Eine Geschichte der Freundschaft und des Schmerzes

Bai Qu: Hundreds of Melodies ist eine chinesische Visual Novel des Entwicklers Magenta Factory, die manche von euch vielleicht bereits durch Shan Gui kennen, dessen Geschichte sich ebenfalls in Nanjing im Osten Chinas abspielt. In Bai Qu für den Nintendo eShop wird eine Geschichte von Trauer, Freundschaft und Lebensfreude erzählt, die durch Hintergrundbilder und angenehmer Musik untermalt wird.


Mit Krankenschwester Yang ist nicht zu spaßen, wenn es um das Wohl ihrer Patientinnen geht.

© Ratalaika Games S.L. / Magenta Factory

Die Handlung beginnt mit der traurigen Nachricht, dass Li Jiayun gestorben ist – doch wer ist dieses musikalische Mädchen, das überall sehr beliebt schien und dessen Tod eine ganze Region in Trauer versetzte? In Bai Qu: Hundreds of Melodies schlüpft ihr in die Rolle des Studenten Wei Qiuwu und erlebt, wie er Li Jiayun in einem Krankenhaus kennenlernte und nach und nach eine enge Beziehung mit der um ein paar Jahre jüngeren, schüchternen Schönheit aufbaute.


Bai Qu: Hundreds of Melodies ist eine reine Visual Novel, bei der es kein Gameplay gibt und der Fokus voll und ganz auf der Geschichte liegt. Ihr könnt entweder durch das Drücken der A-Taste euer eigenes Lesetempo bestimmen oder alternativ die Autoplay-Funktion mit dem Y-Knopf aktivieren, um den Text automatisch in einer Geschwindigkeit eurer Wahl abspielen zu lassen. Zu beachten ist jedoch, dass gesprochene Texte stets bis zum Ende ausgesprochen werden, sofern ihr diese nicht manuell mit der A-Taste vorspult. Da das chinesische Voice-Acting sehr gut ist, hat mich dies jedoch nicht gestört und ich habe mir gerne alle Texte zur Gänze angehört. Bis auf den Erzähler und Wei Qiuwu, aus dessen Sicht ihr spielt, sind alle Charaktere vertont, was das Spielerlebnis sehr aufwertet.


Darüber hinaus gibt es auch ein Text-Log, wo ihr verpasste Texte erneut nachlesen oder nachhören könnt. Auch eine Skip-Funktion (besonders nützlich für erneute Durchläufe, um die alternativen Endings zu erhalten) sowie zahlreiche Speicher- und Ladestände sind im Spiel eingebaut. Insgesamt ist die Geschichte sehr linear und es gibt nur eine Handvoll Stellen, wo ihr zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen könnt, welche die Story leicht beeinflussen. Beachtet jedoch, dass das Spiel über keine Autosave-Funktion verfügt und ihr stets manuell speichern solltet, um euren Spielfortschritt nicht zu verlieren.


Eine Runde „Maria Kart“ gefällig?

© Ratalaika Games S.L. / Magenta Factory

In Bai Qu: Hundreds of Melodies werdet ihr als Wei Qiuwu nicht nur mit der schüchternen Li Jiayun, sondern auch mit ihrer lebhaften besten Freundin He Jia sowie der oftmals sehr harschen Krankenschwester Yang viel Zeit verbringen und durch Aktivitäten wie dem Beibringen des Radfahrens, dem gemeinsamen Kochen oder dem Helfen bei der Aufführung einer eigenen Theatervorstellung enge Freundschaften knüpfen. He Jias Märchen, auf dem die Theatervorstellung basiert, bei der sich ihre Freunde als Tiere im Wald verkleiden, stellt eines der Highlights und zugleich ein zentrales Storyelement im Spiel dar.


Wei Qiuwus Eltern, vor allem sein Vater, hoffen eigentlich, dass Qiuwu eine Freundin findet – und im Abenteuer werdet ihr zum Großteil Bekanntschaften mit hübschen Mädchen machen – doch Qiuwu scheint nicht erpicht darauf zu sein, eine romantische Beziehung zu starten. Vielmehr ist ihm Freundschaft und die Gesundheit der schwerkranken, jedoch dennoch stets lebensfrohen Li Jiayun wichtig. Anders als bei anderen Visual Novels ist trotz der Tatsache, dass Qiuwu fast nur Mädchen und Frauen begegnet, nicht das Dating im Fokus, sondern die Freundschaft und der Slice-of-Life-Aspekt der chinesischen Freunde. Etwas unpassend und störend (besonders bei Gesprächen über ernste Themen) könnte daher sein, dass es dennoch einige Bilder gibt, bei denen die Unterwäsche der Mädchen zu sehen ist bzw. anzügliche Posen besonders hervorgehoben wurden – Fanservice, der manchen, aber bestimmt nicht allen gefallen wird.


Ihr werdet im Laufe des Abenteuers vorwiegend weibliche Gesellschaft haben.

© Ratalaika Games S.L. / Magenta Factory

Mit Bai Qu: Hunderds of Melodies werdet ihr über zehn Stunden beschäftigt sein – und wenn ihr alle Enden sehen wollt, dann sogar noch einige Stunden mehr. Manche Stellen im Spiel wirken leider ein wenig zäh und ich hatte manchmal das Gefühl, dass einfach zu wenig passiert, sodass ich nicht immer volles Interesse an den Dialogen von Qiuwu mit den unterschiedlichen Charakteren wie beispielsweise den Schwestern von He Jia hatte. Dass alle Li Jiayun derart liebten, ist möglicherweise ihrer tragischen Krankheitsgeschichte sowie ihrer netten Persönlichkeit zu verdanken. Diese kam aber im Verlauf lange Zeit nicht sehr gut zur Geltung, sodass ich mich besonders in der ersten Hälfte des Abenteuers manchmal fragte, wieso Qiuwu derart fokussiert auf Jiayun war.


Die Hintergrundbilder sind sehr schön und auch die Charaktere sind gut designt, jedoch leider fast komplett statisch und es gibt beim Sprechen keine Bewegungen des Munds. Die englische Übersetzung ist nicht fehlerfrei, jedoch trotzdem verständlich – dass Qiuwu zudem von den Mädchen im chinesischen Originaltext oft als großer Bruder bezeichnet wird, dies jedoch nicht übersetzt wurde, ist hingegen eher kein Kritikpunkt, sondern den kulturellen Unterschieden geschuldet (in China werden generell sogar fremde Personen gerne als großer/kleiner Bruder oder große/kleine Schwester bezeichnet). Grund zur Kritik bietet jedoch die Steuerung des Menüs, die sich trotz optionaler Touch-Unterstützung umständlich anfühlt und nicht intuitiv von der Hand geht. Abschließend möchte ich den Soundtrack besonders hevorheben, der größtenteils aus neu komponierten, wunderschönen Klavierstücken besteht (auch ein Chopin-Stück hat sich in den OST eingeschlichen) und in Kombination mit den Natur-Soundeffekten eine schöne Hintergrundkulisse für die meist heitere, teilweise aber auch traurige Handlung bietet. In der Galerie könnt ihr euch sowohl die zahlreichen Bilder und Artworks ansehen als auch den tollen Musiktracks lauschen, die sich gut als Hintergrundmusik beim Arbeiten eignen.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Felix Eder

Bai Qu: Hundreds of Melodies zeigt, dass man die schönen Momenten des Lebens am besten mit sehr nahestehenden Personen genießen sollte, denn das Leben kann kurz und ungewiss sein. Zugegeben konnte mich die Geschichte aber leider nur teilweise fesseln, denn besonders in den ersten paar Stunden sind viele der Konversationen recht unspektakulär und nicht sonderlich spannend. Im späteren Verlauf des über zehn Stunden langen Abenteuers gibt es jedoch Momente, wie beispielsweise die Theateraufführung oder das Ende der Geschichte, die durchaus Gefühle auslösen können und besser in Erinnerung bleiben werden. Wer große Wendungen oder viel Action sucht, ist bei Bai Qu definitiv falsch, doch wer Visual-Novel-Fan ist, eine bittersüße Slice-of-Life-Geschichte mit authentischem chinesischen Voice-Acting erleben und einen Studenten beim Schließen von Freundschaften mit verschiedenen weiblichen Bekanntschaften begleiten will, dem kann ich, auch in Anbetracht des niedrigen Preises, durchaus empfehlen, der Geschichte eine Chance zu geben.
Mein persönliches Highlight: Der schöne Soundtrack und das chinesische Voice-Acting.

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