Das Märchen eines besonderen Mädchens

Daedalic Entertainment dürfte für Fans grafischer Point-and-Click-Adventures mittlerweile ein wohlbekannter Begriff sein. Mit einem Portfolio von über 30 Titeln, darunter die Deponia-Reihe, konnte sich das deutsche Entwicklerstudio einen Namen machen und veröffentlichte bereits verschiedene hauseigene Ableger für die Nintendo Switch. Eines dieser Spiele ist Anna's Quest – die sonderbare Reise rund um ein zurückhaltendes Mädchen mit geheimnisvollen telekinetischen Fähigkeiten. Wie es das Genre nun mal an sich hat, ist die Umsetzung eines Point-and-Click-Adventures nicht immer ganz so einfach auf herkömmlichen Spielekonsolen zu realisieren, weswegen Ports schon in den ersten Sekunden vermuten lassen, wie viel Fleiß hinter der Umsetzung wirklich steckt. Ob Anna's Quest aber trotz des recht unspektakulären Titels erzählerisch überzeugt und der Übergang vom PC zur portablen Heimkonsole mit Abstrichen zu verbuchen ist, ergründen wir in den folgenden Zeilen.


Dank ihrer Fähigkeiten weiß Anna jederzeit, welche Gegenstände von Belang sind.

© Daedalic Entertainment GmbH

Alles beginnt friedlich, als Annas Großvater von einer schwerwiegenden Krankheit geplagt wird und die einzige Hoffnung auf Heilung außerhalb der Wälder liegt. So ernst die Situation auch ist, beharrt der geschwächte Mann darauf, dass Anna auf keinen Fall die Außenwelt betritt, woraufhin das pflichtbewusste Mädchen nicht mehr länger still sitzen kann und sich unauffällig auf den Weg macht, ein Gegenmittel für das Leid ihres Großvaters zu besorgen. Womit sie allerdings nicht rechnet, ist eine alte Hexe, die die Gelegenheit nutzt und Anna aufgrund ihrer besonderen Kräfte tief in den Wäldern gefangen nimmt.


An dieser Stelle startet auch schon die Reise rund um Anna und ihre außergewöhnlichen Begegnungen. Obwohl das ursprüngliche Spiel als Point-and-Click-Adventure konzipiert wurde und dementsprechend auf eine Maus ausgelegt war, wurde die grundsätzliche Steuerung überarbeitet und an die Gegebenheiten eines einfachen Controllers angepasst. So müsst ihr zu keinem Zeitpunkt einen Cursor bewegen, sondern steuert die Protagonistin ohne Umstände per Analog-Stick und erforscht Objekte mit Knopfdrücken. Auch wenn diese Umstrukturierung durchaus lobenswert ist und von einer mühevollen Portierung zeugt, lässt es sich nicht vertuschen, dass das fundamentale Genre nicht auf diese Spielweise ausgelegt ist und es etwas beschwerlich sein kann, interessante Gegenstände zu überprüfen.


Während ihr in der PC-Version mit schnellen Mausklicks problemlos mehrere Objekte in Sekunden begutachten könnt, müsst ihr in der Nintendo Switch-Portierung erst mal zu jedem Punkt eurer Wahl laufen. Was nun pedantisch klingen mag und vor allem zu Beginn, wenn Schauplätze noch recht überschaubar ausfallen, weniger nervtötend ausfällt, erweist sich gerade im späteren Spielverlauf als ein kleines Problem, das in der Summe umso gewichtiger ist. Wer nun die Sorge hat, jedes Szenario langwierig nach Objekten abzusuchen, kann auch ganz einfach per Knopfdruck alle interessanten Gegenstände auf dem Bildschirm markieren. Tipps oder Ähnliches bleiben leider außen vor, was in Anbetracht des doch recht einfachen Schwierigkeitsgrades keineswegs fatal ist, für jüngere Spieler, die aufgrund des Grafikstils fraglos angesprochen werden, aber mit Sicherheit eine nützliche Option gewesen wäre.


Mit Köpfchen ans Ziel


Die Möglichkeiten der Interaktion sind recht abwechslungsreich und bilden das Grundgerüst sämtlicher Rätsel. Während es möglich ist, Gegenstände ganz einfach zu analysieren, lassen sich manche Items aufheben und im Inventar kombinieren. Vereinigt ihr also einen gebogenen Löffel mit einer Schnur, ergibt das gewonnene Erzeugnis einen Haken, der scheinbar zu enge Orte leichter erreichen lässt. Solche Rätsel erstrecken sich häufig nur über wenige Bildschirme und obwohl es oftmals viel zu einfach ist, sämtliche Kombinationsmöglichkeiten durchzuprobieren, liegt es noch immer am Spieler, das letztendlich vereinigte Item an der passenden Stelle anzuwenden. Die hinterhältige Hexe hätte aber an Anna kein Interesse, wenn sie nicht mit magischen Fähigkeiten ausgestattet wäre. Das junge Mädchen besitzt nämlich telekinetische Kräfte und kann Dinge aus der Distanz manipulieren oder auch zerstören.


Animierte Sequenzen geben wichtigen Szenen den letzten Feinschliff.

© Daedalic Entertainment GmbH

Auch wenn dieses Feature nur sehr oberflächlich zum Einsatz kommt und im Grunde genommen als Untersatz dafür dient, Anna mit abgelegenen Stellen interagieren zu lassen, ergänzt sich die Fähigkeiten doch recht passend zu den restlichen Möglichkeiten der allgemeinen Kommunikation mit der Spielwelt. Wie es für eine grafische Erzählung üblich ist, liegt die Handlung im Vordergrund und wird hauptsächlich von Dialogen, die sogar auf deutsch verfügbar sind, und, in seltenen Fällen, kurzen Animationssequenzen erzählt. Während die Geschichte an und für sich solide ist und den Spieler mit Sicherheit dazu animiert, das Ende zu erleben, ist es das Setting, das vorwiegend die ganze Geschichte ausmacht. Von einfachen Einflüssen der Brüder Grimm bis hin zu spezifischen Anspielungen behandelt Anna's Quest klassische Volksmärchen auf eine eigene Art und haucht dem Ganzen trotz seriöser Züge gerne eine humoristischen Note ein. Die märchenhafte Darstellung wird von malerischen Grafiken getragen, die durch den simplen Stil angenehm für das Auge sind und die für das Genre beachtliche Spielzeit von etwa 10-15 Stunden angenehm versüßen.


Weniger atmosphärisch ist der Soundtrack, welcher leider absolut zum Vergessen ist und nicht den Standard der visuellen Sparte halten kann. Selbstverständlich ist dieser Punkt mehr als subjektiv, weswegen im gleichen Atemzug erwähnt werden sollte, dass die englische Synchronisation ebenso gemischt ausfällt und häufig nicht die Emotionen wiedergibt, die man erwartet. Gerade Anna klingt viel zu oft unheimlich monoton und wirkt wie ein passive Darstellerin, die die ganzen Ereignisse überhaupt nicht betreffen. Sie wird von einer bösartigen Hexe eingesperrt und muss ihren todkranken Großvater heilen? Egal, die Buntstifte sehen ziemlich hübsch aus. Sprechende Tiere spielen am Straßenrand Musik? Na ja, irgendwie müssen sie sich ja die Zeit vertreiben. Es ist oftmals diese eigenartige Gleichgültigkeit, die Anna entweder ungreifbar macht oder die Situation weniger brisant wirken lässt, als sie eigentlich ist.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Kevin Becker

Anna's Quest bietet sehr viel mehr, als es der unscheinbare Name vermuten lässt und bedient sich erfolgreich an klassischen Volksmärchen, um eine fantasievolle Spielwelt aufzubauen, ohne ins Absurde abzudriften. Unterstützt wird diese Darstellung von einem einfach gehaltenen Comic-Look, der dauerhaft stimmig anzusehen ist und besondere Momente mit speziellen Animationssequenzen ausschmückt. So schön das Auge auch verwöhnt wird, kann die auditive Komponente nicht mithalten und setzt euch entweder vor lustlose Synchronsprecher oder generische Musikstücke. Ebenso zwiespältig fällt die Steuerung aus, die sicherlich angepasst wurde und deswegen Fleiß beweist, letztendlich aber nur zweckdienlich ist und keinesfalls so reibungslos wie eine Bedienung per Maus abläuft. Ungeachtet dessen bereitet Anna's Quest gerade in kurzen Intervallen jedoch viel Freude und mag euch vielleicht nach dem Durchspielen nicht lange in Erinnerung bleiben, dafür aber mit einem zufriedenstellenden Gefühl zurücklassen.
Mein persönliches Highlight: Eine Anlehnung an mein Lieblingsvolksmärchen.

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