Das Spiel zum Sportereignis, das es so nicht geben wird

Die Olympischen Spiele gelten alle Jahre wieder als das größte Sportereignis der Welt und vereinen alle Nationen unserer Erde im sportlichen Wettkampf. Bei der Jagd nach den Goldmedaillen zeigen Athleten nicht nur sportliche Hochleistung, sondern verschieben auch immer wieder die Grenzen des menschlichen Könnens. 2020 sollte Olympia in Tokyo halt machen, wofür sich Japan schon lange zuvor vorbereitet hatte. Unvorgesehen konnte das Spektakel dann aber nicht planmäßig stattfinden, was den Auswirkungen der damals frisch ausgebrochenen Covid-19-Pandemie verschuldet war. Gemeinsam suchten das IOC und die japanische Regierung nach Ausweichmöglichkeiten und einigten sich schließlich auf einen Alternativtermin. Aufgeschoben und nicht aufgehoben werden die Olympischen Spiele 2020 demnach voraussichtlich vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokyo stattfinden.


Zu den Olympischen Spielen ist jeder eingeladen. Auch Sonic the Hedgehog!

© IOC / SEGA

Es markiert das erste Mal in der Geschichte, dass die Olympiade nicht turnusgemäß abgehalten wird. Absagen hat es in der Vergangenheit schon eine Handvoll gegeben, aber noch keine Verschiebung. Unter diesem Aspekt stellen die offiziellen Videospiele zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo ebenso ein Novum dar, weil sie das Sportspektakel so zeigen, wie es sein sollte, nicht aber, wie es der Realität entsprechen wird. Da bekommt die Klassifizierung als Sportsimulation gleich eine ganz neue Bedeutung.


Nachdem man die Olympischen Winterspiele 2018 ausgelassen hatte, sicherte sich SEGA für die Ausgabe im eigenen Heimatland wieder die Olympia-Lizenz und ging damit in die Vollen. Ganze vier Titel schmücken das Line-up an offiziellen Videospielen zum Event. Am bekanntesten dürfte Mario & Sonic bei den Olympischen Spielen: Tokyo 2020 für die Nintendo Switch sein, der neueste Ableger in der langjährigen Crossover-Reihe von Nintendo und SEGA. Daneben erschienen aber auch eine Arcadehallen-Version des Titels und mit Sonic bei den Olympischen Spielen: Tokyo 2020 sogar eine Mobile-Version, die jedoch auf die ikonischen Mario-Figuren verzichten muss. Last, but not least produzierte SEGA eine neutral gehaltene Sportsimulation, die im vergangenen Monat als Olympische Spiele Tokyo 2020 – Das offizielle Videospiel in Europa erschienen ist. Und um genau die soll es sich in diesem Test drehen.


Machen wir uns ans Eingemachte. Das offizielle Videospiel bietet 18 der 50 möglichen Disziplinen in digitaler Form an. Diese wollen wir vollständigkeitshalber einmal alle benennen: 100 m, 110 m Hürden, Hammerwerfen, Weitsprung, 100 m Freistil, 200 m Lagen, BMX, Sportklettern, 4 x 100 m-Staffel, Baseball, Basketball, Fußball, Beachvolleyball, Tischtennis, Tennis, Boxen, 7er-Rugby und Judo. Die Auswahl ist ziemlich konservativ und bietet kaum Überraschungen. Aus dem Bereich Leichtathletik wurden wieder einmal einige sich ähnelnde Disziplinen gewählt, was der Gameplay-Vielfalt zu Schaden kommt. Neuzugänge im olympischen Programm wie Baseball und Sportklettern können immerhin für etwas mehr Abwechslung sorgen.


Die Lehmanns zeigen ihr Können im Judo.

© IOC / SEGA

Was den Spielspaß betrifft, fallen die meisten Disziplinen durchaus positiv auf. Die Balance zwischen Realismus und albernem Arcade-Spaß ist gut getroffen und macht die virtuelle Olympiade spielerisch zugänglich. Besonders gefallen hat mir, wie auszuführende Bewegungen in den Sportarten durch die auf dem Controller verfügbaren Sticks und Knöpfe imitiert werden. So geht es im Tischtennis äußerst interaktiv zur Sache, wenn ihr eure Figur mit dem linken, eure Schläge mit dem rechten Stick steuert. Das macht einen deutlich besseren Eindruck, als stumpf per Knopfdruck zurückzuschlagen. Ähnlich dynamisch läuft es im Hammerwerfen ab: Zuerst durch Kreiseln des Sticks genügend Schwung aufbauen, dann im richtigen Moment loslassen.


Gerade bei technischen Disziplinen wie Judo oder Boxen fällt schnell auf, dass es das offizielle Videospiel ernst meint. Durch bloßes Button-Mashing kommt ihr nicht an die Gold-Medaille. Die K.I. der Computergegner ist erstaunlich schlau und je nach Disziplin auch verdammt knackig im Schwierigkeitsgrad. Mit den Reflexen meines Gegenübers im Sportklettern konnte ich einfach nicht mithalten. Tatsächlich sind die meisten Disziplinen auch gar nicht darauf ausgelegt, sofort gemeistert zu werden. Mit wiederholtem Spielen schaltet ihr Tipps frei, welche euch zusätzliche Kniffe verraten, die es im Basistutorial nicht zu hören gab. Das kann bei der Jagd nach Gold zumindest auf kurze Dauer den Wiederspielwert erhöhen und sorgt für eine gesunde Lernkurve.


Die Verlierer des offiziellen Videospiels sind teambasierte Ballsportarten wie Fußball und Basketball. Hier will der Funke für mich nicht so recht überspringen. Das mag daran liegen, dass es mit dezidierten Reihen wie FIFA und NBA bereits erstklassige Videospielumsetzungen der jeweiligen Sportarten gibt. Dieses Niveau kann SEGA für einzelne Disziplinen innerhalb einer Sportspielsammlung selbstverständlich nicht erreichen und peilt es auch gar nicht an. Daneben wirken die Umsetzungen im offiziellen Videospiel aber auch schlicht zu unspektakulär und werden von einer schwerfälligen Steuerung geplagt.


Mächtige Spezialtechniken sorgen für zusätzlichen Pepp.

© IOC / SEGA

Neben den Disziplinen legt das offizielle Videospiel auch einen großen Schwerpunkt auf die Athleten selbst. Zu Beginn des Spiels werdet ihr aufgefordert, euren eigenen Athleten zu erstellen. Dazu steht ein beeindruckendes Avatar-Erstellungssystem bereit, womit sich so ziemlich absolut alles eurer Figur individualisieren lässt. Während für Ungeduldige auch zufallsgenerierte Avatare zur Verfügung stehen, können sich andere eine gute Weile mit diesem Charaktereditor beschäftigen. Neugierig habe ich mich auch daran gewagt und war erstaunt darüber, wie realitätsnah meine Figur aussah. Für gewöhnlich habe ich Schwierigkeiten damit, mich in Videospielen abzubilden, aber hier ging es einfach von der Hand. Auf diese Weise könnt ihr nicht nur euch selbst, sondern jeden erdenklichen Menschen nachbilden, um mit ihm an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Lustige Kostüme gibt es da noch obendrauf.


Schlussendlich ist der Spaß aber nur von kurzer Dauer. Mit Sicherheit kann jeder den ein oder anderen Favoriten finden, der einmal öfter gespielt wird, aber als Gesamtpaket geht dem offiziellen Videospiel schnell die Luft aus. Jede Disziplin ein paar mal gespielt, mit dem Avatar-Erstellungssystem herumgealbert und zusätzliche Kostüme freigeschaltet, findet ihr euch schon bald ohne neue Inhalte wieder. Der Online-Modus, welcher alle Disziplinen abdeckt, kann nur begrenzt motivieren. Einerseits aufgrund des Spielermangels, andererseits wegen der Verzögerung des Spielgeschehens. Die Bewegungen anderer Spieler werden nicht immer akkurat übertragen. Unter Freunden würde sich eine lokale Partyrunde also noch eher eignen, als gemeinsam online anzutreten. Dann könnte man sich aber schon gleich überlegen, ob man nicht eher zu Mario & Sonic bei den Olympischen Spielen: Tokyo 2020 greift.


Abschließend ein paar Worte zu Technik und Co.: Olympische Spiele Tokyo 2020 – Das offizielle Videospiel läuft sauber und sieht größtenteils zufriedenstellend aus. Auf anderen Plattform werdet ihr ein klareres Bild bekommen, aber die Nintendo Switch-Umsetzung ist nicht von schlechten Eltern. Leider unterbrechen lästige Ladezeiten immer wieder den Spielfluss. Es dauert für meinen Geschmack zu lange, eine Disziplin zu beginnen oder zu wiederholen. Das Spiel kann häufig nicht zum Punkt kommen und führt von einer Wartezeit zur nächsten, bevor die Action losgehen kann. Eine schnellere Abwicklung wäre wünschenswert gewesen. Besonders im Handheld-Modus fällt zudem eine Qualitätsminderung auf, was gerade feinen Details wie den Zuschauern im Hintergrund wortwörtlich nicht gut zu Gesicht steht. Menüs hätten für eine einheitlichere und direktere Bedienung auch mehr Feinschliff vertragen können.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Daniel Kania

Aufgrund der besonderen Umstände bei der diesjährigen Olympiade wird mir Olympische Spiele Tokyo 2020 - Das offizielle Videospiel ganz bestimmt für immer als ein kurioser Fall in Erinnerung bleiben. So zeigt die Sportspielsammlung nämlich – vollkommen unbeabsichtigt und unvorhergesehen – eine alternative Realität. Für eingefleischte Olympia-Fans wird das ein Segen sein, da sich das eigentlich geplante Sportevent unbeschwert in den eigenen vier Wänden nachspielen lässt. Das bringt Normalität, wenn auch simuliert. Nun taugt der Titel aber nicht nur als Zeichen, sondern auch als Videospiel, zumindest für kurze Zeit. Die 18 verfügbaren Disziplinen können je nach Spiel- und Sportgeschmack durchaus für Laune sorgen, stolpern manchmal aber auch aufgrund einer schwerfälligen Steuerung oder eines kurzlebigen Konzepts. Lobenswert ist dabei die Gestaltung der Computer-gesteuerten Gegner sowie der Tiefgang in den einzelnen Mechaniken. Ein beeindruckendes Avatar-Erstellungssystem, freischaltbare Kostüme und der vollumfängliche Online-Modus versuchen zwar, das Interesse aufrechtzuerhalten, können die allgemeine Modi-Armut aber kaum kaschieren. Wenn es denn Olympia sein muss, eignet sich Mario & Sonic bei den Olympischen Spielen: Tokyo 2020 wohl besser für Partyabende.
Mein persönliches Highlight: Ganz klar das Avatar-Erstellungssystem, mit dem sich jede Kleinigkeit anpassen lässt.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 11

  • Mariofan98

    Turmknappe

    Ich brauch das ehrlich gesagt nicht, ich hab schon Mario & Sonic 2020 auf Switch, was ich auch am Freitag beginnen werde...:dk:

  • Footy

    Turmheld

    Danke für den Test. Wirkt eigentlich ganz gut, nur der Preis ist mir für die geringe Langzeitmotivation zu hoch. Ich packe das Spiel mal auf die Wunschliste und bei 15 - 20€ werde ich dann zuschlagen.

  • Lockenvogel

    Dumm aber klug!

    Ich hoffe, Sega patcht nachträglich noch das Publikum von den Rängen... von wegen Authentizität und so. ;-)

  • Solaris

    Turmmonsterreiter

    Das Spiel sieht so 2020er aus… ich meine wir haben '21, da können wir Spieler grafisch schon mehr erwarten. ;)

  • kirby7eleven

    Turmbaron

    Fantastisches Spiel im Multiplayer. Klar, kein Tiefgang, aber obwohl Fußball, Baseball, Basketball natürlich wo anders intensiver gezockt werden können, machen gerade die Ballsportarten hier eine Menge Spaß. Tennis ist besonders hervor zu heben. Das spielt sich besser als alle Tennisspiele der letzen Jahre. Und mit Rugby haben wir auch einen Mordsspaß!


    Weitere Highlights: Klettern, Lagen-Schwümmen, 110m-Hürden... <3

  • alfalfa

    Turmfürst

    Habe es jetzt mal über Xbox Game Pass / Gold antesten können und bin noch mehr enttäuscht, als ich es nach diesem Test erwartet habe.


    Das macht ja wirklich gar keinen Spaß.

    Bei der Auswahl "Olympische Spiele" muss man alles einzeln auswählen, es gibt keine richtige Olympiade wie früher.

    Oder man wählt vorgegebene Mixe aus Disziplinen, oder man stellt sich selbst was zusammen.


    Entweder bin ich zu blöd, oder es gibt einfach nicht mehr den ganz normalen Modus, dass eine Disziplin nach der anderen kommt, bis man alle durch hat und man ein Gesamtergebnis sieht.


    Wie konnte SEGA das nach so tollen Spielen wie Athlete Kings / Virtua Athlete so versauen?

    Ist ja genau dasselbe wie bei Mario & Sonic in Tokio.

    Also das werde ich nicht einmal im Sale kaufen.

  • Lockenvogel

    Dumm aber klug!

    Wie konnte SEGA das nach so tollen Spielen wie Athlete Kings / Virtua Athlete so versauen?

    Dir ist aber bewußt das diese Saturn Games schon mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel haben und ein Großteil der damaligen Entwickler mittlerweile in Rente wenn nicht sogar tot sein dürfte. Wie viele durchgängig gute offizielle Sommer- oder Winter-Olympia Spiele hast du denn überhaupt in deinem Leben gespielt? Nach meiner Zählung seit ca 1986 können das nicht viele sein!

  • alfalfa

    Turmfürst

    Lockenvogel


    Die C64 Spiele mal außen vor, hatte ich viel Spaß mit den beiden genannten auf Saturn und Dreamcast, Winter Heat, Olympic Gold, diversen RTL Winter Sports, manchen Mario & Sonic Teilen auf der Wii und mein Liebling war Eurosport Winter Stars.

    Nicht alles Olympiaden, aber halt die meisten davon so sinnvoll aufgebaut, dass es einen Modus gibt, wo man nacheinander verschiedene Sportarten spielt und am Ende ein Gesamtsieger feststeht, oder ein Story-Modus, wo man sich bis zum Ende durchkämpft und nicht so lieblos hingeklatscht "hier haste paar Sportarten, spiel davon mal die eine oder andere".


    Das Grundgerüst von Tokyo 2020 ist ja nicht schlecht, aber die wichtigsten Sachen macht das Spiel eben nicht gut.

    Man wählt eine Sportart, muss sich zuerst qualifizieren und rennt dabei allen davon und im nächsten Schritt ist man im Halbfinale und sieht kein Land mehr, obwohl das Spiel einem ständig was von "neuer Rekord" sagt und dann muss man wieder die Qualifikation spielen, wo man wieder allen davonrennt.


    Beim Tennis ist es auch so - der Finalgegner ist von einem anderen Stern. Gut umgesetzt ist es aber auch nicht, da macht sogar ein ungepatchtes Tennis World Tour auf der Switch mehr Bock.

  • kirby7eleven

    Turmbaron

    alfalfa wie kann ich das denn antesten auf der Box? Ist doch weder im Pass noch ein Gold-Spiel?

  • alfalfa

    Turmfürst

    kirby7eleven


    Ist unter Gold - Kostenlose Spieltage verfügbar.


    Habe vorhin nochmal länger angespielt - mir gefällt es immer noch nicht.

    Tischtennis hat Bock gemacht und BMX auch.

    Hammerwurf ist auch nicht schlecht.

    Aber der Rest eher so naja...

    Für nen 5er vom Krabbeltisch vielleicht mal...

  • kirby7eleven

    Turmbaron

    Danke! (wort2, wort3)