Zu Besuch bei der Necrobarista in Melbourne

Es stürmt und blitzt draußen. Das Prasseln des Regens vermittelt genau die richtige Stimmung, die ich brauche, um eines meiner Bücher aufzublättern. Aber heute ist alles anders. Ich wage es! Ich nehme mir meine Nintendo Switch zur Hand, kuschle mich in meine Lieblingsdecke, nippe an meinem heißen Kakao und starte das Spiel Necrobarista: Letzte Ausschenkung. In welcher Weise diese Visual Novel mich begeistert und wieso es guten Büchern und anderen Visual Novels ordentlich Konkurrenz macht, erfahrt ihr jetzt.


Viel Witz, tiefsinnige Gedanken und spannende Charaktere geben hier den Ton an.

© Route 59

Necrobarista: Letzte Ausschenkung ist eine Visual Novel direkt aus Australien. Inspiriert durch verschiedene Animeproduktionen, versucht das Team Route 59 eine Visual Novel der besonderen Art auf den Videospielmarkt zu bringen. Im Zentrum steht ein Café in Melbourne – der Terminal. Dieser Ort gilt als Zwischenebene von Leben und Tod. Eine kleine Gruppe von Nekromanten lebt und arbeitet im Terminal und versorgt die lebenden und verstorbenen Gäste. Jedoch ist eine Regel stets zu befolgen: Jeder Tote hat diese Ebene nach 24 Stunden zu verlassen, ansonsten folgen ernsthafte Konsequenzen.


Das Setting dieses Spiels ist nicht nur mysteriös und einladend, es zeigt auch einen erfrischenden Blick auf das Leben nach dem Tod. Zu Beginn der Handlung werden zunächst die wichtigsten Charaktere vorgestellt. Maddy steht als die neue Besitzerin des Terminals und Protagonistin im Mittelpunkt. Sie ist oft eher schlecht gelaunt und sehr rabiat in ihren Handlungen. Geplagt durch den Druck des Cafés und ihrer Schulden beim Rat des Todes, fällt es ihr oft schwer, ihre wahren Gefühle zu zeigen. Stattdessen zeigt sie sich oft entweder gehässig oder nachdenklich. Im direkten Kontrast dazu steht ihr Geschäftspartner und ehemaliger Besitzer des Terminals, Chay. Auch wenn er gut mit Maddy befreundet ist, so unterscheiden sie sich doch grundlegend in ihrer Einstellung zu ihrer gemeinsamen Verantwortung innerhalb des Terminals. Nicht selten kommt es so zu Konflikten, welche sie überkommen müssen. Neben diesen beiden Charakteren gesellen sich auch andere spannende Persönlichkeiten – jeder mit seinen ganz persönlichen Licht- und Schattenseiten. Im wesentlichen konzentriert sich die linear erzählte Handlung auf Maddy und den Rest der Truppe. Gedanken zum Thema Leben und Tod sind dabei genau so oft vertreten wie der Ausschank von Kaffee und Hochprozentigem oder das Eintreiben von Schulden in Form von Lebenszeit.


Als Spieler habt ihr in erster Linie nur einen Job: die A-Taste drücken und den Text lesen. Unterstützt werden die Dialoge und Erzählungen durch 3D-Animationen. Diese sind sehr interessant und geben eine gehörige Würze an Dynamik und Authentizität. Nicht selten werdet ihr euch vollständig in diesem Werk verlieren. Das Produktionsteam versucht neben der spannenden Charaktere und Geschichte vor allem mit der Szenerie zu punkten. Diese ist oft mit kräftigen Farben und viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Zwischen den verschiedenen Kapiteln bekommt ihr außerdem die Chance, selbst den Terminal zu erkunden. In der First-Person-Perspektive erkundet ihr dann das Café und findet auch Schnipsel an interessanten Erinnerungen, welche helfen, die verschiedenen Charaktere und ihre Handlungen zu verstehen. Der künstlerische Stil ist hierbei definitiv Geschmackssache. Man merkt den besonderen Einfluss, den Anime und Manga haben. Dieser hat mir zumindest sehr zugesagt.


Im Studio-Modus könnt ihr eurer Kreativität freien Lauf lassen. Viele Optionen warten darauf, getestet zu werden.

© Route 59

Neben der freien Erkundung und dem Verfolgen der Haupthandlung gibt es auch weitere Modi, die ihr austesten könnt. Nach jedem Kapitel erscheinen Roboter, sogenannte Ashlings, welche kurz ihren Senf zu der vorangegangenen Handlung abgeben. Wenn ihr weit genug mit dem Fortschritt seid, könnt ihr den Robotern, welche Milchkartons und anderen Müll als Kopf nutzen, Gesichter aufmalen. Dies funktioniert jedoch nur über die Joy-Con, der Touchscreen wird leider nicht unterstützt. Ein anderer Modus ist eine Art Filmstudio, in welchem ihr eigene Szenen kreieren könnt. Neben den verschiedenen Charakteren könnt ihr auch Animationen hinzufügen und Texte einblenden. Ihr könnt also eine eigene, kleine Geschichte erzählen. Die Benutzeroberfläche ist sehr gewöhnungsbedürftig und bedarf Zeit, um sie vollständig zu verstehen und zu meistern. Die Mühe lohnt sich auch nur teilweise. Leider lassen sich selbstgemachte Szenen nicht online veröffentlichen. Dies ist definitiv eine verpasste Chance. Ich bin mir sicher, dass eine Online-Bibliothek einen großen Mehrwert hätte bringen können.


Die Visual Novel ist vollständig auf Deutsch verfügbar, hin und wieder fallen allerdings Tippfehler auf. An einer Stelle ist der Text auf Türkisch, was wohl ein Versehen in der Übersetzung gewesen sein muss. Problematischer ist dagegen die Textgröße. Sie variiert je nach Szene, in welcher man sich befindet. Gelegentlich kommt es vor, dass der Text sehr klein angezeigt wird. Es ist eher unschön, wenn man sprichwörtlich seine Nase auf die Nintendo Switch drücken muss, um den Text lesen zu können. Glücklicherweise ist das aber nur selten der Fall. Ebenfalls zu bemängeln ist die Kontrastierung zwischen Text und Hintergrund. Klassisch wird der Text in weiß mit schwarzer Outline angezeigt. Diese Outline lässt sich auch verstärken, wenn man den den entsprechenden Optionspunkt aufruft. Aber selbst mit der intensivsten Outline gibt es Momente, an denen der Text aufgrund des strahlend weißen Hintergrunds nicht gut lesbar ist. Das geschieht insbesondere dann, wenn der mysteriös leuchtende Baum im Hintergrund zu sehen ist, der den Mittelpunkt des Terminals ausmacht.


Eine Synchronisation ist weder vorhanden noch notwendig. Letztlich ist es ja gedacht, diese Produktion wie ein Buch zu genießen. Besonders hervorheben möchte ich zum Schluss die musikalische Arbeit. Diese begeistert auf ganzer Linie. Zu den verschiedenen Szenen und Situation gibt es schöne Melodien und kräftige Beats zu hören. Dabei vergeht die Lesezeit wie im Flug und fesselt noch mehr an die spannende Geschichte. Verwunderlich ist das aber nicht, denn schließlich ist Kevin Penkin für den Soundtrack verantwortlich und bekannt durch seine musikalische Unterstützung bei der Animeproduktion von Made in Abyss. Insgesamt vereinigt trotz kleiner Makel Necrobarista: Letzte Ausschenkung alles und mehr, was eine gute Visual Novel ausmacht: eine spannende Geschichte, tiefgründige Charaktere und eine angenehme Musik. Die 3D-Animationen gleichen einem cremigen Schaum auf einem frisch gebrühten Cappuccino, während die kleinen zusätzlichen Modi einem mitgereichten Keks gleichen, den man auch hätte weglassen können.

Unser Fazit

8

Ein Spiele-Hit

Meinung von Simon Münch

Necrobarista – Letzte Ausschenkung ist mein persönliches Visual-Novel-Highlight dieses Jahres für die Nintendo Switch. Anregendes Setting trifft auf einen stimmigen Cast an Charakteren. Dabei zeigen sie alle echte Höhen und Tiefen, wenn es um den Tod und Verantwortung geht. Die Geschichte wird linear erzählt und bietet zwischen den verschiedenen Abschnitten die Chance, eigene kleine Erkundungen anzustellen. Das große Mysterium, welches den Terminal umgibt, ist dabei das große Highlight der Handlung. Grafisch ist das Spiel auf eine sehr interessante Art und Weise umgesetzt. 3D-animierte Modelle lockern die Textlandschaft auf und lassen einen tiefer in das Geschehen eintauchen. Gegipfelt wird diese Produktion durch eine hochwertige musikalische Arbeit. Neben der offensichtlichen Orientierung an Animefranchises hat das Spiel auch stets seine australischen Wurzeln im Blick. Ich habe zwar als Europäer nicht jeden australischen Witz verstanden, aber was soll’s. Ein wesentlicher Kritikpunkt ist wohl die Lesbarkeit des Textes, die nicht immer perfekt gegeben ist, und eine fehlende Autoplay-Funktion, damit man sich das eintönige Tastentippen sparen kann. Zusätzliche Modi geben zwar einen kleinen, kreativen Part, wirken aber nicht unbedingt ausgereift. Fokussiert man sich auf den Kern des Gameplays bekommt ihr eine tiefsinnige und unterhaltsame Visual Novel, die ihr so schnell nicht vergessen werdet. Unter den Visual Novels werdet ihr wahrscheinlich nur wenig bessere finden können.
Mein persönliches Highlight: Das Verhalten zwischen Lebenden und Toten.

Awards

Spiele-Hit

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • Footy

    Turmheld

    Danke für den Test. :thumbup:

    Das Spiel schlummert seit Release auf meiner Switch, aber bisher war ich noch nicht in Lesestimmung. Jetzt habe ich aber die Gewissheit, dass mich da wohl eine gute Geschichte erwartet. Die Optik finde ich sowieso gut. Wäre toll, wenn sich zukünftig auch andere Visual Novels daran orientieren würden.