder die Größe des Entwicklerteams dabei eine wesentliche Rolle spielen, ist in Anbetracht von grafisch herausstechenden Titeln, wie Hollow Knight oder Cuphead, heutzutage fast kein Gesichtspunkt mehr – immerhin steigen der Standard und die Erwartungen. Um nicht ganz in der Masse zu versinken, orientiert sich Skellboy Refractured zwar an einer ähnlichen Ästethik, mischt die Karten jedoch mit wenigen Anpassungen neu und soll in dieser erweiterten Version hoffentlich für Aufsehen sorgen. Ob der zweite Versuch aber wirklich einen weiteren Durchlauf rechtfertigt und Neueinsteiger ebenfalls Spaß mit dem Abenteuer des anpassungsfähigen Skelettkriegers haben werden, ergründen wir in diesem Spieletest.


Ein Korb zu viel


Alles beginnt, als ein verliebter Hofmagier endlich seinen Mut fasst und der Prinzessin des Cubold-Königreichs seine Liebe gesteht. Leider verläuft das Geständnis nicht ganz nach seinen Vorstellungen, woraufhin er vor lauter Frust übel gelaunte Monster auf die Welt loslässt und dabei ein wichtiges Detail vergisst. Inmitten der Horden untoter Ungetüme erwacht ebenfalls der einstige Held sowie Skelettkrieger Skippy und macht sich augenblicklich auf den Weg, das Königreich mit all seinen Ecken und Kanten wieder zu befreien. Möglicherweise lässt sich aus dieser kurzen Zusammenfassung schnell erahnen, dass ihr es in Skellboy mit einer recht leichtherzigen Erzählung ohne große Umschweife zu tun bekommt. Unter anderem wird dies deutlich durch den selbstironischen Humor, welcher allgegenwärtig ist, aber niemals seinen Zenit überschreitet. Die Bewohner des Königreichs sind sich der schrägen Situation mehr als bewusst und reißen gerne Witze sowie Wortspiele über die quadratische Natur der Spielwelt.


Die Kamera passt sich je nach Situation an.

© Fabraz / Umaiki Games

Damit verbunden mag die Grafik zwar auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Indie-Abenteuer wirken, allerdings greift das Spiel zu anderen Mitteln – oder besser gesagt, zu anderen Dimensionen – um sich abzuheben. Am besten lässt sich die Optik mit der Paper Mario-Reihe vergleichen, wo sämtliche Spielfiguren aus zweidimensionalen Modellen bestehen, aber in einem dreidimensionalen Raum agieren. In Kombination mit der Vogelperspektive kann sich die Spielwelt hierbei durchaus sehen lassen und mit cleveren Kameraperspektiven das Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen.


Die Rede ist unter anderem von Verliesen oder Türmen, wo die herangezoomte Kamera für eine fast schon klaustrophobische Atmosphäre sorgt oder im Falle des Turms die hohen Begebenheiten in den Vordergrund rückt. Unglücklicherweise kann es demgemäß häufig passieren, dass entweder Items oder manchmal auch ganze Gegner in toten Winkeln versteckt bleiben und für unfaire Überraschungen sorgen. Solche Situationen mögen sich zwar in Grenzen halten, jedoch hätten den Entwicklern solche Ungereimtheiten beim intensiven Testen ihres Spiels eigentlich auffallen sollen.


Spielerisch fällt das Gameplay schon sehr viel weniger speziell aus und erinnert gewissermaßen an klassische The Legend of Zelda-Titel, wo einfache Schwertschwünge und simple Rätsel das Grundgerüst bilden. Als Skelett seid ihr allerdings nicht mehr an einen fleischlichen Körper gebunden und könnt dementsprechend eure Körperteile mit nützlicheren Gliedmaßen austauschen. So erhöht ein neuer Schädel beispielsweise eure Widerstandsfähigkeiten und sinkt gleichzeitig das Lauftempo, während ein neues Paar Beine diesem lästigen Nebeneffekt entgegenkommt. Die richtige Zusammenstellung des Körpers spielt eine nicht unerhebliche Rolle für die Effektivität eures Charakters, geht aber nicht ganz so in die Tiefe, wie man es vermutlich anfangs annimmt. Häufig reicht es lediglich eine Gliedmaße auszutauschen, was nicht zuletzt am doch recht einseitigen Gameplay liegt.


Wenigstens die Wächter sehen die Lage mit Humor.

© Fabraz / Umaiki Games

Das Kampfsystem bleibt bis zum Ende relativ ereignislos und repetitiv – alleinig Bossgegner bilden eine spannende Alternative und erfüllen ihren Zweck durchaus fehlerlos. Zwischen ihnen liegen aber unzählige einfache Gegner, die aufgrund plumper Verhaltensweisen unheimlich abwechslungsarm sind und das bloße Hindernis auf der Reise zum Ziel verkörpern, anstatt feindliche Aufeinandertreffen wirklich zu bereichern. Unterschiedliche Waffentypen versuchen dem ein wenig entgegenzukommen und verhalten sich im Vergleich zum einfachen Schwert deutlich andersartig. Einen Speer zum Beispiel könnt ihr als spitzes Kriegswerkzeug aus einer defensiven Position nach Gegnern werfen, müsst aber im Nachhinein die Waffe wieder aufheben gehen. Demzufolge ergeben sich ausgeklügelte Kombinationen, bei denen ihr den Speer aus der Ferne einsetzt und gleich danach wieder zum Schwert greift, um nicht ganz so wehrlos dazustehen.


Auch wenn dieses mögliche Szenario in der Theorie spannender klingt, als es tatsächlich ist, gibt es noch andere Wege, einem einseitigen Gameplay mehr Ausdruck zu verleihen. So wäre es zum Beispiel keine schlechte Idee gewesen, dem Sounddesign ein wenig mehr Gewicht zu geben. Münzen mit Mario einzusammeln macht deswegen Spaß, weil der dabei erzeugte Ton einfach eingängig klingt und es dem Spieler Freude bereitet, obwohl die Münze womöglich für den weiteren Spielverlauf keinerlei Wert besitzt. Auf eine ähnliche Weise bräuchte der Schwertschwung beispielsweise mehr audiovisuelle Dynamik – sei es durch einen einprägsamen Ton oder das zufriedenstellende Gefühl, durch einen Gegner zu schlitzen.


Dass es auch anders geht, zeigt der unheimlich rhythmische Soundtrack mit seinen lebhaften Melodien und dem markanten Leitmotiv, welches sich durch das ganze Spiel zieht. Zu keinem Zeitpunkt ging die Musik auf die Nerven und bildet stattdessen in Kombination mit der allgemeinen eigenartigen Art das Highlight des Spiels. Da wir es hier mit der Refractured-Version zu tun haben, finden selbstverständlich einige neuen Inhalte Einzug ins Spiel. So ruft der Mehrspieler einen weiteren Kumpanen ins Feld, während ein unentdeckter, zufallsgenerierter Dungeon den Wiederspielwert enorm erhöht. Selbst der New Game+-Modus verlängert die recht überschaubare Spielzeit von etwa 7-12 Stunden auf eine ansehnliche Länge und ergänzt das Abenteuer mit weiteren Waffen, Items sowie Körperteilen.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Kevin Becker

Skellboy Refractured macht in knappen Intervallen am meisten Spaß – was hauptsächlich an der passenden Spielzeit und dem leicht zu begreifenden Spielprinzip liegt. Die verschiedenen Waffentypen sorgen für Abwechslung im Kampfgeschehen und ergeben zusammen mit austauschbaren Körperteilen das Fundament des Gameplays. Passend dazu definiert der fantastische Soundtrack gemeinsam mit dem knuffigen Grafikstil den grundsätzlichen Charakter der Spielwelt und fügt sich nahtlos in die unbekümmerte Geschichte ein. Bedauerlicherweise kann das Gameplay diesen Anspruch nicht ganz halten und wird auf Dauer unheimlich einseitig sowie abwechslungsarm. So schön die Spielwelt auch sein mag, erfüllt ihr grundsätzlich die immer gleichen Aufgaben und stoßt gerade in Dungeons auf leichte Kameraprobleme, während ihr einem viel zu ausdruckslosen Sounddesign lauscht. Die zusätzlichen Features dieser Erweiterung mögen zwar das Gesamterlebnis schon allein aufgrund des Mehrspielers aufwerten, allerdings können auch diese nicht darüber hinwegtäuschen, dass Skellboy Refractured manchmal ein wenig mehr Fleisch an den Knochen vertragen könnte.
Mein persönliches Highlight: Der flotte Soundtrack.

Die durchschnittliche Leserwertung

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