Kleine Traube ganz groß

Entgegen dem Trend, alles größer, breiter, umfangreicher machen zu müssen, positionieren sich sogenannte „Wholesome Games“ als wohlbekömmlicher Snack auf der Speisekarte heutiger Videospielfans. Worin sich der „Wholesome“-Faktor äußert, kann stark variieren und ist ehrlich gesagt auch mit einem Schwung Subjektivität verknüpft. Meistens versucht diese Art von Spiel aber ein gutes, wohliges Gefühl zu wecken. Als würdet ihr euch an einem verregneten Herbsttag unter einer kuschelig warmen Decke vergraben. Hier werden gerne einmal einladende Farben und Wohlfühl-Soundtrack geboten. Leichte Kost eben. Eine der neuesten Ergänzungen zu dieser Reihe an Spielen ist das Action-Adventure Garden Story von Rose City Games und Picogram, über das wir euch in diesem Test berichten wollen.


Eine Traube wächst heran


Garden Story bringt euch in die Welt von „Grove“, einer naturbelassenen, vielleicht auch etwas magischen Waldlandschaft, die sich über vier Siedlungen erstreckt. Jede davon wird von allerhand tierischen oder aquatischen, fruchtigen oder pilzigen Geschöpfen bevölkert. Eines davon seid ihr, eine junge Traube namens Concord. Obwohl ihr die Welt fern von Zuhause bislang kaum erlebt habt, werdet ihr zum nächsten Wächter des Hains ernannt und müsst fortan für die Sicherheit im Wäldchen sorgen. Leichter gesagt als getan. Die Fäulnis, welche Natur wie auch Lebewesen bedroht, macht der Gemeinschaft im „Grove“ ganz schön zu schaffen. Das Vertrauen und die Mithilfe weiterer freundlicher Früchtchen hinzuzugewinnen, wird unerlässlich sein, um den Feind zu besiegen und die Gemeinschaft wieder näher zusammen rücken zu lassen. Hier ziehen alle am selben Strang.


Jede Stadt basiert auf eine der vier Jahreszeiten. Damit darf man sich auf abwechslungsreiche Szenerien einstellen.

© Picogram

Um beim Wiederaufbau und beim Schutz der Zivilisation voranzukommen, muss Concord die Bitten der Bewohner anhören und diverse Aufträge erledigen. In jeder der vier Städte – Spring Hamlet, Summer Bar, Autumn Town und Winter Glade – könnt ihr entweder der Hauptgeschichte folgen und dabei eine Reihe von Missionen erledigen, oder ihr kümmert euch um die Anliegen der Einheimischen, wodurch ihr Geld verdient und den Level des Ortes anhebt. Letzteres öffnet euch weitere Möglichkeiten vor Ort, etwa neue Ware oder Waffen-Upgrades. Optionale Nebenquests hat Garden Story ebenfalls zu bieten. Im Grunde ist es ganz euch überlassen, wie ihr eure Zeit im „Grove“ verbringt. Dabei braucht ihr euch nicht gehetzt fühlen. Trotz Tag-und-Nacht-Zyklus und einem Tageszähler gibt es keine Strafen für langsames Spielen.


Nun stellt sich die Frage, was ihr als tapferes Träubchen den lieben, langen Tag anstellt. Die Antwort: Was Wächter des Hains nunmal so tun. Bauten reparieren, Material beschaffen, Monster bekämpfen. Garden Story konnte mich früh an dahingehend überraschen, dass es viel mehr „Story“ als „Garden“ ist. Aufgrund des Naturbezugs nahm ich ursprünglich an, dass es in Richtung Stardew Valley oder Story of Seasons gehen würde. Da habe ich mich aber getäuscht. Tatsächlich spielen Gärtnern oder Crafting eher die zweite Geige und kommen erst später ins Spiel, stehen aber selbst dann nicht im Fokus. Dreh- und Angelpunkt des Gameplays sind kleine Aufgaben für den Wiederaufbau von Umgebung und Gemeinde. Natürlich gehören da auch Nebenbeschäftigungen wie Ressourcenbeschaffung durch zum Beispiel Holzhacken oder Angeln dazu und sind ein spaßiger Zeitvertreib.


Unterstützt ihr die lokalen Bibliotheken, könnt ihr nicht nur Weiteres zur Spielwelt, sondern auch neue Bauanleiungen für das Crafting lernen.

© Picogram

Sorgfältige Erkundung von Spielwelt und Spielmechaniken werden durch das Freischalten von Erinnerungen belohnt. Findet ihr einen besonderen Ort oder erreicht einen spezifischen Meilenstein, fühlt sich Concord mit einem früheren Wächter verbunden und erbt eines seiner Talente. Jeden Tag wenn ihr euch im Spiel schlafen legt, kann auf das Erinnerungsmenü zugegriffen werden, wo ihr bis zu neun Slots habt, um Erinnerungen als Fähigkeiten auszuwählen. Concord verfügt über eine Reihe verschiedener Werte, die durch ausgerüstete Erinnerungen verstärkt werden können. Als Beispiel könnte eine Erinnerung euch zwei zusätzliche Ausdauer-Punkte geben, verlängert aber die Zeit, die ihr zum Füllen eurer Ausdauerleiste benötigt. Pro und Contra wollen gut abgewägt werden. Glücklicherweise könnt ihr die Slots jederzeit neu belegen und so zwischen verfügbare Erinnerungen wechseln. Dies ermöglicht unterschiedliche Spielstile und lädt zum unbeschwerten Experimentieren ein.


Eine geschickte Auswahl an Fähigkeiten rentiert sich spätestens in den Dungeons, welche den Abschluss eines Storykapitels darstellen. Hier müsst ihr euch von Raum zu Raum schlagen, indem ihr Rätsel löst und Gegner besiegt. In Rogue-lite-Manier ändert sich der Aufbau der Räume mit jedem Besuch. Für den Fall, dass ihr einen Dungeon für Ressourcen mehrmals abklappern wollt oder aufgrund von Niederlagen mehrmals durchstreifen müsst, kommt dies der Abwechslung zu Gute. Letzteres erscheint bedauerlicherweise gar nicht so unwahrscheinlich, da die Bosse, welche am Ende eines jeden Dungeons auf euch warten, es ziemlich in sich haben können. Vor allem dann, wenn euch der plötzliche Action-Fokus – ein ziemlicher Kontrast zu den entspannten Aufgaben auf der Oberwelt – so kalt erwischt wie mich. Den ersten Boss empfand ich dabei als recht unbalanciert und zu schwierig für den Einstieg ins Spiel.


Wer in einem „Wholesome Game“ wie Garden Story nicht sterben möchte, kann die dafür vorgesehene Hilfsoption aktivieren. Diese Maßnahme würde ich allerdings nur in Ausnahmesituationen empfehlen, da ihr euch sonst jeglicher Spannung im Kampf beraubt und Heiltränke, Schutzschilde, Fähigkeiten und Co. überflüssig werden. Eine andere Hilfsoptionen verlangsamt das Tempo, in dem ein Tag im Spiel vorbeizieht. Wer die Sonnenstrahlen länger genießen möchte, kann die Funktion beherzt aktivieren. Wenn nötig lässt sich die Tageszeit sowieso durch das Entspannen auf einer der vielen Bänke vorspulen.


Das Wächterleben ist nicht leicht


Trotz des Lobes muss festgehalten werden, dass es in Garden Story hier und da am Feinschliff fehlt, wodurch bestimmte Mechaniken noch etwas unausgereift wirken. Als erstes kommt da das Taschenmanagement in den Sinn. Die Unterteilung in Kategorien ist gelungen, aber die Haupttasche, in der Materialien verwahrt werden, bietet zu wenig Platz. Grund dafür ist die Tatsache, dass Items sich nicht stapeln lassen, wohingegen dies in der Gemeinschaftskiste, wo ihr alles Gesammelte deponieren könnt, sehr wohl möglich ist. Wieso dort von einem Item jedoch nur 15 gestapelt werden können und sich kein neuer Stapel des gleichen Items bilden lässt, ist mir ein Rätsel. Andere Baustellen mit ungenutztem Potenzial wären die Kostüme für Concord, die unerklärlicherweise nur kosmetischer Natur sind, und das Crafting, welches nur bei äußerst limitierten Stellen ermöglicht wird.


An jedem Schwarzen Brett lassen sich die Aufgaben des Tages ansehen. Geht den Bitten nach, wenn ihr die Entwicklung des Ortes voranbringen wollt.

© Picogram

Sprechen wir ein wenig über die Präsentation des Spiels. Der Pixelart-Stil ist gut gelungen und fängt eine behagliche Atmosphäre ein. Concord und andere Figuren sehen unglaublich putzig aus. Dass mir die Früchtchen gut gefallen, ist aber auch wenig überraschend. Immerhin zählt das aus der Alola-Region bekannte Frubberl zu meinen Lieblingspokémon. Einziges Manko sehe ich hier darin, dass es mir manchmal schwer fiel, Höhenunterschiede im Terrain zu erkennen. In der Draufsicht können die Pixel von verschiedenen Ebenen schon einmal verschmelzen. UI- und UX-Elemente sind liebevoll umgesetzt, lediglich die inkonsistente Handhabung von Cursorn in verschiedenen Menüs kann nerven.


Der wundervolle Soundtrack von Komponist Grahm Nesbitt ist besonderer Erwähnung würdig. Ohne die eingängigen, gemütlichen Melodien wäre Garden Story nur halb so fesselnd, wie es ist. Dass dieses „kleine Abenteuer“ im Verhältnis so viele unterschiedliche Musikstücke bietet, um stets für die richtige Stimmung zu sorgen, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich bin mir sicher, dass ich auch noch in ein paar Jahren in den Soundtrack reinhören und in Erinnerungen schwelgen werde. In dieser YouTube-Playlist könnt ihr selbst einmal reinhören.


Letzlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass Garden Story ausschließlich in englischer Sprache angeboten wird. Hin und wieder wird auch von Slang und Dialekt Gebrauch gemacht, wodurch es Nicht-Muttersprachlern schwierig fallen könnte, das Gesagte zu verstehen. Ganz allgemein wird sich aber keiner komplizierten Sprache bedient. Angesichts des kleinen Teams hinter Garden Story – Picogram war für den Großteil alleine verantwortlich – können Übersetzungen in viele verschiedene Sprachen nicht erwartet werden.

Unser Fazit

7

Spaßgarant

Meinung von Daniel Kania

Garden Story und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Selbst wenn das Action-Adventure von Picogram und Rose City Games nicht in allen Aspekten punkten kann, handelt es sich trotzdem um eine wunderbare Ergänzung in der Reihe der „Wholesome Games“. Als tapfere Traube Concord macht ihr euch auf, um die magische Welt des „Groves“ zu erkunden und ihren Bewohnern im Kampf gegen die Fäulnis beizustehen. Dabei zeigt ihr Gegnern nicht nur, wo der Hammer hängt, sondern nutzt diesen auch, um beim Wiederaufbau der Gemeinschaft zu helfen. Jeden Tag haben die von Tieren, Früchten oder Pilzen inspirierten Figuren neue Aufgaben für euch, mit denen ihr Geld verdient und die Entwicklung des jeweiligen Ortes vorantreibt. Im Laufe der Handlung ist außerdem der Besuch von Dungeons nötig, wo euch mit Rätseln und Kämpfen seichtes Rogue-lite geboten wird. Der Spielfluss zieht einen in seinen Bann, einzelne noch etwas unausgereifte Mechaniken trüben das Spielerlebnis allerdings etwas. Audiovisuell gibt es hier kaum zu meckern. Ihr werdet euch allerdings mit englischen Texten begnügen müssen. Mit mehr Feinschliff könnte Garden Story zum Spielehit werden.
Mein persönliches Highlight: Das Erfolgsgefühl, die Gemeinschaft nach und nach wieder zusammenzubringen.

Die durchschnittliche Leserwertung

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Kommentare 1

  • YamiCola

    Turmheld

    Ich hatte das Spiel auf meiner Liste stehen und der Test klingt auch richtig gut. Danke! Wird definitiv gekauft! :)