Mit dem Zug zur Spitze?

Wenn wir das Wort Zug hören, dann assoziieren wir die verschiedensten Dinge damit; Kindheitserinnerungen an die erste Holzlokomotive, Modeleisenbahnen, diverse Trips durch Deutschland und vielleicht die Zeit, die wir am Bahnsteig auf unseren nächsten Zug gewartet haben – womit wir auch direkt den Deutsche-Bahn-Witz hinter uns gebracht haben. Die wenigsten unter uns würden sich bei diesem Thema allerdings eine Fahrt durch die Hölle vorstellen. Doch gerade in dieses etwas exotische Szenario verfrachtet uns Monster Train: First Class, das neueste Rogue-lite-Spiel des Entwicklers Shiny Shoe, welcher sich augenscheinlich an dem Hit Slay the Spire bedient hat. Ob die Ähnlichkeit auch über den ersten Blick Bestand hat, der Titel auch Spaß macht und Fans des Genres ebenfalls stundenlang auf ihre Kosten kommen, all das klären wir in den folgenden Zeilen.


Hätte man früher™ noch behauptet, dass ein gutes Rogue-lite keine vernünftige Geschichte benötigt, dann wäre wohl ein vielsagendes Nicken gefolgt. Mittlerweile leben wir jedoch in Zeiten von Spielen wie Hades, welches ziemlich gut bewiesen hat, dass das Genre auch genug Potenzial für gute Geschichten bereithält – wie sieht es dahingehend also mit Monster Train: First Class aus? Nun, nicht ganz so gut, allerdings legt das Spiel auch keine Bruchlandung hin. Wie eingangs bereits erwähnt, spielt die Handlung auf den namensgebenden Monster-Zug an, der durch die Hölle rast und ihr seid als eine Entität, die auf den Namen Höllenbrut hört, mit an Bord. Der Twist an der ganzen Sache ist jedoch der, dass man sich die Hölle doch etwas anders vorgestellt hat: Überall herrschen eisige Weiten vor, gigantische Eiszapfen ragen von der Decke hinab und die Temperaturen gehen weit in die Minusgrade. Der Alptraum eines jeden Elternteils, dass ein Versprechen auf diesen Moment hin hinausgezögert hat: Die Hölle ist zugefroren. Dies ist das Werk der himmlischen Mächte, die den Krieg gegen die infernalischen Armeen gewonnen zu haben scheinen, wäre da nicht euer Zug denn dieser trägt die letzten Funken des Höllenfeuers in sich. Damit macht ihr euch auf den Weg ins Zentrum der dämonischen Brutstätte, um die lodernden Flammen erneut zu entfachen. Den himmlischen Streitern passt das allerdings nicht so richtig und dementsprechend müsst ihr euren Zug und das Glutfeuer mit eurem Leben verteidigen. Die Handlung von Monster Train passt strenggenommen auf einen Bierdeckel und kommt daher nicht ansatzweise an andere erzählerisch starke Titel heran. Was es jedoch gut macht, ist seine Welt, deren Bewohner sowie seine Angreifer abseits der Handlung genauer zu erklären. Dies geschieht zwar in drögen Textboxen vor den Kämpfen bzw. auf den Spielkarten, die ihr mit euch führt, doch man erkennt eindeutig, dass sich die Entwickler immerhin einige Gedanken gemacht haben.


Kleine Events lockern das Spielgeschehen auf und ermöglichen euch mitunter mächtige Boni.

© Shiny Shoe Inc.

Doch genug von der Geschichte, in Monster Train geht es schließlich um deutlich mehr als die Handlung. Das Spiel lässt sich wie auch schon Slay the Spire am ehesten in die Kategorie des Deckbuilding-Rogue-lite einordnen. Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Spiele sehr, angefangen bei der eher cartoonhaften Grafik, bis hin zu der Tatsache, dass ihr Karten verwendet, um Aktionen und Angriffe auszuführen. Daher wird hier des Öfteren auch der Vergleich zum vermeintlichen Vorbild herangezogen. Eine Partie sieht so aus, dass ihr euren Zug von einem Kampf zum nächsten auf einer kleinen Karte manövriert, die die jeweils aktuelle Ebene darstellt. Anders als zum Beispiel bei Slay the Spire hält sich eure Wahl pro Ebene jedoch stark in Grenzen: Ihr könnt euch aussuchen, ob ihr einen linken oder rechten Pfad beschreiten wollt, auf deren Wegen jeweils unterschiedliche Boni und Shops auf euch warten, mit denen ihr eure Einheiten aufrüsten könnt – doch dazu später mehr. Am Ende des Pfades erwartet euch dann auch schon der Kampf der aktuellen Ebene. Während ihr in Slay the Spire viele einzelne und kurze Kämpfe führt, erwarten euch in Monster Train genau acht Kämpfe, bis die aktuelle Partie vorbei ist. Das mag im ersten Moment nach wenig klingen, ein Durchgang kann euch aber gut und gerne 45 Minuten oder länger beschäftigen. Das liegt daran, dass das Schlachtfeld in Monster Train über vier Stockwerke aufgebaut ist. Während der Kämpfe schaut ihr aus einer Seitenansicht auf euren Zug, liebevoll auch Knochenbrecher genannt, in dessen oberstem Stockwerk die Höllenglut stationiert ist. Die Ebenen darunter sind die Kampfebenen, auf denen die Gefechte ausgetragen werden. Feindliche Einheiten starten in der Regel auf der untersten Ebene und arbeiten sich Runde für Runde hinauf, bis sie beim Höllenfeuer ankommen und diesem Schaden hinzufügen, was es natürlich zu vermeiden gilt. Klingt kompliziert? Zugegeben, in den ersten paar Runden war ich auch noch verwirrt, doch das Spiel nimmt euch in eurer ersten Runde in Form eines Tutorials an die Hand und auch so erlernt man die Grundzüge relativ schnell.


Damit das Höllenfeuer nicht einfach zerstört wird, könnt ihr euren Widersachern diverse Steine in den Weg legen. Dies tut ihr in Form von Karten, von denen ihr zu Beginn eine feste Anzahl in euer Starterdeck erhaltet. Um welche es sich dabei genau handelt, hängt ganz von eurem gewählten Stamm und eurem Nebenstamm ab, welche im Vergleich zu Slay the Spire am ehesten den Helden ähneln. Am effektivsten verteidigt ihr euren Zug mithilfe von Einheiten, die ihr frei auf den unterschiedlichen Etagen platzieren könnt und von denen jede über bestimmte Spezialfertigkeiten verfügen. Was alle Einheiten grundsätzlich gemein haben, sind ihr Angriffswert, ihre Lebenspunkte sowie die Kapazität, die sie benötigen. Denn ihr könnt logischerweise nicht einfach unendlich viele Einheiten auf jeder Etage platzieren, da sie nur über eine begrenzte Kapazität verfügen. Ist diese aufgebraucht, war es das und ihr könnt auf dieser Etage nur noch Status- und Magiekarten spielen, die ebenfalls auf eurer Hand landen und die entweder die Statuswerte eurer Einheiten verbessern, ihnen besondere Eigenschaften verleihen oder euren Gegnern Schaden hinzufügen oder deren Werte in den Keller sinken lassen. Insgesamt habt ihr im Laufe des Spiels die Wahl zwischen sechs verschiedenen Stämmen, die allesamt unterschiedlich ausfallen und jeweils ihren eigenen Spielstil mit sich bringen. Dadurch, dass ihr neben eurem Hauptstamm, der euch dann eine Champion-Einheit spendiert, noch einen Nebenstamm wählen könnt, sind ziemlich viele Kombinationen möglich, die Monster Train eine unglaubliche Tiefe verleihen. Selbst nach gut 80 Stunden Spielzeit bin ich immer noch auf neue Synergien gestoßen, wenn diverse Stammes-Karten ineinandergreifen – ein kleines Paradies für Tüftler und Strategen.


Die Bossgegner sind eine besonders harte Nuss. Dieser hier hat bereits die unterste Etage unseres Zuges vereist.

© Shiny Shoe Inc.

Bevor ihr allerdings alle sechs Stämme freigeschaltet habt, müsst ihr erst einige Partien hinter euch bringen. Denn hier ähnelt Monster Train wiederum jedem anderen Rogue-lite: Ihr werdet nicht drumherum kommen, eine Partie nach der anderen zu spielen und gerade anfangs werdet ihr dabei häufig scheitern. Damit das Ganze aber nicht in Frust ausartet, erhaltet ihr nach jeder Partie Erfahrungspunkte für eure beiden gewählten Stämme und steigt so mit der Zeit bis zum zehnten Level auf und schaltet gleichzeitig neue Karten frei, die dann für zukünftige Durchgänge verfügbar sind. So lassen sich selbst nach diversen erfolgreichen Runs immer wieder neue Einheiten und sogar Champions freischalten. Die neu hinzugewonnenen Karten werdet ihr auch bitter nötig haben, denn eure Widersacher haben es mitunter faustdick hinter den Ohren. Während manche nur wild um sich schlagen, heilen andere ihre verwundeten Kameraden oder sie setzen mächtige Magie ein, um eure Einheiten zu verwunden. Die Kämpfe laufen dabei rundenweise ab, wobei jede Etage nacheinander abgehandelt wird. Erst sind eure Gegner an der Reihe und greifen an, danach gehen all die Kreaturen, die den Ansturm überlebt haben, zum Gegenangriff über. Gibt es unter den Widersachern dann noch Überlebende, erklimmen diese die nächste Etage, bis sie schlussendlich bei eurer Glut ankommen, die sich zwar zur Wehr setzt, dabei aber auch Schaden nimmt. Nach einer festgelegten Anzahl an Runden, die von Level zu Level unterschiedlich ausfällt, kommt es dann zur großen Konfrontation mit einem Zwischenboss oder einem der großen Bossgegner. Der Kampf dahingehend unterscheidet sich von den normalen Kämpfen nur insofern, als dass der Kampf so lange ausgefochten wird, bis entweder eure Einheiten das Zeitliche segnen oder der Obermotz bezwungen ist.


Wie bereits zuvor erwähnt, wählt ihr zwischen den Kämpfen eine von zwei Routen, an denen entlang ihr verschiedene Boni in Anspruch nehmen könnt. Das kann zum Beispiel eine Schatztruhe sein, die ein mächtiges Artefakt enthält. Diese Gegenstände gelten für das gesamte Spiel und geben euch mitunter mächtige passive Boni wie zum Beispiel, dass eure Einheiten zu Beginn mit einem Schutzschild starten, eure Gegner über weniger Angriffsstärke verfügen, manche Karten mächtiger werden oder dass eure Höllenglut statt Leben erst einmal euren Goldvorrat aufbraucht. Letzteren könnt ihr zudem in einen von drei Läden verprassen. Darin könnt ihr entweder eure magischen Karten verbessern, euren Einheiten Upgrades verpassen oder in den deutlich selteneren Schatzläden neue Artefakte kaufen. Davon ab habt ihr zudem ab und an noch die Möglichkeit, die Lebenspunkte eurer Höllenglut aufzufrischen, eine Karte aus eurem Deck zu duplizieren oder eine Einheit von einem eurer gewählten Stämme zu ziehen. Abschließend gibt es dann noch die eisigen Höhlen, die ein kleines Event starten, bei dem ihr immer wieder Entscheidungen treffen müsst und dann entsprechend belohnt werdet. Manche der Entscheidungen wirken anfangs gerne auch einmal negativ, das Spiel gibt euch dann jedoch klar zu verstehen, dass ein möglicher negativer Effekt nur temporär ist und sich später ins Positive wandelt. Je nach Situation muss also gut abgewogen werden, welchen Pfad ihr nehmt. Nehmt ihr den linken Pfad, der mit einem Artefakt lockt und euch eine eisige Höhle bietet oder wählt ihr die alternative Route, in der ihr eure bereits angeschlagene Höllenglut wieder auffrischt und eine neue Einheit auf die Hand nehmen könnt? Solche Entscheidungen musste man auch schon in Slay the Spire treffen und auch hier gibt es des Öfteren Momente, in denen keine Wahl optimal zu sein scheint.


Es kann auch mal ziemlich voll werden im Laufe eines Kampfes.

© Shiny Shoe Inc.

Ein gutes Rogue-lite lebt natürlich auch von seinem Late-Game. Denn sowohl Binding of Isaac als auch Hades oder Slay the Spire bieten das kleine Bisschen an zusätzlicher Herausforderung. Beim direkten Konkurrenten ist es das Sammeln der drei Schlüsselfragmente und dem Besiegen eines „wahren“ Endgegners. Bei Monster Train verhält es sich ähnlich. Seit dem Erscheinen des DLC „The Last Divinity“, welcher der Nintendo Switch-Version bereits beiliegt, gibt euch das Spiel die Möglichkeit, nach dem ersten erfolgreichen Run spezielle Pakt-Scherben zu sammeln. Diese erhaltet ihr aus speziellen Gebäuden, die mächtige Boni und Artefakte bereithalten und euch eine bestimmte Summe an Pakt-Scherben bringen. Je mehr ihr davon sammelt, desto schwieriger werden jedoch die Kämpfe und sollte es euch gelingen, Seraph, den letzten Endboss mit 100 dieser Scherben zu bezwingen, dann schaltet ihr den endgültigen Widersacher frei. Ich muss gestehen, in meinen gut 80 Stunden ist mir dies bisher noch nicht gelungen und ich habe auch noch nicht alle Stämme auf ihren Maximalrang hochgelevelt. Ihr seht also, auch in Sachen Langzeitmotivation weiß euch Monster Train einiges zu bieten und bisher wurde das Spiel auch noch nicht langweilig. Eine Schwäche teilt sich der Titel jedoch mit Slay the Spire: Dadurch, dass ihr eure Karten immer noch zufällig zieht, kann es mitunter vorkommen, dass ihr die denkbar schlechtesten Karten in bestimmten Situationen zieht. Gerade in den letzten Kämpfen und mit höherem Schwierigkeitsgrad kann das dazu führen, dass ihr manch eine Partie verliert, ohne dass ihr explizit einen Fehler gemacht habt. Zwar ist die Chance durch das System der zwei Stämme bereits reduziert, gefeit seid ihr davor jedoch trotz allem nicht. Zudem wird die Progression mit der Zeit auch deutlich zäher, sodass neu freigeschaltete Karten mitunter einen Tick zu lange brauchen, bis sie eingesetzt werden.


Grafisch gibt es zu Monster Train nicht viel zu sagen. Das Spiel präsentiert sich in einem sehr bunten Comiclook, der bestimmt nicht jedermanns Sache ist. Die Figuren an sich sind allesamt schön gestaltet und an den Kartenmotiven lässt sich durchaus die Liebe zum Detail erkennen. Die Steuerung wurde gut von der Maussteuerung des PCs umgesetzt. Ihr navigiert mit dem linken Analogstick durch eure Karten, während ihr den rechten Stick nutzt, um durch die verschiedenen Etagen zu schalten. Wer im Handheld-Modus spielt, muss jedoch mit der mitunter zu kleinen Schrift leben – eine Option, diese zu vergrößern, gibt es leider nicht. Der Soundtrack kommt mit stimmigen und treibenden Tracks daher, von denen jedoch keiner wirklich großes Ohrwurm-Potenzial erreicht. Das Spiel wurde zudem komplett ins Deutsche übersetzt und man hat dahingehend eine solide Arbeit geleistet.

Unser Fazit

9

Geniales Spiel

Meinung von Florian McHugh

Ich bin bereits vor einigen Wochen auf Monster Train: First Class am PC aufmerksam geworden und überall war zu lesen, dass das Spiel ein großer Konkurrent zu Slay the Spire sein soll. Ich kann verstehen, wo dieser Vergleich herrührt, denn beide Titel haben auf den ersten Blick einige Gemeinsamkeiten und manches Mal wird auch gerne gemunkelt, dass die Entwickler sich doch ziemlich offensichtlich an dem Erfolgshit orientiert haben. Dem Ganzen kann ich an sich nicht widersprechen, jedoch unterscheiden sich die beiden Titel meiner Meinung nach trotz allem in elementaren Punkten. So ist Slay the Spire das deutlich schnellere Spielerlebnis, einzelne Kämpfe gehen vergleichsweise flott vonstatten und ihr müsst mehrere, kleinschrittigere Entscheidungen treffen, um letztendlich an der Spitze des Turms anzukommen. Monster Train wiederum ist etwas für all diejenigen unter euch, die gerne langfristiger planen und vor allem gerne tüfteln. Denn auch wenn in Slay the Spire viele Karten von ihren Effekten her ineinander übergehen, so treibt Monster Train diese Synergien noch auf die Spitze, was nicht zuletzt den sechs verschiedenen Stämmen geschuldet ist, die allesamt mit ihren komplett eigenen Spielstilen daherkommen. Dementsprechend ist Monster Train auch nicht das bessere Rogue-lite-Deckbuilding-Spiel, sondern wählt eine andere Herangehensweise. Wer mit Slay the Spire seinen Spaß hatte und dem Spielprinzip des Kartensystems nicht abgeneigt ist, der kommt hier voll auf seine Kosten und sollte unbedingt zuschlagen, vor allem, weil die First-Class-Edition auch die sehr gute Erweiterung The Last Divinity enthält, die das Spiel noch einmal um einen zusätzlichen Stamm, neue Einheiten für alle übrigen Stämme sowie einem aufgebohrten Late-Game erweitert.
Mein persönliches Highlight: Die taktische Vielfalt, die sich durch die vielen Stämme ergibt.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 5

  • Tomek2000

    Meister des Turms

    Scheint sehr interessant zu sein …

  • Tisteg80

    Meister des Turms

    Slay the Spire finde ich gut. Aber zu diesem Spiel hier habe ich mir gestern ein Video des Entwickler Teams angeschaut - und ich hab nicht mal ansatzweise kapiert, was wie funktioniert und was der Spieler da gerade macht.

  • Florian McHugh

    Retro-TowerCaster

    Tisteg80 So kompliziert es auch anmuten mag, es ist tatsächlich schnell zu erlernen ;)

  • BSnake

    Club Nintendo Mitglied

    Danke für den Tipp. Slay The Spire fand ich überragend - ich denk, ich werd Monster Train mal ne Chance geben :)

  • Jygge

    Turmknappe

    Wahnsinn. Seid wann gibt es denn Monster Train für die Switch?


    Das Spiel ist mega, hab es ne Zeit im gamepass gespielt und kann es nur empfehlen. Genau so wie slay the spire. Für mich vllt das beste Spiel der letzten Jahre...