Ein Spiel das nicht das ist, was ihr erwartet

Ich gestehe es hiermit, lege die Karten auf den Tisch, lasse die Hosen vor euch allen runter, mache mal Butter bei die Fische und rücke mit der Sprache heraus: Ich mag keine Visual Novels. Die einzigen Ausnahmen bisher waren die Vampire- und Werewolf-Visual Novels, aber mit den gleichen Kalibern, die mein Kollege Niels zum Beispiel testet, kann ich absolut nichts anfangen. Und trotzdem gehört Doki Doki Literature Club Plus zu einem der originellsten und ausgeklügeltsten Spielen, die ich in den letzten Jahren spielen konnte. Wie das Ganze funktionieren kann? Darauf möchte ich im folgenden Test eingehen.


Eine Dating Simulation, die keine ist


Und eigentlich möchte ich das gleichzeitig auch nicht, denn ob ihr es mir glaubt oder nicht, diesen Test zu verfassen gestaltet sich als ein recht delikater Balanceakt, bei dem jedes Wort gut gewählt werden möchte, da die Gefahr zu spoilern relativ groß ist. Doch kommen wir erst einmal zu den knallharten Fakten: Doki Doki LIterature Club Plus ist die erweiterte Verfassung des 2017 erschienenen Literature Club, welches ausschließlich auf dem PC erschienen ist und damals kostenlos gespielt werden konnte, weswegen ich dem Titel vor fünf Jahren auch eine Chance gegeben habe. Vom Spielprinzip her ist Doki Doki Literature Club Plus eine ganz klassische Visual Novel, in der ihr die meiste Zeit damit beschäftigt seid, der Handlung zu folgen und gelegentlich die eine oder andere Entscheidung zu treffen. Und doch, so ganz stimmt das nun auch wieder nicht, denn im späteren Verlauf des Spiels müsst ihr selbst etwas mehr Hirnschmalz investieren und tatsächlich richtig aktiv werden – worauf ich aber aus heftigen Spoilergründen nicht eingehen kann und möchte.


Das sind die vier Damen, deren Herz erobert werden möchte ... Oder etwa doch nicht?

© Serenity Forge

Handlungstechnisch könnte das Spiel nicht klischeehafter aufgebaut sein: Ihr verkörpert einen jungen japanischen Schüler, der von seiner Nachbarin Sayori dazu überredet wird, in den Literaturclub ihrer Schule einzutreten. Dort lernt ihr auch die drei weiteren Mitglieder kennen: die kleine Natsuki, die eher stille und zurückgezogene Yuri sowie Monika, die allseits populäre und charismatische Clubleiterin. Wenn euch in diesem Moment der Begriff „Dating-Simulation“ im Kopf herumschwirrt, liegt ihr nicht ganz falsch. Denn kaum habt ihr die vier Mädchen kennengelernt, gilt es auch schon das Herz einer der Schülerinnen – die alle natürlich volljährig sind, wie das Spiel anfangs extra betont – zu erobern. Dies gelingt euch, indem ihr nach eurem jeweiligen Schultag ein Gedicht verfasst. Dafür wählt ihr aus verschiedenen Schlagwörtern bis zu zwanzig Stück aus, wobei jeder der Begriffe einem anderen Schwarm zusagt. Und so könnt ihr, nachdem ihr erst einmal das Muster eurer jeweiligen Angebeteten herausgefunden habt, euch gezielt darauf festlegen, wem ihr den Hof machen wollt. Das Ziel eures Protagonisten ist dabei klar: Das Herz einer der vier Frauen zu erobern. Und so verbringt ihr mit manchen der Mädchen kaum, mit anderen wiederum relativ viel Zeit und erlebt auch den Umgang untereinander während des Cluballtags.


Bei dieser Prämisse überkommen den aufmerksamen Beobachter vielleicht erste Zweifel, denn auf der Seite des Nintendo eShops prangert recht gut sichtbar das rote USK 18-Logo und wenn ihr das Spiel zum ersten mal startet, erhaltet ihr eine Warnung, dass das Spiel nichts für Kinder und Menschen mit schwachen Nerven sei. Mehr noch, bevor ihr das erste Mal in die Handlung springen könnt, zeigt euch Doki Doki Literature Club Plus eine gezielte Trigger-Warnung, die jedoch als Spoiler gekennzeichnet ist. Und tatsächlich zeigt der Inhalt dieser Warnung, in welche unerwartete Richtung das so bunte und fröhliche Spiel plötzlich wechseln kann. Ohne jetzt zu viel zu verraten: Die Handlung unternimmt im späteren Verlauf eine 180°-Wende und setzt sich mitunter mit sehr düsteren Themen auseinander. Als ich vor fünf Jahren an diesem Wendepunkt angekommen war, wusste ich erst nicht, was ich denken oder wie ich auf das mir Gezeigte reagieren soll, ehe ich wie gebannt weiterspielen wollte. Denn von dieser Stelle an wird aus einem Dating-Spiel eine Art Psycho-Horror, der an vielen Stellen sehr geerdet und realitätsnah ist, nur um dann wieder völlig über die Stränge zu schlagen.


Die Plus-Version des Spiels kommt mit neuen Nebenhandlungen daher, die sich ganz den vier Clubmitgliedern widmen.

© Serenity Forge

Dabei möchte ich bewusst vage bleiben, denn jedes weitere Beispiel oder jegliche Erklärung könnte schon zu viel sein. Denn, auch dessen müsst ihr euch bewusst sein, Doki Doki Literature Club lässt sich zwar mehrmals spielen und es gibt auch mehrere unterschiedliche Enden, doch der eigentliche „Was zur Hölle?!“-Moment ist nach dem ersten Mal im Großen und Ganzen verflogen und bleibt eine einmalige Sache. Bei jedem weiteren Durchlauf halten sich die Überraschungen stark in Grenzen und ich hatte mich bereits dabei ertappt, wie ich anfängliche Dialogsequenzen komplett übersprungen habe. Nichtsdestotrotz ist gerade dieses Initialerlebnis etwas, das ich so in meiner Spielerkarriere selten erlebt habe.


War der „Vorgänger“ des Spiels auf dem PC noch kostenlos, müsst ihr für die Plus-Version von Doki Doki Literature Club zur Geldbörse greifen. Dafür bietet euch diese Fassung hochauflösendere Bilder, einen Musik-Player, eine Galerie, in der ihr Artworks und Bilder aus dem Spiel freischalten könnt, sowie sechs neue Nebenhandlungen, die extra nur für diese Version geschrieben wurden. Diese sechs Geschichten spielen alle vor dem Hauptspiel und konzentrieren sich auf die vier Mädchen, ihre Persönlichkeiten sowie die Gründung des Clubs. Aus technischer Sicht gibt es wenig zu sagen, denn Doki Doki Literature Club Plus kommt zwar mit besseren Artworks daher, bleibt aber technisch auf dem Niveau einer Visual Novel. Was sich positiv hervorheben lässt, ist die Tatsache, dass das Spiel vollständig ins Deutsche lokalisiert wurde. Die Übersetzung ist im Großen und Ganzen solide vorgenommen worden und weist keine groben Schnitzer auf.


Abschließend bleibt noch kurz ein spieltechnisches Detail zu klären, welches vor allem all diejenigen interessieren dürfte, die das Original bereits auf dem PC gespielt haben und bezüglich des Endes nun die eine oder andere Frage haben. Es sei daher nun vor Spoilern zum Spielende gewarnt! Wenn ihr nichts zum Ende des Spiels und seinen Mechaniken wissen wollt, springt ihr am besten gleich zum Fazit.


Spoiler voraus, ihr seid gewarnt!


Gegen Ende des Spiels wurdet ihr in der PC-Version dazu gezwungen, bestimmte Spieldaten zu löschen, um das Spiel erfolgreich zu beenden. Wie ist diese Mechanik nun also auf einer Konsole wie der Nintendo Switch gelöst? Die Entwickler haben sich hierfür eine recht kreative Lösung einfallen lassen. Beendet ihr das Spiel regulär über das Pausenmenü, landet ihr beim Beenden nicht sofort im Nintendo Switch-Menü, sondern auf einem virtuellen Desktop. Hier habt ihr nicht nur Zugriff auf einen E-Mail-Account, die Galerie, den Musikplayer sowie die Nebenhandlungen, sondern auch auf die Spieldateien. Hier könnt ihr wie gewohnt diverse Dateien löschen, wobei in diesem Fall trotz allem der Überraschungseffekt im Vergleich zur PC-Version etwas abgemildert war. Denn es wird bereits auf den ersten Blick klar, dass all diese Ordner und Dateien irgendeinen Sinn haben müssen. Nichtsdestotrotz haben die Entwickler dieses Problem so originell wie nur möglich gelöst.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Florian McHugh

Doki Doki Literature Club ist eine Visual Novel, mit der auch all die Spieler Freude haben können, die das Genre normalerweise meiden. Das liegt daran, dass es enorm mit euren Erwartungen spielt und mitten während der Handlung eine Wende hinlegt, auf die hier aus Spoilergründen nicht eingegangen werden soll. Seine Einstufung ab 18 Jahren hat das Spiel allerdings nicht umsonst und so solltet ihr einen Bogen um das Spiel machen, wenn ihr etwas zarter besaitet oder noch nicht volljährig seid. Für Kenner des Originals gibt es zudem noch sechs neue Nebenhandlungen, welche den Zeitraum rund um die Gründung des Literaturclubs behandeln und näher auf die vier Mädchen eingehen. Auch wenn die einzelnen Handlungsstränge den vier Mädchen deutlich mehr Tiefe verleihen, erreichen diese jedoch nicht ganz die Qualität der Hauptgeschichte.
Mein persönliches Highlight: Nur Monika

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Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

3 User haben bereits bewertet

Kommentare 13

  • RatedR

    Turmfürst

    Ich kenne den Schluss leider schon, daher passe ich. Aber es ist schon eine Paradebeispiel für das Genre!

  • WesY2K

    Turmheld

    Wenn man lesen kann, ist man klar im Vorteil. habe mich bei der Review gefragt wie man bei einer Visual Novel einen Multi-Player einbauen kann... war dann doch nur der Musik-Player xD


    Das Spiel ist auf jeden Fall gut. Allerdings denke ich, dass man ein Fan der Visual Novel Anime Tropes sein sollte, um das Spiel wirklich zu schätzen.

  • Bisasamlover

    Luxemburger Heiner

    Nach meine BA-Thesis werf ich da mal nen Blick rein. Klingt sehr interessant.

  • Kabuki-Ende

    noch nicht ganz am Ende...

    visual novel bei dem begriff wird mir angst und bange steht es doch für allerlei schmuddelkram nun hier haben wir den horror-aspekt weitaus besser aber dafür gebe ich sicher kein geld aus muss ich auch nicht mehr

  • Solaris

    Nostalgiebrillenträger

    Ich mag Visual Novels, dieses Spiel ist zwar nicht schlecht hab aber schon besseres gesehen. Da fand ich persönlich Virtue‘s Last Reward oder die Danganronpa Reihe deutlich interessanter und spannender. Für 15€ für die Steam Version is es ok.

  • Footy

    Turmheld

    Jop, wenn man den Schluss/die Twists kennt, verliert das Spiel schon ein wenig an Wirkung. Ich habe die neue Version letzte Woche durchgespielt und war trotzdem wieder total begeistert. Das letzte Lied habe ich mir mittlerweile auch in die Playlist gepackt.

    Ich kann das Spiel uneingeschränkt empfehlen - lasst euch von der Optik nicht täuschen.

  • otakon

    Ssssssssswitch

    Bin eigentlich auch kein großer visual novel Fan aber dieses Spiel ist eine Wucht, hab es auf Steam kostenlos gespielt aber werd mir die Plus Version kaufen schon um dieses Spiel zu ehren aber auch um die Nebenstränge zu spielen.

  • Chri1986

    Turmritter

    Ich mag Visual Novels aber bis auf den Twist in der Mitte des Games fand ich es erstaunlich langweilig.


    Als Einstand in dieses Genre meiner Meinung nach absolut nicht zu empfehlen.


    Die kostenlose Version kann man sich schon geben aber für den Preis würde ich es nicht empfehlen.

  • Princess_Rosalina

    Turmfürstin

    Für das, das dieses Spiel überarbeitet wurde sind 15€ angemessen, im Gegensatz zu den lieblosen Nintendo Ports die für Vollpreis rausgehauen werden.

    Zudem das es eins der besten VNs überhaupt ist.

  • Tsundere

    Turmamazone

    Hab das Spiel schon am PC durch, aber für meine Sammling hätte ich echt gerne die physische Version gekauft. Vielleicht krieg ich die früher oder später mal irgendwo in Europa.. außerhalb der UK :D


    An sich ist das Spiel auch wirklich klasse, sehr liebevoll gemacht

  • Shikan Raider

    World Pro

    Ich spiele (lese) wirklich gerne VN's, mit dieser konnte ich absolut nichts anfangen. Wird aber sicher seine Fans haben.

  • nikothemaster

    Turmbaron

    Das heißt ich muss doch noch weiterspielen weil der Anfang so quälend langweilig ist... Da passiert nothing einfach... Hoffentlich dauert es keine 20std bis iwas passiert

  • WesY2K

    Turmheld

    Wenn ich mich Recht erinnere, waren es 4 normale Stunden?