Ein Spiel, das nur bedingt aus der Reihe tanzt

Stellt euch einmal die folgende Situation vor: Ihr geht tagein, tagaus in die immer selbe, trostlose Fabrik, ackert euch körperlich ab und müsst dabei auch noch mitansehen, wie das letzte bisschen Leben aus eurer Umwelt gerissen wird und die Welt um euch herum immer mehr der eines dystopischen Romans gleicht. Klingt nicht gerade nach einem verlockenden Szenario? Dasselbe dürfte sich auch der Protagonist aus Out of Line denken, der einem solchen Szenario entkommen will und dabei auf eure Hilfe angewiesen ist.


Dies ist gewiss keine sehr angenehme Arbeitsumgebung.

© Hatinh Interactive

In dem Puzzle-Platformer verkörpert ihr San, ein Arbeiter aus der bereits beschriebenen Fabrik, die in einer düsteren Welt angesiedelt ist. Eure „Arbeitgeber“ bekommt ihr dabei nie zu Gesicht, stattdessen werden sie von metallischen Wesen, die schon mehr an Klauen erinnern, repräsentiert. Die Biester haben stets ein Auge auf die Arbeiterschaft und sorgen dafür, dass alles seinen gewohnten Gang geht. Wer aus der Reihe tanzt, der wird kurzerhand gepackt und verschwindet auf immer – Schicksal ungewiss. Und so kommt es, dass die unbarmherzigen Maschinen früher oder später auch einen uralten Baum, der verschiedene Erinnerungen mit sich trägt, angehen und dessen Erinnerungen wie Blätter im Winde verwehen. Und ab diesem Punkt kann auch San nicht mehr einfach nur zusehen und macht es sich zur Aufgabe, aus der Fabrik auszubrechen und sich auf die Suche nach den verlorenen Erinnerungen zu machen. Damit er dabei nicht völlig hilflos ist, bekommt er von einer dieser Erinnerungen einen goldenen Speer geschenkt, mit dem er sich fortan aufmacht, um gegen die Maschinen zu bestehen.


Soweit die Prämisse, die ihr in diesem Maße jedoch nie konkret vorgeführt bekommt. Denn Out of Line lebt ganz nach dem Prinzip „Show, don’t tell“ – die Entwickler arbeiten also völlig über die visuelle Optik und verzichten auf begleitende Texte oder gar Dialoge. Das klappt in vielen Fällen überraschend gut, scheitert jedoch besonders in Bezug auf die Handlung immer wieder. Doch gerade das Level- und Weltdesign unterstützt dieses Prinzip ungemein. Die einzelnen Gebiete, durch die ihr euch in ganz klassischer Platformer-Manier von links nach rechts bewegt, wirken nämlich wie aus einem Bilderbuch, wenn auch einem ziemlich düsteren. Denn dass die Welt, in der San lebt, keine sehr angenehme ist, wird anfangs sehr schnell und offensichtlich gezeigt. Selbst wenn ihr später auf noch unberührte Fleckchen Natur stoßt, könnt ihr euch sicher sein, dass eure eisernen Verfolger nicht weit sind, und so schafft es das Spiel sehr gut, euch die beklemmende Lage, in der sich die Welt zu befinden scheint, darzustellen. Wo das Prinzip der reinen Visualität dann aber scheitert, ist an der großen Handlung und vor allem San. Wieso der junge Fabrikarbeiter sich plötzlich berufen fühlt, dass gerade er jetzt zum Retter des Erinnerungsbaums aufsteigt, wird nie wirklich klar und es kam zumindest mir während meines ganzen Tests selten ein Gefühl der Bindung zum Charakter San auf – allein schon, weil er eine recht leere Hülle ist. Das ist per se nichts Schlechtes, doch so verkam San für mich zu einer gesichtslosen Figur, deren Sieg oder Scheitern mir relativ gleichgültig war.


Manche Rätsel sind als Semi-Bosskampf aufgezogen.

© Hatinh Interactive

Mir wurde jedoch aus einem anderen Grund nie klar, wieso gerade San zum Held auserkoren wurde, denn der schmächtige Fabrikarbeiter ist auch ziemlich wehrlos. Das ist natürlich alles gewollt und dem eigentlichen Spielprinzip geschuldet, denn in Out of Line geht es hauptsächlich darum, dass ihr Puzzles löst, immer wieder kleinere Platformer-Einlagen übersteht und euch vor euren Häschern in Sicherheit bringt. Denn obwohl San einen goldenen Speer in die Hand gedrückt kriegt, ist er absolut wehrlos. Die goldene Waffe dient euch nämlich eher als Werkzeug, um die diversen Rätsel zu lösen und euch an Stellen zu bringen, an die San so nicht gekommen wäre. Die Rätsel reichen dabei von einfachen Schalterrätseln, über kleine Physik-Knobelaufgaben, in denen ihr Zahnräder gezielt zum Halt bringen müsst, bis hin zu komplexeren Aufgaben, in denen ihr euren Speer immer wieder per Tastendruck zu euch zurückrufen und diesen auch gerne mehrmals als Hebel missbrauchen müsst. Die Rätsel sind dabei selten schwer und das Spiel gibt euch stets genug Zeit, um nach einer geeigneten Lösung zu suchen. Es kam zumindest in meinem Fall jedoch vereinzelt zu Rätselpassagen, bei denen ich fast verzweifelt wäre, weil das Spiel mir mehr schlecht als recht visuell dargestellt hat, was es denn nun von mir erwartet. Doch wie bereits erwähnt sind solche Stellen eher die Seltenheit.


In den Platformer-Passagen nutzt ihr euren Speer häufig als Sprungbrett oder um einen normalerweise aussichtslosen Sprung noch zu verkürzen. Solche Momente erfordern immer wieder ein bisschen Fingerspitzengefühl, doch San reagiert zum Glück recht klar auf all eure Aufgaben, sodass ihr euch nicht über eine schwammige Steuerung ärgern müsst. Das ist auch in den eher seltenen Momenten, in denen ihr vor Gegnern fliehen müsst, praktisch. Denn neben den großen eisernen Klauen gibt es noch kleinere Roboterwesen, die euch ans Leder wollen und gegen die ihr absolut machtlos seid. Doch seid ganz unbesorgt: das Spiel hat des Öfteren entweder einen rettenden Schalter, eine Schlucht oder, ganz nach dem Motto „Deus Ex Machina“, einen stärkeren Verbündeten parat, der eure Verfolger für euch ausschaltet.


In Sachen Optik macht Out of Line einen sehr guten Eindruck. Die bereits erwähnten Hintergründe wirken allesamt wie aus einem Bilderbuch, vor allem die Szenen, die etwas heller und lebensfroher daherkommen. Der Grafik gelingt es also sehr gut, die jeweilige Atmosphäre zu transportieren. An der Steuerung gibt es nichts auszusetzen, diese reagiert präzise und ist auch schnell erlernt.

Unser Fazit

6

Überzeugend

Meinung von Florian McHugh

Out of Line ist an sich ein wirklich schöner Puzzle-Platformer, der mit einer schönen Optik daherkommt, die das grundlegende Prinzip des „Show, don’t tell“ sehr gut umsetzt. Leider sorgt gerade dieses Prinzip aber auch dafür, dass ich keinerlei Verbindung zum Protagonisten San aufbauen konnte und dessen Schicksal mir letztendlich ziemlich egal wurde – gleiches gilt übrigens für den Rest seiner Kameraden. Die Handlung dient dabei eher als Mittel zum Zweck und kommt zwar mit einer interessanten Prämisse daher, den Entwicklern gelingt es letztendlich jedoch nicht wirklich, etwas daraus zu machen. Auf der Gameplayebene ist Out of Line ein solider Puzzle-Platformer, der einige fordernde Rätsel im Gepäck hat sowie mal mehr, mal weniger herausfordernde Platformer-Einlagen bietet, ohne euch zu irgendeiner Zeit unter Druck zu setzen. Wem die Optik gefällt und wer einen nicht allzu herausfordernden Platformer sucht, der wird hier sicher seinen Spaß haben. Wer jedoch eine etwas tiefgründigere Story sowie Charaktere sucht, mit denen man sich wenigstens ein bisschen identifizieren kann, und wem es nach anspruchsvollen Herausforderungen gelüstet, der sollte sich anderweitig umsehen.
Mein persönliches Highlight: Die wirklich schöne Optik des Spiels

Die durchschnittliche Leserwertung

0 User haben bereits bewertet

Kommentare 0

  • Noch keine Kommentare verfasst :(