Ein passendes Portal für jedes Rätsel

Rund fünf Jahre arbeitete ein kleines Entwicklerstudio aus Bukarest, Alien Pixel Studios, an einem Puzzle-Platformer mit Metroidvania-Elementen. Mit Hilfe von etwas Unterstützung via Kickstarter ist nun ein Abenteuer in einer wunderschönen, handgezeichneten 2D-Welt herausgekommen, das mich schon mit dem ersten Trailer an Titel wie die beiden Ori-Teile oder Hollow Knight erinnert hatte. Ob sich Unbound: Worlds Apart mit ebendiesen Genre-Giganten messen kann oder von ihnen in den Schatten gestellt wird, verrate ich euch in meinem Spieletest.


Was wartet auf der anderen Seite des Portals?


Unbound: Worlds Apart entführt euch in die malerische Welt von Vaiya. Am Abend, an dem eine Feier zu Ehren Vaiyas Wächter stattfinden soll, ist der junge Magier Soli gerade außerhalb seines Dorfes unterwegs. Während der Vorbereitungen auf die Feier öffnet sich plötzlich ein mysteriöses Portal, durch das bösartige Kreaturen hervortreten, angeführt von einem Dämonenkönig. Noch vor Solis Rückkehr wird das Dorf vollständig zerstört und geht in Flammen auf. Der kleine Zauberer flieht, nachdem er den Tod seiner Mutter mit ansehen muss. Dabei stürzt er in einen tiefen Abgrund und findet dort einen Kristallsplitter, der ihm die Macht verleiht, Portale zu öffnen. Mit seiner neuen Gabe im Gepäck macht er sich auf den Weg, um die Welt vor dem Unheil zu bewahren und die verschollenen Bewohner zweier Welten zu retten.


Solis Dorf steht in Flammen. Ob es Überlebende gibt?

© Alien Pixel Studios

Den Großteil der Handlung bekommt ihr in Dialogen mit den verbleibenden NPCs überall in der Spielwelt mitgeteilt. Direkt löblich erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass das Spiel vollständig in die deutsche Sprache übersetzt wurde, was gerade bei einem Indie-Titel aus einem kleinen Studio gewiss keine Selbstverständlichkeit ist. Daneben werden euch gelegentlich animierte Sequenzen geboten, die vor allem die tragischen Momente in Solis Geschichte untermalen. Hier darf man sich jedoch nicht auf aufwändige Produktionen, wie man sie beispielsweise aus den beiden Ori-Spielen kennt, einstellen. Dennoch können sich die Sequenzen sehen lassen und erzählen eine schöne, wenn auch in Teilen traurige Geschichte, welche jedoch eher eine Rahmenhandlung setzt, um darin das Gameplay des Indie-Titels zu verpacken.


Soli, seines Zeichens ganz in rot gekleidet und mit einer immer lodernden Flamme an der Spitze seines Zauberhutes, muss auf seiner Reise viele Hindernisse überwinden. Mit dem linken Controlstick oder wahlweise den Pfeiltasten könnt ihr ihn bewegen, während sämtliche Aktionen frei den Tasten eures Controllers zugewiesen werden können. Genau genommen gibt es hier gerade einmal fünf Dinge, die Soli ausführen kann: mit Objekten oder Personen interagieren, springen, sprinten und ein Portal aktivieren. Ansonsten könnt ihr lediglich noch die Karte oder das Pausenmenü öffnen. Im Spielverlauf schaltet ihr weniger als eine Handvoll neuer Fähigkeiten frei, darunter zum Beispiel ein Doppelsprung oder das bereits erwähnte Sprinten, was Soli einen schnellen Satz geradeaus machen lässt. All das klingt zunächst nicht sonderlich spektakulär und lässt die Vermutung aufkommen, dass sich das Gameplay recht einseitig gestaltet.


Sesam, öffne dich! Ein Blick durch das Portal zeigt, dass Soli die Wand durchschreiten kann.

© Alien Pixel Studios

Der eigentliche Star des Gameplays ist aber die bereits erwähnte Fähigkeit, per Knopfdruck Portale erscheinen zu lassen. Anfangs werdet ihr euch in einer Sackgasse wiederfinden, in der ein Hindernis euren Weg versperrt oder ihr einen viel zu großen Abgrund überwinden müsst. Aktiviert ihr ein Portal um Soli, könnt ihr einen Blick in eine andere Welt werfen, wo das Hindernis verschwunden ist oder euch eine Plattform beim Überqueren des Abgrundes hilft. Schnell werdet ihr jedoch auch mit weiteren Facetten dieser Mechanik konfrontiert, wenn eigentlich harmlose Kreaturen in der anderen Welt zu brutalen Bestien werden, ihr aber auf das Portal angewiesen seid, um voran zu kommen. Das alleine ist schon eine nette Prämisse, um ein ansprechendes Gameplay zu bieten, doch die Entwickler haben hier nicht aufgehört. So ist die eben beschriebene Portalfähigkeit nur eine von vielen, die ihr an unterschiedlichen Stellen der Welt nutzen könnt.


Regelmäßig werdet ihr steinerne Torbögen durchschreiten, die eurem Kristallsplitter andere Fähigkeiten verleihen, sodass die Portalfähigkeit an verschiedenen Orten ganz andere Auswirkungen hat. Anstatt nur ein Portal mit Blick in eine andere Welt zu öffnen, kann sie so beispielsweise die Gravitation umkehren und Soli an der Decke laufen lassen. Durch mehrmaliges Ein- und Ausschalten der Portale kann er somit sogar durch ganze Passagen hindurch schweben. An einem finsteren Ort bietet euch die Portalfähigkeit Licht, welches euch erkennen lässt, wohin ihr euch bewegt und welche Kreaturen in der Dunkelheit auf euch warten. Eine wieder andere Fähigkeit lässt euch auf halbe Größe schrumpfen oder die Zeit verlangsamen. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele verschiedene Möglichkeiten, Gebrauch von Solis Kristall zu machen, sich die Entwickler haben einfallen lassen. Und selbst wenn ihr einmal eine alte Fähigkeit erhaltet, die ihr bereits aus dem früheren Spielverlauf kennt, so warten damit ganz neue Herausforderungen auf euch, die von euch noch mehr Geschick und noch mehr Herumprobieren verlangen.


Oben ist unten: Mit der Gravitationsumkehr geht Soli sprichwörtlich an die Decke.

© Alien Pixel Studios

Letzteres macht übrigens einen großen Teil des Spielverlaufs aus. Während sich Rätsel zu Beginn noch ohne große Schwierigkeiten lösen lassen, werden diese zunehmend kniffliger und erfordern neben Geduld vor allem schnelle Reflexe. Wer sich Unbound: Worlds Apart ansehen will, sollte also grundsätzlich nicht dem Erschließen neuer Gebiete nach dem Trial-and-Error-Verfahren abgeneigt sein. Fair gestaltet wird das Erkunden der Welt jedoch beinahe jederzeit durch eine gewaltige Anzahl an Checkpoints, die fast jeden kleinen Fortschritt für euch sichern, um größere Frusterlebnisse zu vermeiden. Auch kommt ihr durch die über 30 Teleporter, die sich über die gesamte Welt verteilen, schnell von einem Ort an einen anderen. Auch dies trägt dazu bei, euch längere Laufwege zu ersparen und sorgt dafür, den Spielfluss am Laufen zu halten.


Während seines Abenteuers muss Soli diverse Kristallsplitter einsammeln, um Tore zu öffnen und euch weitere Gebiete zugänglich zu machen. Dabei stolpert er auch über die zuvor erwähnten Upgrades seiner eigenen Fähigkeiten, die dann wiederum Metroidvania-typisch dazu genutzt werden können, um zuvor unerreichbaren Orten einen Besuch abzustatten. Sogar mit der ein oder anderen Bossbegegnung könnt ihr während eurer Erkundung der gewaltigen Welt rechnen. Abseits der Hauptwege und oftmals hinter einer fordernden Platforming-Passage versteckt, findet er außerdem verschollene Dorfbewohner, die euch Zugang zu einer von zwei speziellen Bonus-Gebieten mit besonders kniffligen Platforming-Herausforderungen verschaffen. Hier und im letzten Abschnitt eigentlichen Wegs entlang der Hauptmission solltet ihr besonders viel Geduld mitbringen, da die Entwickler dort den Schwierigkeitsgrad ganz schön hochgeschraubt haben.


Gameplaytechnisch muss sich Unbound: Worlds Apart also definitiv nicht hinter anderen Perlen seines Genres verstecken. Auch visuell und auditiv bekommt ihr hier einiges geboten. Die handgezeichneten 2D-Umgebungen laden zum Erkunden, Bewundern und ab und zu auch ein wenig zum Fürchten ein und werden durch einen atmosphärischen Soundtrack unterstützt. Leider hat sich Unbound performancetechnisch vielleicht doch ein bisschen zu viel von Ori abgeschaut, denn der Titel hat trotz der Tatsache, dass er grafisch nicht das anspruchsvollste Feuerwerk liefert, gelegentlich mit Leistungseinbrüchen zu kämpfen, sie sich, ähnlich wie beispielsweise bei Ori and the Will of the Wisps, in Einbrüchen der Framerate bemerkbar machen. Bei einem Platformer, der vor allem gegen Ende Wert auf Präzision und gutes Reaktionsvermögen eurerseits legt, ist dies nicht gerade förderlich. Dennoch fand ich die beschriebenen Probleme meist nur kurz irritierend und in ihrer Häufigkeit auch gut zu verschmerzen, weshalb ich dies nicht allzu sehr ins Gewicht fallen lassen möchte.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Philipp Pöhlmann

Unbound: Worlds Apart reiht sich ein in eine große Masse an Puzzle-Platformern, doch geht dabei nicht in deren Menge unter. Schon der erste Trailer erinnerte mich optisch sehr an Genre-Giganten wie die beiden Ori-Titel und kann mit diesen ganz klar mithalten. In einer liebevoll handgemalten 2D-Umgebung steuert ihr Soli, der durch einen mysteriösen Kristall die Fähigkeit erlangt, Portale zu öffnen und damit die Wirklichkeit zu verändern. Mit rund zehn verschiedenen Auswirkungen, die diese Portale haben können, kombiniert mit zusätzlichen Fähigkeiten für Soli selbst, bietet das Spiel gameplaytechnisch eine große Abwechslung und überzeugt bis zum Ende immer wieder mit frischen Ideen oder neuen Facetten von zuvor eingeführten Mechaniken. Dank eines großzügigen Checkpoint-Systems sind auch Platforming-Passagen, die besonders viel Trail-and-Error benötigen, stets fair gestaltet und lassen kaum Frust aufkommen. Dafür ist eher die Performance zuständig, die mit gelegentlichen Einbrüchen der Framerate zu kämpfen hat. Nichtsdestotrotz bietet Unbound: Worlds Apart ein solides Platforming-Abenteuer mit frischen Ideen, die nicht nur Fans des Genres gefallen dürften.
Mein persönliches Highlight: So knifflig die Rätsel und Platforming-Passagen auch werden, fühlt es sich doch immer wieder gut an, diese zu knacken.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 3

  • Animaniac

    Turmbaron

    Ich konnte jetzt auf den ersten Blick nicht sehen wie lange das Spiel geht, falls es erwähnt wurde.

    Aber ich hane die Dem8 gespielt und bin begeistert.

    Kommt definitiv auf meine Wunschliste.

  • preacha

    Turmknecht

    Animaniac schau mal auf die Seite howlongtobeat.com

    Nutze ich immer gerne für sowas. Sollte sich wohl zwischen 5 und 10 Stunden bewegen.

  • Animaniac

    Turmbaron

    preacha

    Oha, danke für den tollen Tipp mit der Seite 👍

    Als Anhaltspunkt schonmal sehr gut.

    Gleich mal die Seite notiert 😃