Versinkt im Sumpf der eigenen Psyche

Schon im Early-Access wusste das Spiel Dreamscaper zu begeistern. Der 12. August schlägt nun den Gong zur Veröffentlichung des vollständigen Spielerlebnisses für die Nintendo Switch. Ein Spiel, welches versucht, eine tiefgründige Slice-of-Life-Geschichte mit epischem Kampfsystem zu kombinieren – kann das funktionieren? Wir haben den Test gemacht.


Das Spiel Dreamscaper handelt von einer jungen Frau namens Cassidy, die alleine in einer kleinen Stadt lebt. Dort haust sie in einem kleinen Apartment und widmet sich dem Trübsalblasen und Träumen. Wenn Cassidy im Bett ihre Ruhe findet, taucht sie in die Welt der Träume ein und bestreitet dort epische Kämpfe gegen ihre inneren Dämonen. Doch ein Besuch ihres Unterbewusstseins ist nicht ohne Gefahren. Schnell kann die Stimmung von melancholisch zu dramatisch umschlagen und ein scheinbar harmloses, luzides Abenteuer entpuppt sich als tiefer Fall in das große Loch des eigenen Herzens.


Ein Kampfsystem inmitten der Irrwege der Seele


Cassidys Träume sind in verschiedene Traumebenen eingeteilt. Jede dieser Ebenen beschäftigt sich thematisch mit diversen Erlebnissen aus Cassidys Leben, welche allesamt von unangenehmen oder traumatischen Erinnerungen handeln. Zu Beginn des Traumes befindet ihr euch beispielsweise im Heimatort aus Cassidys Jugend. Dort könnt ihr einerseits die Gegend erkunden und andererseits verschiedene Gegenstände aufgabeln. Jede Traumebene ist in verschiedene, quadratische Bereiche eingeteilt, die man über Portale erreichen kann. In jedem Bereich erscheinen verschiedene Kreaturen, welche euch angreifen. Euer Ziel ist es, mit so vielen Ressourcen wie möglich in die nächste Ebene einzutauchen. Wir sprechen hier also von einer Art Dungeon-Crawler mit düsterem, teils realitätsnahem und gleichzeitig fantastischem Setting.


Kämpfe bekommen durch geschicktes Angreifen und die Beobachtung der Umgebung eine herausfordernde Würze.

© Afterburner Studios

Die Traumversuche sind in Traumebenen, also Ebenen des Unterbewusstseins eingeteilt. Die Reihenfolge, in welcher ihr die Ebenen erkundet, ist festgelegt. Mit jedem neuen Versuch, den ihr unternehmt, verändert sich aber der Aufbau der verschiedenen Ebenen. Es ändern sich die Anordnung von Bereichen undsowie die Spawns der Monster und Gegenstände. Außerdem kann man verschiedene Erinnerungsfragmente zufällig finden, die intime Erlebnisse von Cassidy thematisieren. So wird permanent eine vielseitige Welt geboten. Ihr werdet immer wieder neue Versuche wagen, tiefer in das Unterbewusstsein zu reisen. Ein spannender Umstand ist, dass jeder neue Tauchgang ein neues zufällig zusammengestelltes Trauminventar zu Verfügung stellt. Konkret gesagt bedeutet das, dass ihr in jeder Runde mit anderen Nahkampfwaffen, Schild und Bogen in den Kampf zieht. Im Verlauf der Handlung könnt ihr auch freischalten, dass ihr beim Start eines Traumes mit einem bestimmten Inventarinhalt in diesen wandern wollt. Die Auswahl der Waffen ist nicht nur vielseitig sondern auch essenziell für eine erfolgreiche Spielrunde. Während manche Waffen langsam sind, aber viel Schaden austeilen, gibt es auch Waffen, die sehr agil sind, aber dafür an Kampfkraft einbüßen. Jeder von euch wird seine persönliche Waffe finden, die er am liebsten nutzen und weiter verbessern wollen wird.


Cassidy hat während ihrer luziden Traumreise auch eigene, aufladbare Spezialfähigkeiten. Eine mögliche Spezialfähigkeit ist, dass sie die Zeit im Traum verlangsamen kann, was euch als Spieler die Chance bietet entscheidende Schläge zu landen. Durch den Wechsel von Fern- und Nahkampfwaffen müsst ihr einerseits die Schwächen der Gegner erforschen und ausnutzen. Andererseits könnt ihr aber auch euren individuellen Kampfstil entwickeln. Nach jeder Ebene wartet ein persönliches Problem von Cassidy, personifiziert durch eine finstere Kreatur, die nach eurem Leben trachtet. Die Kämpfe mit diesen finsteren Kreaturen sind episch und verlangen nicht nur gute Waffen und Fähigkeiten, sondern auch Skills eurerseits. Fehler vergibt das Spiel nicht und unbedachte Aktionen können einen Vorteil innerhalb eines Wimpernschlags verspielen . Durch das Vorkämpfen von Ebene zu Ebene zieht auch der Schwierigkeitsgrad stark an. Gegner werden vielseitiger, stärker und aggressiver. Prinzipiell wachst ihr als Spieler mit dem Spielverlauf. Wenn ihr aber doch einmal versagen solltet, habt ihr immer wieder eine neue Chance euch zu beweisen.


Der Traumtod und das seelische Leiden in der Wirklichkeit


Wenn ihr einen Durchgang nicht besteht, was ziemlich wahrscheinlich in den ersten Versuchen ist, wacht Cassidy erschrocken in ihrem Bett auf. Nun ist die Möglichkeit gegeben die Lebenswirklichkeit von Cassidy zu erkunden. Schnell wird aber klar, dass es Cassidy nicht gut zu gehen scheint. In verschiedenen, zugänglichen Bereichen der Stadt lassen sich Punkte für Kreativität, Tagträumerei und Meditation, welche man in den Traumdurchgängen gesammelt hat, in Verstärkungen und andere Boni eintauschen. Ihr könnt euch zum Beispiel spezielle Räume freispielen, die euch in euren Traumabenteuern eine besondere Unterstützung sein können. Diese speziellen Räume können neben netter Schätze auch eine Reihe spannender und teils kniffliger Rätsel freischalten. Ihr könnt also durch euren Fortschritt Cassidys Träume aktiv mitgestalten und euer Abenteuer sowohl erleichtern als auch versüßen. Eigene Fähigkeiten lassen sich ebenso verstärken und bieten so noch mehr Möglichkeiten, die eigene Spielweise zu fördern.


Während eines Traumes sammelt ihr Sand, den ihr gegen Waffen und andere Gegenstände eintauschen könnt.

© Afterburner Studios

Der eigentliche Inhalt der echten Welt sind aber die sozialen Interaktionen. Zu Beginn ist besonders auffällig, dass Cassidy sehr in sich gekehrt ist und starke Schwierigkeiten zu kommunizieren hat. Durch den Verlauf der Handlung schaltet man das Basteln frei. Mit gebastelten Gegenständen kann man sich die Gunst der Mitmenschen verdienen und mit ihnen sprechen. Jeder Charakter, dem ihr begegnet, spricht aus seiner Sicht über die Welt. Wie auch im echten Leben findet man bei Dreamscaper viele Individuen, die an ihren Idealen hängen und mit ihrem Leben kämpfen, aber – anders als Cassidy – sich nicht verstecken. Cassidy lernt sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Sie bricht in einem langwierigen Prozess aus ihrem Schneckenhaus aus. Oft spürt man die unangenehme Atmosphäre oder empfindet ähnlich wie Cassidys Gegenüber, weil sie eine eher zögerliche Person ist. Auf der anderen Seite konnte ich Cassidys Zögern durchaus nachvollziehen, denn ihre Depressionen machen es ihr schwer, sich durchzusetzen. Sie unterliegt im echten Leben ihren inneren Dämonen und schafft es dank neuer Freunde nur langsam an Kraft zu gewinnen. Besonders spannend ist die Mechanik, dass eine Freundschaft auch positive Effekte auf die Traumreisen haben kann. Cassidy wird also auf beiden Fronten durch neue soziale Interaktionen gestärkt.


Thematisch ist das Spiel ein Meisterwerk, welches mir persönlich noch nicht oft unter die Augen gekommen ist. Statt mit wortgewaltigen, teils künstlichen Dialogen, bekommt ihr hier nackte Tatsachen präsentiert, die sich so echt anfühlen, dass ihr glauben werdet, ihr würdet eine echte Situation auf der Straße beobachten. Von den Entwicklern ist es sehr mutig, ein Spiel mit der Thematik Einsamkeit, Unsicherheit und Depressionen auf den Markt zu bringen und das Ganze auch noch mit einem Action-Kampfsystem zu verbinden. Heraus kommt eine überraschende Mischung, welche eine Kontrastierung zeichnet, die zwischen den Möglichkeiten in der Traumwelt und der realen Gegebenheiten spielt. Viele von euch werden sich selbst vielleicht ab und an wiedererkennen und genau das macht die fesselnde Magie des Spiels aus – es wirkt real. Real genug für echte Gänsehaut und tropfende Tränen!


Nicht nur in der Handlung ein Meisterwerk


Viele Spiele leben von visuell ansprechenden Designs. Das Spiel Dreamscaper versucht euch ein besonderes Erlebnis für Augen und Ohren zu bieten. Überraschend für mich war, dass es in den Optionen die Möglichkeit gibt, zwischen dem Quality- und dem Performance-Modus zu wechseln. Der Quality-Modus ist als Standard-Einstellung eingestellt und lässt das Spiel mit der höchstmöglicher Bildqualität bei einer Bildrate von 30 Bildern pro Sekunde laufen. Mit dem Performance-Modus werden Spieler angesprochen, die Wert auf eine hohe Bildrate legen. Eine Reduzierung der Bildqualität ist im Austausch für 60 FPS zu ertragen. Die Wahl liegt bei euch. Ich persönlich habe beide Varianten ausprobiert und mich für den Quality-Modus entschieden, da so die Magie der Traumwelt besser zu Geltung kommt. Ein besonderer, grafischer Faktor ist die detailliert ausgearbeitete Umgebung, die einen in eine Traumwelt entführt, die täuschend echt wirkt. Gepaart mit kreativen Dämonen-Designs, die sich in den Träumen tummeln, wird ein stimmiges Bild geliefert, das sich nur positiv auf das Spielerlebnis auswirkt.


Verschiedene, tiefgründige Dialoge warten auf ihre Entdeckung. Durch das Verschenken von Basteleien werden mehr Gespräche ermöglicht.

© Afterburner Studios

In der Lebenswirklichkeit von Cassidy sieht man die Gesichter der Menschen nicht. Zu Beginn mag dies durchaus befremdlich wirken, bietet aber besondere Tiefe, wenn es um Interpretation geht. Diese Geschichte kann von jedem von uns handeln, denn jeder kann einmal von einer Depression betroffen sein. Dreamscaper versucht mit seiner Grafik und der teils sehr düsteren Farbgebung mehr Verbundenheit zu den Charakteren zu erzeugen. Widergespiegelt wird die Stimmung in den Träumen überwiegend über das Spiel von Licht und Schatten. Helles Licht kollidiert mit finsteren Elementen und kann so sehr schnell die positive Stimmung in jede Richtung umkippen lassen. Von Nostalgie über Unbehagen bis hin zu Verzweiflung wird eine große Bandbreite an Emotionen geliefert, welche durch eine passende Farbgebung untermalt werden.


Die Soundtracks sind passend zu den verschiedenen Situationen abgemischt. Sie drängen sich nicht in den Mittelpunkt und sind eher als Unterstützer für die Stimmung eingearbeitet. Von ruhigen Melodien bis hin zu emotional geladenen Kompositionen ist eine breit gefächerte Sammlung von Stücken gegeben. Kämpfe werden hierbei genauso intensiv begleitet wie das entspannte Erkunden der Umgebung. Durch die musikalischen Einlagen werdet ihr euch ständig motiviert fühlen, weiterzukämpfen und die dunklen Schatten ans Tageslicht zu zerren.


Insgesamt glänzt Dreamscaper auf ganzer Linie. Die Handlung ist intensiv und realitätsnah erzählt, ohne die Thematik zu beschönigen. Kämpfe sind vielseitig zu bestreiten und bieten genügend Gelegenheiten seinen eigenen Spiel- und Kampfstil zu entwickeln. Nicht nur ändern sich Dungeons immer wieder, auch der Schwierigkeitsgrad zieht immer weiter an, sodass auch Fans von herausfordernden Adventure-Spielen voll auf ihre Kosten kommen. Zu kritisieren wäre meiner Auffassung nach die fehlende Anleitung im Spiel. Es wird zwar am Anfang ein gutes Tutorial zum Kampf gegeben, aber andere Funktionen, die man im Laufe des Spiels freischaltet, sind eher durch eigenes Ausprobieren zu verstehen.

Unser Fazit

9

Geniales Spiel

Meinung von Simon Münch

Schon beim Starten des Spiels wird man von den Entwicklern in Textform herzlich begrüßt. Viel Mühe und Liebe soll in dieses Spiel gesteckt worden sein. Diese Passion ist in jedem Bereich des Spiels zu spüren. Tatsächlich kann Dreamscaper jede Faser des Herzens berühren. Eine nahezu perfekte Abmischung von audiovisuellen Effekten wurde mit einer packenden aber nicht überladenen Handlung verbunden. Zwei Themen, die ferner nicht sein konnten, werden in einer Symbiose zusammengeführt, die euch einen echten Mehrwert bieten – Spielspaß und Selbstreflexion. Durch die aktuellen und vergangenen Beschränkungen durch die globale Corona-Pandemie haben viele Menschen echte Erfahrungen mit Einsamkeit und Isolation gemacht. Diese Gefühle werden im Spiel in den Mittelpunkt gerückt und mit gekonntem Feingefühl vermittelt ohne zu urteilen oder eine bestimmte Meinung aufzudrücken. Es liegt an jedem Spieler selbst, welche Meinung er im Laufe des Spiels entfalten wird. Der Vorteil einer weniger dick aufgetragen Handlung ist, dass Spieler, die sich eher für das Gameplay interessieren, voll auf ihre Kosten kommen können. Eine Fülle an Waffen, Verbesserungen und auch sich ändernde Dungeons machen jeden neuen Traumdurchlauf zu einem großartigen und spielenswerten Abenteuer. Gekrönt wird das Spiel durch seinen Preis. Aktuell ist das Spiel für 19,99 Euro gelistet – ein sagenhaftes Schnäppchen. Die Leistung übersteigt den Preis um ein Vielfaches und ist deshalb jedem Sparfuchs wärmstens ans Herz zu legen. Die zwei Optionsmöglichkeiten, die Grafik anzupassen, sind außerdem ein nettes Detail, das jedem Spieler die Möglichkeit gibt, selbst zu entscheiden, wie viel Performance und grafische Details gewünscht sind. Für mich zumindest ist Dreamscaper bisher die positivste Überraschung im Gaming-Jahr 2021!
Mein persönliches Highlight: Die verschiedenen Gespräche zwischen Cassidy und den Einwohnern der Stadt.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 11

  • Luna

    Turmritter

    Ich warte schon ewig darauf, dass das Spiel für die Switch erscheinen wird und jetzt ist es endlich so weit! Wird gekauft :)

  • Darkseico

    Turmfürst

    Sehr schöner Test. Danke dafür. :)Welches Genre wird dieses Game gegliedert?

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Darkseico das Spiel lässt sich den Genre Rogue-like, Action-RPG und Dungeon-Crawler zuordnen. Es ist schwierig Dreamscaper in eine Schublade zu stecken.:link_confused:

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    Turmknappe

    Es ist beeindruckend, dass dieser test komplett ohne das Wort "Hades" auskommt. Ohne es im Early Access gespielt zu haben, klingt es wie ein geistiger Hades-Nachfolger. Bilde ich mir das nur ein? Hat der Tester Hades vielleicht nie gespielt und lässt den Verweis deshalb aus?

    Ich tue mich mit Rogue-Likes schwer, aber Hades war für mich das beste Spiel der letzten Jahre, so dass meine Kaufentscheidung maßgeblich davon abhängen wird, wie ähnlich sich die Spiele sind.

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Bilde ich mir das nur ein? Hat der Tester Hades vielleicht nie gespielt und lässt den Verweis deshalb aus?

    Leider habe ich Hades bisher noch nicht zwischen die Finger bekommen. Aber ich würde auf dem ersten Blick auch sagen, dass Dreamscaper vom Gameplay Ähnlichkeiten mit Hades haben könnte.

  • Zarathustra

    Meister des Turms

    Auf meiner Wunschliste war der Titel eh schon, durch den Test hier habe ich allerdings gestern abend noch mehr Reviews gesucht und jetzt Guthaben gekauft um die Entwickler sofort zu unterstützen.

  • Palatinum

    Turmritter

    Es wäre schön wenn man irgendwie vermerken könnte, ob die jeweiligen Spiele als Modul oder rein digital erscheinen.

  • Werbeblocker

    Turmknappe

    Leider habe ich Hades bisher noch nicht zwischen die Finger bekommen. Aber ich würde auf dem ersten Blick auch sagen, dass Dreamscaper vom Gameplay Ähnlichkeiten mit Hades haben könnte.

    Dann aber schnell. Wer so einen test schreibt, wird Hades als Meisterwerk empfinden!

  • SvenIsHere

    Lord des Donners

    Nach dem ersten Trailer war ich mir schon sicher, dass ich mir das Spiel zulegen werde. Großartig das es in den Test so positiv bewertet wird.

  • Simon Münch

    Inselsprecher

    Dann aber schnell. Wer so einen test schreibt, wird Hades als Meisterwerk empfinden!

    Das Gefühl habe ich auch:D

  • Zarathustra

    Meister des Turms

    So,nachdem ich fast die ganze Nacht durchgesuchtet hab schließe ich mich der 9 ein,sagenhaftes Spiel,das gameplay ist sowas von bis ins kleinste Detail ausgereift, großartig