Mit Minispielen und Rollenspiel-Repertoire gegen eine fiese Hexe

Es ist Anfang des neuen Jahrtausends und Spiele wie das Weltraumspiel OGame oder auch der Fußball-Manager Comunio sind der Hit im Online-Videospielsektor. Wie, euch sagen die Namen nichts? Dann liegt das entweder an eurem Jahrgang, daran, dass ihr vielleicht mit Browserspielen noch nie etwas anfangen konntet oder auch an der Tatsache, dass diese Sorte an Spielen aktuell keine große Rolle mehr spielt. Die Ära der flash- und browserbasierten Videospiele ging zum einem mit dem Untergang des immer wieder wegen Sicherheitslücken in Kritik geratenen Adobe Flash Players unter, aber auch Aufgrund des Zuwachses an Smartphones und verfügbaren Mobile-Spielen. Zu einer Zeit, in der es die smarten Geräte mit CandyCrush und Flappy Bird noch nicht gegeben hat, haben insbesondere Gelegenheitsspieler zu den browserbasierten Spielen gegriffen, da sie einerseits keine besonders potente Hardware erforderten und zumeist einen einfachen Spieleinstieg ermöglichten. Die letzte Welle vor dem Beginn des Aussterbens von Browserspielen hat Swords & Souls noch mitgenommen und der Mix aus Geschicklichkeits- und Rollenspiel war durchaus erfolgreich und beliebt. Ob der nicht-browserbasierte Nachfolger Swords & Souls: Neverseen dieselbe Euphorie hervorrufen kann, das lest ihr in den nachfolgenden Zeilen.


Schneller Einstieg, schnelle Progression


Bevor ihr ins Abenteuer zieht, dürft ihr euren Charakter visuell formen und ihm einen Rufnamen verpassen. Die Reise auf einer Galeone findet allerdings schnell ihr jähes Ende und ihr strandet aufgrund menschlichen Versagens auf der Insel Neverseen. Jetzt, wo ihr schon mal da seid, könnt ihr euch auch gleich nützlich machen – meint zumindest Sir Pupset, der euch mehr oder minder freundlich auf dem Eiland willkommen heißt. Eine Hexe bedroht das etwas verrückte Inselvolk und ihr wärt das perfekte Werkzeug, um ihre Pläne zu vereiteln.


Um erfolgreich im Kampf zu sein heißt es: Fleißig trainieren!

© Armor Games Inc.

Als neuer Abenteurer oder neue Abenteurerin seid ihr natürlich noch etwas schwach auf der Brust und habt wenig Ausrüstung sowie Fertigkeiten parat, um in der bunten weiten Welt von Neverseen überleben zu können. Viel trainieren ist also zwangsläufig unumgehbar. Doch anstatt wie in anderen Rollenspielen nach gewonnener Erfahrung nur ein paar Werte per Knopf zu erhöhen, müsst ihr selbst aktiv werden – in Form von Minispielen. Insgesamt fünf davon gibt es, aufgeteilt in die Kategorien Nahkampf, Fernkampf, Soulmagie, Verteidigung und Gewandtheit. Bei jedem gibt es etwas anderes zu tun, aber das Ziel bleibt immer dasselbe: Die Werte eures Charakters hochzutreiben. Die Minispiele sind alle wenig spektakulär und auf Hand-Augen-Koordination ausgelegt. Für das Nahkampftraining müsst ihr beispielsweise aus drei Richtungen heranfliegende Äpfel und später auch Zahnräder mit eurem Schwert im richtigen Moment treffen. Je mehr ihr zerschlagt, desto schneller wird das Geschicklichkeitsspiel. Um eure Fernkampffähigkeit zu verbessern, müsst ihr mit Pfeil und Bogen auf Zielscheiben und Puppen schießen, bevor diese wieder verschwinden. Habt ihr genügend trainiert, dann wird der nächste Rang freigeschaltet und die Minispiele zunehmend einen Hauch komplexer. Euer Charakter levelt dadurch immer weiter auf, wird stärker und somit auch fähiger, um gegen die Gegner etwas ausrichten zu können. Bei Levelaufstieg dürft ihr zudem noch einen Punkt in einen Talentbaum investieren, um Abklingzeiten zu reduzieren oder den Schaden eurer Fertigkeiten zu erhöhen.


Seid ihr stark genug, geht es hinaus, einigen übellaunigen Goblins, hässlichen Kobolden oder auch fiesen Tieren auf die Glocke zu hauen – dafür habt ihr ja schließlich trainiert. Wahlweise mit Schwert und Schild, Doppelklinge, Lanze oder anderen Waffengattungen geht es den Gegnern an den Kragen. Jede davon hat ihre eigenen Vor- und Nachteile bezogen auf den ausgeteilten Schaden oder den Schaden, der durch einen Treffer eures Gegenübers abgewehrt wird. Weitere Ausrüstungen wie Helme, Brustpanzer, Schuhe und Geschmeide wie Ringe ergänzen das Portfolio. Hier erfindet das Spiel das Rollenspiel-Rad nicht neu und die Auswahl an Ausrüstungen ist überschaubar, aber ausreichend. Hinzu kommen noch weitere Gegenstände, die bei Anlegen oder Nutzen eure Werte beeinflussen.


Angegriffen wird automatisch, aber eine Vielzahl an manuell ausgelösten Fertigkeiten machen die Kämpfe interessant.

© Armor Games Inc.

Was ebenfalls etwas anders abläuft als bei anderen Genre-Vertretern, ist die Art und Weise, wie die rundenbasierten Kämpfe ausgetragen werden. Abwechselnd seid ihr, eure etwaigen Weggefährten und anschließend eure Gegner am Zug. Jedoch habt ihr neben dem automatischen Angriff zusätzlich immer noch die Wahl, Fähigkeiten loszutreten, Zauber zu wirken, eure Fernkampfwaffe zu nutzen oder auch Tränke zu euch zu nehmen. Generell wäre es also möglich, alle Pfeile im Köcher abzuschießen, alle Zauber zu wirken und anschließend noch einen Angriff ausführen zu lassen. Jedoch verlangt das Spiel etwas mehr taktische Raffinesse von euch. So laden sich eure Fertigkeiten erst mit Ablauf einer gewissen Zeit wieder auf und in den allermeisten Kämpfen gibt es mehrere Runden mit mehreren Gegnern zu bestreiten.


Es könnte also taktisch sinnvoll sein, sich einige Fertigkeiten für später aufzubewahren, wenn es beispielweise in der letzten Runde einen stärkeren Endboss zu bezwingen gilt. Zu den Angriffsmöglichkeiten gesellen sich auch noch aktive Abwehrfähigkeiten wie Blocken und Ausweichen. Löst ihr im richtigen Moment die entsprechende Fähigkeit aus, dann pariert ihr den gegnerischen Schlag und holt zum Gegenangriff aus. Bei einer kritischen Trefferchance ist ebenfalls eine Eingabe von euch erforderlich. Diese zusätzlichen Geschicklichkeitseinlagen würzen die Kämpfe mit einer zusätzlichen aktiven Komponente und machen sie abwechslungsreicher, da gerade eine Abwehr mit Konter durchaus mal kampfentscheidend sein kann. Solltet ihr dennoch mal verlieren, dann ist das aber auch nicht weiter schlimm. Dann geht ihr noch etwas trainieren oder werbt in der Kneipe für ein paar Kämpfe Weggefährten an und probiert es anschließend abermals.


Trainieren, trainieren, trainieren


Im Artikel hatte ich sicherlich irgendwo mal erwähnt, dass das Trainieren der fünf Fertigkeiten eine der wichtigsten Bestandteile im Spiel sind. Verbessert ihr euren Charakter nicht in den eingangs erwähnten Kategorien, werdet ihr nur Niederlagen erleiden und diese bescheren euch keinerlei Erfahrung und damit auch keinerlei Charakterverbesserung. Also heißt es zumeist nach zwei bis drei Kämpfen: Trainieren, trainieren und abermals trainieren.


Jede eurer Fertigkeiten müsst ihr in Minispielen trainieren, um im Level aufzusteigen und eine Chance gegen eure Gegner zu haben.

© Armor Games Inc.

Und damit wären wir auch bei meinem schärfsten Kritikpunkt am Spiel. Auch wenn die Minispiele zunächst durchaus Spaß machen und diese bei Aufstieg in einen höheren Rang weitere Abwechslung mit sich bringen, so werden sie alle nach spätestens ein paar Stunden recht nervig und sind nur Mittel zum Zweck. Es ist etwas wie das fade Sammeln von Ingredienzien in einem MMORPG, nur um sich damit eine Ausrüstung schmieden zu können, sodass man dazu fähig ist, an den nächsten Raids teilnehmen zu können. Da reißt auch die anfängliche, bereits nach einigen Stunden abflachende, schnelle Progression nicht mehr so viel raus. Paradoxerweise wäre hier ein etwas schnelleres Aufsteigen im Level oder generell eine bessere Balance zwischen der Menge an investierter Minispielzeit und der Stärke des Charakters, beziehungsweise der Gegner, dem Spielspaß zuträglicher gewesen.


Hinsichtlich aller weiteren Werte im Spiel passt das Gleichgewicht gefühlt aber sehr gut. Die Menge an eingenommen Goldmünzen und immer teurer werdenden Upgrades hält sich fantastisch die Waage und generell wirken das Spielkonzept und die enthaltenen Mechaniken alle wohlüberlegt und austariert. Überall könnt ihr Goldmünzen oder Punkte investieren, um damit eure eigenen Charakterwerte hochzuschrauben oder etwas freizuschalten. Immer wieder habe ich mich gefreut, endlich genug Geld zusammengekratzt zu haben, um beispielsweise den Schmied für seine Arbeit gebührend entlohnen zu können und die nächsten Waffen freizuschalten.


Gefangen im Suchtstrudel


Gerade in den ersten Stunden ist die Progression unfassbar hoch. Die Werte eures Charakters für Blocken und Schaden schießen in die Höhe, es werden ständig neue Dinge in der Welt freigeschaltet und ihr seid nach nur wenigen Stunden schon in Levelregionen, von denen MMORPG-Spieler nur Träumen könnten.


Je weiter ihr im Spiel voranschreitet, desto mehr gedeiht das Dorf und neue Funktionen werden freigeschaltet.

© Armor Games Inc.

Zudem wird das Dorf, in dem ihr startet, kontinuierlich erweitert. Eine Kneipe, ein Marktplatz, ein Museum sowie ein Eigenheim, das ihr aufbauen könnt und vieles mehr erwarten euch bei Rückkehr in das heimelige Küstendorf. Jede der Lokationen bietet neue Gegenstände zum Kauf an, schaltet neue Fertigkeiten oder auch Funktionen frei. Man kennt das insbesondere von kostenlosen Spiele wie Candy Crush, Clash of Clans und Co. oder auch Clicker-Spiele á la Cookie Clicker, die einen auf magische Art und Weise in einen Suchtstrudel ziehen. Ein ähnliches Gefühl hatte ich auch bei Swords & Souls: Neverseen – jedoch ohne die nervige Werbung und Kaufangebote, die ständig um Aufmerksamkeit und Erleichterung des Geldbeutels buhlen.


Überall gibt es etwas in der malerisch gestalteten Welt mit ihren schrägen Bewohnern zu entdecken, selbst wenn es sich dabei nur um ein schnödes Angelloch handelt, bei dem ihr gemütlich Fische fangen könnt. Hinzu kommen Dinge wie unfassbar befriedigende Animationen, wenn beispielsweise nach einem Kampf eine Kiste aufspringt und mit einem prasselnden Geräusch versehen, ein Mischmasch an Gold und Items eingesammelt wird. Die hübsch gezeichneten bunten Umgebungen und auch die Gegner sowie euch freundlich Gesinnte sind alle liebevoll gestaltet und wirken durchweg rund und passend. Dazu gibt es eine exquisite klangliche Untermalung. Genau die Töne und Klänge, die man sich von einem mittelalterlich angehauchten Fantasy-Spiel mit Comic-Look erwartet, werden euch auf euer Ohr gezaubert. Etwas negativ aufgefallen sind mir allerdings die vielen Ladebildschirme. Bei jedem Bildwechsel, vom Dorf zur Karte, von der Karte zum Kampf und wieder zurück, erscheint stets für ein paar Sekunden ein Ladebildschirm. Das ist zwar meckern auf hohem Niveau, aber hier hätte ich mir etwas mehr Optimierung gewünscht.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von David Kuhlgert

Es ist ein Phänomen, wie einem schnell ansteigende Zahlen und eine kontinuierliche Progression unfassbar zufrieden stellen können. Bei Swords & Souls: Neverseen gibt es immer etwas zu tun, immer mehr Werte zu verbessern, immer Nachschub an Gegenständen, Währungen und Zeug, das ihr einsammeln und weiterverwerten könnt. Was für mich persönlich über kurz oder lang dem Titel aber leider Abzüge in der Note eingebracht hat, sind die immer gleichen und länger werdenden Minispiele, die zu einer unumgänglichen Farce verkommen. Nach nur ein paar Kämpfen musste ich wieder und wieder per Geschicklichkeits-Minispiel meinen Charakter trainieren, womit der Levelaufstieg sich zunehmend zäher gestaltete und der Weg dorthin mit meinen verloren Nerven gepflastert wurde. Was ich anfänglich noch als eine Herausforderung und Motivation zum Fortschritt verstand, verkam im weiteren Verlauf zur lästigen Langeweile. Dabei passt ansonsten alles in dem durchdachten und liebevoll designten Spiel. Die Mechaniken greifen alle sauber ineinander, es gibt humorvoll geschriebene Dialoge, einen fantastischen Fantasy-Look und sehr viel zu entdecken. Auch die Kämpfe machen unfassbar viel Spaß, bieten ein wenig Raum zur Individualisierung des eigenen Spielstils und spielen sich – trotz automatischem Angriff – durch die Geschicklichkeitseinlagen recht abwechslungsreich. Wer sich also von den repetitiven Minispielen nicht stören lässt und darin eher eine Motivation zum Vorankommen sieht, der findet in dem Geschicklichkeits-Rollenspiel-Mix ein wirklich gutes Spiel.
Mein persönliches Highlight: Der unkomplizierte Einstieg und die kontinuierliche Freischaltung von Features.

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